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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

10. Mai. 09 - Kantate / 5. Sonntag der Osterzeit

ev. Reihe I kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Mt 11, 25-30

Apg 9, 26-31

1 Joh 3, 18-24

Joh 15, 1-8

Aus dem Angebot der vier Texte für diesen Sonntag greift der Autor nur einen heraus: Mt 11, 25-30. Alle anderen sind zwar bedeutsam, aber sie unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit zu interpretieren, erscheint ihm nicht genügend plausibel. / Stichworte zur Nachhaltigkeit: sich unter das Joch Jesu begeben – Kräfte so verteilen, dass sie zumutbar werden, und wieder Lebensperspektiven vermitteln


Kantate – Mt 11, 25-30

Der Sonntag Kantate lädt zum Singen ein. Unsere Gottesdienste werden davon - hoffentlich - geprägt sein. Das Lob Gottes, die Freude an der Musik, das Wohlgefühl beim gemeinschaftlichen Musizieren und und die Wohlklänge des Musikerlebens sollen und dürfen der Tenor sein, cantus firmus des Sonntags.

Der vorgesehene Predigttext Mt 11, 25-30 enthält diese Tonika in dem, was wir "Jesu Lobpreis" nennen. Das Lob des Vaters, der die Welt ins Leben rief und alles weise ordnete, wird von ihm spezifiziert, indem er unerwarteterweise - geradezu kontrapunktisch im Sinne eines basso ostinato - die Offenbarung den Unmündigen zuordnet und den Weisen und Klugen das Verborgensein. Eine erstaunliche Parallele zu 1 Kor 1; hinter der Ähnlichkeit beider Auslassungen steht die prophetische Tradition, die Weltweisheit kritisch sieht (Jes 29, 14). Eingebettet ist der Lobpreis nicht in die kitschige Filmmusik einer idealistischen oder romantisierenden Weltsicht, sondern in den Rahmen einer nüchternen Armutswahrnehmung, gepaart mit einer klaren Selbstaussage: Jesus bietet sich selbst an als Erlöser. Und er versteht sich nicht als metaphysische Erlösungsfigur, sondern als der Befreier konkreter Menschen, die aus ihren Schuldverhältnissen befreit sein wollen.

Wer sind die Mühseligen und Beladenen?

Es sind die, die mit ihrer Hände Arbeit sich und ihre Familien ernähren müssen und es kaum können. Prekäre Arbeitsverhältnisse nennen wir das. Die Armen heißen so, weil sie mit ihren Armen schuften müssen. Dass es oft nicht reicht, macht ihren Seelen Mühe, macht das Leben mühselig. Denen es wirklich reicht, das sind die Reichen. Die beladen sind, müssen ihr Los und ihre Last auf ihren Schultern tragen. Oft genug sind es ökonomische Schulden, die zu schultern sind. Übermäßig Beladene sind es, denen Jesus sagt: Ich mache euch frei! Und wir hören zu Recht den Anklang heraus an das Jobeljahr, das angenehme Jahr des Herrn, in welchem Schuldverhältnisse (Grundverschuldung, Leibeigenschaft, Schuldknechtschaft) aufgehoben und Chancengerechtigkeit wieder hergestellt wird.

Jesus, der Messias, bietet an: Mein Joch ist sanft.

Was ist ein Joch? Ein tragender Bogen. Wir kennen das Brückenjoch, das die Verbindung zweier Stützen bildet. Wir kennen auch das Joch der Lastenträger, das ein gebogenes Schulterholz ist, an dessen Tragenden beispielsweise je ein Eimer angehängt werden kann. Das Joch ist nicht das Beschwerende, sondern die Last. Das Joch hingegen macht die Last leichter, indem es sie verteilt. Einem Paar Ochsen wurde ein Joch übergelegt, weil die Zuglast dadurch auf die Körperkraft zweier Tiere verteilt wurde. Wenn Jesus also sagt, sein Joch sei sanft, so symbolisiert das zugleich die Last und auch das Hilfsmittel, sie zu tragen. Der Parallelismus membrorum macht deutlich, dass beides gemeint ist. Die indoeuropäische Wortfamilie des Jochs, griechisch Zygos, hält noch etliche interessante Vettern und Cousinen bereit, die aber nicht vom Text wegführen sollen: Coniux, die lateinische Braut, und der indische Brückenbogen zwischen Himmel und Erde, das Yoga.

Anfang der siebziger Jahre hatte ich Gelegenheit, im Rahmen einer Studienreise das nordamerikanische Kirchenleben zu studieren. Zwei Wochen verbrachte ich in einer lutherischen Gemeinde in Philadelphia. Bemerkenswert für die Betrachtung unseres Textes: Die Kirche der von mir erlebten Gemeinde hieß Messiah-Church und hatte, öffentlichkeitswirksam, vor ihrem Haupteingang den hier betrachteten Heilandsruf plakativ in Stein zitiert. Eine lapidare Einladung der Gemeinde an die, die Hilfe brauchten. Und das machte die Gemeinde wahr, indem sie nicht nur einlud, sondern die Wohnungen der Armen aufsuchte: Fernab jeder europäischen Parochialstruktur nahm sie dennoch ihre unmittelbare Nachbarschaft als Herausforderung an und organisierte Hausaufgabenbetreuung und - begrenzt - Sozialberatung für die armen schwarzen Familien, die dort wohnten, bildungsfern, einkommensschwach und arm an Perspektiven.

Indem wir als Gemeinden - wieder - lernen, die diakonische mit der missionarischen Blickrichtung zu verbinden, werden wir nachhaltig wirksam. Der Heilandsruf meint ja nicht allein die individuelle Erlösungssehnsucht, sondern die freigemachte Zukunftsperspektive für Menschen und Menschengruppen. Die Erquickung des Herzens ist das Ruhe Finden. Sanftmut und Demut sind die Zeichen dieses (Lebens-)Weges. Langmut gehört sicher auch dazu: die Beharrlichkeit und Dauerenergie, die viel aushält, aber das Ziel nicht loslässt.

Die Beladenen und Belasteten waren auch im Arme-Leute-Land Galiläa nicht die Ausnahme. In unserem Land, auf dem Höhepunkt der Reichtumsentwicklung, haben wir zunehmend Arme; betroffen sind vor allem Familien mit Kindern.

In globaler Sicht des menschlichen Wohlergehens, ja, viel weniger, des Überlebens, können heute ganze Völker und halbe Kontinente benannt werden, die von Aids, Völkermord, Vertreibung und Umweltkatastrophen gebeutelt werden. Wir Christen des Nordens machen den Heilandsruf Christi unglaubwürdig, wenn und indem wir schweigend zusehen, die ökonomischen Vorteile des ungerechten Welthandels genießen und auf hohem Niveau die ideologische Schieflage bejammern. Jesu Heilandsruf ist begründet in der innigen Übereinstimmung des Sohnes mit dem Vater. Schöpfung und Erlösung werden zusammengerückt. Christus zu verkündigen heißt hier, diesen Blickwinkel zu verdeutlichen, diese Perspektive zu eröffnen. Wir werden durch eine Predigt nicht die Weltwirtschaft gerecht machen. Aber wir können in den Lobpreis Gottes einstimmen, nachdem wir unseren Weg besser ausgeleuchtet haben.

Sonntag Kantate: Keine Vertonung des Heilandsrufs, wenn es eine geben sollte, geht mehr zu Herzen als die Arie in Händels Messias, die diese Passage besingt. Es ist der Messiasruf: Geht nicht unter einem fremden Joch, sondern unter meinem, das sanft ist, erlöstes Leben.

Wilhelm Wegner, Frankfurt

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