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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

3. Mai. 09 - Jubilate / 4. Sonntag der Osterzeit

ev. Reihe I kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Joh 15, 1-8

Apg 4, 8-12

1 Joh 3, 1-2

Joh 10, 11-18

Die Autorin befasst sich als Schwerpunkt mit dem kath. Evangeliumstext, geht aber auch auf die ev. Predigperikope ein. Stichworte zur Nachhaltigkeit: der „gute Hirt“ als „Vorbild der Nachhaltigkeit“, sich um die Dinge ganzheitlich sorgen und kümmern, nicht nur die Ressourcen ausnutzen, Hirt und Weinstock als Metapher für die Nähe des Menschen zur Natur, „Früchte bringen“, auch im Umgang mit anderen Menschen


Exegetische Hinweise zu Joh 10

„Ich bin das Brot des Lebens“ (Joh 6, 48), „Ich bin das Licht der Welt“ (Joh 8, 12), „Ich bin der wahre Weinstock“ (Joh 15, 1) Im Johannes-Evangelium spricht Jesus ungewöhnlich oft über sich selbst, auch in den so genannten „Ego eimi / Ich bin“-Sätzen. Nur eine dieser Selbstprädikationen bezieht sich aber auf eine Person, nicht auf einen Gegenstand oder etwas Abstraktes: „Ich bin der gute Hirt“ (Joh 10, 11). Das Bild des Hirten scheint also wichtig zu sein für Jesu Selbstverständnis bzw. für das Verständnis der ersten Christinnen und Christen von ihm. Der „Hirte“ ist auch in der übrigen Bibel verbreitet (mit den entsprechenden Wortfeldern „weiden“, „Herde“, „Schafe“ etc.). Am bekanntesten ist Psalm 23, in dem der Beter Gott als seinen Hirten bezeichnet, der ihn zum „Ruheplatz am Wasser führt“ (vgl. Ps 23, 2). Neben dem Psalter sind es besonders die Prophetenbücher, die das Bild des guten Hirten malen – aber auch das der schlechten. In Ezechiel 34 etwa werden sie deutlich und fast polemisch kritisiert: „Weh den Hirten Israels, die nur sich selbst weiden.“ (Ez 34, 2 und folgende Verse; vgl. auch Jer 23, 1-4) Der gute Hirt, der diesen schlechten Hirten entgegengesetzt wird, ist nicht (nur) Gott selbst, sondern auch ein messianischer Herrscher, der die Schafe wieder sammeln und auf die Weide zurückführen wird.

Diese prophetische Gegenüberstellung von den schlechten und dem (einen / einzigen, vgl. Ez 34, 23) guten Hirten dürfte auch Bezugspunkt für Joh 10 sein. Ähnlich wie bei den Propheten werden auch hier die schlechten Hirten kritisiert, ja sie sind nicht einmal richtige Hirten, sondern „Fremde“ und „bezahlte Knechte“ (vgl. Joh 10, 5.13). Zwar formuliert Jesus in Joh 10 die Vorwürfe nicht ganz so direkt wie Ezechiel (und Jeremia) in ihren Weh- und Drohworten. Es kann aber angenommen werden, dass die religiösen Führer, zu denen er sprach, die entsprechenden Vorlagen kannten. Provozierend dürfte für sie vor diesem Hintergrund natürlich dann auch gerade die Formulierung „Ich bin der gute Hirt“ gewesen sein: So in der Ich-Form spricht in Ezechiel 34 nur Gott selbst: „Wie ein Hirt sich um die Tiere seiner Herde kümmert…, so kümmere ich mich um meine Schafe...“ (Ez 34, 12). Als weiterer „guter Hirt“ kommt in Ezechiel 34 lediglich der von Gott eingesetzte „einzige Hirte“, der davidische Messias in den Blick (vgl. Ez 34, 23). Jesus identifiziert sich also hier selbstbewusst mit Gott bzw. mit dem von ihm eingesetzten Fürsten des kommenden Friedensreichs (vgl. Ez 34, 23-31).

Allerdings hat dieses Bild trotz (oder wegen) dieser selbstbewussten Selbstprädikation nichts von Herrschaft und Arroganz, sondern im Gegenteil: etwas von Demut und Fürsorge. Denn der „Hirte“, mit dem sich Gott bzw. Jesus identifizieren, ist einer, der nicht auf eigene Macht und eigenes Wohl aus ist, sondern im Gegenteil ganz von sich selbst absieht und für andere da ist, eine „Pro-Existenz“ führt. Der Hirte kümmert sich um das Wohl seiner Schafe, er kennt sie, er sorgt sich um sie, er setzt sich für sie ein. In Jesu Worten vom Hirten geht dies soweit, dass er auch sein eigenes Sterben mit diesem Bild deutet: „Ich gebe mein Leben hin für die Schafe.“ (Joh 10, 15).

Die Bildwelt, die diesem Vergleich zugrunde liegt, ist heute natürlich längst nicht so vertraut wie im Jahrtausend vor Christus (in dem die Viehzucht neben dem Ackerbau Grundlage der Volkswirtschaft war) und auch noch zu Jesu Zeiten. Das Bild vom Hirten und den Schafen hat sicher in vergangenen Jahrhunderten auch gelitten unter manch kirchlicher Überbetonung der Hirtenaufgaben kirchlicher Ämter und der Vorstellung von den „dummen Schafen“ (böse und dumm sind in der Bibel, wie gesehen, eher die menschlichen Hirten, die die Schafe schlecht führen und weiden, als die Schafe). Es lohnt sich aber, sich diese Bildwelt zu erschließen – gerade auch mit Blick auf die Nachhaltigkeit.

Der Hirte als Vorbild der Nachhaltigkeit

Auf etwas auf den ersten Blick vielleicht eher Banales sei bezüglich der „Nachhaltigkeit“ des Bildes vom „guten Hirten“ hingewiesen: Jesus bedient sich hier eines Bildes aus der Landwirtschaft und Viehzucht. Der Hirte ist ein Mensch, der weiß, wie man sorgsam, behutsam, nachhaltig mit der Tier- und Pflanzenwelt, der Natur bzw. Schöpfung umgeht. Gerade, weil er seine Tiere kennt – so auch Joh 10 -, weil er einen Bezug zur Schöpfung hat, kann und will er behütend und bewahrend mit ihr umgehen. Nicht reines Profitstreben steht im Mittelpunkt, sondern das Streben nach Wohlergehen und Erhalt. Aus einem ähnlichen Kontext stammt ja auch ursprünglich das Wort „Nachhaltigkeit“: Bei der nachhaltigen Bewirtschaftung in der Forstwirtschaft geht es darum, Waldflächen so zu nutzen und zu betreuen, dass ihre biologische Vielfalt und Produktivität auch in Zukunft gesichert ist. Kurzfristiges, wenig nachhaltiges, schlechtes Wirtschaften bedeutet, im Falle der Forstwirtschaft etwa, bis heute: Ich holze ohne Rücksicht Wald ab, um damit rasch Geld zu verdienen und selbst zu Reichtum zu kommen. Kurzfristiges, wenig nachhaltiges, schlechtes Wirtschaften bedeutet im Falle der Viehzucht, schon in biblischen Worten: „Ihr trinkt die Milch, nehmt die Wolle für eure Kleidung und schlachtet die fetten Tiere; aber die Herde führt ihr nicht auf die Weide...“ (Ez 34, 3). Die Bilder und Vorstellungen heutiger „Nachhaltigkeit“ und des damaligen „guten Hirten“ scheinen also nah beieinander zu sein. Der „gute Hirt“ kann als eine Art „Vorbild der Nachhaltigkeit“ gedeutet werden.

Die behütende, bewahrende Haltung des Hirten gegenüber seinen Schafen wird in der Bibel zum Bild für die Haltung Jesu gegenüber den Menschen. Das bedeutet zunächst einmal: Die Beziehung von Mensch und Tier wird auf die Beziehungen der Menschen übertragen, was ja bereits eine gewisse Wertschätzung der Mensch-Natur-Beziehung zum Ausdruck bringt. Der Umgang des Menschen mit der Schöpfung / mit den Tieren wird hier sogar zum Vorbild für den personalen Umgang miteinander: So wie der Hirte sich um die Schafe sorgt, so sorgt sich Gott / Jesus um die Menschen. Das Bild impliziert auch: Die Haltung, die ich gegenüber der Schöpfung / den Tieren an den Tag lege, ist ähnlich oder dieselbe wie die, die ich anderen Menschen gegenüber zeige. Eine (Hirten-)Haltung ist grundsätzlicher Natur: Sie kann nicht den Menschen hochschätzen und das Tier / die Schöpfung herabwürdigen oder umgekehrt. Die Haltung zur Schöpfung und zum Mitmenschen gehören zusammen – der biblische Hirte ist auch ein Vorbild für eine „ganzheitliche“ Nachhaltigkeit, eine, die Mensch und Natur betrifft und sich um sie sorgt.

Wie sieht diese Haltung der Nachhaltigkeit nun aus? Sie bedeutet, negativ abgegrenzt: Ich nütze nicht Tier / Schöpfung und Mensch allein zum eigenen Zweck, habe nicht einfach nur meinen Nutzen im Sinne, ja ich zerstöre nicht mutwillig, wenn es mir in den Kram passt. Sondern, positiv gesprochen: Ich habe das Wohl des anderen – Mensch, Tier, Schöpfung – im Blick, ich sorge mich um den anderen, ich kümmere mich um ihn. Das englische Wort „to care“ deutet darauf hin, dass in dieser Sorge auch noch etwas anderes, Größeres steckt: Sympathie oder sogar: Liebe. Ich kümmere mich um jemanden / etwas, weil er / es mir am Herzen liegt. Auch die Bibel drückt dies aus in den Passagen über den „Hirten“. In Ez 34 spricht Gott immer und immer wieder davon, dass er sich nun „meine Schafe selber suchen und mich selber um sie kümmern“ und sich um sie sorgen will (Ez 34, 11, vgl. Ez 34, 12.16 etc.). In Joh 10 spricht Jesus davon, dass der bezahlte Knecht flieht, weil „ihm an den Schafen nichts liegt“ (Joh 10, 13); er selbst aber will sein Leben hingeben für seine Schafe. Wenig später erklärt er: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ (Joh 15, 13) Die sorgende Haltung der Nachhaltigkeit, wie sie der „gute Hirte“ lebt, gründet also im Letzten in der Kraft göttlicher und menschlicher Liebe.

Der Mensch braucht die Kraft der Liebe, um sorgend und behütend wie ein Hirte / eine Hirtin für andere Menschen und für die Schöpfung da zu sein. Aber nie gelingt es ihm, so zu lieben und sich zu kümmern, wie es wirklich nötig, wie es das Ideal wäre. Christen sind in der Nachfolge des „guten Hirten“ unterwegs, er ist ihr Vorbild, auch der „Nachhaltigkeit“. Aber kein Mensch kann wirklich der „gute Hirt / die gute Hirtin“ sein, aller Einsatz bleibt vorläufig, kennt Unvermögen und Frustration. Das Reich des guten Hirten ist damit auch ein zukünftiges, eine Vision. In Ez 34 verbindet sich die Rede vom Hirten mit der Ankündigung des messianischen Reiches. Auch dieses Reich wird, ganz im Sinne der Hirten-Vorstellung, mit starken Natur-Metaphern beschrieben: „Ich schließe mit ihnen einen Friedensbund: Ich rotte die wilden Tiere im Land aus. Ich schicke Regen zur rechten Zeit und der Regen wird Segen bringen. Die Bäume des Feldes werden ihre Früchte tragen und das Land wird seinen Ertrag bringen.“ (Ez 34, 25-27). Das Reich des guten Hirten ist ein „Garten des Heils“ (Ez 34, 29). Heil und Shalom wird es bringen für die ganze Schöpfung, für Mensch und Tier und Pflanzen. Alle werden in Frieden miteinander leben. Mit Jesus Christus ist dieses Gottes- und Hirten-Reich angebrochen, aber es hat sich noch nicht durchgesetzt. Es kann und soll Vision sein bei allem sorgenden Einsatz für die Schöpfung.


Ein weiteres „Ich bin“-Wort: Joh 15,1-8 (ev. Reihe I)

Ein paar wenige Hinweise zu Joh 15, 1-8: Hier liegt ja, ebenso wie in Joh 10, eine „Ich bin-Formulierung“ vor. Diesmal sagt Jesus von sich: „Ich bin der wahre Weinstock“ (Joh 15, 1). Nicht also mit einer Person identifiziert er sich hier – wie in Joh 10 mit dem Hirten -, sondern mit einer Pflanze. Der Bezug zur Schöpfung kann ähnlich gedeutet werden wie in Joh 10: Wenn sich Jesus mit einer Pflanze gleichsetzt, darf man dies durchaus als Wertschätzung und Nähe zur Natur gewertet werden (welcher Prediger würde heute solch einen Vergleich heranziehen?). Einen Menschen, der sich (nachhaltig) um die Natur sorgt und sie pflegt und bewahrt, gibt es in diesem Bild allerdings auch wieder: Hier ist es nicht Jesus, sondern Gott-Vater als Winzer, der die Rebe, die keine Frucht bringt, abschneidet, und die Rebe, die Frucht bringt, reinigt. Auch wenn das Gleichnis für die Zuhörer/innen erst einmal eine Warnung oder Drohung enthält: In dieser Pflege des Weinstocks steckt natürlich auch die positive Botschaft: Auch dieser Winzer betreibt eine Art nachhaltige Pflege, er sorgt sich um den Fortbestand und das Wohl des Weinstocks; bei den Synoptikern ist der Weinberg das Himmelreich (vgl. Mt 20, 1-8; 21, 33-45). Auch diese Rede vom Winzer und dem Weinstock hat Bezüge zu den Propheten (vgl. Ez 15, 1-8; Jer 2, 21; Israel als von Gott gepflanzte „Edelrebe“). Der nachhaltige, pflegende Umgang mit der Natur wird ähnlich wie in Joh 10 zum Bild für den Umgang Gott-Mensch bzw. Mensch-Mensch (und bei den Synoptikern für das kommende Reich). Ausdrücklicher noch als im Bild vom Hirten und seiner Herde wird in Joh 15 die Natur sogar zum Gleichnis für die Liebe zwischen Gott und Mensch und den Menschen untereinander: Aus der besonderen Verbundenheit von Weinstock und Reben wird die Verbundenheit zwischen Jesus und seinen Jünger/inne/n entwickelt: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Bleibt in meiner Liebe!“ (Joh 15, 5.9). Auch hier also sind Schöpfung und der nachhaltige Umgang eine Art Vorbild für Glaube und Ethik des frühen Christentums. Frucht bringen, die Liebe Gottes unter die Menschen bringen sollen die ersten Jünger/innen: Sie sollen nachhaltig und sorgsam, bewahrend und liebevoll umgehen mit der Schöpfung und miteinander.


Literatur:

Das Motiv des Guten Hirten in Theologie, Literatur und Musik, hrsg. von Michael Fischer und Diana Rothaug, Tübingen/Basel 2002

Beate Hirt, Mainz

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