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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

17. Mai. 09 - Rogate / 6. Sonntag der Osterzeit

ev. Reihe I kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Joh 16, 23b-28 (29-32) 33

Apg 10, 25-26.34-35.44-48

1 Joh 4, 7-10

Joh 15, 9-17

Der Autor betrachtet alle Predigtperikopen des Sonntags. Stichworte zur Nachhaltigkeit: beten / bitten – z. B. um Aufmerksamkeit für unsere natürlichen Lebensressourcen (Rogate); die Augen öffnen für die Welt, die Gesetze der Liebe (johanneische Perikopen); eintreten für die Menschenrechte, für die Würde des Einzelnen, andere aufrichten (Apg 10)


Stellung im Jahreskreis

Der Sonntag “Rogate” („Bittet!“) leitet sich von den Bittprozessionen her, die in früherer Zeit, beginnend mit dem Sonntag Rogate, durch die Felder geführt wurden, um für eine gute Ernte zu beten (bitten). Der Brauch ist in Deutschland in katholischen ländlichen Gegenden durchaus noch lebendig.

Die Bittprozessionen könnten eine neue Bedeutung heute erlangen, wenn sie darauf aufmerksam machen, dass unser Überangebot an Nahrung nicht selbstverständlich ist, dass es gut ist, darum zu bitten und mit Dank „das Brot, die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit“ (Gebet zur Gabenbereitung) anzunehmen und zu genießen. Sie könnten uns darauf aufmerksam machen, dass wir mit unseren natürlichen Lebensressourcen achtsam und sorgsam umgehen müssen, damit für alle Menschen genug an „Brot und Wein“ da ist. Und in Zeiten des Klimawandels könnten die Bittgänge durch Felder, Fluren und Auen uns die Augen öffnen für die Schönheit der Schöpfung, die ein liebender Gott uns übergeben hat, „damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10, 10), aber auch für ihre Bedrohung durch den Menschen, der dabei ist, seine eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören. Achtsamkeit für das Leben schließt die Achtsamkeit für die Schöpfung ein.

Das Thema „Betet / Bittet“ wird sowohl im evangelischen Predigttext, als auch in den katholischen Schriftlesungen des heutigen Tages mehrfach angesprochen: „Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er´s euch geben. … Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei.“ (Joh 16, 23 f.). Und: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe. … Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet.“ (Joh 15, 12 u. 16). Im Text der Apostelgeschichte lesen wird: „Kornelius, dein Gebet wurde erhört …“ (Apg 10, 31).

Grundlage für das Bitten ist die Liebe, wie es im ersten Johannesbrief heißt: „Liebe Brüder, wir wollen einander lieben, denn die Liebe ist aus Gott und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott … denn Gott ist die Liebe.“ (1 Joh 4, 7 f.).


Joh 15, 9-17 und Joh 16, 23-33 und 1 Joh 4, 7-10: Liebt und bittet!

Der enge Zusammenhang von lieben und bitten, wie er in den drei johanneischen Perikopen aufleuchtet, führt mich dahin, diese gemeinsam zu betrachten. Ausgehen möchte ich dabei vom katholischen Evangeliumstext:

„Bleibt in meiner Liebe!“ (Joh 15, 9), fordert Jesus seine Jünger auf. Er bindet das In-seiner-Liebe-Bleiben an das Halten seiner Gebote, „so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe.“ (Joh 15, 10). Das Halten von Geboten mit Liebe in Verbindung zu bringen, fällt uns schwer. Wir verbinden damit eher Freiheits- und Lebenseinschränkungen und denken dabei an ein Übermaß von Gesetzen und Verordnungen. Und die Kirche selbst hat lange genug diese Ge-bote Jesu zu Ver-boten des Lebens gemacht: Du sollst nicht …, du sollst nicht … Du sollst nicht …! Du sollst Dich nicht selbst verwirklichen, das ist gottfeindlicher Egoismus, aber du sollst dienen, dich hingeben, dich selbst opfern – für Gott, die Kirche, für den „Nächsten“. Nächstenliebe Ja, Selbstliebe Nein! Die Kirche hat ganze Theologien und Bücher voll Anweisungen des „Du sollst nicht“ und „Du musst“ entwickelt, unter denen Menschen jahrhundertelang gestöhnt haben, Menschen, denen das Leben vergällt wurde. Viele sind unter den auferlegten Lasten zusammengebrochen. Das sechste Gebot, alle Regelungen und Verbote zur Sexualität (dahinter ist versteckt nicht nur unchristliche Leibfeindlichkeit, sondern auch Frauenfeindlichkeit), wurde geradezu zum Hauptgebot. Hat Jesus eine rigide, die Menschen knechtende Moral unter seinen Geboten verstanden, die er doch eng im Zusammenhang mit seiner Liebe genannt hat? Und er hat sogar Freude mit seinen Geboten verbunden: „Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird“ (Joh 15, 11). Und weiter nennt Jesus seine Jünger nicht mehr Knechte, sondern Freunde (Joh 15, 15). Liebe, Freude, Freundschaft machen die Gebote Jesu aus. Er teilt alles, sein Leben mit seinen Freunden: „denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.“ (Joh 15, 15).

Von Augustinus ist das Wort überliefert: „Dilige et quod vis fac! – Liebe und tu, was du willst!“ Aber es ist die Liebe, die Maß nimmt an der Liebe Christi, „so wie ich euch geliebt habe!“ Und wer so liebt, bleibt in der Liebe Jesu und wird in seine innig-tiefe, vertraute, ja intime Beziehung zu Gott, seinem Vater, hineingenommen: „denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin.“ (Joh 16, 27). Hier ist das Zentrum des Christentums: Der Mensch ist eingeborgen in Gott, aber auch Gott im Menschen, denn Gott will im Menschen geboren werden (Johannes Tauler).

Letztlich ist es also nur ein Gebot, dass Jesus den Jüngern aufgibt: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.“ (Joh 15, 12). Es ist das Dreifachgebot der Selbst-, Nächsten- und Gottesliebe (Mt 22, 37-40)! Und wer liebt, erkennt Gott, „denn Gott ist die Liebe!“ (1 Joh, 4, 8). Dann wird es sein: „Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er´s euch geben.“ (Joh 16, 23). Lieben, das Maß nimmt an Jesus, könnte heißen: Immer wieder neu die Bergpredigt wagen: Selig die arm sind, selig die keine Gewalt anwenden, selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, selig, die Frieden stiften, selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Und lieben wie Jesus kann fordern, sein Leben für seine Freunde zu wagen, um des Lebens willen auch das Leben zu lassen (Joh 15, 13)!

Gott ist der Gott für Welt und Mensch (Alfons Deissler). Sonst ist kein Gott! Jesu Gebot des „Liebt einander!“ umschließt alles, nicht nur den Nächsten, auch das Leben und die Schöpfung und alles, was Leben und Schöpfung bewahrt und fördert. „Wer Gott umarmt, der findet in seinen Armen das Gewicht der Welt“, sagte die Mystikerin Madeleine Delbrêl (1904-1964). Wer Gott liebt, „so wie ich euch geliebt habe!“, der wird nicht aus der Welt herausgenommen, sondern findet sich in der Welt wieder. Dessen Augen werden geöffnet für die Güte, Schönheit und Ordnung der Schöpfung, aber auch für die Leben und Kosmos zerstörenden Chaosmächte, für jegliche Form von Ungerechtigkeit.

Eine Liebe, die Maß nimmt an der Liebe Christi, ist auch das Engagement für eine „Zivilisation der Armut“, wie sie der Jesuit, Befreiungstheologe und Martyrer Ignacio Ellacuría (ermordet in San Salvador am 16. November 1989) gefordert hat: Nur eine Zivilisation der Armut vermöge die Solidarität zu schaffen, die es ermöglicht, so sorgsam mit den Gütern dieser Erde umzugehen, dass alle Menschen auf ihr leben können. Ellacuría sieht in der Armut die Geisteshaltung, die Jesus entspricht: „Diese Armut ist es, die dem Geist wirklich Raum gibt, der nun nicht mehr erstickt wird vom Wunsch, mehr zu haben als der andere, vom Wunsch nach jeder Menge Überflüssigem, während dem größeren Teil der Menschheit das Nötigste fehlt. Dann wird der Geist aufblühen können, der ungeheure spirituelle und menschliche Reichtum der Völker der Dritten Welt, welcher heute erstickt ist von Elend und Überfremdung durch Kulturmodelle, die in mancher Hinsicht fortschrittlicher, deswegen aber nicht menschlicher sind“ (Sobrino, 35). Wie können wir Menschen der „Ersten Welt“ diese Zivilisation der Armut heute und hier, persönlich und in der Gemeinde leben?

Jesus schickt uns in die Welt. „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Joh 16, 33). Er ermutigt uns. Er ermutigt uns zur Welt! Was auch kommen mag, die lebensfeindlichen Kräfte sind in ihrer Macht bereits gebrochen, ihre Zukunft ist vorbei. Er ruft uns zu: Tut was! Ihr könnt was erreichen! Es ist nicht vergebens. Der Satz: Wir können ja doch nichts tun! ist der unchristlichste Satz, den es gibt (Dorothee Sölle). „Unsere Waffe ist, keine zu haben!“, sagte Martin Luther King (Sölle 337). Jesu Liebe hat King einzigartig gedeutet und gelebt: „Wir werden eure Fähigkeit, uns Leid zuzufügen, durch unsere Fähigkeit, Leid zu ertragen, wettmachen. Wir werden eurer physischen Kraft mit Seelenkraft begegnen. Tut uns an, was ihr wollt, wir wollen euch trotzdem lieben. Werft uns ins Gefängnis, und wir werden euch trotzdem lieben. Bombardiert unsere Häuser und bedroht unsere Kinder, und wir wollen euch, so schwer es auch ist, trotzdem lieben. Schickt eure vermummten Gewaltverbrecher zu mitternächtlicher Stunde in unsere Gemeinden, schleppt uns hinaus in eine abgelegene Straße und lasst uns halb totgeschlagen liegen, und wir wollen euch trotzdem lieben.“ (Sölle 341).

Die Welt wird nicht gott-los, weil Gott sie nicht los lässt. „Bittet, und ihr werdet empfangen“ (Joh 16, 24), alles was wir brauchen: Brot und Wein, Mut, Stärke und Geborgenheit, Unabhängigkeit und Freiheit - damit das Leben, Leben für alle, blühen und wachsen kann.


Apg 10, 25-48: Steh auf, sei ein Mensch!

Petrus richtet den Kornelius, der sich „ehrfürchtig vor ihm nieder“ geworfen hat, auf: „Steh auf! Auch ich bin nur ein Mensch.“ (Apg 10, 26). Petrus hebt Kornelius auf Augenhöhe. Ihm kommt nicht weniger Würde zu als Petrus. Es ist die Würde, die allen Menschen zukommt. Das Aufrichten von Menschen ist das typische Verhalten Jesu und seiner Jünger: sie richten Menschen auf, machen sie gerade, ge-recht, Menschen, die gekrümmt sind durch Krankheit, Besessenheit oder Schuld. Sie geben ihnen ihre Würde als Menschen zurück. Das Evangelium ist die Frohbotschaft von der Menschenwürde – und von den Menschenrechten! Es hat therapeutische (Apg 10, 38) und politische (Spreng-)Kraft!

Petrus bekennt in Vers 28, „mir aber hat Gott gezeigt, dass man keinen Menschen unheilig oder unrein nennen darf.“ Alle Menschen sind gleich in ihrer Würde. Menschen ihrer Würde zu berauben, in dem man sie aufgrund ihres Geschlechtes, ihrer Rasse, ihres sozialen Standes, ihrer Religion oder Überzeugung diskriminiert, in ihrer Freiheit beschneidet, sie foltert oder gar tötet, oder auch nur aus der Gemeinschaft ausschließt, mit Worten beschimpft oder entehrt, ist unmenschlich und steht im Widerspruch zum Evangelium: Alle Menschen sind von Gott geschaffen und geliebt. Gott will mir in jedem Menschen begegnen und fordert meine Umkehrbereitschaft, meine Menschlichkeit und Solidarität heraus (Mt 25, 31-46).

Gott richtet den Menschen auf. Er hat Jesus auferweckt, auf-gerichtet aus dem Tod. In dieses Geheimnis des Lebens sind wir alle in der Taufe hineingenommen. Es ist der Geist, der uns aufrichtet zu Menschen. Und der Geist weht, wo er will, nicht nach den Vorstellungen und Dogmatiklehrbücher der Schriftgelehrten und Theologen: „Die gläubig gewordenen Juden, die mit Petrus gekommen waren, konnten es nicht fassen, dass auch auf die Heiden die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen wurde.“ (Apg 10, 45).

„Kann jemand denen das Wasser zur Taufe verweigern, die ebenso wie wir den Heiligen Geist empfangen haben?“ (Apg 10, 47). Ich frage im Blick auf die Ökumene zwischen den Kirchen: Kann man denen, mit denen man das Wort (Gottes) teilt, das Brot (der Eucharistie) verweigern? Wer einen Getauften am Tisch des Herrn vom Brotbrechen ausschließt, schließt ihn nicht nur aus der Gemeinschaft am Tisch, sondern aus der Gemeinschaft mit Jesus Christus aus.

Thomas Bettinger, Landstuhl

Quellen:

Jon Sobrino: Der Preis der Gerechtigkeit – Briefe an einen ermordeten Freund, Echter-Verlag, Würzburg 2007
Dorothee Sölle: Mystik und Widerstand - „Du stilles Geschrei“; Piper-Verlag, München 20068

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