Direkt zum Hauptmenü. Direkt zum Untermenü. Direkt zur linken Navigation. Direkt zum Text.

Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

14. Dez. 08 - 3. Adventssonntag

ev. Reihe I kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.

Mt 11, 2-6 (7-10)

Jes 61, 1-2a.10-11

1 Thess 5, 16-24

Joh 1, 6-8.19-28

Der Autor betrachtet die ev. Predigtperikope und die kath. Texte zur 2. Lesung und zum Evangelium. Stichworte zur Nachhaltigkeit: es wagen, politisch zu werden, den Ordnungsrahmen mit christlichen Grundsätzen mitgestalten, tragfähige ökologische Lösungsansätze aus der christlichen Sozialethik heraus entwickeln. Die Voraussetzung dafür: das eigene Christsein nicht länger schamhaft verdrängen, an die Kraft zur Veränderung glauben (Mt 11, 1 Thess 5) und diese in lebenshaltigen Projekten solidarischer Ökonomie bewahrheiten.

Heilsame Leib- und Seelsorge
Voraussetzung für das Angehen-können von Krisen ungekannten Ausmaßes

Wenn Johannes der Täufer – der im EKD-Predigttext „der größte Mensch“ genannt wird (Mt 11, 11) – auf einen noch Größeren hinweist, dann muss etwas unfassbar Großartiges und Gewaltiges sich ankündigen. Die Bibel meint, ihm gegenüber sei er es kaum wert, Sklavendienste zu leisten; was das Sandalen aufschnüren nämlich zur damaligen Zeit bedeutet hat. Und so erweist es sich dann auch: Umfassendes Heil bricht ein. Die verschiedensten Dimensionen von Mensch-in-Welt werden davon erfasst: Im biblischen Denken sind dies Wissen und Wille, nicht minder aber Empfindungsvermögen und Lebenskraft. Im Bild gesprochen ist es wie eine ausgetrocknete und zerklüftete Flussbettlandschaft, die wieder neu vom belebenden Strom des Geistes Gottes erfasst und durchtränkt wird. Da weitet sich der Blick über das Gewohnte und Eingespielte hinaus. Da sprießt Heilwerden und Lebendig-werden hervor wie frisches Grün. So viel Auflehnung und Neid, Misstrauen und nicht-wahr-haben-wollen, dies quer durch die Jahrhunderte, auch hervorzubringen imstande war: „Und doch hat die Weisheit, durch die Taten, die sie bewirkt hat, Recht bekommen.“ (Mt 11, 19) Die Menschen, die sich davon erfassen lassen, müssen nicht mehr um sich selbst kreisen. Und Hoffnung, diese größte Münze der menschlichen Existenz, leuchtet auf. Darauf läuft der EKD-Text zu, der sich mit dem Urteil der „ungläubigen Welt“ über jenen Größten der Menschen, den Bußprediger und Täufer des Neuen, Johannes, befasst.

Von diesem Fundament aus ist es weder angesagt, fruchtlos zu klagen, so etwa darüber, dass viele Menschen nicht mitkönnen mit der neuen Wirklichkeit Gottes, die sich in Jesus von Nazareth aussagt. Vielleicht wären viele lieber beim harten Bußprediger Johannes und seiner Gerichtspredigt über all diejenigen, die nur für sich leben, stehen geblieben. Jesus aber wird lehren, dass wir auch als Versagende weiterwachsen dürfen auf das Reich Gottes hin, in dem wir uns doch schon bewegen, existieren und sind. Aber auch das Gegenteil hilft nicht weiter, sich des nahe gekommenen Himmelreiches gewaltsam bemächtigen zu wollen, wie es offenbar im Erfahrungskreis des Evangelisten immer wieder vorgekommen ist. (Mt 11, 12) Was einzig und allein zählt und genügt, das ist einstweilen den Heilsstrom anzuerkennen, in dessen Wirken an Blinden und Lahmen, Toten und Aussätzigen Gottes Machttaten offenbar werden und den Armen die frohe Botschaft, die Gott ist, aufgeht. (Mt 11, 5) Die Weisheit Gottes ist bis heute mitten unter uns am Werk. Wenn wir sie zulassen können, wird sie auch uns zu ihrem Instrument machen.

Im oft als unspektakulär beiseite gelegten 1. Brief an die Thessalonicher, der zur Lesung im katholischen Gottesdienst ansteht, ruft die Menschwerdung Gottes und das ganzheitliche Heil, das daran sichtbar wird, als Grundempfindung in den Gläubigen Freude hervor, die auf ganz natürliche Weise in Gebet und Dank übergeht. Ein Leben, das hier und da bereits aus der Zukunft Gottes und der Fülle des Geistes zu schöpfen vermag, wird damals wie heute nicht immer spektakulär ausgehen. Freude und Dankbarkeit indes sollten als Grundkategorien allemal darin aufleuchten, zu Zeiten still und nüchtern, dann wieder gnadenvoll und überfließend. Weil wir Vergebung empfangen, können wir sie auch gewähren. Das empfangene Wort Gottes wird zur Tat an der Welt. Wenn dieser jüdisch-christliche Regenbogen des Bundes sich vollendet, schimmert der Raum des Heils darin auf.


Befreit handeln in Annahme und Hingabe, Selbstvollzug und Weltbezug

Josef Römelt betont, dass die christliche (Moral-)Theologie und Rede von Gott anhand des biblischen Grundverständnisses daraus eine umfassende Kultur der Ehrfurcht vor Mensch und Natur zu entwerfen habe.[1] Verbunden allerdings mit dem durch die Erfahrung der „christlichen“ Jahrhunderte angereicherten Vorbehalt, dass es zwar den Menschen im Gegenüber zu seinem Gott adle, als einziges Geschöpf wirklich Verantwortung übernehmen zu können, diese jedoch infolge seiner / ihrer Schuldfähigkeit und Schuldverhaftetheit prinzipiell begrenzt sei und somit auf Gottes rettendes Zutun angewiesen bleibe. Diese theologische Aussage existentiell nachempfinden zu lassen in Annahme und Hingabe, Selbstvollzug, Weltbezug und Dienst – und zwar über Stufen, Klippen und Brüche hinweg – ist Zuspruch und Aufgabe heilsamer Leib- und Seelsorge. Darin liegt Beziehungs- und Stärkungsarbeit im besten Sinn der Worte. Frei zu sein aus Gnade findet seine Entsprechung und seinen Dank darin, befreit zu handeln. Um sich mit seiner / ihrer ganzen Existenz der Gnadenlosigkeit in den Weg zu stellen in der Welt von heute, die in brennender Weise der Erlösung der endgültigen Gotteskindschaft harrt. Heilsame Sorge um Leib und Seele, um den Menschen in seiner Ganzheit, Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit führt hin zu dem, woran man die Christen nach außen hin erkennen sollte. Ein anerkanntes katholisches Lehrbuch unserer Tage formuliert: „Ziel der christlichen Sozialethik muss es heute sein, auf die strukturelle Problematik ökologischer Verantwortung mit ‚sachgerechten und zeitgemäßen’ Lösungsansätzen zu antworten ... die der Eigengesetzlichkeiten gesellschaftlicher Sektoren wie Wirtschaft, Politik und Kultur in ihren überindividuellen strukturellen, letztlich globalen Dimensionen gerecht wird.“[2] Was heißt dies nun?


Politisch sein: sensibel geöffnet für das Ganze, für das Öffentliche

Nach Marx / Wulsorf zunächst einmal, die persönlichen Absichten einzelner Handelnder im Blick auf die Logik institutioneller Zusammenhänge und Funktionssysteme zu überschreiten, auf gut deutsch: politisch zu werden. Und da fängt es an, schwierig zu werden. Denn auf ganzheitliches Heil für alle zielende Umweltpolitik wird sich heutzutage nur herrschaftskritisch, ja als radikal-demokratische Gesellschaftspolitik äußern können. In diesem seit den G8-Protesten rund um Heiligendamm in 2007 wieder etwas stärker „geöffneten“ Öffentlichkeitsraum aber hat sich christliches Sein zu bewähren und zu bewahrheiten – oder es ist wenig wert. Das zeigt eindrücklich das Schicksal eines aktuellen Diskussionspapiers zum Thema „ökologische Schuld“ aus dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) in Genf, das einmal mehr an der in diesen Punkten immer wieder zu beobachtenden Zögerlichkeit der KirchenvertreterInnen des Nordens zu scheitern droht. Diese beanspruchen offenkundig noch immer das Monopol darauf, fugendicht definieren zu können, was „sachgerecht“ und zeitgemäß“ erscheint. Da heißt es: „Eine Anwendung des Prinzips der ökologischen Schuld würde bedeuten, dass die nördlichen Länder, ihre Institutionen und Unternehmen als erste Schritte ... die Länder des Südens und deren Bevölkerung für die Kosten der Vorsorge und der Anpassung an den Klimawandel entschädigen und sich dabei auf das Verursacherprinzip stützen ... im Süden Programme zur Katastrophenbewältigung finanzieren und in grüne Technologie investieren, den Ländern des Südens rechtswidrige Schulden erlassen (ohne die Entwicklungszusammenarbeit zu reduzieren), um Ressourcen für Vorsorge und Anpassung freizumachen ... Der ÖRK ruft zur kontinuierlichen Sensibilisierung der Gemeinden für die ökologische Schuld auf, durch Bildung und ökumenische Ausbildung, Studien und Aktionen sowie die Veröffentlichung relevanter Bibelstudien...“[3]

Der Rat der Sachverständigen für Umweltfragen hatte schon 1994 im Umweltgutachten aufgezeigt, worauf es im Blick auf ein angemessenes Nachhaltigkeitskonzept ankommt, dass nämlich die drei Hauptdimensionen natürliche Umwelt (mithin das Recht natürlicher Eigenexistenz), die soziale Mitwelt im Weltmaßstab (bis hin zu den nachkommenden Generationen) und das Individuum selbst (was vielleicht am schwierigsten geworden ist im Blick auf Selbstannahme, Psychohygiene, Leib- und Seelsorge) dauerhaft umweltgerecht behandelt werden müssen. Zu Recht wurde dort nach einem Ordnungsrahmen unter den herrschenden Bedingungen eines weltanschaulichen und ethischen Pluralismus der Gegenwart Ausschau gehalten. Als ökumenisch gesinnte Christen sollten wir den Mut dazu haben, den spezifischen Charakter und das Gewicht christlichen Heilshandelns und Heilwerdens offensiv in die Gewinnung eines solchen Ordnungsrahmens einzubringen. Was vor uns liegt, wird notwendig politisch erkämpft sein. Unsere Herkunft und unser So-sein als Christen sollten wir dabei aber nicht länger schamhaft zu verdrängen oder zuallererst einzuebnen suchen, sondern selbst-bewusst die Tore dieses Gatters öffnen und so einen starken (heilenden) Zustrom im Hinblick auf gesamtgesellschaftliche Nachhaltigkeit und die Neuordnung gesellschaftlicher Naturverhältnisse jetzt und in Zukunft eröffnen.

Im Blick auf die Predigttexte des 3. Adventssonntages mag uns ganz besonders die Erinnerung dabei helfen, gesendet zu sein mit einem Ruf zu Umkehr und Buße für alle. Insofern Glauben-können immer auf das Zeugnis-geben anderer angewiesen ist, hilft uns auch die Erinnerung daran, dass die ersten Christen in Thessaloniki ähnlich wie Johannes vor menschlicher Autorität nicht zurückschreckten, die sie in Verhör und Befragung vor offiziellen Delegationen (damals Leviten, Priester und Pharisäer) in Widerspruch und Widerstand führte. Und bei all der vor uns liegenden politisch-pluralen Umsetzungsarbeit im Hinblick auf eine solidarische Ökonomie und einen nachhaltigen Umgang mit naürlicher Mitwelt könnte uns das Johannesevangelium, was eines angeht, leuchtendes Vorbild sein, nämlich wie es gelingt, aus (damals jüdisch–hellenistischer) Weisheitsspekulation, populären Hymnen und weiteren (damals gnostischen) Versatzstücken, das Beste herauszunehmen. All dies ist es wert im Blick auf die Wegbereitung für den Herrn Jesus Christus (Joh 1, 23). Denn in ihm treten Glaube, Gnade, Offenbarung und Geistkraft von Gott her ins Menschenleben ein, so dass mit seiner Hilfe immer wieder neu ein mitreißendes Ganzes gelingen kann. (Joh 1, 6-8.) Hauptkriterium für uns Heutige wird dabei sein, ob der innere Prozess eines sensibel für das Ganze geöffneten Christ-werdens uns in die Entscheidung gegen ein gnadenloses Weiter-so ruft und auf Wege des Gottesheils für Leib und Seele führt.

Warum eigentlich sind die Schwierigkeiten, in heutiger Zeit zu den Früchten eines dauerhaft sozial gerechten und umweltförderlichen Handelns durchzudringen, wirklich so groß? Warum erscheinen sie im Bewusstsein selbst noch vieler offizieller KirchenvertreterInnen im Weltkirchenrat anno 2008 so unüberbrückbar? Wenn man es wagt, eine geistliche Sicht gelten zu lassen, vermutlich einerseits doch wohl, weil der Anlauf, die Gnade und das Heil aufzunehmen, immer schon zu kurz auszufallen droht. Will sagen, zu formelhaft, zu sonntagschristentumsfixiert, zu wenig mentalitätsprägend. Dann aber auch, weil viele von uns nicht mehr an die Kraft der politischen Veränderbarkeit glauben zu können scheinen. In biblischer Sprache ist die Welt ganz sicher „blind“, „arm an Geist“ und „töricht“ zu nennen, so neoliberal durchkapitalisiert, wie sie daherkommt, so dass kaum mehr ein Spielraum übrig bleibt für Gottes Gnaden- und Heilsströme. In der vorherrschenden Logik und Praxis muss die mitreißende, aber leise daherkommende Kraft von Gottes zurechtrichtendem Strom des Geistes häufig als querliegend, unwirklich, irgendwie dysfunktional erscheinen zu dem, wie wir unsere Welt nur allzu fugendicht eingerichtet haben. Weck uns auf Herr mit deiner Kraft, Maranatha!

Peter Schönhöffer, Mainz

--------------------------------------------------------------------------------

[1] Josef Römelt, Jenseits von Pragmatismus und Resignation. Perspektiven christlicher Verantwortung für Umwelt, Frieden und soziale Gerechtigkeit, Regensburg 1999, 84f.

[2] Reinhard Marx / Helge Wulsdorf, Christliche Sozialethik, Konturen – Prinzipien- Handlungsfelder, Lugano/Mailand/ Paderborn 2002, 344 und 345. (= Amateca Lehrbücher zur katholischen Theologie, Bd. 21)

[3] Vorgeschlagene Erklärung zu ökologischer Gerechtigkeit und ökologischer Schuld, vorgelegt auf der Zentralausschuss­sitzung vom 13-20. Februar 2008, zitiert nach dem Brief des Generalsekretärs Samuel Kobia an alle Mitgliedskirchen und kirchenbezogenen Organisationen im Ökumenischen Rat der Kirchen vom 23. April 2008.

© 2006-2016 Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz