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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

22. Feb. 09 - Quinquagesimae - Estomihi / 7. Sonntag im Jahreskreis

ev. Reihe I kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Mk 8, 31-38

Jes 43, 18-19.21-22.24b-25

2 Kor 1, 18-22

Mk 2, 1-12

Der Autor betrachtet beide Markus-Perikopen. Nachhaltigkeitsbezüge: Untergraben der eigenen Lebensgrundlagen – was können wir von Gott dann noch erwarten (nicht die Blockade unseres Zerstörungswerkes, wohl aber die mit Jesu Auferstehung begonnene neue Schöpfung; wer Jesus darin nachfolgt, sich selbst loszulassen, fasst darin schon Fuß)


Was hat Israel, was hat die Welt von Gott zu erwarten?

Um diese Frage geht es in Mk 8, 31 ff. Vorausgegangen ist das Bekenntnis des Petrus: „Du bist der Messias“ und Jesu Bestätigung durch das Schweigegebot. Im Messias konzentrieren sich Israels Erwartungen für sich und für die Welt an seinen Gott. In unserem Text beginnt Jesus, die Jünger über den wahren Inhalt dieses Bekenntnisses zu belehren. Die Reaktion des Petrus und die extrem scharfe Zurückweisung durch Jesus („du Satan“) zeigt, wie scharf der Gegensatz zwischen dem ist, was Israel erwartet - darf man sagen: was Menschen von Gott erwarten? - und dem, was wirklich von Gott zu erwarten ist.

Welche Botschaft hat die Bibel für eine Menschheit, die ihre eigenen Lebensgrundlagen untergräbt? Was können wir von Gott für seine Schöpfung und für das Leben von Menschen neben und nach uns erwarten? Christen können in ihren Erwartungen an Gott, denke ich, an solchen Fragen nicht vorbei und nur nach ihrem persönlichen Heil und dem Bestand ihrer Kirche fragen. Aber sie können auch nicht vorbei an dem, was ihnen auf diese Fragen geantwortet wird. Es macht das besondere Gewicht von Mk 8, 31 ff. und in diesem Zusammenhang auch der für den katholischen Gottesdienst vorgesehenen Lesungen aus, wie hier zentrale menschliche Erwartungen an Gott und die zentrale Antwort des Evangeliums aufeinander treffen.

In Mk 2, 1 ff. (kath. Evangelium) bricht der Konflikt schon auf. Dass Jesus, statt den Gelähmten zu heilen, sein Verhältnis zu Gott in Ordnung bringt, führt zum Konflikt, letztendlich zum Tode Jesu. Auch Petrus will von Jesus „Heilung“ sehen, so kann man annehmen, ein Reich des Friedens unter der Herrschaft Jesu. Darum stellt er sich Jesus in den Weg. Auch er muss erfahren: Diese Erwartung wird nicht erfüllt. Jesu Zurückweisung des Petrus bedeutet freilich nicht, dass Gott sein Volk und die Welt sich selbst überlässt, dass er seine Verheißungen aufkündigt. Im Gegenteil, Jesu Messiaswirken erfüllt sie - aber eben aus der Sicht Gottes, nicht so, wie Menschen es von sich aus erwarten. Das Wort vom Kreuz ist „für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit“, „uns aber, die wir gerettet werden, ist es Gottes Kraft“ (1 Kor 1, 23, 18).

In Mk 8, 31 ff. wird keine Antwort gegeben auf die Frage nach dem Warum des Weges Jesu, wie sie Christen nach Ostern in Jes 53 fanden. Wohl aber wird das Leiden Jesu als totale Ablehnung durch die geistlichen und weltlichen Autoritäten beschrieben. Für sie ging es nicht, wie für Pilatus, um einen Unruhestifter, sondern um die Frage: Wer ist Gott und was tut er? Dass er wirklich Leben mit Gott schenkt, es so schenkt wie dem Gelähmten in Mk 2, den „Zöllnern und Sündern“, dem Verfolger Paulus, war für sie unannehmbar, disqualifizierte alles, was sie und andere sich an Leben zu verschaffen bemühten. Darum ihr Nein zu Jesus.

Dem hat Gott sein Ja in Jesu Auferweckung entgegengesetzt. Die Leidensweissagung Jesu endet mit der Ansage seiner Auferstehung. In der Verwerfung Jesu behalten nicht die Ältesten, Hohenpriester und Schriftgelehrten das letzte Wort, sondern Gott. Sein Ziel ist nicht, die Welt sich selbst zu überlassen, sondern endgültig zu retten. Das betrifft nicht nur das Heil des einzelnen Menschen, sondern die gesamte Schöpfung: In der alten Schöpfung fasst mit der Auferstehung Jesu die neue Schöpfung Fuß. Auch die Schöpfung „soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“. (Röm 8, 21)

Davon sagen auch die Verse 34 ff. Sie klingen beim ersten Hinhören freilich schroff, wenn da vom Kreuztragen und Lebensverlust die Rede ist. Aber das ist der falsche Zugang. In Wirklichkeit zeigen sie positiv, was Gott will: Dass Menschen das Leben gewinnen, dass sie leben, wirklich und wahrhaftig leben. Nicht die Ansage der Verwerfung Jesu ist das Letzte, sondern die seiner Auferstehung. Und nicht die Ansage des Kreuztragens und Lebensverlustes in der Nachfolge Jesu ist das Letzte, sondern die des Lebensgewinns. Jesus verstehen, Gottes guten Willen verstehen kann, wer etwas ahnt von qualifiziertem, „ewigem“ Leben, von einem Leben jenseits des Lebens, das um sich selbst kreisend im Nichts verschwindet wie das Wasser in einem Abfluss. Ich weiß kein Wort Jesu, das in den Evangelien so oft wiedergegeben wird wie Mk 8, 35, insgesamt sechsmal. Mk fügt hier im Vergleich zu den Parallelen hinzu „und um des Evangeliums willen“ und weist damit wohl auf das Martyrium der Zeugen Jesu hin, versteht den Lebensgewinn als Leben jenseits des Todes. In Lk 17, 33 und Joh 12, 9 erscheint Jesu Wort ganz ohne ein „um willen“. Alles, wozu Jesus einlädt, ob in den Weisungen der Bergpredigt oder in dem Ruf zur Kreuzesnachfolge, ist schon Teil dieses Lebens im eigentlichen Sinn.

 

Hat Jesu Ankündigung, seine Zurückweisung des Petrus und seine Einladung zum Lebensgewinn in der Nachhaltigkeitskrise etwas zu sagen?

1. Wir werden uns dem stellen müssen: „Du hast nicht im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“

Es ging damals nicht um eine einmalige, durch Jesu Kreuzesweg bedingte Enttäuschung großer Hoffnungen, sondern um den Gegensatz zwischen dem, was Gott will, und dem, was die Menschen - auch wir - wollen. Seit dem konziliaren Prozess ist in der evangelischen Kirche viel von der Bewahrung der Schöpfung die Rede. Ja, Gott selber bewahrt seine Schöpfung. Auch darin erfüllt er durch den Messias Jesus seine Verheißungen: in der Treue zu seiner Schöpfung und im Ziel der neuen Schöpfung, die mit Jesu Auferstehung in der alten Fuß gefasst hat Aber auch hier gilt: Gottes Perspektive ist nicht identisch mit der unseren. Dass Gott den Menschen in die Arme fällt und daran hindert, die Lebensbedingungen auf der Erde katastrophal zu verändern, mögen wir sehnlichst wünschen. Aber von ihm erwarten können wir es nicht. Wohl aber, dass er in jedem Fall die, die ihn suchen, in seiner Schöpfung seine Güte und Treue erfahren lässt.

2. Wir sind eingeladen, das wirkliche Leben zu gewinnen und nicht zu verlieren, auch im Leben in der Schöpfung und für die Schöpfung.

a) Mk 8, 34 ff. scheinen sehr auf den Einzelnen und sein Heil bezogen zu sein, abgewandt vom Wohl und Wehe des großen Ganzen. Mt 5, 13-16 klingt ganz anders: „Salz der Erde“, „Licht der Welt“. Kann ich sagen: Indem Jesus Menschen in seine Nachfolge zieht, indem Gott Menschen seinen Geist gibt als „Angeld“ der neuen Schöpfung, macht er die Erde fruchtbar, erleuchtet er die Welt? Ist das rechte Erwartung an Gott: dass er durch solche Menschen handelt, ihre Bemühungen um Nachhaltigkeit segnet, durch sie sein Leben bringt zu denen, die Opfer werden in der Krise unserer Zeit?

b) In diesem Zusammenhang möchte ich sehen, dass Jesus dem Gelähmten ein Leben ohne Lähmung schenkte, dass Jesu Messiastaten ganz handfeste Hilfen zum äußerlichen Leben waren, dass Gott den Israeliten in Babylon, die ihm mit ihren Sünden Arbeit gemacht haben (Jes 43, 24; kath. 1. Lesung), ihre Sünden so vergab, dass er sie in ihre Heimat zurückbrachte. Alles das ist nicht der selbständige Ausweis dessen, was wir von Gott erwarten können. Aber es gehört auch zum qualifizierten Leben, zeigt auf die Menschenfreundlichkeit Gottes, zeigt auf das Zentrum, den Frieden mit Gott.

c) Was heißt nachfolgen, sein Kreuz auf sich nehmen, Leben gewinnen durch Lebensverlust konkret in unserer Situation? Sicherlich nicht, wie in der Situation des Mk, leiden bis zum Verlust des Lebens. Wohl aber wird es gerade auch dort aktuell, wo es um Nachhaltigkeit geht: wenn nämlich im eigenen Leben wirklich konkret und konsequent Nachfolge Jesu geübt wird, nicht nur „zeichenhaft“, in Kleinigkeiten, nicht nur, wo es sich bezahlt macht. Also wenn wirklich losgelassen wird und darauf verzichtet wird, z.B.

- billiger zu leben auf Kosten der Armen, ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen,
- möglichst bequem, erlebnisreich, selbstverwirklichend und sich bereichernd zu leben auf Kosten der Umwelt, auf Kosten der Menschen neben und nach uns.

Dann freilich lebt man gegen die herrschende Vorstellung von Lebensgewinn, und das wird u. U. als Störung empfunden. Man wird zwar nicht „verworfen“, aber zum Außenseiter. Doch genau da wird auch die Zusage Jesu vom Lebensgewinn konkret: Solches Leben lohnt - entgegen den allgemeinen Vorstellungen und auch entgegen dem eigenen inneren Widerstand.

Dr. Ulrich Denkhaus, Wetzlar

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