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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

28. Jun. 09 - 3. Sonntag nach Trinitatis / 13. Sonntag im Jahreskreis

ev. Reihe I kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Lk 15, 1-3.11b-32

Weish 1, 13-15; 2, 23-24

2 Kor 8, 7.9.13-15

Mk 5, 21-43 oder kurz:
Mk 5, 21-24.35b-43

Der Verfasser betrachtet alle genannten Bibeltexte. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Wertschätzung für das Einzelne, Freude am Wiederfinden, entscheidend für Jesus ist nicht statistische Ökonomik, sondern Liebe / welche Schafe sind bei uns außerhalb der Herde geraten? Armut bedeutet „draußen sein“ – die Verantwortung für die Situation wird nicht dem Schaf überlassen, Sozialstaat und Rahmenbedingungen (Lk 15); krankmachende / todbringende gesellschaftliche Strukturen ausgleichen (kath. Perikopen)


Lk 15, 1-7 (8-10)

Lost and found: der Sonntag und „sein“ Text

Der Wochenspruch für den 3. Sonntag nach Trinitatis lässt deutlich den thematischen Fokus dieses Sonntags erkennen: Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist (Lk 19, 10). Dieser Vers, das Fazit der Zachäus-Perikope im Lukasevangelium, bringt es auf den Punkt: Jesus geht zu den Verlorenen, nicht zu denen, die sich schon gefunden haben. An den Motiven des Suchens und Findens wird nachvollziehbar, was Jesus unter Barmherzigkeit versteht. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15, 11-32), das auch zu den Texten dieses Sonntags gehört (Predigtreihe III), macht es beispielhaft deutlich, dass es für Jesus keine Verlorenen gibt. Im Gegenteil: diejenigen, die andere schon längst aufgegeben haben, sind die Menschen, die Jesus zuallererst zu finden sucht.

Dem Gleichnis vom verlorenen Sohn gehen im Lukasevangelium zwei weitere Gleichnisse voraus, die in den thematischen Zusammenhang des Suchens und Findens gehören: das Gleichnis vom verlorenen Schaf (15, 1-7) und das Gleichnis vom verlorenen Groschen (15, 8-10). Der Hirte lässt um des einen Schafes willen, das sich verirrt hat, die 99 anderen allein. Weil ihm gerade dieses eine Schaf am Herzen liegt, geht der Hirte ihm nach, bis er es gefunden hat. Die Frau, die einen ihrer zehn Silbergroschen verloren hat, setzt alles daran, diesen wieder zu finden. Die beiden Gleichnisse zeigen: Jesus hat eine hohe Wertschätzung für das Einzelne (vgl. dazu auch die Parallele Mt 18, 14). Beide Gleichnisse verbindet die Freude, die am Ende steht. Sie ist Folge und somit Frucht des Wiederfindens. Die Freude am Finden des Verlorenen ist das entscheidende Argument gegen die Pharisäer und Schriftgelehrten, die an Jesu Mahlgemeinschaft und Umgang mit Zöllnern und Sündern Anstoß nehmen.

Jesus ist somit selbst die Auslegung seiner Gleichnisse (Eduard Schweizer zur Stelle). An seinem Verhalten zu den Outcasts seiner Zeit wird deutlich, was einen guten Hirten ausmacht: Die Liebe gibt keinen auf. Und deshalb handelt gerade derjenige verantwortungsethisch, der sich von ihr leiten lässt und nicht von einem Kalkül, das die 99 anderen zu dem einen ins Verhältnis setzt und in der Abwägung den 99 mehr Gewicht gibt. Die Pointe des Textes besteht also darin, dass das Verhalten des Hirten gerade nicht unvernünftig ist. Denn die Freude stellt sich erst dann ein, wenn das eine Schaf gefunden und damit die Herde wieder komplett ist. Damit klingt auch bei Lukas an, was Paulus als Charakteristikum derjenigen bestimmt, die in der Nachfolge des guten Hirten die gute Botschaft verkünden: GehilfInnen der Freude, und nicht Herren über den Glauben zu sein (2 Kor 1, 24).

