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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

19. Apr. 09 - Quasimodogeniti / 2. Sonntag der Osterzeit

ev. Reihe I kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Joh 20, 19-29

Apg 4, 32-35

1 Joh 5, 1-6

Joh 20, 19-31

Der Autor betrachtet die Bibelstelle zur kath. 1. Lesung. Stichworte zur Nachhaltigkeit: als Gemeinde Beispiel sein, „ein Herz und eine Seele“ – in Rückbindung zu Gott realisierbar, nicht nur als ewige Utopie


Stellung im Kirchenjahr

Mit den Perikopen aus der Apostelgeschichte, die bis zum Pfingstfest sonntags wie an den Werktagen gelesen werden, erinnert sich die Kirche jedes Jahr neu an die Zeit der Urkirche und lässt sich damit zu ihren Quellen zurückführen. Dabei handelt es sich nicht lediglich um eine historische Reminiszenz. Vielmehr gilt die Frühzeit der Kirche als normative Größe, an der die sich jeweils in ihrer historischen Situation existierende christliche Gemeinde neu orientieren kann und soll.


Exegetische Hinweise

Der Text Apg 4, 32-35 ist der zweite von drei Sammelberichten (2, 42-47; 4, 32-35; 5, 12-16), in denen Lukas die innere Verfasstheit bzw. die Wirksamkeit der Jerusalemer Urgemeinde beschreibt. Der Verfasser stützt sich dabei auf bereits ihm vorliegende Fassungen, in die er seine Akzentsetzungen einträgt. Nach vorne hin verbindet sich der Text mit dem Bericht über das Gebet der Urgemeinde nach der Freilassung des Petrus und des Johannes. Das entscheidende Stichwort lautet „einmütig“ (4, 24). Der Bericht endet mit einer zweiten Pfingsterzählung (4, 31), der neuerlichen Begabung mit dem Gottesgeist. Die Perikope 4, 32-35 schildert summarisch die Konkretisierung der Einmütigkeit im Gebet und der Geistsendung: die freimütige Verkündigung des Evangeliums von der Auferstehung durch die Apostel und – in Bezug auf das Sozialverhalten in der Gemeinde - die gegenseitige Hilfeleistung und garantierte Versorgung mit dem Lebensnotwendigen, indem jede/r sein/ihr Vermögen bzw. den Erlös aus dem Verkauf der Gemeinschaft zur Verfügung stellt. Die Verse 36-37 wiederum illustrieren dieses Sozialverhalten am Beispiel des Josef, genannt Barnabas, der in der Folgezeit – zunächst zusammen mit Paulus – treibenden Kraft für die Mission unter den Heiden.


Lukas beschreibt die Gütergemeinschaft der Urgemeinde als Erfüllung alttestamentlicher Verheißungen:

  • Die Gemeinde der Gläubigen, die „ein Herz und eine Seele“ ist, verwirklicht Dtn 13, 4: den ungeteilten Dienst des Gottesvolkes vor Jahwe. Das „Schema Israel“ klingt an mit seiner Aufforderung, Gott mit all seinen Kräften und seinem ganzen „Vermögen“ zu lieben.
  • In den Bestimmungen zum Sabbatjahr in Dtn 15 findet sich die Verheißung, dass es in Israel keine Armen mehr geben werde, wenn das Volk sich an die Gebote Gottes halte (Dtn 15, 4).

In der Perspektive des Lukas bildet die Jerusalemer Urgemeinde die Realisierungsform dieser Ansage. Das Gnadenjahr des Herrn ist sichtbar angebrochen.

Schließlich greift der Verfasser auch griechische und hellenistisch-jüdische Gesellschaftsutopien auf (Platon, Aristoteles, Diogenes Laertius, Philo, Flavius Josephus) und zeichnet die Gemeinde der Christen als den Ort, an dem die allgemein menschliche Hoffnung auf gerechte soziale Verhältnisse, in denen die Armen am freiwillig zur Verfügung gestellten Vermögen der Reichen teilhaben, ihre Verwirklichung findet.

In der Christentums- und Kirchengeschichte finden diese wenigen Verse einen reichen Widerhall und bilden nach wie vor eine Art „Stachel im Fleisch“ im Blick auf das innerkirchliche wie über den Raum der Kirche hinaus gehende Sozialverhalten.


Homiletische Perspektiven

Utopien von einer idealen Gesellschaft, in der vollendete Gerechtigkeit und Frieden herrschen und die zur Verfügung stehenden Güter gemeinschaftlich in gegenseitiger Rücksichtnahme genutzt werden, säumen den Weg der Menschheitsgeschichte. Es macht die Tragik dieser Entwürfe aus, dass sie – wo immer der Versuch unternommen wurde, sie in die Wirklichkeit zu überführen -, sie über kurz oder lang in ihr Gegenteil umschlugen und nur noch die Leichen am Wegrand zurück blieben. Die Vorstellung gar von einem Gottesstaat, in dem allein Gottes Gesetz und Weisung die Richtschnur bilden, ist nicht zuletzt wegen der religiös-fundamentalistischen Grundtönungen, die sich mit solchen Vorstellungen in jüngerer Zeit verbunden haben, eher zu einer Horrorvision geworden als zu einem erstrebenswerten Ziel. Und dennoch: Offensichtlich können wir solchen Modellen einer idealen Gesellschaft nicht den Abschied geben. Sie bleiben ein „Stachel im Fleisch“ gegenüber dem je Vorhandenen und Erlebten. Menschen, die „ein Herz und eine Seele“ sind, die „alles gemeinsam“ haben; eine Gesellschaft, in der es keinen gibt, der Not leidet – alles das bleibt ein Ziel, auch und gerade im Wissen um die Unmöglichkeit bzw. im bewussten Verzicht darauf, dieses Ideal im Hier und Jetzt Wirklichkeit werden zu lassen.

Die christliche Gemeinde versteht sich immer auch als eine Gegengesellschaft, die nicht im Vorhandenen aufgeht, sondern in ihrer eschatologischen Ausrichtung immer noch mehr erwartet – weil sie die Vollendung nicht im eigenen Tun verortet, sondern in der Erwartung eines Handelns Gottes selbst. Bis dahin freilich steht sie – in der Orientierung an der idealisierenden Beschreibung der Jerusalemer Urgemeinde – in der Verpflichtung, Gott in die Hände zu arbeiten. Wo immer Christinnen und Christen ein Mehr an Gerechtigkeit ins Werk setzen, wo sie auf eine gerechtere Verteilung der Güter dieser Erde achten und dafür arbeiten, liegt ihr Handeln in der Linie unseres Textes. Nicht die „societas perfecta“ im Hier und Jetzt ist das Ziel, sondern die unaufgeregte und zugleich entschiedene Arbeit an einer Welt, die auf dieses Ziel hin orientiert bleibt.

Als Aufgabe stellt sich daher:

  • die vollendete Gemeinschaft, wie sie in der Schilderung von Apg 4 aufscheint, niemals aus dem Blick zu verlieren und als Hoffnungspunkt lebendig zu halten;
  • gleichzeitig aber misstrauisch zu bleiben gegenüber allen Versuchen, diesen Idealzustand selbst herstellen zu wollen – im Wissen um die oft mörderischen Folgen, die solche Versuche immer wieder gezeitigt haben,
  • und schließlich mit aller Kraft und zugleich mit höchster Bescheidenheit Zeichen jener Wirklichkeit zu setzen, die Jesus in seiner Verkündigung „Reich Gottes“ nennt.

Wo die christliche Gemeinde ihr „Ein-Herz-und-eine-Seele“-Sein primär versteht als den mit Herz und Seele und Hand geschehenden ungeteilten Dienst vor Gott, wird sie davor bewahrt bleiben, ihr Engagement irgendwann aufzugeben – aus Resignation angesichts der Rückschläge, die jedes menschliche Bemühen um eine gerechtere Welt erleiden wird. Sie wird ihr Tun zurückgebunden wissen an den, der allein der Welt letztlich ein neues Gesicht – Sein neues Gesicht – zu geben vermag, an Gott selbst.

Die Kirchen in unserem Land befinden sich in einer Phase tief greifender Veränderungen, die leicht dazu führen, dass die Kirchen vor allem um sich selbst kreisen und um den Erhalt ihrer selbst bemüht sind. Das Stichwort „Profilierung“ prägt in diesem Zusammenhang die ökumenische Diskussion und führt schnell dazu, wiederum das Trennende zwischen den Konfessionen stärker zu betonen als das Gemeinsame. „Ein Herz und eine Seele sein“ vor Gott kann dann auch heißen: das Augenmerk entschieden auf das Verbindende zu richten und – wie die Jerusalemer Urgemeinde - im Verschiedenen die legitime Vielfalt, die die Kirche von Anfang an geprägt hat, zu sehen.


Literatur:

Pesch, R., Die Apostelgeschichte (Apg 1-12) (EKK V/1), Zürich u.a. 1986, 180-194.

Dr. Engelbert Felten, Trier

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