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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

6. Sep. 09 - 13. Sonntag nach Trinitatis / 23. Sonntag im Jahreskreis

ev. Reihe I kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Lk 10, 25-37

Jes 35, 4-7a

Jak 2, 1-5

Mk 7, 31-37

Der Verfasser betrachtet den ev. Predigttext, den. 1. Lesungstext sowie den Evangeliumstext der kath. Leseordnung. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Zerstörung der lokalen Wirtschaft in Afrika, der Wirtschaft unseres „fernen Nächsten“, steigende Nahrungspreise vs. Agrotreibstoffe bzw. deren Nachfrage (Lk 10); notwendige Veränderungen von Strukturen werden ängstlich institutionell verzögert, auch durch die Kirche, Aufruf zur aktiven Gestaltung im Sinne des ersten Gebots (Jes 35); Heilen – Menschen und Natur, individuell und als Gemeinschaft – was sind heutige „Krankheiten“? (Mk 7)


Lukas 10, 25-37 (Ev. Reihe I)

Die Geschichte von dem Menschen, der zwischen Jerusalem und Jericho unter die Räuber fiel, ist als klassischer Text der Diakonie angesehen worden. Darauf weist auch die Wirkungsgeschichte hin. Es geht um Barmherzigkeit, es geht um die Beantwortung der Frage: Wer ist denn mein Nächster (Vers 29). Lange Zeit wurde das karitative Element dieser Geschichte hervorgehoben: der primär nicht zum jüdischen Volk gehört, hilft dem unter die Räuber Gefallenen, während der Priester und der Levit vorher achtlos an ihm vorüber gegangen sind. Daneben bleibt natürlich die Frage, was es bedeutet, dass der Samariter als nicht zum jüdischen Volk gehörend die Barmherzigkeit übt, während Priester und Levit eben nicht ihrem Auftrag der Sorge für die Juden – die Menschen - nachkommen. Der Samariter ist nicht nur barmherzig, sondern er sorgt auch aktiv dafür, dass der Kranke genesen kann. Spätestens nach der ÖRK-Vollversammlung in Uppsala 1967 und der dortigen Bibelarbeit von Helmut Gollwitzer wird dieser Text auch anders und erweitert gelesen: Die Frage nach dem Nächsten bezieht sich nicht nur auf den oder die Menschen, die “um die Ecke wohnen”, sondern sie bezieht sich auch auf den “fernen Nächsten”, also auf Menschen im Südteil der Erde, die weit weg sind von uns und unseren Problemen, und dort besonders auf die, die arm sind und arm gehalten werden. In einer Zeit, in der der Skandal der Armut in der sog. 3. Welt in Europa wirklich bewusst wurde, begann man, die weitere Auslegung dieses Textes auch auf die gesamte Menschheit zu beziehen. Der Nächste ist eben nicht nur der Arme in unserer eigenen Gesellschaft, sondern auch der ferne Nächste, der in “Unterentwicklung und Armut lebt” und die Brotreste erhält, die von ”der Reichen Tische fallen”. Im Text aber stecken weitere Dimensionen: “Liebe deinen Nächsten” bedeutet: Akzeptiere ihn, nimm ihn an, so wie er ist, der Andere, der Nächste. Dies ist uns geläufig und in den Kirchen tausendfach gepredigt.

Der aber im Gebot bzw. Zitat auch enthaltene Aspekt der Eigenliebe ist in der Christenheit oft unter den Tisch gefallen; das Zitat Jesu aus Levitikus bzw. Deuteronomium bezieht sich ausdrücklich auf “die Liebe zum Nächsten wie auf dich selbst”. Ohne Liebe zu mir selber, ohne mich selber zu akzeptieren wie ich bin, bin ich nicht frei, auch meinen Nächsten zu akzeptieren, wie er ist. Ohne, dass ich selber weiß, wer ich bin, ist es mir nicht möglich, auf den anderen vorurteilsfrei zuzugehen und mit ihm / ihr in eine dichtere und engere Kommunikation zu treten. Denn sonst bin ich letztlich immer doch wieder mit mir beschäftigt, nicht wirklich mit dem Anderen, der meine Zuwendung braucht. Eigenliebe darf nicht mit Gier nach materiellen Dingen verwechselt werden. Akzeptieren meiner selbst und an mir arbeiten zur Verbesserung und Veränderung meiner Kommunikation und Aktion mit der Schöpfung und mit anderen Menschen bedeutet annehmen meiner eigenen Position in der Schöpfung; Gier nach Materiellem (z.B. Geld) ist Egoismus.

Die nächste Dimension - der ferne Nächste - ist schon erwähnt. Die Sicht auf die Welt erfordert die Beschreibung der Wirklichkeit: Der Zusammenhang zwischen unserem Reichtum und der Armut in der sog. 3. Welt ist vielfach beschrieben und inzwischen auch unumstritten. Wir essen die Hähnchenbrust, die Füße, Flügel und die anderen Reste, die wir als Abfall sehen, bekommen die Westafrikaner - dort wird die Aufzucht von Hühnern und der Verkauf auf den lokalen Märkten zu teuer, weil unsere Produkte subventioniert werden und – trotz Transport - billiger sind als dortigen; die lokale Wirtschaft in Afrika wird zerstört, die Menschen, die bisher davon gelebt haben, in Armut gebracht. Armut wird gemacht!

Das Ansteigen der Lebensmittelpreise in bis dahin ungeahnte Höhen, die viele Menschen vor die Alternative stellen “essen oder Wohnung”, ist zu etwa dreiviertel auf den Hunger der Industrienationen nach Benzin für ihre Autos zurückzuführen: aus Nahrungsmitteln wird im wirklich großen Stil Agrotreibstoff gemacht, damit Lastwagen und PKWs weiterhin uneingeschränkt fahren können. Was es bedeutet, wenn eine Familie sonst gerade mit Wohnung und Essen über die Runden kommt und nun weit mehr als den doppelten Preis für den Reis oder andere Grundnahrungsmittel bezahlen muss, kann man sich ohne Schwierigkeiten ausmalen: statt am Tag dreimal Reis (in der aufkeimenden Mittelschicht in Indien z.B.) nur noch zweimal oder weniger. In vielen Familien war es bisher knapp einmal Reis am Tag; nun ist es weniger als die Hälfte davon oder nur jeden 2. Tag etwas. Mit sinkender Tendenz. Diese Zusammenhänge zeigen deutlich: Die bisherige Verteilung von Armut und Reichtum auf der Welt, das bisherige Wirtschaftssystem, kann so nicht weiter funktionieren - abgesehen von allen ökologischen Fragen. Es ist wahrhaftig nicht nachhaltig, dauerhaft oder zukuftsweisend.

Ein letzter Aspekt:

Der Mensch ist Teil der Schöpfung, Teil des Systems Erde. Besonders auch des Ökosystems - was wir sehr oft vergessen. Ist also die Schöpfung (Belebtes und Unbelebtes) nicht auch “der Nächste”, besser: “das Nächste”? Genauso wie bisher über “den Nächsten” als Menschen in der direkten Umgebung und “den fernen Nächsten” als Menschen irgendwo auf der Welt gesprochen wurde, kann man die ganze Schöpfung als “das Nächste” bezeichnen. Menschen leben nicht nur von der Natur, sondern sie sind Teil der Natur, Teil der Schöpfung auf unserer Erde. Daher müsste auch dem Teil der Schöpfung, der nicht Mensch ist, die gleiche Aufmerksamkeit und Hochachtung entgegengebracht werden, wie den Menschen. Tun wir das? Nutzen wir die Erde nicht rücksichtslos aus? Fischen die Meere leer, erwärmen das Klima, degradieren Flüsse zu Abwasserkanälen, holzen Wälder im wirklich großen Stil ab und verarbeiten die Bäume zu Essstäbchen oder einmal verwendetem Bauholz, um auf den freien Flächen nicht Nahrungsmittel anzubauen, sondern Treibstoff für die Transportindustrie?

“Liebe deinen Nächsten wie dich selbst” bezieht sich auf
mich selber
meine Nächsten
die fernen Nächsten
die ganze Schöpfung (Ökologie).

Es wird Zeit für uns, die Rolle zu wechseln: vom Räuber zum Samariter. Das Problem ist dabei nur, dass sich die grundsätzliche Situation nicht ändert, die Räuber sind nach wie vor unterwegs. Es reicht also nicht, die Rollen zu wechseln; wir brauchen die Änderung der Situation, die Änderung der politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Und: die Änderung unserer eigenen Lebensführung. Ohne das werden sich die Räuber nicht verdrücken, werden sie nicht aufhören, der Befriedigung ihrer Gier nach Geld nachzugehen. Wer sind die Räuber? Sind wir nicht beides – Räuber und Samariter zugleich? Entscheiden wir uns also: Nicht ohne Grund also schickt Jesus die Fragenden weg mit dem Hinweis: “also macht es wie der Samariter...”


Jesaja 35, 4 - 7 a

Kommentatoren sprechen von einem “leuchtenden Zukunftsbild von der Verwandlung der Wüste in reich bewässertes, baumbestandenes Land” oder einem “lieblichen und ergreifenden Zeugnis der Hoffnung Israels”. Die genannten Pflanzen weisen darauf hin, dass sich der Verfasser die umgewandelte Wüste so vorgestellt hat, wie er das Nil-Delta vielleicht erlebt hat. Im wahrscheinlich letzten Kapitel des 1. Jesaja-Buches wird die Vision von der zukünftigen Lebenswirklichkeit nach Erlösung und Befreiung aus selbstverschuldeter Knechtsschaft und Unterdrückung entfaltet; in zweiter Linie findet der Rückweg des Diaspora-Judentums nach Jerusalem, also in das Zentrum der jüdischen Geschichte und des jüdischen Kultus, seine darstellende Beschreibung. Mit all diesem war die Hoffnung offensichtlich verbunden, in den Mittelpunkt der Geschichte zurückzukehren, aus der Bedeutungslosigkeit zu einem eigenständigen Königsreich zu kommen, das in der Weltgeschichte (der Region) wieder eine Rolle spielt.

Man muss sich vor Augen führen, dass die prophetische Figur Jesaja eng an Amos und Hosea anknüpft, obwohl er im anderen Teil des jüdischen Landes, also im anderen Reich, wirkte. Immer wieder taucht der Zusammenhang zwischen nicht gottgefälligem Leben und Untergang bzw. Unheil auf. In der Vision von der veränderten Welt für die Juden und das Judentum wird Jahwes Antwort auf die Umkehr und Veränderung der Menschen in ihrem Leben beschrieben. Stichworte hierzu sind Recht und Gerechtigkeit für Arme, Schwache, Witwen und Waisen. Das Volk als Ganzes ist schuldig, als Ganzes geht es dem Gericht entgegen. Einzelne mögen sich davon unterscheiden, aber wohl auch nicht wesentlich. Individualität ist zu dem Zeitpunkt nicht im Vordergrund oder wesentlich; spricht hier die noch lebendige Erfahrung der Wüstengruppen, die ja als Ganzes ziehen oder bleiben, wandern oder lagern? Kollektivschuld? Wir werden erinnert an die Debatte im Nachkriegsdeutschland, als es um die Aufarbeitung der Schuldfrage im Zusammenhang mit dem Holocaust, der Shoa, ging. Beurteilungskriterien sind die Einhaltung oder Durchsetzung der Inhalte der oben genannten Stichworte Recht und Gerechtigkeit. Grundlage dieser Argumentation seitens der Propheten – und damit auch der des Jesaja - ist die ausschließliche Gültigkeit des ersten Gebots, die durch “das Volk” ständig missachtet wird. Dazu kommt in der historischen Situation dann noch die tatsächliche militärische Bedrohung durch das größer werdende Assyrien und untaugliche Versuche der Politik beider Reiche, sich wirkungsvoll dem Zugriff der Assyrer zu entziehen. Den Untergang vor Augen warnen die Propheten, interpretieren das politisch – militärische Ende als Folge der Verhaltensweisen des Volkes – besser: der politischen, ökonomischen und religiösen Oberschicht. Wie so oft – so auch hier: die Masse der Menschen wird zum Spielball, die Geschicke wirklich bestimmen wenige.

Wie stark diese Vision und vor allem diese Hoffnung waren, zeigt der Entwurf des Bildes vom Wasser in der Wüste. Es rekrutiert auf das Aufbrechen der Urfluten beim Schöpfungsakt, so dass man bei dem vorliegenden Text davon ausgehen kann, dass ein neuer Schöpfungsakt, ein neuer Zeitabschnitt nach dem Gericht, dem das Volk unterworfen werden wird, gemeint ist. All das, was heute fehlt, soll zukünftig sein, soll der “Zukunftsherrscher” bringen: Einsicht, Gerechtigkeit, Fürsorge für die Armen und Beendigung des Krieges unter den Völkern sowie wichtig: Aufrichtung des Rechtes in der Begegnung mit dem erhabenen Gott. Dieser Neuanfang ist nicht auf die nationale Größe und Herrschaft Israels ausgerichtet, sondern in der politischen Gestalt unbestimmt. Die Einleitung der Heilszusage mit ihrer Aufforderung, mutig zu sein und sich nicht vor der Zukunft zu fürchten, könnte ein Satz für die Predigt sein. Veränderungen, die nötig sind, werden durch Angst vor den Unwägbarkeiten und Unberechenbarkeiten verzögert oder verhindert. Diesen Mechanismus finden wir in unserer Gesellschaft, in unserer Politik, in unserer Kirche nur allzu oft wieder.

“Gott kommt und wird euch helfen“ (Vers 4) - und hinzuzufügen wäre: Wenn ihr denn endlich beginnen würdet, wirklich beginnen würdet. Die Zerstörung der Schöpfung, des Ökosystems Erde, von dem der Mensch ein Teil ist, schreitet unglaublich schnell voran. Alles Leben ist bedroht - wie seinerzeit Israel durch Assyrien. Was bedeutet in dieser Situation heute die Ausschließlichkeit der Geltung des ersten Gebotes für Christen? Wir gestalten die Welt egoistisch mit Geld, Technik, rücksichtslosem Fortschrittsglauben. Wir gestalten die Welt für uns Menschen und nicht für die ganze Schöpfung. Wir beuten die Erde rücksichtslos aus, wir gestalten sie rücksichtslos nach unseren Maßstäben und unseren Ideen, allein für unser egoistisches Wohlergehen. Die ökologische Vielfalt schrumpft, die Vielfalt der Nahrungsmittel auch für Menschen schrumpft, wir machen die Erde zur grauen Monotonie; zur Wüste, in der Leben nur noch schwer oder überhaupt nicht möglich ist.

Wasser, blühen, neues Leben wird nur kommen, wenn wir umdenken, uns auf das erste Gebot besinnen, nicht uns selbst in den Mittelpunkt allen Lebens stellen, sondern diesen Platz Jahwe überlassen.


Markus 7, 31-37

Der Mensch, von allen guten Geistern verlassen. Jesus tritt ihm entgegen, Jesus öffnet Zukunft. Er handelt aus der Gemeinschaft mit Gott (mit dem Vater) heraus und ist so in der Lage, heilende, schöpferische Worte zu sprechen - und zu agieren. Er agiert nicht alleine, sondern in Gemeinschaft und vor einer Menge von Zeugen, die auf subtile Weise in Gang gesetzt werden, von dem Erfahrenen zu berichten. Heilung in Gemeinschaft - Heilung durch Gemeinschaft? Im Johannes Evangelium wird berichtet, dass Jesus seinen Speichel (Speichel = Symbol für Segen) mit Erde mischt und damit den Kranken heilt. Jesus hat sich intensiv unter vier Augen um den Kranken gekümmert. Leid teilen ist wichtig, mit - leiden notwendig. Das tut die Gemeinschaft. Dies ersetzt aber in vielen Fällen nicht die direkte, persönliche Zuwendung.

Weitere Stichworte:

Woran kranken wir? Einsamkeit? Kommunikationslosigkeit trotz – oder wegen? – Fernsehen, Telefon und Internet? Mit einfachen Mitteln heilen, bewusst Ökologie und Natur dazu einsetzen, ohne „Chemiekeule“, die Energie in uns aktivieren für Heilungsprozesse, Lebensstil verändern.

Wolfram Walbrach, Düsseldorf

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