Drinnen oder draußen?

Die Auslegung des Gleichnisses vom verlorenen Schaf (oder in anderer Pespektive: vom suchenden Hirten) unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten wirft die Frage auf, wer denn bei uns heute in sozialer Hinsicht außerhalb der Herde geraten ist. Zuallererst fallen mir dazu Langzeitarbeitslose und Kinder aus bildungsfernen Schichten ein. Der Entwurf des dritten Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung, der im Mai 2008 erschienen ist, spricht davon, dass die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinandergegangen ist. 13% der bundesdeutschen Bevölkerung sind nach der gängigen Armutsdefinition der EU als arm zu bezeichnen. Weitere 13% wären es auch, wenn sie keine staatlichen Sozialtransfers erhielten. Besonders betroffen sind die Familien von Alleinerziehenden und MigrantInnen. Selbst diejenigen, die Arbeit haben, sind nicht mehr vor dem Abrutschen in Armut sicher. Dafür spricht das Anwachsen der sog. „working poor“, d.h. derer, die im Niedriglohnsegment beschäftigt sind und trotz ihrer Arbeit auf aufstockende Transferzahlungen angewiesen sind.

Armut ist dabei keinesfalls mehr eine Frage der unteren Gesellschaftsschichten. Weil diese auch die Mittelschicht erfasst hat und quer zu der sozialen Segmentierung liegt, haben die Soziologen Heinz Bude und Andreas Willisch den Vorschlag gemacht, nicht mehr von oben und unten, sondern von drinnen und draußen zu sprechen. Gerade in dieser Perspektive wird deutlich: Armut bedeutet mehr als geringes Einkommen. Armut kulminiert in mangelnder Teilhabe an den Chancen und Möglichkeiten unserer Gesellschaft. Darauf hat auch die Denkschrift des Rates der EKD zur Armut in Deutschland mit dem Titel „Gerechte Teilhabe“ aufmerksam gemacht. Die Debatte um gesellschaftliche Teilhabe weist auf die vielen unterschiedlichen Facetten der Armut in einem reichen Land hin, nämlich in Hinsicht auf Ernährung, Bildungschancen, Gesundheit und Altersvorsorge. Die PISA-Studien belegen im Übrigen, dass sich die Bildungseliten aus sich selbst heraus reproduzieren und schlechte Bildungschancen sich genauso „vererben“ wie die guten.

Vor diesem Hintergrund gewinnt das Gleichnis vom verlorenen Schaf an besonderer Aktualität. Das gestiegene Risiko der gesellschaftlichen Exklusion zeigt, dass auch in Deutschland die Chancen und Risiken der Globalisierung ungleich verteilt sind. Die einen genießen – mehr oder weniger zufällig – den Vorteil, der richtigen Generation anzugehören, die richtigen Eltern und deshalb die richtige Qualifikation sowie den richtigen Job in der richtigen Firma am richtigen Ort zu haben. Wer dieses Glück nicht hat, läuft Gefahr, abgehängt zu werden, und d.h. immer mehr im Niedriglohnsegement bzw. in Arbeitslosigkeit zu landen.

Der Umbau zum aktivierenden Sozialstaat hat in den letzten Jahren dazu geführt, die Verantwortung für die negativen Auswirkungen des Globalisierungsprozesses einseitig denen aufzubürden, die von seinen Segnungen am wenigsten profitieren. Die Armutsfrage verschärft sich somit durch das gesellschaftliche Auseinanderdriften von GlobalisierungsgewinnerInnen und –verliererInnen. Sowohl das Gleichnis vom verlorenen Schaf als auch die Exklusionsdebatte lenken unseren Blick auf die, die draußen sind, auf die „Überflüssigen“ und Abgehängten. In der Sichtweise des guten Hirten geht es darum, wie diejenigen, die draußen sind, wieder in die Gesellschaft hereingeholt werden können. Das Gleichnis vom verlorenen Schaf setzt diesbezüglich Maßstäbe: es entkoppelt die Sorge für die Exkludierten von jedem Kosten-Nutzen-Kalkül: schon ein einziges Schaf, das draußen ist, ist Grund genug, sich auf die Suche zu machen. Die Liebe ist für den Hirten Antrieb und Motiv, die Freude ist die Belohnung für beide.

Für Jesus gibt es also keine verlorenen Fälle. Was bedeutet dies für die Herausforderung von Teilhabegerechtigkeit und Inklusion? Zuerst gilt es die, die draußen stehen, wirklich wahrzunehmen und nicht zu übersehen. Dazu braucht es den ersten Schritt aus der Vertrautheit der 99 heraus. Dort ist der Glaube als sorgender und deshalb auf-suchender Glaube gefragt. Das Diakonische Werk der EKHN hat in seiner Stellungnahme zum Entwurf des dritten Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung Vorschläge gemacht. Es braucht Lösungen, die den betroffenen Familien und ihren Kindern helfen. Die Erhöhung der Hartz-IV-Regelsätze um 20% könnte ein erster Schritt sein, ist aber noch nicht des Rätsels endgültige Lösung. Vielmehr ist gerade im Sinne der Nachhaltigkeit eine Verbesserung der Kinderbetreuung und der schulischen Bildung (z.B. durch Ganztagsschulen) gefordert. Zur Begrenzung des Niedriglohnsektors und zur Lösung des Problems der Langzeitarbeitslosigkeit müssen mehr öffentlich geförderte Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen werden.

Im Übrigen betrifft die Aufgabe der Inklusion nicht nur den Hirten. Vielmehr sind auch die gut situierten unter den 99 Schafen gefragt, die sich (noch) in Sicherheit befinden. Das Diakonische Werk der EKHN weist darauf hin, dass es um der Handlungsfähigkeit des Sozialstaats willen auch um steuerpolitische Fragen (z.B. Erbschafts- und Vermögenssteuer) und d.h. um die Solidarität der Wohlhabenden und Reichen mit den Armen geht. Zur Gewährleistung des sozialen Friedens, an dem auch die Reichen ein Interesse haben dürften, gehört deshalb Teilhabegerechtigkeit für alle.

So sei noch einmal auf das paulinische Leitbild von Kirche als Leib mit vielen Gliedern verwiesen (1 Kor 12), das sich auch auf die Gesellschaft anwenden lässt. Damit der Gesamtorganismus funktioniert, braucht es konstitutiv jedes einzelne Glied. Und gerade die, die die Schwächsten zu sein scheinen, sind die Nötigsten (1 Kor 12, 22). Weil alle anderen Glieder mitleiden, wenn ein Glied leidet (1 Kor 12, 26), deshalb sieht der gute Hirte (im Sinne von good governance) auf jedes einzelne: damit sich alle freuen können.


Weish 1, 13-15; 2, 23-24 / 2 Kor 8, 7.9.13-15 / Mk 5, 21-43

Die beiden neutestamentlichen Texte für den 13. Sonntag im Jahreskreis verstehe ich als Fortführung und Verdeutlichung des Verses aus dem Buch der Weisheit: Denn Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden (1, 13).

Mk 5, 21-43 zeigt Jesus als den Herrn über Leben und Tod. Er heilt den Blutfluss der Frau, die ihn bedrängt, als er schon unterwegs zur todkranken Tochter des Synagogenvorstehers Jairus ist. Diese weckt er vom Tod wieder auf. Vor dem Hintergrund des Gegensatzes zwischen Leben und Tod lesen sich diese beiden Episoden wie Inklusionsgeschichten der besonderen Art. Auch hier tritt Jesus als der gute Hirte in Erscheinung, der die Menschen, die draußen sind, wieder in die Gemeinschaft zurückholt. Das gilt sowohl für die kranke Frau als auch für das vom Tod auferweckte Mädchen. Die namenlose Frau, die 12 Jahre unter dem Blutfluss litt, war zur permanenten Unreinheit und damit zu einer Außenseiterposition verdammt. Alle ihre Bemühungen, dies zu ändern, scheiterten. Die Ärztehonorare haben sie finanziell ruiniert. Erst als es ihr gelingt, Jesus im Vorübergehen zu berühren, erfährt sie durch ihn am eigenen Körper Heilung. Ihr Glaube an den Heiland hat die Re-integration in die Gesellschaft möglich gemacht.

Als Inklusionsgeschichten gelesen, lenken die beiden Perikopen unseren Blick auf krankmachende und todbringende Strukturen unserer Gesellschaft. Solche sind z.B. die von den Armuts- und Reichtumsberichten der Bundesregierung monierten „deutschen Realitäten“, zumal eine Facette von Armut auch eine schlechtere Gesundheitsversorgung darstellt. Wo es gelingt, verfestigte Strukturen von Armut und Ausgrenzung zu durchbrechen, dort wird Heilung im umfassenden Sinn erfahrbar: sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene.

Die Verse aus dem 2. Korintherbrief beziehen sich auf die von Paulus auf dem Apostelkonzil mit seinen Kollegen ausgehandelte Kollekte für die Jerusalemer Armen (vgl. Gal 2, 10). Die Kollekte, die er jetzt der Gemeinde in Korinth ans Herz legt, ist für ihn ein Akt der Geschwisterlichkeit, denn sie zielt auf den Ausgleich zwischen Arm und Reich innerhalb der einen grenzüberschreitenden christlichen Gemeinschaft.

Dahinter steht auch hier die paulinische Konzeption von der christlichen Gemeinde als Körper. Seine unterschiedlichen Glieder sind alle aufeinander verwiesen. Wo ungleiche Verhältnisse herrschen, dort ist die paulinische Argumentation darauf ausgerichtet, dass der Überfluss der einen zum Beheben des Mangels der anderen beitragen möge. Das Modell von Paulus basiert auf dem Prinzip der Gerechtigkeit, auch wenn dieser Begriff hier nicht fällt. Der Prozess des gerechten Ausgleichs ist jedoch nicht einseitig, sondern auf Gegenseitigkeit hin angelegt: Im Augenblick soll euer Überfluss ihrem Mangel abhelfen, damit auch ihr Überfluss einmal eurem Mangel abhilft. So soll ein Ausgleich entstehen (2 Kor 8, 14). D.h. die, die mehr haben, profitieren letztendlich auch von den Armen. Paulus denkt also nachhaltig! Wie könnte daraus eine Handlungsmaxime für arme Hungernde und reiche Übersättigte, für die wohlhabenden Länder des Nordens und die überschuldeten Länder des Südens, für multinationale Pharmakonzerne und die verarmten Aidskranken in den Ländern der Dritten Welt werden?


Literatur:

Heinz Bude, Die Ausgeschlossenen, Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft, München 2008.
Heinz Bude/ Andreas Willisch (Hg.), Exklusion. Die Debatte über die „Überflüssigen“, Frankfurt am Main 2008.
Kirchenamt der EKD (Hg.), Gerechte Teilhabe. Befähigung zu Eigenverantwortlichkeit und Solidarität. Eine Denkschrift des Rates der EKD zur Armut in Deutschland, Gütersloh 2006.
Eduard Schweizer, Das Evangelium nach Lukas (NTD, Bd.3), Göttingen 18.Aufl. 1982.
Jean Ziegler, Das Imperium der Schande. Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung, München 2005.

Dr. Gunter Volz, Frankfurt am Main

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