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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

26. Okt. 08 - 30. Sonntag im Jahreskreis / 23. Sonntag nach Trinitatis 

ev. Reihe VI kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.
1 Mose 18, 20-21.22b-33 Ex 22, 20-26 1 Thess 1, 5c-10 Mt 22, 34-40

Der Autor betrachtet den Evangeliumstext der kath. Leseordnung. Stichworte: Nächstenliebe in Bezug auf den fernen Nächsten, kann / muss Umwelthandeln konkret zuzuordnen sein, um Sünde zu sein, Gott als ferner Nächster – Gottesliebe / Schöpfungsliebe

Anmerkungen für eine Predigt über Mt 22,34-40

"Wer sich für die Bewahrung der Schöpfung einsetzt, dem bleibt die bedrückende Erfahrung nicht erspart: Dieselben Menschen, die keinen Apfel von Nachbars Baum pflücken würden, verfeuern und verfahren unersetzbares Öl und Benzin, soviel ihnen das Geld wert ist. Dieselben Leute, die niemandem ein Haar krümmen mögen, vergiften bedenkenlos Luft und Wasser. So fest es in den traditionellen Bezügen verwurzelt ist, nicht zu stehlen und nicht zu töten, so wenig besteht ein persönliches Unrechtsbewußtsein, wo man lebenswichtige Güter der Schöpfung ausraubt, wo man Leben von Menschen und Mitwelt zerstört durch die alltägliche Praxis der technischen Zivilisation." [1]

Das war die Erfahrung vor zwanzig Jahren. Und heute? Wirkt es nicht heute noch ebenso befremdlich, zum Beispiel einen Urlaubsflug in die Karibik als Unrecht, gar als Sünde gegen Gottes Gebot zu bezeichnen? Soll denn Fliegen Sünde sein, nur weil durch den Flugverkehr der Klimawandel beschleunigt wird und weil durch den Klimawandel Menschen ebenso um ihr Eigentum gebracht werden wie durch einen Diebstahl und ebenso ums Leben kommen wie durch einen Totschlag?

Ich denke, wer heute über das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe predigt, tut gut daran, diese Fragen mit zu bedenken. Nicht umsonst gibt es ja längst das Wort vom "fernen Nächsten". Denn anders als in der Zeit des Alten und Neuen Testaments sind wir heute in Beziehungen eingebunden, in denen sich unser alltägliches Verhalten fast unausweichlich auf Menschen weit weg von uns - räumlich und zeitlich - auswirkt, und zwar sehr oft zu ihrem Schaden. Wenn Jesus sagt: "An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten", dann ist ja auch an die vielen "Ausführunganleitungen" zu denken, mit denen diese Gebote für die damaligen Verhältnisse ausgelegt wurden wie z. B. im Bundesbuch Ex 21, 1 - Ex 23, 33, oder an die oft doch sehr konkrete Predigt der Propheten. Müßte heutige Predigt nicht ähnlich konkret sein, und zwar nun im heutigen Kontext?

Freilich sind da prinzipielle Unterschiede. Zur Zeit Jesu waren Täter und Opfer, das Tun und Folgen nah beieinander. Heute besteht da ein großer Abstand.

1. Oft fehlt immer noch das Wissen um den Zusammenhang zwischen dem Verhalten und seinen Folgen.

Um das obige Beispiel aufzugreifen: Trotz aller Medienberichte über den Klimawandel, seine Folgen und seine Ursachen ist noch viel zu wenig bekannt, daß gerade der Flugverkehr die wohl effektivste Form ist, das Klima zu beeinflussen, daß z.B. ein Hin- und Rückflug in die Karibik soviel Klimawirkung hat wie 30.000 km Autofahrt.

2. Es gibt keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Schadensursache und dem Schaden.

Den Hitzesommer 2003 kann man ebenso wenig eindeutig dem Klimawandel zurechnen wie den Hurrikan Katrina, der New Orleans verwüstete. Zudem ist in aller Regel das Verhalten des Einzelnen völlig unproblematisch. Beim Smogalarm wird es deutlich: Erst in entsprechender Konzentration sind Atemgifte schädlich. Und erst die vielen Millionen Tonnen von Treibhausgasen, die in den letzten Jahrzehnten von Menschen in die Erdatmosphäre geschickt wurden, haben zum Klimawandel geführt.

3. Es fehlt die persönliche Betroffenheit durch den angerichteten Schaden.

Wer alkoholisiert einen schweren Unfall verursacht, sieht die durch seine Schuld Verletzten. Er ist persönlich betroffen und wird sich darum schuldig fühlen. Aber wer sieht schon den Menschen, der vielleicht durch Rußpartikel von seiner Autofahrt krebskrank geworden ist? Warum sollte sich schuldig fühlen, wer völlig korrekt und unfallfrei in einer Stadt Auto fährt?

4. Oft fehlt ein gesamtgesellschaftliches Unrechtsbewußtsein.

Mit einem spritschluckenden Porsche Cayenne erregt man Bewunderung, mit einem - auch nicht billigen - 3-Liter VW-Lupo wohl kaum. Und wer Freunden Bilder vom letzten Urlaub in der Karibik zeigt, weckt allenfalls Neid, aber doch kaum den - unausgesprochenen - Vorwurf: Wie konntest Du das tut? Wie konntest Du dorthin fliegen?

Entsprechend wird umweltschädigendes Verhalten nur in Ausnahmefällen vom Gesetzgeber verboten: Giftige Chemikalien dürfen nicht mehr in den Ausguß gekippt werden. Aber kein Gesetz fragt danach, ob ich meinen Fernseher im Standby-Betrieb laufen lasse oder ausschalte.

Schließlich das vielleicht Wichtigste:

5. Was da Mitwelt und Mitmenschen bedroht, ist aus der technischen Zivilisation nicht mehr wegzudenken, ja ist heute großenteils unverzichtbar.

Es heißt: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" - nicht "statt deiner selbst" oder gar "gegen dich selbst". Freilich zieht Jesus in der Bergpredigt für das "wie dich selbst" deutliche Grenzen. Trotzdem muß man bei vielem, was möglicherweise andere schädigt, auch an sich selbst denken, kann darauf nur zum eigenen Schaden verzichten. Es gibt meistens keine konfliktfreie Zone zwischen den eigenen Lebensinteressen und denen des fernen Nächsten, sondern nur den Kompromiß zwischen beiden. Und es gibt auch keine eindeutige Grenzlinie für diesen Kompromiß: Bis hierhin ist das Tun recht und von hier ab ist es Sünde.

Trotz all dieser Unterschiede zwischen damals und heute sollte, so meine ich, das Gebot der Nächstenliebe auch auf unser Leben in der technischen Zivilisation mit seinen umweltbedingten Folgen für den fernen Nächsten hin ausgelegt werden, und zwar unmißverständlich, ebenso deutlich, wie es auf den nahen Nächsten hin seit eh und je ausgelegt wird. Man wird wohl nur selten eindeutig sagen können: Dieses und jenes ist Sünde, sondern nur: Dieses und jenes kann Sünde sein, ist nicht irrelevant für unser Verhältnis zu Gott im Leben vor ihm. Aber dieses Bewußtsein zu wecken, insofern auch den Hörer anzufragen und (heilsam) zu beunruhigen, sehe ich als wichtige Aufgabe unter Christen.

Nun war bisher immer nur das Gebot der Nächstenliebe im Blick und auch nur die Auswirkungen unseres Tuns auf andere Menschen. Müßte "nachhaltig predigen" nicht auch das Gebot der Gottesliebe einbeziehen und auch die Auswirkungen auf die gesamte Schöpfung?

Beim Gebot der Gottesliebe bezieht Jesus sich auf Dtn 6,4-5. Der erste Satz ist wichtig: "Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig." Gottesliebe meint also zuerst Jahwes Einzigkeit ähnlich wie im 1. Gebot des Dekalogs: "Du sollst neben mir keine anderen Götter haben." (Dtn 5,7). Trotzdem gehört, denke ich, zur Gottesliebe auch die Achtung vor und die Dankbarkeit für seine Schöpfung. Die Schöpfungsgeschichte Gn 2, 4bff zeigt, wie Israel staunte über die liebende Fürsorge Gottes, die ihm in der Schöpfung begegnete.

Kann es da für Christen irrelevant sein, ob und wie sie an der Veränderung dieser Schöpfung beteiligt sind? Gewiß hat es im Lauf der Erdgeschichte noch viel massivere ökologische Umbrüche gegeben, als wir sie heute durch Menschen verursacht erleben. Trotzdem konkretisiert sich in unserem Umgang mit der Schöpfung und ihren Folgen auch unsere Liebe zu Gott. Es ist deshalb nicht gut, daß die Kirchen, wo sie sich heute aus Geldmangel auf ihre Kernaufgaben zurückziehen, das Thema zunehmend streichen. In dem Dreiklang des ökumenischen Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ist die Bewahrung der Schöpfung nicht ein Adiaphoron, das man in leichten Zeiten aufgreifen und in schwierigen Zeiten wieder fallen lassen könnte. Vielleicht ist die Predigt über das Gebot der Gottesliebe ein Ort, um dafür den Blick zu schärfen.

Dr. Ulrich Denkhaus

[1] zitiert aus "Abstand und Nähe - vom Grundproblem der Mitweltethik", FORUM Kirche, Energie, Umwelt Nr. 28, ed. Amt für Sozialethik und Sozialpolitik der Ev. Kirche im Rheinland, Juni 1989

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