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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

21. Mai. 09 - Christi Himmelfahrt

ev. Reihe I kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Lk 24, (44-49) 50-53

Apg 1, 1-11

Eph 1, 17-23
oder Eph 4, 1-13

Mk 16, 15-20

Die Autorin betrachtet alle Predigtperikopen des Feiertags. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Wendepunkt „im Aufbruch sein“ – Jesu Handlungs- und Deutungsmuster in andere (aktuelle) Kontexte übersetzen (Lk 24); Einstellung / den suchenden Blick auf die Erde, nicht in den Himmel richten und sich auf den Weg machen (Apg 1); dämonischen und lebensfeindlichen Kräften entgegen treten / die Schöpfung als Ganzes in den Blick bekommen (Mk 16); das Sehen mit den Herzen braucht Momente der Besinnung (Eph 1); ist mein nach außen erkennbares Verhalten als Christ/in in Wahrheit mit Christus vereinbar? (Eph 4)

Weitere Impulse: Infantilisierung der erwachsenen Gesellschaft (Eph 1 / 4); Rapsfelder, Energiebedarf, Ethik (Lk 24; Mk 16; Eph 4); materieller Druck in Pflegeeinrichtungen und das Beispiel Jesu (Mk 16, Eph 1 / 4); lebens- und würdefeindliche Arbeitsbedingungen


Anlass und Stellung im Kirchenjahr

Das Fest "Christi Himmelfahrt" 40 Tage nach Ostern gehört eher zu den christlichen "Insiderfesten" und verliert seine Resonanz nach außen zunehmend. Vatertagsausflug und Kurzurlaub am langen Wochenende konkurrieren selbst dann erfolgreich mit dem Gottesdienst, wenn dieser, wie vielerorts üblich, in die Natur verlegt und gemeindefestlich begangen wird; das mythologische Reden von einer "Himmelfahrt" sperrt sich zu den menschlichen Erfahrungskontexten, an die wir in unseren Predigten gern anknüpfen. Wo sich Prediger/in und Gemeinde auf das Fest der Himmelfahrt und des damit verbundenen Antritts der himmlischen Herrschaft Jesu Christi einlassen, rühren sie an den Kern christlichen Kerygmas und den tiefen Grund christlichen Glaubens: All die todbringenden Zwänge und Mächte dieser Welt haben keine endgültige Macht. Ihnen ist von Jesus Christus her das Ende angesagt, der seine Herrschaft im Verborgenen bereits angetreten hat. Damit kann an Himmelfahrt jene Spannung zwischen dem Leben in dieser Welt und dem Leben unter der Herrschaft Jesu Christi zur Sprache kommen, die das Leben einer Christin/eines Christen im Alltag prägt. Wenn es gelingt, diese Spannung in positive Energie umzusetzen, in die Kraft, die wir zu einem Leben in der Nachfolge Jesu Christi brauchen, und wenn diese Kraft als Freude und Kreativität erlebbar wird, kann Himmelfahrt zu einem wirklichen Fest werden. Dementsprechend wird jede Predigt diese Spannung in irgendeiner Weise aufnehmen und viele Möglichkeiten zur Konkretisierung finden, auch wenn die Textauswahl eher eine grundsätzliche Beschäftigung mit dem beschriebenen Spannungsfeld nahelegt.

Die vorgeschlagenen Predigttexte beleuchten das Thema Himmelfahrt und den damit verbundenen Herrschaftsantritt Jesu Christi aus unterschiedlichen Perspektiven: Die Himmelfahrt selbst wird geschildert in den Evangelientexten Mk 16, 15-20; Lk 24, 50-53 und Apg. 1, 1-11, die Epheserbriefperikopen 1, 17-23 und 4, 1-13 beschreiben die Auswirkungen der Herrschaft Jesu Christi für den Einzelnen bzw. die glaubende Gemeinde und die Kirche. Aus der Aufgabe der Predigt heraus, sich am Spannungsfeld zwischen dem Leben in dieser Welt und dem Leben unter der Herrschaft Jesu Christi abzuarbeiten, möchte ich anstelle einer differenzierten urtextlich-sprachlichen Exegese der Texte deshalb einmal den "energetischen" Implikationen der Texte nachgehen und daraus Handlungsimpulse ableiten, die mir für "nachhaltiges Predigen" unentbehrlich scheinen. Die Gemeindesituation kann bei der Auswahl des Textes über den jeweiligen Impuls mit entscheiden.

Aus textkritischer Perspektive ist vielleicht erwähnenswert, dass allein Apg 1 ein sicheres frühes Textzeugnis für die Himmelfahrt Jesu bietet. Der mkn Bericht über die Himmelfahrt Mk 16,19 gehört zu einem erst im 2. Jahrhundert hinzugefügten sekundären Abschluss des Markusevangeliums - einem Kompendium der neutestamentlichen Ostererzählungen und der Aussendung der Jünger -, der die Himmelfahrt bereits der urchristlichen Gemeindetradition unahbhängig vom Bericht des Evangelisten Markus entnimmt; aber auch in einigen wichtigen alten Textzeugen des lkn Berichts Lk 24, 52 fehlt die Aufnahme Jesu in den Himmel (και ανεφερετο εισ τον ουρανον; vgl die Diskussion der Textstelle bei Metzger, S. 189 f.). Insgesamt zeigt der Textbefund, dass die Rede von einer Himmmelfahrt Jesu nicht allen frühchristlichen Traditionen genuin war. Die Proklamation der himmlischen Herrschaft Jesu Christi ist ihr inhaltlich und wohl auch zeitlich vorgeordnet.


Lk 24, 50-53: "Immer wieder aufbrechen"

Die lkn österlichen und nachösterlichen Geschichten sind als Weggeschichten komponiert und besitzen als solche eine eigene und sich steigernde Dynamik. Einzelne Personen aus dem Umfeld Jesu machen sich aus Jerusalem auf, begegnen auf dem Weg dem Auferstehungsgeschehen bzw. dem Auferstandenen selbst, erkennen es/ihn und kehren verändert nach Jerusalem zurück. Dabei steigert sich die Zahl derer, die da gehen, die Entfernungen, die sie zurücklegen und auch die Erkennbarkeit Jesu: Zunächst gehen die Frauen, dann Petrus zum leeren Grab und begegnen einem Engel, der von der Auferstehung zeugt, zwei Jünger gehen nach Emmaus und begegnen Jesus selbst, den sie aber nur zeichenhaft am Brennen ihrer Herzen und am Brotbrechen erkennen - dann gibt sich der Auferstandene allen Jüngern zu erkennen und führt sie nach Bethanien, wo er sie segnet und vor ihnen zum Himmel aufgehoben wird. Da Jesus dabei ganz offensichtlich von niemandem als seinen Jüngern gesehen und erkannt wird, ist auch bei dieser Erzählung eher von einer visionären als von einer realen Präsenz Jesu auszugehen. Dieser Abschied markiert den Höhe- und zugleich den Wendepunkt in der nachösterlichen Geschichte Jesu mit seinen Jüngern; den Wendepunkt vom unmittelbaren Gehorsam zur autonomen Nachfolge, in der es nun gilt, die in Jesu Nähe gelernten Handlungs- und Deutungsmuster in andere Kontexte zu übersetzen und durch die Zeiten hindurch zu interpretieren.

Die Kernaussage einer Predigt, die diesen dynamischen Duktus des Textes stark macht, könnte sein: Wer sich im Glauben an Jesus Christus immer wieder neu auf den Weg macht, wird seine Herrschaft zeichenhaft erfahren und dadurch verändert werden. Dazu gehört der Mut, ungewöhnliche Schritte zu wagen ebenso wie das Wagnis, dem Unsichtbaren zu vertrauen.


Apg 1, 1-11: "Die Blickrichtung ändern"

Bildete den Abschluss des Lukasevangeliums eine sehr knappe Himmelfahrtserzählung im Anschluss an die Ostererzählungen, so führt der Vf diese zu Beginn der Apostelgeschichte episch breiter aus und nimmt die Jünger als die für den Empfang des Heiligen Geistes Bestimmten und zur Verkündigung des Evangeliums in die Welt Gesandten in den Blick. Gegenüber dem Evangelium fallen sowohl die alttestamentliche Symbolsprache - die 40 Tage (V 3) entsprechend der 40jährigen Wüstenzeit des Volkes Israel sowie die Wolke (V 9), die an die Wolke am Sinai (Ex 24, 15 ff.) erinnert - als auch die durch den Engel thematisierte Blickwendung der Jünger vom Himmel zur Erde und damit von Kreuz und Auferstehung weg zur Wiederkunft hin (V 11) auf. In der Spannung zwischen dem Vermächtnis des Wirkens Jesu und der Erwartung seines endzeitlichen Herrschaftsantritts sollen sich die Jünger auf den Weg - den neuen Exodus - bis an die Grenzen der Erde machen, um vom Reich Gottes Zeugnis zu geben. Aus der Perspektive der Jünger markiert Himmelfahrt so die Wende vom Schauen zum Glauben (2 Kor 5, 7), vom Sehen auf das Sichtbare zum Sehen auf das Unsichtbare (2 Kor 4, 18). Die Erfahrung der Gegenwart des auferstandenen Herrn Jesus Christus wird zum Glauben an seine verborgene und doch machtvolle Herrschaft und zum Warten auf seine Wiederkunft und auf den Anbruch seiner ewigen Herrschaft, die fortan das Leben der Christen prägen soll und wird. Paradoxerweise realisiert sich diese Wende von Schauen zum Glauben aber gerade im Blick vom Himmel weg zur Erde. Auf der Erde und im irdischen Geschehen sollen wir die Herrschaft Jesu suchen und erwarten und unseren Glauben leben.

Die Kernaussage einer Predigt, die sich mit diesem Perspektivwechsel auseinandersetzt, könnte lauten: Sucht die Begegnung mit Jesus Christus als eurem Herrn nicht in frommer Weltflucht, sondern in den kleinen Wundern im alltäglichen Leben.


Mk 16, 15-20: "Grenzen überschreiten"

Der zweite Teil (16, 14 ff.) des im Zweiten Jahrhunderts hinzugefügten Ende des Markusevangeliums redet von Jesus als dem Auferstandenen (V 14) und betitelt ihn entsprechend als Kyrios (Vv 19 f.). Die Himmelfahrt und die vom erhöhten Herrn ausgehende Wirkmächtigkeit in Wort und Zeichen (V 20) treten dabei an die Stelle des Pfingstgeschehens. Diese später angefügte Tradition kennt demnach weder Geistverheißung noch Geistausgießung und macht die Macht der Apostel ausschließlich an Auferstehung und Himmelfahrt fest. Dabei bekommt die Verkündigung kosmische Dimensionen: Dem Kosmos und der ganzen Schöpfung (V 15) gilt die frohe Botschaft von der Erlösung, angesichts derer die Dämonen, Krankheit und Tod ihre Macht verlieren - ja, die Jünger selbst werden sich in Jesu Namen als machtvoll gegenüber diesen lebensfeindlichen Mächten erfahren (Vv 17 f.).

Die - dem Text ensprechend recht steile - Botschaft einer Predigt wäre also: Traut euch zu, dämonischen und lebensfeindlichen Zwängen entgegenzutreten. Christus hat euch verheißen, euch dabei mit seiner Kraft zu erfüllen.

Ein anderes Predigtziel könnte aber auch mit Blick auf die umfassende kosmische Verheißung lauten: Hört auf, immer nur den Menschen in den Mittelpunkt eures Erlösungsdenkens zu setzen; wirkliche Erlösung umfasst die gesamte Schöpfung.


Eph 1, 17-23: "Auszeiten nehmen"

Zu der aus der Herrschaft Jesu Christi abgeleiteten Sendung der Jünger in den Evangelientexten bietet Eph 1, 17-23 ein spirituelles Gegenprogramm. Dabei erscheint der Beginn mit V 17 willkürlich und unglücklich, insofern er die Perikope aus dem Gebet des Verfassers für seine Gemeinde buchstäblich herausschneidet. Nur in diesem Zusammenhang wird der Text jedoch verständlich. Denn die ab V 19 proklamierte Herrschaft Christi über alle Reiche, Gewalten und Mächte ist vor der Welt verborgen und nur durch die Offenbarung Gottes mit den erleuchteten Augen des Herzens (Vv 17 f.) erkennbar. Und so, wie um diese Erkenntnis im Gebet - auch in der gegenseitigen Fürbitte gerungen werden muss, realisiert sie sich auch erst in der Gemeinschaft der Betenden und Glaubenden, in der Gemeinde als Leib Jesu Christi, in der die Macht des Erhöhten in der Welt Gestalt gewinnt (V 23). Obwohl in diesem Textabschnitt nicht im strengen Sinn von "Himmelfahrt" die Rede ist, sondern von der in der Auferweckung von den Toten begründeten Einsetzung Jesu als Mitregent Gottes (V 20) wird hier die Spannung des Glaubens, des Sehens mit erleuchteten Augen, zu den innerweltlichen Zusammenhängen doch am stärksten deutlich.

Auch der tätige, gemeinschaftsorientierte Glaube braucht den Raum, sich der Herrschaft Jesu Christi immer wieder zu vergewissern. Im Gebet, in der gegenseitigen Fürbitte, in der Stille, in den gemeindlichen Gottesdiensten. Gerade bei jüngeren Menschen in gestrafften und beschleunigten wirtschaftlichen Arbeitszusammenhängen erlebe ich ein gesteigertes Bedürfnis nach solchen spirituellen Impulsen, oft verbunden mit dem Wunsch, sie in der Suche nach Alternativen oder Nischen in ihren Arbeitszwängen zu ermutigen und zu stärken.

Diesen Gedanken könnte eine Predigt zu Eph 1, 17-23 stark machen und vielleicht liturgisch in Anbetungsliedern, Fantasiereisen, Stillezeiten etc. aufnehmen und praktizieren.


Eph 4, 1-13 "die Spannung aushalten"

In zweifacher Hinsicht thematisiert der Text eine große Spannung. In der großen Spannweite des Weges Jesu Christi von den Höhen des Himmels bis zu den Tiefen der Erde, spannt sich auch die Kirche als sein Leib, die in den Abgründen der Weltlichkeit festhängt und sich zum Himmel ausstreckt und an dieser inneren Spannung ebenso zu zerreißen droht wie die dem Leibgedanken entsprechende Einheit an den unterschiedlichen Gnadengaben ihrer Propheten, Evangelisten, Hirten, Lehrer - und ihrer sonstigen verschiedenartigen Glieder.

Der/die kritische und nachdenkliche Prediger/in, der/die in ihrem Arbeitsfeld dem Ringen um den christlichen Auftrag in dieser Welt und der Frage nach der Wahrheit begegnet, wird in diesem Text einen willkommenen Anlass finden, der Komplexität auch der Frage nachhaltigen Handelns Rechnung zu tragen. Bleibender Impuls muss die Mahnung sein, das eigene Verhalten als Christin und als Christ tatsächlich im Glauben an Jesus Christus zu verorten und mit ihm zu vereinbaren.


Beziehungen zur Nachhaltigkeit

In ihren unterschiedlichen Facetten laden alle Texte zu einer grundsätzlichen Reflexion dessen ein, was es heißt, im Bekenntnis zu Jesus Christus als dem Herrn dieser Welt in dieser Welt zu leben, die in steigendem Maß von lebensfeindlichen ökonomischen Zwängen beherrscht und gesteuert wird. Vor einer allzu schnellen Konkretisierung lohnt es sich zu fragen, wie diese Zwänge global wirken und wie wir in sie eingebunden sind; wie also zum Beispiel unser Lebensstil unser Konsumverhalten beeinflusst, das wiederum die Verteilung der Produktion, die Verteilung der Arbeit - die auf unsere Gesellschaft zurückschlägt -, die Ausbeutung der Ressourcen und die Zerstörung des globalen Ökosystems, die Verteilung der Nahrungsmittel und die daraus wachsende Migration, gegen die wir uns wiederum abschotten. Eventuell ließe sich dabei auch feststellen, wo und wie wir ökonomische Sachzwänge vergötzen und ihnen huldigen, welche Rolle Kaufkraft, Aktienkurse, Inflation etc. bei uns spielen und wie der Umgang mit ihnen rituell gepflegt wird. Denn an diesen globalen Kreisläufen lassen sich grundlegende Verhaltensmuster studieren.

Benjamin R. Barber beschreibt sie als wachsende Infantilisierung mit einer Vorliebe für das Einfache, Leichte und Schnelle gegenüber dem Schwierigen, Komplizierten und Langsamen (Consumed! S. 91 ff.), die den Menschen auf die alltäglichen und leicht zu erfüllenden Bedürfnisse hin ausrichtet und ihm den Blick für komplexere Zusammenhänge zunehmend entzieht: "Dieses Denken ... verschmäht die Ethik der Pflicht und der Verantwortung, die das Individuum in einem gesellschaftlichen Zusammenhang sieht, in der der Einzelne seine Identität auch durch die Beziehungen zu anderen und seine Pflichten gegenüber anderen erhält" (ebd. S. 110). Mit diesem Bild zeichnet Barber das genaue Gegenbild zum Bild des Leibes Christi in den beiden Epheserbriefperikopen - eine Konfrontation beider Modelle in einer Predigt zu Eph 4 etwa wäre durchaus lohnend; aber auch die Komplexität der mit der Himmelfahrt angebrochenen, im Glauben realisierten aber in der letzten Erfüllung erst verheißenen Herrschaft Jesu Christi, wie sie uns in den Evangelientexten begegnet, entspricht weder der von Barber konstatierten Sehnsucht nach Leichtigkeit noch nach Schnelligkeit. Sie setzt geduldiges Warten, Glauben gegen Zweifel, inhaltliche Auseinandersetzung mit schwierigen und komplexen Zusammenhängen voraus. Umgekehrt schult uns das Einlassen auf die Botschaft von der Herrschaft Jesu Christi im widerständigen Verhalten gegen infantiles Konsumverhalten und unreflektiert individualistische Ethik.

Davon abgeleitet lassen sich - je nach konkreter Situation - im lebensfeindlichen Gesamtzusammenhang irdischer Mächte eine Fülle einzelner Schauplätze aufzeigen, an denen wir als Christinnen und Christen auftreten und uns als solche zu erkennen geben können. Drei seien exemplarisch herausgegriffen (global - lokal - individuell):

a) Die Energiekrise und der durch den gestiegenen Verbrauch von Bioenergie ausgelösten Nahrungsmittelkrise sowie der globale Klimawandel.

Diese Thematik bietet sich besonders für Gottesdienste im Freien, evtl. auch im dörflichen Umfeld, an. Blühende Rapsfelder - zu Himmelfahrt meist ein wunderschöner Anblick - laden zu einer Meditation über deren Funktion ein - bis hin zur Thematisierung von der Veränderung der landwirtschaftlichen Arbeit, menschlicher Essgewohnheiten... Die schöpfungstheologischen Implikationen des Markustextes lassen sich mit einer solchen Meditation ebenso verbinden wie die Ideen des "immer neu aufbrechen" (Lk 24) oder des "Grenzen überschreiten" (Mk 16). Wir setzen uns buchstäblich wie im übertragenen Sinn in Bewegung, unsere Anteile an der Ausbeutung der Schöpfung abzubauen und unseren Umgang mit Ressourcen neu zu gestalten.

Wo sich ganz allmählich das Bewusstsein durchsetzt, dass es in der Lösung dieser Probleme - sofern eine Lösung überhaupt noch möglich ist - entscheidend auch auf das Verhalten des Einzelnen ankommen wird, bietet sich Eph 4 als Predigttext an: Im Interesse aller wird es zukünftig auf die im globalen Kontext nahezu vollständig verlernte Fähigkeit zu Teilen ankommen und dazu, die Welt neu als Einheit zu verstehen. Dabei wird es keinen klar erkennbaren Weg geben, sondern - nach den Gnadengaben der Einsicht - unterschiedliche Denkansätze (z.B. bei der Frage der Einbeziehung der Kernenergie in die Diskussion alternativer Energiekonzepte zur Verminderung der CO2-Emissionen; bei der Frage nach dem Stellenwert von Bio-Diesel etc.), die der Diskussion bedürfen und u.U. auch zu Zerreißproben führen können.

b) auf dem Pflegemarkt

Am Ende seines Lebens begegnet der Mensch der drohenden Macht des Todes und der Grenze menschlicher Macht. Die Frage nach dem Glauben an eine die Macht des Todes überschreitende Macht Jesu Christi wird hier aber nicht nur in der Frage nach der Auferstehung und einem Leben nach dem Tod relevant, sondern auch im Umgang mit dem pflegebeürftigen Menschen. Die Konkurrenz auf dem Pflegemarkt und der berechtigte Wunsch nach Transparenz schaffen einen bürokratischen Moloch, der die Motivation und Kraft der Pflegenden ebenso auffrisst wie ihre Zeit für die liebevolle Zuwendung zum Menschen selbst, die ohnedies durch die aus Kostengründen erzwungene Einsparung von Pflegepersonal äußerst knapp bemessen ist. Hinzu tritt gelegentlich ein unmenschlicher und wenig nachhaltigen Kampf der Medizin um die Verlängerung menschlichen Lebens - z.B. durch operativ implantierte Magensonden, die in der aktuellen Situation keinen Zugewinn an Lebensqualität für einen Menschen bringen - umgekehrt aber auch eine gefährliche Debatte um selbstbestimmtes Sterben durch ärztlich verantworteten Suizid. Angesichts der alternden Gesellschaft werden sich diese Probleme künftig eher verschärfen. Der ständige Innovationsdruck macht im Pflegebereich nachhaltiges Handeln zugunsten der Menschen oft kaum möglich. Diese erleben sich vielfach in besonderer Weise als ohnmächtig und fremdbestimmt. Umso mehr kommt es hier auf die Frage an, wie im Sinn der Predigttexte die Herrschaft Jesu Christi an der Grenze des Todes glaubwürdig gelebt und bezeugt werden kann.

Spürt der/die Betroffene echte Zuwendung im Sinn von Eph 4 oder sogar Grenzüberschreitung im Sinn von Mk 16 durch die Zuwendung des Pflegepersonals? Spürt er bei den Menschen, die ihn begleiten die Hoffnung und die erleuchteten Augen des Herzens (Eph 1), die mehr sehen als den Tod - oder nur die Hetze der Arbeit und die eigene Angst vor dem Sterben? Wagen Menschen den Aufbruch, die Bedingungen zu ändern? Zieht die Kirche selbst sich angesichts der Konkurrenz der privaten Träger zurück? Eine Himmelfahrtspredigt im Krankenhaus oder Heimbereich könnte diese Thematik vielleicht vorsichtig und sensibel ansprechen.

c) am Arbeitsplatz

Das Streben der Unternehmen nach Marktvorteilen führt im Bereich der Wirtschaft zu Mehrarbeit und steigender Verantwortung durch Rationalisierungsprozesse und damit auch immer härteren und unmenschlicheren Arbeitsbedingungen. Junge Finanzfachleute, Juristen/innen und Informatiker/innen, aber auch Fachärzte/innen sind einerseits die hoch bezahlten Leistungsträger/innen und Protagonisten/innen dieses Systems, andererseits die Leidtragenden, die sich und ihre Familien durch die lebensfeindlichen Arbeitsbedingungen verschleißen und irgendwann - meistens im Alter jenseits der 40 oder in einer Lebenskrise - den durch ihr Engagement gesteigerten Leistungszwängen zum Opfer fallen. Die vom Arbeitgeber geforderte und in den Betrieben selbst als Ehrenkodex gehandelte Loyalität verbietet es, solche Erfahrungen zu thematisieren.

Neu aufzubrechen und Grenzen zu überschreiten ist hier oft kaum möglich - und wenn, dann mit einem totalen Ausstieg aus dem System verbunden, der mit finanziellen Verlusten und Karrierebrüchen verbunden ist. Umgekehrt besteht eine Chance, solche Systeme aufzubrechen, allein darin, die in ihnen Arbeitenden zum Nachdenken über sich und ihr Leben zu bewegen. Die Frage nach dem Herrn ihres Lebens kann hier ein erster und wichtiger Schritt sein. Atempausen, Auszeiten, die zu spiritueller Erfahrung genutzt werden, in der die Herrschaft Jesu Christi stark gemacht wird, können dabei zu wichtigen Lebensräumen werden, weil sie ihnen und anderen signalisieren: Wir sind nicht auf Gedeih und Verderb denen ausgeliefert, die in der Wirtschaft das Sagen haben. Ihre Macht, ihre Arbeitsanweisungen und Anforderungen relativieren sich in dem Maß, in der dem Lobpreis eines anderen und größeren Herrn Zeit eingeräumt wird.

In Gemeinden mit eher konservativ-bürgerlichen oder liberalen Predigthörer/inne/n ist das Nachdenken darüber vielleicht ein erster Schritt zum Nachdenken über Nachhaltigkeit.


Literatur:

Barber, Benjamin R.: Consumed! Wie der Markt Kinder verführt, Erwachsene infantilisiert und die Demokratie untergräbt, München 2007.
Metzger, Bruce M.: A Textual Commentary on the Greek New Testament, Stuttgart 31975.
Wiefel, Wolfgang: Das Evangelium nach Lukas III: ThHK Bd. 3, überarbeitete Neuauflage, Berlin 2000.

Dr. Susanne Bei der Wieden, Frankfurt am Main

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