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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

5. Jul. 09 - 4. Sonntag nach Trinitatis / 14. Sonntag im Jahreskreis

ev. Reihe I kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Lk 6, 36-42

Ez 1, 28b - 2, 5

2 Kor 12, 7-10

Mk 6, 1b-6

Der Verfasser betrachtet die ev. Predigtperikope ausführlich sowie die Bibelstelle zur kath. 1. Lesung. Stichworte zur Nachhaltigkeit: im Hinblick auf den Klimawandel mit Blindheit geschlagen sein und auf die Blindheit der Anderen weisen, den eigenen Lebensstil auf den Prüfstand stellen – meine Aktivitäten, mein Bedarf, meine Unterstützung der Ausbeutung durch Auswahl meiner Konsumartikel, Strategien zur Ko-Existenz entwickeln (Lk 6); aufrecht / aufrichtig sein – als Voraussetzung für alles Weitere (Ez 1)


Lukas 6, 36-42 „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“

Unser Predigttext ist Teil der lukanischen Bergpredigt: Lk 6, 20-49, die im Allgemeinen als Feldrede bezeichnet wird, da sie Jesus hält, nachdem er vom Berg hinabgestiegen ist (V 17). Ihre Hauptteile, das Gebot der Feindesliebe (Vv 27-35) und Einzelermahnungen (Vv 36-45), werden gerahmt von vier Seligpreisungen (Vv 20-23) und vier Weherufen (Vv 24-26) sowie der Aufforderung zum Handeln (Vv 46-49). „Im Kontext des Lukasevangeliums bildet diese Rede die Grundunterweisung Jesu, die den Aposteln und Jüngern zur Weitergabe in der Kirche und über sie hinaus anvertraut ist.“ (Kremer, S. 71).

Jesus spricht wie ein Prophet die Jünger direkt in der zweiten Person an: „Selig seid ihr Armen …“ (V 20), „Weh euch Reichen …“ (V 24), „Seid barmherzig …“ (V 36). Aber nicht nur die Jünger, die mit Jesus umhergezogen sind, nicht nur die Hörer der urchristlichen Gemeinde, für die Lukas sein Evangelium schrieb, sondern wir Christen heute, ich selbst bin mit der direkten Anrede Jesu gemeint. Mich spricht Jesus an, mir redet er leidenschaftlich wie ein Freund ins Herz!

Die Seligpreisungen (Vv 20-23) in ihrer geschärften Klarheit, die kein Wenn und Aber kennen, sind die prophetische Ankündigung der Umkehrung der Lebenssituation, einer grundsätzlichen Änderung der Wirklichkeit, die gekennzeichnet ist von Armut und Hunger, Elend und Hass. Aber was hat sich seitdem in 2000 Jahren geändert? Nichts? Die Antwort darauf sind die Warnungen der Weherufe (Vv 24-26), die uns, die mich meinen; sie sind Aufrufe zur Umkehr: Wenn ihr umkehrt, dann werden sich die Verheißungen erfüllen! Es kann sich nur was ändern, wenn wir es tun, wenn ich es tue: „Was nennt ihr mich aber Herr, Herr, und tut nicht, was ich euch sage?“ (V 46).

Unserem Abschnitt voraus geht das Gebot der Feindesliebe: „Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.“ (Vv 27 f.). Ausführlich wird dargelegt, was das konkret bedeutet, u.a. die Goldene Regel in positiver Fassung zitiert (V 31). Am Ende des Abschnitts ruft Jesus nochmals auf: „… liebt eure Feinde; tut Gutes und leiht, wo ihr nichts dafür zu bekommen hofft. So wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.“ (V 35).

Unser Predigttext ist eine Konkretisierung des Gebotes der Nächsten- und Feindesliebe; dabei hat Lukas die urchristliche Gemeinde und ihr Zusammenleben im Blick (Kremer, S. 77). Er will mit Jesu Worten Wege weisen, wie mit Spannungen, Streitigkeiten, wie mit Feindschaft in der Gemeinde, aber auch über sie hinaus umzugehen ist:

Im Zentrum steht dabei die Barmherzigkeit: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (V 36). Eine Barmherzigkeit, die Maß nimmt an der Barmherzigkeit Gottes. So wie Gott mir gegenüber barmherzig ist, soll auch ich barmherzig sein mit dem Nächsten, mit meinem Feind. Barmherzigkeit befähigt mich, in meinem Feind den Menschen zu sehen, in ihm das einzigartige Geschöpf Gottes, das Kind Gottes, das Gott so liebt, wie er mich selbst liebt. Barmherzigkeit mit dem Nächsten, mit meinem Feind setzt aber voraus, dass ich auch – und zuerst – mit mir selbst barmherzig, mir selbst kein Feind bin und mich annehmen kann, wie ich bin, mich selbst lieben kann. Ich kann das, weil, „wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge.“ (1 Joh 3, 20). Er verhilft mir dazu, eins mit mir selbst zu sein. Man könnte V 36 deshalb ergänzen: Seid eins mit euch selbst, wie euer Vater im Himmel es ist!

Der Barmherzige ist der, der nicht richtet, d.h. nicht verurteilt. Das steht uns nicht zu! Das ist Gottes Sache! Bei Johannes heißt es aber auch von Jesus: „… ich bin nicht gekommen, dass ich die Welt richte, sondern dass ich die Welt rette.“ (Joh 12, 47). Von Sufimeister Rumi (1207-1273) wird folgendes Wort überliefert: „Draußen hinter den Ideen von rechtem und falschem Tun liegt ein Acker. Wir treffen uns dort.“ (zitiert nach Pierre Stutz). In diesen Worten ist eine Grundhaltung ausgedrückt, die wahrnehmen will, ohne zu bewerten, zu beurteilen – zu verurteilen. Ähnlich ist das im Gleichnis Jesu vom Unkraut und vom Weizen ausgedrückt: „Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte.“ (Mt 13, 30). Wahrnehmen, ohne zu bewerten und zu verurteilen. Schauen, was ist. Annehmen, was ist. Da muss ich zunächst auf mich selbst schauen, auch wahrnehmen und annehmen, was mir gar nicht gefällt, meine Schwächen und Fehler, meine Neigungen, die mich dahin führen, wohin ich nicht will. Das alles ist Teil meines Selbst, zu dem Gott schon immer Ja gesagt hat. Und was ich angenommen habe, das kann sich auch verwandeln – in pures Leben. Nicht richten, nicht verurteilen - ein guter Weg, sich mit sich selbst zu versöhnen. Nicht richten, nicht verurteilen - ein guter Weg, auch Versöhnung mit anderen Menschen zu schaffen.

„Vergebt, so wird euch vergeben.“ (V 37). Keiner ist ohne Schuld. Auch ich habe andere Menschen verletzt. Barmherzigkeit befähigt mich, meinen Feind nicht nur als Täter, sondern auch als Opfer, als Verletzten zu sehen. Das mag mir helfen, ihm zu vergeben. Vergebung stiftet neue Beziehungen zwischen Menschen, stiftet neue Lebensmöglichkeiten unter Menschen, verlebendigt das Leben in einer Gemeinde. Versöhnung unter den Versöhnten ist ein Stück Erlösung unter den Erlösten. Und dort, wo Erlösung konkret wird, strahlt sie auch aus auf die nichtchristliche Umwelt.

Und weiter: „Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben“ (V 38). Dahinter verbirgt sich nicht mehr und nicht weniger als das Geheimnis des Lebens selbst: Nur das Brot, das ich mit anderen Menschen teile, kann sich vermehren. Nur geteiltes Leben kann zum Leben im Überfluss werden. Überall, wo ich mich selbst öffne und einem Menschen Anteil an mir selbst gebe, und überall, wo ich selbst Anteil nehme an einem anderen Menschen, der sich mir mit-teilt, überall dort wächst das Leben – wachsen Glaube, Hoffnung, Liebe (1 Kor 13, 13).

Das Bild vom Blinden, der den Blinden führt, führt mich auf mich selbst zurück, auf meine eigene Blindheit, auf meine mangelnde Einsicht, meine Erkenntnisunfähigkeit. Es meint vor allem den Mangel an Selbsterkenntnis, der im Mangel an Gotteserkenntnis gründet. Nur in der Begegnung mit Gott kann ich erkennen, wer ich selbst bin. Jesus ist der Weg der Gottes- und Selbsterkenntnis. Ihn zu suchen, sein Wort zu verstehen, ihm zu folgen – das ist der Weg aus der eigenen Blindheit. Erst dann kann ich auch anderen ein Führer aus ihrer Blindheit sein.

Das Gleichnis vom Splitter im Auge des anderen und vom Balken im eigenen Auge macht mich auf die Gefahr der Selbstgerechtigkeit aufmerksam, der Heuchelei. Es ist die Blindheit, die Erkenntnis sein will, aber nur der Hochmut ist, der vor dem Fall kommt. Die Haltung, die sich selbst erhebt, überhebt über andere und den Morast im eigenen Innern nicht wahrhaben will. Es verbirgt sich dahinter auch die Spaltung von Wort und Tat, von Überzeugung und Leben: „Sie predigen Wasser und trinken Wein“. Hier geht es um das Leben in Übereinstimmung mit sich selbst, um die Einheit von Glaube und Tat in Erkenntnis der eigenen Grenzen, Mängel und Bedürftigkeit, um das „Ich bin, was ich tue.“ (C.S. Lewis). Und Maß nehme ich dabei immer wieder neu, Tag für Tag an Jesus Christus, an seiner Liebe, seinem Wort, seinem Lebensbeispiel, seinem Handeln, um „vollkommen“ zu werden wie er (V 40).

Aspekte der Nachhaltigkeit:

Die Bilder von dem Blinden, der den Blinden führt, und vom Splitter und dem Balken lassen mich an den politischen und persönlichen Umgang mit Realität und Ursachen des Klimawandels denken. Sind wir nicht von Blindheit geschlagen? Stecken wir nicht den Kopf in den Sand vor den Konsequenzen der durch uns Menschen verursachten globalen Erderwärmung? Die klimatischen Veränderungen bleiben uns hier in den grünen und wasserreichen Breiten Mitteleuropas vielfach noch abstrakt – trotz vieler Bilder und Zeugnisse in den Medien. Und mit dem Finger auf die Blindheit der anderen zu zeigen - Die Politiker, die Wirtschaftsbosse, die Lobbyisten, der Kapitalismus sind schuld! -, ist leicht und entlarvende Selbstentlastungsstrategie.

Aber wir leben alle in den wirtschaftlichen Verhältnissen der Wohlstandsgesellschaften des Westens mit ihrem enormen Energie- und Ressourcenverbrauch. Wir selbst sind so verstrickt in die Lebensverhältnisse und den Lebensstil unserer Gesellschaft, dass wir selbst Ursache der Bedrohung des Lebens auf diesem Planeten sind.

„Weh euch Ihr Reichen! Denn ihr habt euren Trost schon gehabt!“ (V 24). Ich bin angesprochen. Ich muss was tun. Nur ich kann das tun, was nur ich tun kann! Und das heißt für mich, den eigenen Lebensstil, die eigene Lebensphilosophie, die eigenen Bedürfnisse und Interessen auf den Prüfstand zu stellen: mein persönlicher Energie- und Naturverbrauch, die Nutzung des Autos (Ideologie vom freien Bürger auf freien Straßen ohne Geschwindigkeitsbegrenzung), meine Eßgewohnheiten (Fleisch), meine Bedürfnisse an Kleidung (Quantität und Qualität), an Freizeitaktivitäten, mein Technikbedarf. Wo kaufe ich ein? Bin ich mir bewusst, dass mein Einkauf beim Discounter von anderen Menschen bezahlt wird (Formen von Ausbeutung durch geringe Löhne, unmenschliche Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit …)?

Wie kann ich selbst so leben, dass ich weniger Energie und Lebensressourcen verbrauche, weniger das ökologische System dieser Welt belaste als bisher? Wie kann ich durch persönliches, soziales und politisches Engagement dazu beitragen, dass sich politische und wirtschaftliche Strukturen Leben zerstörender Ressourcenausbeutung ändern? Durch gemeinsames sozialethisches Handeln vieler, z.B. durch Kaufboykott, können auch Marktmechanismen verändert, humanisiert werden. Es geht hier um nicht weniger als eine neue Weise, das Leben mit anderen Menschen, das Leben mit allem, was auf dieser Erde lebt, zu teilen. Dazu bedarf es des Bewusstseins von der Einheit allen Lebens, „dass alles, was existiert, ko-existiert“ und „nur in der Koexistenz der Beziehung leben und überleben kann“ (Dorothee Sölle).


Ez 1, 28b - 2, 5: „Stell dich auf deine Füße, Menschensohn, ich will mit dir reden.“

Der Prophet Ezechiel erzählt von seiner Berufung im Rahmen einer Epiphanie: „Als ich diese Erscheinung sah, fiel ich nieder auf mein Gesicht.“ (V 28). Und der Herr sagt zu ihm: „Stell dich auf deine Füße, Menschensohn, ich will mit dir reden.“

Ein ungemein beeindruckendes Bild: Der Mensch wirft sich „in Furcht und Zittern“ vor seinem Gott nieder, und Gott will, dass er sich auf seine Füße stellt, sich auf-richtet, denn er will mit ihm reden. Er stellt den Menschen aufrecht vor sich hin, nicht gekrümmt, gebeugt, sondern mit geradem Rückgrat aufrecht zwischen Himmel und Erde, fest auf dem Boden stehend, ausgerichtet nach oben hin zum Himmel. Nicht von oben herab, sondern auf gleicher Höhe, auf Augenhöhe gewissermaßen will Gott mit seinem Menschen reden. So wie es seiner Würde als Geschöpf Gottes entspricht, in dem der Atem des Heiligen Geistes ein- und ausweht, mit jedem Atemzug, mit jedem Atemzug neu verlebendigend.

Die Voraussetzung, dass Gott mit Ezechiel redet, ist sein Aufrecht-Sein vor Gott, sein Gerad-Sein vor Gott! Gott sieht in ihm sein Ebenbild, sein Abbild, der Mensch ist von seiner Art, von seiner Würde! Gott achtet die Würde seines Menschen, den er liebt. Er ist der Gott der Menschenwürde und der Menschenrechte!

Und dieses Gerad-Sein meint auch ein Ganz-Sein vor Gott (Gen 17, 1: „Geh vor mir her und sei ganz!“), ein inneres Eins-Sein, das befähigt, ganz in Übereinstimmung mit sich selbst die Einheit von Glaube und Tat zu leben. Gott schenkt dieses Ganz-Sein. Und es ist die Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit der Verkündigung: „Ob sie dann hören oder nicht - denn sie sind ein widerspenstiges Volk -, sie werden erkennen müssen, dass mitten unter ihnen ein Prophet war.“ (Ex 2, 5).

Thomas Bettinger, Landstuhl

Quellen:

Jakob Kremer: Lukasevangelium, Reihe: Die Neue Echter Bibel, Kommentar zum Neuen Testament mit der Einheitsübersetzung, Bd. 3, Echter-Verlag, Würzburg 1988

Pierre Stutz: Vom Umgang mit Ungerechtigkeiten in meinem Leben, Vortrag am 25. Mai 2006 beim 96. Deutschen Katholikentag in Saarbrücken

Dorothee Sölle: Mystik und Widerstand - „Du stilles Geschrei“; Piper-Verlag, 20068

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