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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

1. Feb. 09 - letzter Sonntag nach Epiphanias / 4. Sonntag im Jahreskreis

ev. Reihe I kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Mt 17, 1-9

Dtn 18, 15-20

1 Kor 7, 32-35

Mk 1, 21-28

Der Verfasser betrachtet alle vier genannten Perikopen. Stichworte zur Nachhaltigkeit: der verklärte Weitblick der Erkenntnis genügt nicht – erst der Abstieg in die Niederungen der täglichen Umsetzung ist der Weg zum Heil (Mt 17); die Texte der kath. Leseordnung werden mit den Ausführungen zu Mt 17 verknüpft: Rückbindung prophetischer Aussagen an die dahinter liegende göttliche Wahrheit, die auch aktuell die eigentliche Orientierung in Fragen der Nachhaltigkeit darstellt (Dtn 18); die Sorgen des täglichen Miteinanders in Bezug zu einem größeren Ganzen sehen (1 Kor 7); Dämonen der alltäglichen Zerstörung erkennen, benennen und mit Gottes Hilfe (Hellsichtigkeit) vertreiben (Mk 1)


Über-Blick – Nachhaltigkeit als Weitblick zurück und nach vorn

Um das Geschehen in Mt 17, 1-11 angemessen zu beschreiben, ist der Begriff der „Verklärung“ eher missverständlich und irreführend. Metamorphose, Transfiguration, Verwandlung und Umgestaltung trifft die Erfahrung der Jünger auf dem Berg genauer. Berge sind nicht nur in der Bibel bevorzugte Orte der Erscheinung Gottes. Auch in anderen Religionen sind göttliche Erleuchtung und Offenbarung mit den lichten Höhen und der Klarheit von Berggipfeln verbunden. Vom japanischen Fujiyama bis zum griechischen Olymp gelten Berge als Sitz der Götter. Die Verwandlung Jesu in eine Lichtgestalt, die mit Mose und Elia den Jüngern als Vision der heilsgeschichtlichen Endzeit erscheint, ist in den Evangelien (par. Mk 9, 2-13; Lk 9, 28-36) singulär und gilt als vorweggenommene Ostergeschichte. Wie in Trance oder in einem Drogentrip schauen die Jünger, was ihnen bisher verborgen war: Jesus als der Messias ist der Prophet der Heilszeit, die für Israel mit der Prophetie des Mose und des Elia angekündigt worden ist. Die beiden großen Gestalten aus Israels Vergangenheit kehren wieder in seiner Zukunft. Im Rückblick eröffnet sich ein umfassender Ausblick. Die Propheten aus der Geschichte werden zu Zeugen des kommenden Heils. Mit der Verwandlung Jesu auf dem Gipfel des Berges öffnen sich die Augen der Jünger für einen weiten Blick zurück und nach vorn. In der Gegenwart dieser geradezu surrealen Erkenntnis finden die Geschichte Israels und die Geschichte Jesu in der einen Geschichte Gottes zusammen. In diesem eschatologischen Sinn nachhaltig ist die Geschichte des Heils. Alles scheint auf diesen hellsten und klarsten aller Augenblicke hinzulaufen. Die Reaktion des Petrus ist nur allzu verständlich: Lasst uns hier bleiben und drei Hütten bauen, eine für jeden Garanten der heilvollen Zukunft. Der Zauber dieses erfüllten Augenblicks hat ihn überwältigt. Doch bereits die Wolke, aus der die Stimme ihr Bekenntnis zu Jesus spricht, wirft einen Schatten. Sie weist bereits dezent daraufhin, dass die Gipfelerfahrung zwar unverzichtbar, aber noch nicht das Ende oder das Ziel des Weges ist. Nachhaltigkeit braucht nicht nur Weitblick der Berge, sondern auch das aufmerksame Hinsehen auf die Mühen der Ebenen und Täler. Heil wird nur dann erfahren, wenn das Beschädigte und Verletzte, das Verschmutzte und Vergiftete geheilt worden ist. Die klare Luft der Berge und ihr sauberes Wasser brauchen die Millionen in den Megacities Asiens, Afrikas und Lateinamerikas, die an Smog zu ersticken drohen und deren Trinkwasser immer knapper wird. Jesus weiß, dass er mit seinen Jüngern nicht auf dem Berge bleiben kann, wenn die Welt geheilt werden soll. Die Hütten des Petrus wären ein „Wolkenkuckucksheim“ und der Weitblick würde sich alsbald in einer esoterischen Selbstgefälligkeit verengen. Der Abstieg vom Berg ist der Anfang eines Weges, der Jesus an das Kreuz auf Golgatha führt. Aus der Licht- und Sonnengestalt wird der Gefolterte und Gekreuzigte. Der Weitblick wird bekämpft und erntet Hohn und Spott. Denn das geschaute Heil verschärft den Blick für das herrschende Unheil. Eine Schöpfung, in der Rücksichtnahme und Erbarmen regieren und die selbst als Gabe Gottes erfahren wird, besitzt ein anderes Gesicht als eine Natur, die bloß als Ressource und Mittel zur Durchsetzung des eigenen Lebens wahrgenommen wird. Der Weitblick wird zum Überblick, wenn er die kurzsichtigen Folgen eines gedanken- und rücksichtslosen Umgangs mit der Schöpfung erkennt. Gegen die Verharmlosung des Klimawandels, gegen die Leichtfertigkeit, mit der Wasser und Luft belastet werden, gegen die unüberschaubaren Risiken von Atom- und Gentechnologie warnt der heilsame Überblick vor dramatischen langfristigen Wirkungen, die sich heute bereits ankündigen. Dies ist keine Panikmache, sondern Schöpfungsverantwortung mit Weitblick. Während die kurze Sicht auf die aktuellen Börsenkurse und schnellen Profite schaut, verwandelt der weite Blick vom Berggipfel die Perspektiven in den Ebenen und Täler. Hier entscheidet es sich nämlich, ob die beschädigte und gestörte Schöpfung wieder heil und ganz werden kann. Die Auseinandersetzungen zwischen Ökonomie und Ökologie, zwischen Staat und Markt, zwischen Konsumbedürfnissen und Schöpfungsverantwortung um die heilenden Perspektiven führen in Konflikte, die wohl kaum ohne Passion ausgetragen werden. Sie werden mit Hingabe geführt, weil zu viel auf dem Spiel steht. Ohne Hingabe wird auch keine nachhaltige Wirkung erzeugt. Nicht nur Jesus wird auf dem Berg in einem neuen Licht gesehen, sondern die Jünger kommen verwandelt von diesem Berg zurück. Der Weitblick in der Höhe wird zum Überblick in den Niederungen des Alltags. Gottes Stimme vom Himmel, sein Bekenntnis zu Jesus, unterstreicht: der Weitblick kommt aus dem Vertrauen in eine Zukunft, in der Mensch und Schöpfung geheilt sein werden. Auch Katastrophen und apokalyptische Visionen vom Weltuntergang können den Blick eher verstellen. Die Zuwendung zur Erde, um deren Erhaltung und Heilwerden es geht, braucht keine Panikmache, sondern das nüchterne Denken mit weitem Horizont, in dem das Ökonomische, Ökologische und Soziale in einem globalen Agendaprozess zu ihrem notwendigen Recht kommen.

Die Texte der katholischen Lesereihe können durchaus mit den Fragen eines verantwortlichen Weitblicks verknüpft werden. Die Unterscheidung zwischen wahrer und falscher Prophetie in 5 Mose 18, 15-20 bindet die Vollmacht jedes Propheten an die Legitimation durch Gott selbst. Ein Prophet wird dem Volk Israel für die Zukunft versprochen, der in der Nachfolge Mose Wegweisung verkündet. Im Hören auf die Stimme Gottes findet das Volk nachhaltige Orientierung.

Die Debatte, ob es besser ist, unverheiratet zu bleiben oder zu heiraten, beschäftigt Paulus in 1 Kor. 7, 32-35. In der Erwartung der baldigen Wiederkunft Jesu ist es besser, unverheiratet zu bleiben als zu heiraten. Verständlich wird diese Empfehlung aus der heilsgeschichtlichen Situation der nahen Erfüllung aller Verheißungen Gottes. Diese großartige Aussicht, der Begeisterung des Petrus auf dem Berg der Verwandlung vergleichbar, lässt das Zusammenleben von Frauen und Männer in der Ehe zweitrangig werden. Die lichte Zukunft scheint die dunklen Sorgen des alltäglichen Miteinanders fast zum Verschwinden zu bringen.

Die Dämonenaustreibung durch Jesus in Mk 1, 21-28, die eine Demonstration seiner göttlichen Vollmacht ist, provoziert geradezu die Frage nach den aktuellen Dämonen, die den Menschen und seine Mitwelt zu zerstören drohen. Die Überwindung der Besessenheit, mit der das schnelle Geld gesucht, die eigenen Interessen rücksichtslos durchgesetzt und die langfristigen Wirkungen auf Klima und Natur ausgeblendet werden, ist für eine nachhaltige weitsichtige Kultur der ökologischen Rücksichtnahme unverzichtbar. Die Dämonen verengen und blenden das Auge. Jesus dagegen öffnet hell- und weitsichtig unseren Blick durch Entdämonisierung.

Werner Schneider-Quindeau, Frankfurt am Main

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