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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

16. Nov. 08 - 33. Sonntag im Jahreskreis / vorl. Sonntag des Kirchenj.  

ev. Reihe VI kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.
2 Kor 5, 1-10 Spr 31, 10-13.19-20.30-31 1 Thess 5, 1-6 Mt 25, 14-30

Der Autor betrachtet alle Predigtperikopen des Tages. Stichworte: die Erde für die Wiederkehr Christi bereit halten, nicht auf einen neoliberalen Wunschgott warten, Kontinuität herstellen (2 Kor 5); die Kinder sollen das Lebensnot-Wendige von ihren Eltern lernen, vor sinnlosem Wissen schützen, Fähigkeiten entwickeln (Spr 31); Einsatz, die Pflege und Vermehrung geistlicher Gaben (Mt 25)

2. Korinther 5, 1-10

1. Sitz im Leben

In der Auseinandersetzung mit korinthischen Enthusiasmen geht es Paulus um zweierlei:

a) Wir haben noch eine Zukunft vor uns. Obwohl Christus den entscheidenden Sieg bereits errungen hat, steht noch etwas aus – dass er nämlich wiederkommt und uns in die Wirklichkeit einholt, die durch sein Sterben und seine Auferweckung bereits Realität ist. In den Worten der exegetischen Diskussion: paulinische Eschatologie ist „realized“, aber nicht präsentisch. Die korinthischen Schwärmer dagegen sind jetzt schon hin und weg, leben gar nicht mehr ganz in dieser Welt. Das betrifft sowohl ihre Mentalität (E. Käsemann), wie wir inzwischen wissen aber auch ihre materiellen Verhältnisse – als begüterten Privatiers der Oberschicht waren ihnen bestimmte irdische Probleme tatsächlich fremd (G. Theißen). Dem Juden Paulus hingegen ist es gerade im Hinblick auf die letztgenannten wichtig, dass bestimmte Probleme erst dann final geklärt werden, wenn der Messias wiederkommt (V 10: Endgericht nach den Werken).

b) Auch die Zukunft ist irdisch und leiblich: wie in der „berühmten“ Parallele zu unserer Stelle in 1 Kor 15 ist die neue Realität im Reich Gottes bei aller noch so radikalen Diskontinuität dennoch – oder besser gerade eben – nie einfach geistig. Das aber wiederum ist die Vorstellung korinthischer Gnosis: Die neue Wirklichkeit, die schon begonnen hat (s.o.), ist rein geistiger Natur, sie besteht geradezu in einer Verneinung und Loslösung von allem Leiblichen. Die dahinterstehende Sehnsucht nach etwas Neuem, das alles ablöst, was in unserem Leben kleinlich und erbärmlich ist, nimmt Paulus ernst. Aber die Erfüllung kann für ihn nie in einer Loslösung von aller Leiblichkeit liegen, sondern in deren überbietenden Vollendung. Die Vorstellung einer neuen, aber echten Leiblichkeit, die sicher religionsgeschichtliche Wurzeln hat (E. Troeltsch, Reitzenstein), aber in origineller Weise nur aus dem paulinischen Verständnis von Kreuz und Auferstehung entwickelt werden kann, überbietet und überrasche menschliches Wunschdenken bis heute.

2. Hermeneutik

Korinthische Antike ist postmoderne Realität und postmoderne Irrealität hat antike Wurzeln. Über die Verwandtschaft von Gnosis und Esoterik ist erst neulich wieder viel geschrieben worden (J. Assmann) – von Paulus kann hier gelernt werden, wie Predigt religiöse Gefühle ernst nimmt, ohne sich in ihnen zu verlieren. Unser Predigttext liefert mit seinem Verständnis von „Leiblichkeit“ hier den Schlüsselbegriff: wer als Prediger oder Predigerin die Woche über an einem Sterbebett gesessen hat oder sich in der Seelsorge die in Fitnesswahn umgeschlagene Verfallsangst 50-jähriger Männer anhören musste, wird die Furcht vor einem Sterben des eigenen Körpers und der Sehnsucht nach einem „Entschwinden“ nicht einfach abtun können. Aber das „Entschwinden“ führt nicht in eine andere Sphäre, in irgendeinen Bereich, der nicht Teil von Gottes Schöpfung wäre. Das Reich Gottes ist eine höchst materielle und leibliche Angelegenheit und ihr Schöpfer ist kein anderer als der Schöpfer der Bedingungen, unter denen wir jetzt leben.

3. Aspekte der Nachhaltigkeit

R. Bohren hat einmal gesagt, jede gute Predigt enthielte auch eine Häresie. Die Häresie, die wir hier wagen könnten und die – horribile dictu! – womöglich gar keine ist, wäre: Wenn Gottes neue Welt materialiter in Kontinuität mit dieser Erde steht, ist es nicht gleichgültig, in welchem auch materiellen Zustand Gott seine Schöpfung vorfindet. Es ist Gott mit Sicherheit zuzutrauen, auch eine chemisch und atomar verseuchte Leiche auf wunderbare Weise heil und unversehrt zu neuem Leben zu erwecken. Aber es kann, wenn wir ernst nehmen, dass Gott in der Auferstehung an unseren Körpern und dieser Erde handelt, nicht egal sein, ob das, was da „verweslich gesät“ (1 Kor 15) wurde, überhaupt noch ein Restpotential zur Unverweslichkeit hat. Das aber hieße hinter Paulus in finsterste marcionitische Gnosis zurückfallen: in liebloser Gleichgültigkeit Gottes gute Schöpfung zugrunde zu richten, geblendet von dem Aberglauben, irgendein neoliberaler Wunschgott würde am Ende die Milchmädchenrechnung bezahlen.

Sprüche 31, 10-13.19-20.30-31

1. Sitz im Leben

Dass verarmter Landadel zu erstaunlicher Sentimentalität in der Lage ist, ist, wie man an der „Krise der Weisheit“ (G. v. Rad) in Israel sehen kann, nicht erst ein ostpreußisches Phänomen. Im rapiden Rückgang politischen und wirtschaftlichen Einflusses judäischer Eliten in der Perserzeit, der natürlich viel vornehmer als Werteverfall erlebt und beschrieben wurde, ist das Entstehen kleinbürgerlicher (Sprüche), existentialistischer (Hiob) oder zynischer (Kohelet) Literatur zu begründen. In unserem, dem kleinbürgerlichen Genre zuzurechnenden Text wird die Krise durch einen Rückzug ins Private verarbeitet: Auf der Hintergrundfolie totalen Bedeutungsverlustes des Mannes in der gesellschaftlichen Realität des 4. Jh. v. Chr. im Großraum Jerusalem (O. Plöger) leuchtet das Idealbild der das Restkapital geschickt, aber doch barmherzig verwaltenden „Haus“-Frau.

2. Hermeneutik

Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade und dass der heilige Geist den Autor der Sprüche höchstens mental, nicht so sehr jedoch verbal inspiriert hat, braucht uns hier nicht zu kümmern, verdanken wir immerhin diesem kleinen Text die Entdeckung einer „Haus-Ökonomie“. Hochentwickelte arbeitsteilige Gesellschaften nämlich – und die gab es schon in der Antike – lassen das „Haus“ im Sinne privaten Lebensraums zu einem Ort verkümmern, in dem lediglich Geld ausgegeben wird. In Krisen kann man dann entweder verzweifeln oder kreativ das Haus als Ort der Ressourcenschöpfung wiederentdecken, wie es unser Text tut.

Hier liegt dann auch der wirklich aktuelle Bezug des Textes zu unserer Zeit, die zwar nur eine wesentlich harmlosere Krise als Israel in der Perserzeit erlebt, sich aber auch fragen muss, ob Kartoffelanbau im Schrebergarten und das Stopfen von Strümpfen – politisch korrekt jetzt gleichermaßen durch Männer – nicht auch sinnvolle Freizeitbeschäftigungen sind.

3. Aspekte der Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit funktioniert nicht ohne die Weitergabe basaler Fähigkeiten. Gartenbau, Reparatur von Kleidung und Alltagsgeräten, Herstellen von Möbeln, selbst das Kochen von Mahlzeiten sind heute in den meisten Fällen aber keine Fähigkeiten mehr, die Kinder von ihren Eltern lernen. Im Gegenteil: verbale und nonverbale Botschaft an unsere Kinder ist, sich möglichst wenig mit überflüssigen lebenserhaltenden Maßnahmen aufzuhalten: 92% der 11-jährigen Kinder wissen, wie man ins Internet kommt, aber nur 7%, wie rum man eine Schraube eindreht und nur 2% haben in ihrem Leben schon einmal etwas gegessen, was sie selbst angebaut haben. Eine gute Predigt über unseren Text wird diesen Zustand nicht sofort ändern. Aber sie kann ihn zur Sprache bringen.

1. Tessalonicher 5, 1-6

Weil „Paulus auch als Christ Apokalyptiker geblieben“ ist (E. Käsemann), findet sich hier eine gelungene Adaption jüdischer Tradition in die Gedankenwelt einer jungen christlichen Gemeinde. Die beliebte Adaption „Apokalypse – Ökologische Krise“ dagegen halte ich deswegen für weniger gelungen, weil die entscheidenden Parameter verschieden sind: In der Apokalyptik handelt immer Gott – in der ökologischen Krise doch wohl hoffentlich nicht. Die Apokalyptik ist überraschend und unvorhersehbar – die ökologische Krise ist leider sehr vorhersehbar.

Die Apokalyptik hingegen als Drohmittel gegen ökologische Ignoranten einzusetzen, ist nicht nur unevangelisch, sondern vor allem wirkungslos, weil sie nach dem Motto „dann ist ja eh alles kaputt“ natürlich nicht zu Bewahrung der Schöpfung motiviert.

Und umgekehrt: wer heute ein Streuobstwiesenapfelbäumchen pflanzt, tut es eben meistens nicht gerade deshalb, weil er fest damit rechnet, dass morgen die Welt untergeht.

Also, liebe Freunde der Nachhaltigkeit: Die Apokalyptik, das ist eine ganz andere Baustelle.

Matthäus 25, 14-30

Die naheliegende Brachialanalogie zur „Rückgabe anvertrauter Güter“ wäre der an sich schöne Satz „Wir haben diese Erde von unseren Kindern nur geborgt“. Doch abgesehen davon, dass mancher heute 60-jährige, der diesen Satz vor 20 Jahren noch glauben durfte, sehr ins Zweifeln gekommen ist, ob er die in ökologischen Arbeitskreissitzungen sorgsam bewahrte Erde wirklich jetzt schon seinem in der Pharmaforschung arbeitenden, 5-er BMW fahrenden, bewusst Müll nicht mehr trennenden 30-jährigen Sohn zurückgeben will, geht unser Text von einer hochengagierten Vermehrung und nicht Bewahrung des Anvertrauten aus; ja, das Bewahren steht sogar im Zentrum der Kritik, was eine Übertragung in den Kontext Nachhaltigkeit und Ökologie erschwert. Nach heutigem exegetischen Kenntnisstand geht es um den Einsatz, die Pflege und Vermehrung geistlicher Gaben im Reich Gottes und der Gemeinde. Dies kann und soll natürlich auch in einem nicht nur möglichen, sondern notwendigen Umweltengagement von Christinnen, Christen und Gemeinden geschehen. Bis man als Prediger da angelangt ist, ist man aber zwei bis drei Zwischenschritte von der Pointe des Textes weitergegangen.

Ob die Gemeinde mitgeht, ist die Frage.

Literatur:

E. Käsemann, Ruf der Freiheit; G. Theißen, Religionssoziologie des Urchristentums; E. Troeltsch, Psychologie und Erkenntnistheorie; Reizenstein, Richard: Die hellenistischen Mysterienreligionen, Leipzig: B.G. Teuber, 3. Aufl. 1972 (1910), S. 333-393; J. Assmann, Moses, der Ägypter; R. Bohren, Predigtlehre; G. v. Rad, Theologie des AT; O. Plöger, Apokalyptik

Oliver Albrecht, Niedernhausen

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