Direkt zum Hauptmenü. Direkt zum Untermenü. Direkt zur linken Navigation. Direkt zum Text.

Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

8. März 09 - Reminiszere / 2. Fastensonntag

ev. Reihe I kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Mk 12, 1-12

Gen 22, 1-2.9a.10-13.15-18

Röm 8, 31b-34

Mk 9, 2-10

Der Autor betrachtet alle genannten Bibelstellen des Sonntags. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Mahner werden mundtot gemacht, das gefühlte Eigentum als Leihgabe wiedererkennen, Gott als Eigentümer im Notleidenden erkennen und ihm das seine geben (Mk 12); Menschenopfer unserer Zeit: die Zukunft der Kinder dem momentanen Gewinn opfern – Gott lehnt dieses Opfer ab (Gen 22); selbst gemachte „Systemzwänge“ entlarven (Röm 8); die Suche der Kirche nach dem Heilsweg – als Mittlerin (Mk 9 / vgl. 1.2.09)


Mk 12, 1-12

Diesem Text Aspekte von Nachhaltigkeit zu entnehmen, fällt nicht weiter schwer. Auch wenn das Gleichnis ursprünglich wohl vor allem verdeutlichen sollte, wie Gottes auserwähltes Volk mit seiner Erwählung umging, tut man dem Text exegetisch wohl keine allzu große Gewalt an, wenn man Gottes Weinberg als seine gesamte Schöpfung versteht, die dem Menschen zur Bebauung und Bewahrung anvertraut ist.

Recht treffend beschreibt das Gleichnis dann unsere vom Egoismus und Gewinnstreben dominierte Welt. Denn wie die Pächter danach trachten, den geliehenen Weinberg in ihren Besitz zu bekommen, scheint auch der moderne Mensch längst vergessen zu haben, dass unser Leben und seine Grundlagen nur Leihgaben und nicht Besitz sind. Wer allzu laut die Ausbeutung unseres Planeten anprangert, läuft Gefahr, genauso mundtot gemacht zu werden, wie die Knechte des Weinbergbesitzers, die die Pächter daran erinnern sollen, von wessen Eigentum sie da eigentlich leben. Ökologie ist nach wie vor nur dort gefragt, wo sie sich auch ökonomisch rechnet. Zum Glück tut sie das zunehmend. Denn die Zunahme schlimmer Naturkatastrophen und die Erkenntnis, dass der menschliche Faktor daran größer ist als lange angenommen, führen zur Einsicht, dass Ökologie sich schon alleine deshalb rechnet, weil es hilft, die Folgekosten eines aus den Fugen geratenden Klimas zu minimieren.

Dominierte lange Zeit die Zuversicht, durch Entwicklung, Fortschritt und Innovationen alles im Griff zu haben und alle anstehenden Probleme langfristig lösen zu können, wird diese optimistische Weltsicht heute von immer weniger Menschen geteilt. Der aufgeklärte Mensch, der noch wie die Pächter im Gleichnis glaubte, eine Welt des Menschen schaffen zu können, wenn man Gott aus ihr beseitigt, merkt nun, dass diese selbstgeschaffene Welt des Menschen nicht automatisch eine menschlichere Welt geworden ist.

Was hat der christliche Glaube nun zu sagen, wenn man sich nicht mit schadenfroher Genugtuung darüber begnügen will, dass es auch der aufgeklärten Moderne nicht so recht glücken will, das Paradies auf Erden zu schaffen?

Der Weinbergbesitzer fordert im Gleichnis wiederholt seinen Anteil an den Früchten des Weinberges. Es wäre sicher für die Predigt lohnend, dieser Spur folgend zu fragen, was das heute konkret heißt. Nicht zufällig schließt sich im folgenden Kapitel die Frage nach der Steuer an, die in dem bekannten Ausspruch gipfelt: „So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist!“ Wenn wir Matthäus 25 folgend, Gott im Not leidenden Mitmenschen erkennen, bekommt das Gleichnis eine sozialpolitische Tiefe. Angeprangert wird dann nämlich der Egoismus derer, die sich am Ertrag über die Maßen selbst bereichern, statt andere daran teilhaben zu lassen. Die Botschaft des Gleichnisses ist im Grunde keine andere, als die Botschaft der Knechte des Weinbergbesitzers, also die prophetische Botschaft: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer.

Wobei die Doppeldeutigkeit des deutschen Wortes „Opfer“ hier sogar ein interessantes Wortspiel ermöglicht: Im Zentrum christlicher Ethik muss die Vision einer Gesellschaft ohne Opfer stehen, in der weder die Armen des Luxus der Reichen bezahlen müssen, noch die kommende Generation den Egoismus der heutigen ausbaden muss.


Genesis 22, 1-19

Die Erzählung von der Beinaheopferung des Isaak ist ein Musterbeispiel dafür, wir eine Geschichte in unterschiedlichen historischen Kontexten völlig verschieden verstanden wird, je nachdem, woran man „hängen bleibt“.

Heutige Hörer stolpern meist bereits am Anfang der Geschichte über die Frage, wie denn ein liebender Gott von einem Menschen fordern kann, das eigene Kind zu opfern. Ist ein solcher Gott nicht unmenschlich und grausam? Selbst wenn man diese Geschichte als einen göttlichen Test des Gehorsams Abrahams liest und Gott unterstellt, die Opferung Isaaks nie ernsthaft gefordert zu haben, bleibt allein die Forderung eines solchen Opfers anstößig und eines liebenden Gottes eigentlich unwürdig – zumindest für unsere heutigen Ohren. Für damalige Hörer allerdings war wohl weniger die Forderung Gottes am Anfang der Erzählung provokant, sondern vielmehr, dass Gott am Ende auf das Opfer verzichtet. Gerade die Ablehnung des Menschenopfers ist demnach das ursprüngliche Thema der Erzählung, die anfängliche Opferforderung Gottes an Abraham nur erzählerisches Mittel zum Zweck, um dies zu verdeutlichen.

Doch auch wenn wir heute Kinderopfer längst als barbarischen Akt vergangener Zeiten betrachten, ist das Thema – allerdings auf viel subtilere Art – nach wie vor aktuell, ja vielleicht aktueller denn je. Wir opfern in unserer Zeit zwar keine Kinder mehr, aber es werden mehr und mehr Kinder zu Opfern unserer Zeit. Der Bericht über die Kinderarmut in Deutschland im Mai 2008 hat es einmal mehr gezeigt, dass nicht erst kommende Generationen die Folgen heutiger politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen ausbaden müssen, sondern die Sünden der Vergangenheit haben uns längst eingeholt. Und der blinde Gehorsam, mit dem die globalisierte Weltgemeinschaft den Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus Folge leistet, übertrifft gelegentlich sogar noch den des Abraham. Wir opfern keine Kinder mehr, aber wir opfern deren Zukunft. Wir produzieren täglich Altlasten für kommende Generationen, die wir heute noch gar nicht richtig überblicken können. Aber obwohl seit Jahren gewarnt wird, gleicht das Ringen um Gegenmaßnahmen eher einem Showkampf, der allenfalls für Wahlkämpfe taugt. Durchgreifende Entscheidungen werden aus Rücksicht auf ökonomische Entwicklungen immer wieder vertagt. Hier handelt der aufgeklärte Mensch, der sich selbst zum Gestalter seiner Welt erklärt ganz anders, als der Gott Abrahams. Der Mensch ist nicht fähig, die eigenen Interessen hinten an zu stellen und das Opfern zu beenden. Hier wird einmal mehr deutlich, dass die Menschheit sich eben nicht aus Herrschaftszwängen befreit hat, sondern nur in neue hineingeraten ist.

Hier wäre von christlicher Seite immer wieder deutlich zu machen, dass Gott keine Menschenopfer will. Keine, die ihm selbst dargebracht werden, und erst recht keine, die den Weg des Fortschritts und des ungebremsten Wirtschaftswachstums pflastern, weil sie unterwegs auf der Strecke geblieben sind.


Römer 8, 31-33

Will man diese drei Verse aus dem Römerbrief unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten auslegen, so bietet sich die Frage nach der Verantwortung und Rechtfertigung des eigenen Handelns gerade zu an. Wem ist der Mensch Rechenschaft schuldig? Nur sich selbst? Seinen Mitmenschen? Oder auch Gott? In atheistischen Gesellschaftsmodellen wird die Verantwortlichkeit des Menschen vor Gott selbstverständlich geleugnet, jedoch hat sich die Frage nach der Rechtfertigung des Menschen vor Gott mit der Aufklärung keineswegs in Wohlgefallen aufgelöst, sie hat sich verschoben. Nicht mehr die Rechtfertigung vor dem Schöpfer steht im Zentrum, sondern die Rechtfertigung voreinander. Der Mensch hat Gott vom Richterstuhl gestoßen und dort nun selbst Platz genommen. Nun findet sich die Menschheit in der seltsamen Lage, die Heinrich Kleist in seinem Roman „der zerbrochene Krug“ beschreibt. Die Menschheit findet sich in der Doppelrolle, über sich selbst zu Gericht zu sitzen. Doch wer nun erwarten würde, dass das zu einer neuen unbegrenzten Freiheit führen würde, sieht sich getäuscht. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Der Rechtfertigungsdruck auf den einzelnen Menschen hat nicht abgenommen, sondern ist heute so groß wie eh und je. Auf der Strecke geblieben ist aber die Hoffnung auf einen gnädigen Richter und die innere Gewissheit, Gott auf seiner Seite zu haben.

Diese Gnadenlosigkeit zeigt sich vor allem in den selbstgemachten „Systemzwängen“, denen sich die Menschheit ausliefert und die dann, Naturgesetzen gleich, unser Zusammenleben beherrschen. Oben und unten, arm oder reich, erfolgreich oder chancenlos – das alles sind längst keine gottgegebenen Schicksale mehr, hierfür tragen wir alle Verantwortung. Die in die Krise geratene moderne Gesellschaft erweckt vielfach den Eindruck großer Ratlosigkeit angesichts der immer größer werdenden globalen Probleme. Es ist erschreckend zu sehen, wie die ganze Menschheit sehenden Auges künftigen Problemen wie Energieknappheit, Rohstoffknappheit, Ernährungskrisen, Wasserknappheit und Klimaerwärmung entgegenstrebt, ohne effiziente Mittel zu finden, dem Drohenden energisch entgegen zu steuern. Man könnte, in Anklang an den Predigttext, fragen: „Wenn wir schon wider uns sind, wer kann dann noch für uns sein?“

Der christliche Glaube kann sicher keine schnellen und einfachen Antworten auf die Probleme unserer Zeit geben, aber er ist gerufen Anwalt der Schwachen zu sein, damit die Botschaft des gnädigen Gottes in dieser Zeit vernehmbar bleibt. Es muss Aufgabe der Kirche sein, selbstgemachte Systemzwänge als solche zu entlarven und immer wieder ihre Stimme für die zu erheben, die unter diesen Zwängen leiden. Und wo immer gnadenlose über das Leben von Menschen geurteilt wird, ist es ihre Pflicht darauf zu verweisen, dass es noch eine höhere Instanz gibt, die nach ganz anderen Maßstäben urteilt, nämlich nach Maßstäben der Liebe.


Markus 9, 2-10

Wo ist der Ort der Kirche in der Welt? So könnte die Grundfrage einer Predigt über die Verklärung Jesu lauten. Soll die Kirche weltentrückt dem Himmel näher als der Erde sein, oder doch eher mit im Dienste der Nächstenliebe tätig mitten in der Welt?

Mystische Weltvergessenheit und weltliche Gottvergessenheit - beide Tendenzen hat es in der Kirchengeschichte gegeben und beides findet sich auch heute innerhalb des christlichen Spektrums wieder. Wo positionieren wir uns heute? Welchen Weg verkünden wir als den Richtigen? Es ist zu einfach und zu verlockend, das eine gegen das andere auszuspielen. Die Zuflucht ins mystisch spirituelle wird von den einen pauschal als frömmelnder Irrweg bezeichnen. Das ausschließlich politische Engagement von den anderen als Verdiesseitigung des Reiches Gottes diffamiert. Doch geht es hier tatsächlich um eine entweder oder? Der Text zeigt uns vielmehr ein sowohl als auch. Er verweist sogar auf einen innere Abhängigkeit christlichen Welthandelns und geistiger Erbauung. Nicht zufällig ist es der siebte Tag, an dem Jesus drei seiner Jünger zum Beten mit auf den Berg nimmt. Während die Woche dem Irdischen gehört, ist siebte Tag dem Himmlischen vorbehalten.

Die Verklärung und die Erscheinung der alttestamentlichen Gestalten sind Ausdruck einer tiefen spirituellen Erfahrung, die alle irdische Mühsal hell überstrahlt. Die Verlockung ist groß, an diesem Ort Hütten zu bauen, dem Besonderen eine Wohnung zu geben, um es zu konservieren. Doch Jesu weg führt wieder hinab in die Welt, hinunter zu den alltäglichen Probleme, den Sorgen, den Menschen.

Liegt hier ein Schlüssel für die Kirche von morgen, die heute noch immer oder immer heftiger darum ringt, wo der Heilsweg liegt. Dem Slogan: „Konzentration auf die Kernkompetenzen“ mögen noch viele Zustimmen, aber spätestens bei der Frage, was kirchliche Kernkompetenzen sind, endet die Einigkeit. Liegen diese im Spirituellen, in Gottesdienst und Sakrament? Oder ist die Botschaft Jesu nicht viel mehr ein Evangelium der Tat, die sich nur in Diakonie und weltlichem Handeln verwirklichen lässt? Solange die Finanzlage solide ist, ist der Kompromiss schnell gefunden, das eine zu tun ohne das andere zu lassen. Aber in Zeiten knapper werdender Mittel wird sich die Frage mit ganz anderer Vehemenz stellen, wo der Ort der Kirche ist und was sie sich leisten kann. Ich verstehe Markus 9 so, dass Kirche beides leisten muss, um als Botschafter Gottes authentisch zu bleiben. Sie kann sich nicht in frommer Weltflucht vor den Problemen der Welt verstecken, wenn sie das Handeln Jesu ernst nimmt – aber sie kann auch nicht auf die spirituellen Quellen des Glaubens verzichten, wenn sie das Wesen Jesu ernst nimmt. In diesem Spannungsfeld zwischen Himmel und Erde hat Kirche ihren Ort.

Dirk Reschke, St. Ingbert

© 2006-2016 Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz