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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

21. Dez. 08 - 4. Adventssonntag

ev. Reihe I kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Lk 1, (39-45) 46-55 (56)

2 Sam 7, 1-5.8b-12.14a.16

Röm 16, 25-27

Lk 1, 26-38

Anmerkung des Verfassers: Für das Thema „Nachhaltigkeit“ bzw. „Gerechtigkeit“ eignen sich an diesem Sonntag aus den vorgeschlagenen Predigttexten vor allem die beiden Lukastexte sowie eventuell der Text aus 2. Samuel 7

Stichworte zur Nachhaltigkeit: Gott setzt auf die kleinen, eher unscheinbaren Beiträge, deswegen nicht verzagen; seelsorgerisch und politisch predigen

Zur Stellung im Kirchenjahr und zur homiletischen Situation

Nach dem Kirchenjahr ist der Advent Bußzeit wie auch Zeit gespannter Erwartung der Ankunft Jesu des Christus. ChristInnen erfahren sich immer wieder als Menschen, deren eigener Lebenswandel nicht dem entspricht, was sie vor allem selber von sich fordern und erwarten – Zeiten der „Buße“ richten die Aufmerksamkeit auf die eigene Unzulänglichkeit. Gleichzeitig erfahren ChristInnen Gott durch das Evangelium als einen gnädigen Gott, der sie mit ihren Zweifeln und Unzulänglichkeiten annimmt. Diese Gewissheit, die ihren Ursprung im Geschick Jesu Christi hat, lässt Hoffnung auf individuelle und kollektive Zukunft wachsen, wo nach menschlichem Ermessen eher Angst und Verzweiflung Raum greifen.

Neben dieser liturgisch-theologischen Stellung im Kirchenjahr müssen die PredigerInnen ernst nehmen, dass die Menschen am 21. Dezember am Ende einer Hochphase des beruflichen und familiären Stresses stehen, soweit sie in Beruf, Familie und Konsum eingebunden sind. Wenn das Kirchenjahr im Leben der Gottesdienstbesucher überhaupt eine Relevanz hat, dann wird sich am 4. Advent am ehesten die Vorbereitung und wohl auch Vorfreude auf Heiligabend und Weihnachten Bahn brechen.

Insofern wird die Gottesdienstgemeinde wenige Tage vor Weihnachten für eine „politische“ Predigt und Gottesdienstgestaltung wenig empfänglich sein. Daher ist es gut, dass die Predigttexte neben politischen Akzenten einen seelsorgerlichen Schwerpunkt anbieten.

Exegetisches

Für alle drei von mir hier für die Predigt empfohlenen Texte lässt sich als gemeinsames Interesse die Frage formulieren: „Woher kommt Heil?“ Die kontrafaktische Bestätigung der Heilserfahrung mitten im Unheil macht den soteriologischen Charakter dieser Texte aus. Die immer noch brennende Frage nach der Möglichkeit richtigen Lebens im unwahren Ganzen wird positiv beantwortet, wenn auch „nur“ in der gegenwärtigen Zukunft Gottes, also fragmentarisch in der Existenz des Menschen. Die Frage nach Heil und gutem Leben wird von den biblischen Texten entgegen der Erwartungshaltung der biblischen ZeitgenossInnen wie heutiger Lebenserfahrung beantwortet. Das Heil, Gottes „Herrschaft“, gewinnt in unerwarteter Weise Gestalt durch Menschen, die sich durch eine Marginalisierung ihrer gesellschaftliche Rolle oder selbst in der zentralen gesellschaftlichen Rolle durch Züge der Unvollkommenheit und des Angewiesenseins (David) auszeichnen: Frauen, Kinder, Kleine, ein König nach einer Räuberkarriere. Und es kommt räumlich aus der Peripherie der Peripherie, aus entlegenen Ortschaften einer Provinz des römischen Reiches, von außerhalb der israelitischen Kernlande.

Das alles ist TheologInnen grundsätzlich bekannt, will aber immer wieder neu hineingesprochen werden in eine Gesellschaft, in der weiterhin und entgegen aller „christlichen“ Prägung, entgegen einem bannerartig vorangetragenen „christlichen Menschenbild“ alles beim Alten bleibt: Die gesellschaftlich unten sind, haben gefälligst dort zu bleiben und werden weiter abgedrängt, und wer Anteil hat am gesellschaftlichen Leben und Wohlstand sieht zu, dass das so bleibt. Neue Wege einer nachhaltigen Gerechtigkeit zu gehen, die für die Zukunft des Lebens auf diesem Planeten unabdingbar sind, scheitern an den alten Mustern von Reichtumsakkumulation, Eigensucht und Gewalt.

Zu Lk 1, (39-45) 46-55 (56)

In der Begegnung mit Elisabeth wird Maria als die wahrhaft Glaubende gezeichnet, die ohne Zeichenforderung Gott vertraut. Dankend nimmt sie an, was Elisabeth, selbst in prophetischer Rede, ihr als göttliche Nachricht zuspricht: „Gesegnet bist du vor allen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.“ (v. 42) Mit dem eigenständig und kunstvoll gestalteten Magnifikat lässt Lukas Maria mit einem Lobpreis Gottes auf das Segenshandeln Gottes antworten. Der Lobpreis Marias erweist sich zugleich als prophetische Rede; das wird deutlich an der sinnvollerweise präsentischen Übersetzung der Prädikate des Handelns Gottes, das zukünftiges Geschehen in der Vergangenheitsform darstellt (vv. 51 ff.).

Dieses künftige Geschehen greift Marias Rede proleptisch auf; in ihm scheint vor, was in der Verkündigung Jesu als „Reich Gottes“ gleichnishaft bebildert wird: Eine Welt, in der alle ökonomischen Verhältnisse und Machtstrukturen umgekehrt werden durch die Macht Gottes. Einfache Menschen sind zuvörderst Empfängerinnen dieses Heils. So wie Maria in einfachem Vertrauen und nicht unter Berufung auf Leistungen und Würdigkeit zur Trägerin des Heils wird, so wird all jenen „von Geschlecht zu Geschlecht“ das Heil zuteil, die in gleicher Weise glauben und vertrauen. Und so werden im Umkehrschluss jene leer ausgehen, die wie die Mächtigen und Reichen des Magnifikat das Leben in den Währungen Macht und Geld zu sichern meinen. Sie scheitern. Auf diese Weise wird das einfache palästinensische Mädchen Maria zu einem Urbild des Glaubens wie schon Abraham.

2 Sam 7, 1-5.8b-12.14a.16

Der Text ist in sich literarisch vielschichtig und bezieht sich auf verschiedene theologische und historische Auseinandersetzungen (Königtum, Tempel, Israel…). Die Aufnahme der Nathansweissagung an David ist durch die Weissagung im Blick auf die Nachkommenschaft Davids – „ich will sein Vater sein und er soll mein Sohn sein“ (v 14) – auf Jesus Christus hin zum adventlichen Predigttext geworden. Während es in den Versen 1-7 darum geht, dass das Königtum Davids nun tatsächlich in die sakrale Geschichte Israels integriert und zu einem Königtum im Dienst Jahwes wird, geht es ab Vers 10 um Israels Zukunft und die Davidsdynastie. Dabei wird in Vers 8 auf eine der drei Berufungsgeschichten Davids Bezug genommen, nämlich die des Schafhirten, des jüngsten Sohnes des Isai (1 Sam 16).

Wenn dieser Text auf unser Themenfeld hin ausgelegt werden soll, dann könnte vor allem daran angeknüpft werden, dass Gott wider alle menschliche Erwartung auf das Kleine setzt (1 Sam 16 / 2 Sam 7, 8) und die Zukunft seines Volkes auf jemanden baut, der ganz und gar nicht dem Bild eines Heiligen entspricht. Das hieße dann allerdings, die ganze Geschichte vom Aufstieg Davids als Hintergrund in die Predigt einzubeziehen – dringend sei in diesem Fall die Lektüre des immer noch unübertroffenen Romans „Der König David Bericht“ des DDR-Autors Stefan Heym empfohlen. Die Anstößigkeit, die mit Betrug und Gier, sex and crime gepaarte Aufstiegsgeschichte eines biblischen Heiligen, der bis zu Karl d. Großen und vielen anderen den Typos des göttlich geweihten Herrschers vorgab, könnte einmal mehr zeigen, dass Gott sich nicht an menschliche Kategorien hält, sondern durch menschliches Handeln hindurch Geschichte formt, in der Heil an unerwarteter Stelle anbricht.

Zu Lk 1, 26-38

Diese zweite Verkündigungsgeschichte nach der an Zacharias gehört zu den Voraussetzungen der Verkündigung an Maria und ihres prophetischen Liedes. Auch dieser Text legt das Gewicht ganz und gar auf das Handeln Gottes (v. 35.37) und auf das glaubende Vertrauen der Maria, die ihr Leben trotz allen rationalen Zweifels – wie ist eine Empfängnis überhaupt möglich? – in Gottes Hand legt (v. 38).

Impulse zur Predigt

Der proleptische prophetische Aorist des Glaubens im Magnifikat zeigt einmal mehr, dass Seelsorge bei aller individuellen Konzentration hoch politisch ist – und die Umstürzung der todbringenden Verhältnisse einer Kraft bedarf, die Menschen sich nicht selbst zusprechen können. Daher heißt es seelsorgerlich und politisch predigen! Daher heißt es, wider alles Hoffen vertrauensvoll von dem zu predigen, dessen Heil für uns an unerwarteter Stelle anbricht – und der sich dafür sogar unserer schwachen und allzu oft zaghaften und fehlgeleiteten Kräfte bedient.

Ja, es sind kaum Zeichen zu erkennen, die darauf deuten, dass der Klimawandel zu stoppen sei, dass der Irrsinn des Wachstumsfetischismus ein Ende hätte oder dass die „Reichen“ umkehrten, die Profiteure der bestehenden Verhältnisse – zu denen wir im Zweifelsfall selbst gehörten. Nicht einmal die Politik der kleinen Schritte, der realisierbaren Kompromisse, denen einzig wir verändernde Kraft zuschreiben mögen, wird von diesen Texten gesegnet. Nein, allein der Glaube, sola fide, sola gratia, vermag die Kraft zu verleihen, nicht zu verzweifeln und sich weiterhin oder ganz neu einzusetzen für die Zukunft des Lebens. Das Leben bleibt zerbrechlich, ja, im Nanobereich der Universen und der in Milliarden Lichtjahren zu messenden Weltgeschichte nach den Kriterien menschlicher Vernunft vollkommen uninteressant und unerheblich. Doch dieses zerbrechliche Leben hat Gott in der Gestalt von Kindern, von Frauen und anderen Ohnmächtigen gerettet und ins Recht gesetzt gegen alle Todesmächte.

Maria antwortet individuell auf das ihr widerfahrende Heil. Welche Geschichte könnte die Predigerin / der Prediger von Menschen in ihrer Gemeinde oder sonst wo auf der Welt erzählen, die einfach „wider besseres Wissen“ sich nicht unterkriegen lassen, die auf der Kraft des Lebens beharren, die – Gott vertrauen? Diese Geschichten dürfen erzählt werden, denn sie machen das Leben und den Glauben aus. Sie regen an, nach unseren eigenen kleinen und großen Geschichten des Überwindens zu suchen und gegen alle Brutalität des Weltgeschehens an der Kraft des Unbedeutenden festzuhalten, die dem Leben dienen kann. Damit stellt sich am Vorabend von Weihnachten der Predigerin / dem Prediger auch die Frage, ob solches Glauben, ob solches Leben sich denn wirklich in konfessionellen Gebilden einfangen lässt – und ob Gottes Handeln nicht am Ende viel größere Dimensionen hat als wir uns vorstellen können. Dann könnte am Ende ein muslimisches Mädchen in Palästina oder ein buddhistischer Mönch in Tibet zum Sinnbild auch unseres Glaubens werden!?

Dr. Thomas Posern, Mainz

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