Direkt zum Hauptmenü. Direkt zum Untermenü. Direkt zur linken Navigation. Direkt zum Text.

Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

1. Nov. 08 - Allerheiligen 

ev. Reihe VI kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.
 

Offb 7, 2-4.9-14

1 Joh 3, 1-3

Mt 5, 1-12a

Der Verfasser betrachtet alle Tagesperikopen der kath. Leseordnung. Stichworte: vorausschauend Wirtschaften und Regieren, „ohne Schaden zuzufügen“, falsche „Götter“ entlarven (Offb 7); Ausnutzung / Geringschätzung der „Kinder Gottes“, global / lokal (1 Joh 3, Mt 5); der Weg: in Solidarität Gewalt und Haß vermeiden, mit Beschimpfung und Verfolgung rechnen (Mt 5)

Zum biblischen Verständnis von Heiligkeit

„Kadosch“ – in der Bibel das hebräische Wort für „heilig“ - geht auf das Wort „weihen“ zurück, und führt dann zur Bedeutung „abgesondert, abgetrennt“. Was in einer Gesellschaft oder Gemeinschaft als „heilig“ angesehen und dann „geweiht“ wird, gilt als abgetrennt, abgesondert vom Alltag. Das heißt, das Heilige wird zu seinem Schutz und auch zum Schutz vor ihm vom Profanen getrennt. Lateinisch ist das Pro-Fanum gemeint, was räumlich vor dem Heiligtum liegt, vor dem „fanum“, dem Geweihten. Dies setzt nun voraus, dass das Pro-Fane, das vor dem Heiligen liegt, auch als solches angenommen und verstanden wird, sodass das „Ganz Andere“, das Heilige und seine Macht, erlebt werden können.

Laut Bibel können viele Dinge, Gegenstände, geweihte Menschen und Orte „heilig“ sein, aber vor allem wird Gott, Jahwe, als „heilig“ betrachtet. Dies geschieht in besonderer Weise, als sich eine persönliche Religiosität entwickelt und Gott eine Gestalt annimmt, die für Menschen anrufbar wird, die man anbeten kann, die damit aber auch zu Verpflichtungen führt. Der heilige Gott hat Israel aus der knechtenden Sklaverei in Ägypten befreit. Nun fordert dieser Gott eine ihm und der Befreiung entsprechende Heiligkeit seines Volkes und des Einzelnen. Wie dies aussehen soll und kann, ist in der Thora, dem Gesetz Israels festgelegt und insbesondere im sogenannten Heiligkeitsgesetz im Buch Leviticus. Die Heilszusage Gottes an sein Volk wird damit an diese Befreiungsgeschichte geknüpft und alle Rituale sind daran gebunden.

Nicht umsonst steht das Buch Leviticus an besonderer Stelle, nämlich in der Mitte der 5 Bücher Mose, des Pentateuch. Diejenigen, die zuletzt an der Komposition der Bibel arbeiteten, haben durch diese Mittelstellung ausdrücken wollen, dass sich hier die Achse des Glaubens befindet, der Kern, der zu einem würdigen, gott- und menschengerechten Leben führt. Die Thora ist ein Gesetz des Lebens, und im Zentrum steht das klare Nein zum Töten, das vorher schon Abraham durch seine Weigerung, seinen Sohn Isaak zu opfern, lebte.

Wer oder was uns heilig ist, soll uns zum Leben leiten, ein klares Nein zum Töten entlocken, uns aus „Knechtschaft“ und Abhängigkeiten befreien. Auf diese Weise und durch diese Sicht erhalten unsere Liturgien und Rituale sogar einen kritischen Charakter: Unsere Wirklichkeit wird im Raum des Heiligen vor Gott gebracht, abgetrennt vom Profanen wahrgenommen, reflektiert und auf seine Heilszusagen überprüft. Unser religiöses Bedürfnis wird einfühlsam und doch kritisch aufgegriffen, unsere Wirklichkeit nüchtern wahrgenommen und ein Stück weit entzaubert. Die Götzen der Gegenwart können in diesem Raum des Heiligen entlarvt werden, damit wir ihnen nicht verfallen, und dazu mögen uns alle Heiligen beistehen.

Zur ersten Lesung

Zuallererst wird dabei der entlarvt, der für sich den Titel „Sohn Gottes“ und damit Göttlichkeit beanspruchte, nämlich der Kaiser in Rom und seine Macht. Dies macht die Lesung aus der Offenbarung deutlich. Dieses Buch entstammt einer Zeit, da Christen als Minderheit im römischen Reich unter vielfältigen Verfolgungen zu leiden hatten. Daher kann auch keine deutliche Sprache gesprochen werden, sondern in Visionen, die auf Bilder der Propheten zurückgreifen, werden die aktuellen Fakten um Kaiser und Macht verbildert dargestellt und ihre Bekämpfung und Niederlage erhofft. Der Anspruch des Kaisers auf Göttlichkeit wird verneint und die Forderung, ihm zu dienen, zu opfern und in Gottesdiensten zu ehren, wird als Götzendienst entlarvt. Wenn der Kaiser und damit sein gesamter Staat in solcher Weise in Frage gestellt werden, schlagen sie unerbittlich zu und Blut fließt, so geschehen z.B. unter der Verfolgung durch Kaiser Nero.

Das Blut der Ermordeten ist geflossen, so sinnlos wie eh und je. Der Glaube, der sich in der Lesung ausdrückt, setzt alle Hoffnung auf den einen gerechten Gott, der auch Gerechtigkeit schaffen wird – über den Tod hinaus. So wie Gott auch Jesus, dem Gekreuzigten, über den Tod hinaus Gerechtigkeit schuf, wird er auch an anderen handeln. In seiner Nachfolge galt und gilt es, „dem Land, dem Meer und den Bäumen keinen Schaden zuzufügen“ bzw. zu verhindern, dass Schaden zugefügt wird, also dem Heiligkeitsgesetz gemäß dem Leben zu dienen. Doch was tun die heutigen „Kaiser“ mit ihren Staaten und Wirtschaftskonzernen? Und auch heute gilt, wer den Schaden, den diese anrichten, verhindern will, dem wird auch heute noch Schaden zugefügt, der oder die werden oft auch heute zum Märtyrer und zur Märtyrerin, eben zu Zeugen einer anderen Welt.

Zur zweiten Lesung

Als Vertreterinnen und Vertreter dieser Ander-Welt gelten heute besonders die Kinder, die oft von uns Erwachsenen durch ihre Offenheit und ihr Leben im Hier und Jetzt bestaunt werden. Im Gegensatz zu Heute wurden in der griechisch-römischen Welt zur Zeit Jesu Kinder im Allgemeinen eher gering geachtet. Sie galten wenig und ihrer Persönlichkeit wurde kaum Beachtung geschenkt. Sie mussten geformt und gebildet werden. Die Kindheit gilt als unbedeutendes Stadium, als Durchgangsphase auf dem Weg zum Erwachsenen. Folglich waren Kinder als äußerste Form der Verachtung „wegwerfbar“: die Aussetzung von Kindern, vor allem von Kränklichen, Behinderten und häufig auch von Mädchen, war durchaus nicht ungewöhnlich.

Wenn in der Zweiten Lesung aus dem 1 Joh die Rede von den Kindern Gottes ist, dann setzt unsere jüdische Kultur dieser Kinderverachtung im Rahmen des göttlichen Schöpfungsauftrages etwas entgegen: ein Kind ist ein Geschenk Gottes, ein Bote aus einer anderen Welt. Kindesaussetzung war unter Juden unbekannt und widersprach auch dem Tötungsverbot. Als Geschenk waren die Kinder ihren Eltern von Gott anvertraut und sie sollten sie mit der Thora, dem Heiligkeitsgesetz Gottes, vertraut machen. Wir alle als Kinder Gottes sollen uns an diesem Lebensgesetz orientieren und dem Leben dienen. Jesus hat die Thora in diesem Sinne nicht aufgehoben, sondern im Sinne der Liebe neu aufgerichtet und bekräftigt. Wir sind Kinder Gottes, damit wir uns in der Liebe, also in gegenseitiger Solidarität und Hilfe üben.

Zum Evangelium

In logischer Folge spricht dann das heutige Evangelium davon, wie diese Übungen in Solidarität, wie die Wege als Kinder Gottes beschaffen sind. Es sind die Wege, die vorher Jesus von Nazareth und später viele andere in seiner Nachfolge auf ähnliche Weise gegangen sind: niemals Gewalt und niemals Hass. Dabei geht es nicht um einen geschlossenen Personenkreis, wo dies stattfinden soll, sondern die Einsatzbereitschaft betrifft sowohl den einzelnen Menschen wie auch die Gemeinschaft der Menschen – und nicht nur die der eigenen Kirche oder Gemeinde. Die Botschaft Jesu ist universal und befreiend für alle: frei von allen Versklavungen, vom konkreten Hunger und Analphabetismus, von allem Elend, dem wir ausgesetzt sind. Das Ziel universaler Gerechtigkeit vor Augen soll das gegenseitige Erbarmen, die gegenseitig geübte Güte im Miteinander, auf Erden sichtbar werden lassen. So kann dann auch Gottes Erbarmen mit uns aufleuchten. Es werden uns dabei nicht Freude und Glück und Zufriedenheit versprochen, im Gegenteil können wir mit Beschimpfungen und Verfolgungen rechnen – damals wie heute.

Übungen in Solidarität – ein konkretes Beispiel

Und doch gilt: Wer nicht den Mut aufbringt, zugunsten des Armen und Verfolgten seine Stimme zu erheben, der hat auch kein Recht, von Gott zu sprechen.

In diesem Sinn kann jede und jeder von uns mutig für geknechtete Kinder eintreten. Es geht um unsere Grabsteine auf unseren Friedhöfen. Viele davon sind Importe aus Indien, die dort in Steinbrüchen von Kinderhand mit Hammer und Meißel gebrochen werden. Sie sind wegen der billigen Arbeit und der billigen Transportkosten oft um die Hälfte billiger als unsere heimischen Steine. Treten wir für die Kinder ein, fragen wir unsere Steinmetze, wie wir gemeinsam mit ihnen knechtende Kinderarbeit in Indien verhindern können. Es gibt schon Importeure, die in Zusammenarbeit mit Misereor ein Siegel auf Steine vergeben, das sicherstellt, dass keine Kinderarbeit drin ist. Die Kinder in der Steinindustrie in Indien brauchen eine starke Lobby, unsere Lobby, unseren Mut.

Hinsichtlich der Thematik der Grabsteine weiterführend: www.xertifix.de  

Werner Huffer-Kilian, Koblenz

© 2006-2016 Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz