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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

04. Jan. 09 - 2. So. n. d. Christfest / 2. Sonntag n. Weihnachten

ev. Reihe I kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.
Lk 2, 41-52 Sir 24, 1-2.8-12 (1-4.12-16) Eph 1, 3-6.15-18 Joh 1, 1-18

Der Autor betrachtet die ev. Predigtperikope. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Mut, andere ins Gespräch zu verwickeln, sich Fragenden bzw. Diskussionen zu stellen, „Mündigkeit des Christen“, Widerspruch aushalten in Kenntnis der Grundlagen der eigenen Tradition,


1.) Exegetische Bemerkungen

Das „Kindheitsevangelium“ bei Lukas endet mit der Anekdote[1] vom 12-jährigen Jesus im Tempel. Nachdem der Evangelist parallel die Geburt Johannes des Täufers und die Geburt Jesu einschließlich ihrer Ankündigung dargestellt hat, folgt am Ende des Eingangsteils seines Evangeliums diese kleine Szene des Heranwachsenden Jesus. Sie ist eingerahmt von zwei Sammelberichten (2, 40 und 2, 52), die sein Wachsen in der Weisheit aus der Gnade Gottes auf den Begriff bringt. Die Erzählung lebt von der dramatischen Spannung zwischen dem Kind und seinen Eltern. Die Eltern folgen dem Gesetz, der Wille Jesu aber gilt der neuen Offenbarung. In der Mitte, auf dem Höhepunkt der Erzählung (v. 46-47) sieht man Jesus bei den Gelehrten im Tempel sitzen. Und wie an vielen Stellen des Evangeliums löst sein Verhalten schon hier bei den Zuhörern Verwunderung aus. Am Ende fügt sich Jesus wieder in das gesetzmäßige Verhalten der Eltern ein, aber es ist schon vor seinem ersten öffentlichen Auftreten sichtbar und hörbar geworden, dass von ihm eine neue Offenbarung ausgeht, die getragen ist von seiner besonderen Beziehung zum himmlischen Vater.

Eingebettet in eine Erzählung formuliert Lukas in v. 49 die theologische Aussage, die für das ganze Leben Jesu entscheidend bleibt: Jesu Verhältnis zu Gott. Dass sein Zurückbleiben in „seines Vaters Haus“ zu einem Konflikt mit seinen Eltern führt, ergibt sich zwangsläufig daraus. Und so ist in dieser Szene sowohl die Unabhängigkeit des 12-jährigen bemerkenswert wie auch die Rolle der Mutter. Beides könnte ein Schlüssel sein für die Überlegungen zur Nachhaltigkeit. Jesus zeigt den Willen, allein in Jerusalem zurückzubleiben, er hat den Mut, die Lehrer in ein Gespräch zu verwickeln, ihnen Fragen zu stellen und gleichzeitig mit staunenswerter Einsicht zu antworten. Er hat sich in die Versammlung der Weisen hineinbegeben und wird dort in seinem Verhalten selbst zum Weisen und zum Lehrer. (So wird er in vielen Kunstwerken dargestellt.) Mir ist aber das vorausgehende Hören gleich wichtig. Am Ende widerspricht er seinen Eltern und fügt sich doch wieder in ihren Alltagsablauf ein. Die Mutter begleitet das Kind, sie erzieht ihn in den Traditionen des jüdischen Glaubens. Sie lässt ihn frei und beginnt die Suche erst, als er am Abend nicht unter den Reisenden ist. Sie geht ihm nach, bis sie ihn findet. Sie versteht ihn zwar nicht, aber sie „behält all diese Worte in ihrem Herzen“. So wächst in ihr der Glaube.


2.) Gedanken zur Nachhaltigkeit

Zunächst scheint der Text weit weg zu sein von dem Thema der Nachhaltigkeit. Er bietet keinen Schlüssel für ethische Überlegungen zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Doch habe ich den Eindruck, dass hier eine Grundvoraussetzung angesprochen wird: die Mündigkeit des Christen. Ich habe mich an das Suchen Dietrich Bonhoeffers nach einer Antwort auf die mündig gewordene Welt erinnert, wie sie in seinen Briefen aus Tegel im Juni und Juli 1944 formuliert ist. Ernst Lange hat diese Gedanken in seinen Überlegungen zum Kirche Sein und zum Auftrag der Bildung aufgenommen.[2] Er spricht einerseits die Angst des Menschen vor der Autonomie an, sagt: der Rückzug in das Private „ist schon Resignation angesichts der Möglichkeit im konstruktiven Widerstand Mensch zu sein.“ (S. 65) Andererseits entfaltet er eine Pädagogik der Freiheit für die Freizeitgesellschaft. Dabei verwendet er den Begriff der Transparenz, im Sinne von Grenzüberschreitung in jeder Hinsicht. Zunächst gilt es, die Situation zu verstehen, Macht zu entmythologisieren, dann persönlich und in Gemeinschaft Wege der Veränderung zu beschreiten. Dazu gehört der politische Auftrag, aber auch die ökumenische, universale Dimension des Lebens. Es lohnt sich, an die Kraft der Hoffnung zu erinnern, die seine Gedanken von vor 40 Jahren immer noch enthalten: „In diesem ‚spielend-sich-umstellen-können‘ steckt das Geheimnis der christlichen Freiheit, die die Welt zu sehen wagt als offenes Feld der Möglichkeiten Gottes mit seinen Menschen.“ (S. 77)

2.1.) Erziehung zur Freiheit

Was an dem 12-jährigen Jesus sichtbar wird, bleibt eine Aufgabe der Erziehung und Bildung. Jesus hat den Mut, zurück zu bleiben, seinen Eltern zu widersprechen und sich selbst ins Gespräch zu begeben auf der Suche nach Wahrheit. (v.43) Gelingt es, schon Kinder zu ermutigen, ihren Fragen nach zu gehen und den eigenen Weg zu suchen? Gelingt es, als Verantwortliche den Widerspruch auszuhalten und den Konflikt als Chance zu verstehen, neue Wege zu beschreiten? Gerade in einer Zeit, in der die Ausbildung immer mehr verschult wird und gute Noten zu einem wichtigen Kriterium der Bewertung hochgespielt werden, ist das kritische Denken, das eigenständige Fragen und das mutige Widersprechen ein wichtiges zu bewahrendes Gut.

2.2.) Getragen durch die Tradition des Glaubens

Die Eltern begleiten den heranwachsenden Jesus, indem sie ihn auf die jährliche Pilgerreise nach Jerusalem mitnehmen. (v.41) Das ist ein Symbol für das Ernst nehmen der jüdischen Tradition und Riten. Auch das ist ein wichtiger Aspekt für die Nachhaltigkeit: die Traditionen des Glaubens sollen nicht einengen, sondern einen Rahmen geben, der Halt bietet. Man kann nur zu etwas Neuem aufbrechen, wenn man sich getragen fühlt. Und andererseits ist die Kenntnis der Grundlagen der eigenen Tradition eine Voraussetzung für den „konstruktiven Widerstand“.

2.3.) Erfahrung des Pilgerns

Viele Menschen suchen die Erfahrung, die mit dem Gehen eines Pilgerweges verbunden ist. Nicht nur der Jakobsweg, auch Angebote wie Fastenwege und Meditationstage werden von vielen wahrgenommen. Es ist die Zeit und die Ruhe, die das Pilgern so wertvoll macht, verbunden mit der inneren Einstellung, sich zu öffnen und anzunehmen, was einem gegeben wird. Gelingt es uns, auch Wege, die mehr Zeit in Anspruch nehmen, als eigene Qualität zu entdecken und so einen Beitrag zur Entschleunigung zu leisten?

2.4.) Gemeinsame Verantwortung der Großfamilie

Auf dem Weg kann man anderen Menschen begegnen. Afrikaner wundern sich über das Verhalten vieler in den Zügen, die einen Platz für sich alleine suchen und sich hinter Zeitungen oder Büchern verstecken, während sie Gemeinschaft suchen und eifrig im Gespräch sind. Genauso ist in vielen Kulturen des Südens die Großfamilie Halt und Bezugspunkt des Lebens; wenn einer in Not gerät wird er nicht im Stich gelassen, wie dürftig die eigenen Lebensbedingungen auch sind. Verwandte und Bekannte waren mit bei den Gefährten der Familie Jesu. (v. 44) Sie konnten sorglos losgehen, da sie eingebunden waren in ein soziales Netz.

2.5.) „dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist“

Am klarsten formuliert Jesus den Widerspruch gegen seine Eltern mit der Frage: „Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht…“ (v. 49) Er wusste, wo er hingehört. So wichtig Vater und Mutter auch sind, wer „wahrer Verwandter“ ist (Lk 8, 19 ff.), zeigt sich erst im Glauben an Gott, den Schöpfer und Erhalter und Liebhaber des Lebens. Wir werden ermutigt, wie Jesus nach dem zu suchen, der mich trägt. Und dann wird mir der Blick geöffnet für die Mitwelt und für meine Verantwortung. Es wächst die Einsicht, dass man nur schützen kann, was man kennt und liebt. „Die Erde ist des Herrn.“

Christian Sandner, Mönchengladbach

[1] Vgl. Francois Bovon, Das Evangelium nach Lukas, EKK III/1, s. 151-162
[2] Vgl. Ernst Lange, Sprachschule für die Freiheit, München 1980, besonders S. 69ff: „Erwachsenenbildung als Einübung christlicher Freiheit“.

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