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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

19. Okt. 08 - 29. Sonntag im Jahreskreis / 22. Sonntag nach Trinitatis  

ev. Reihe VI kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.
1 Joh 2, (7-11) 12-17 Jes 45, 1.4-6 1 Thess 1, 1-5b Mt 22, 15-21

Der Autor betrachtet den Text der ev. Reihe VI und den ersten Lesungstext und das Evangelium der kath. Leseordnung. Stichworte: wieviel ist genug – Umgang mit Selbstbegrenzung, auch: Voyeurismus, alles mitbekommen wollen, nicht nur materiell (1 Joh 2); welcher Mächte und Kräfte sich Gott heute bedient, ist irrelevant (Jes 45); Menschenwürde, Menschenrechte, Gleichberechtigung, Chancengleichheit, Teilhabe, Subsidiarität, Solidarität, Frieden, Gerechtigkeit, Entschuldung – gib Gott, was Gott gehört (Mt 22)

Ev. Predigttext Reihe VI: 1 Joh 2, (7-11) 12-17

Exegetische Hinweise

Die Johannesbriefe sind wohl gegen Ende des ersten Jahrhunderts entstanden. Sie richten sich, anders als die Paulus-Briefe, an keine konkrete Gemeinde. Der Verfasser rechnet sich einer Gruppe von „Lehrern“ zu, die sich besonders im Einsatz gegen Irrlehrer, „Antichristen“ abmühen. Sprache und Stil erinnern an das Johannesevangelium. Das große Thema ist die „Liebe als Konkretisierung“ aller christlichen Glaubenslehre.

Als antiker Text ist er natürlich für jede moderne „Gender-Thematik“ provokativ, da er immer nur den männlichen Teil der Menschheit im Blick hat, was in unserem Doppelabschnitt, der im zweiten Teil differenzierend auf Generationen abhebt, konsequent durchgehalten wird. Im kirchlichen Sprachgebrauch hat es sich ja inzwischen eingebürgert, den weiblichen Teil nicht nur mitzudenken, sondern auch in die Texte mit hinein zu formulieren, was ich im vorliegenden Fall allerdings für schwierig halte. So wird man kaum umhin kommen, den Text zu verlesen wie er ist, um dann aber in der Auslegung deutlich auf die Geschlechterfrage einzugehen.

Die Aussage über die Liebe als fundamentalem Gebot (im ersten Abschnitt) ist klar und deutlich, sprachlich schön gefasst in der Metaphorik von Licht und Dunkel. Ein besonderer Akzent liegt – wie eigentlich immer bei Textstellen zum christlichen Ethos - auf der notwendigen Übereinstimmung von Wort und Tat, Theorie und Praxis. Das ist zwar bekannt, aber darum bis heute immer wieder nicht weniger aktuell, nicht nur im Blick auf „Politik und Politiker“… Bezüglich der Metaphorik von Licht und Finsternis ist es ein spannendes sprachliches Detail, dass die Finsternis denjenigen, der seinen Bruder hasst, „verblendet“ hat. Nur das Licht kann „blenden“, verblenden kann auch die Dunkelheit.

Der zweite Abschnitt formuliert ein weiteres Mal das besonders von Paulus ausgestaltete biblische Motiv der „Absage an die Welt“. Auffällig ist die Eindringlichkeit, mit der der Verfasser die drei Generationen „Väter, junge Männer und Kinder“ beschwört: „Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist!“ Da mögen wir uns vielleicht doch die stärkere und klarere Sprache des Paulus wünschen, denn das liebzuhaben, was in der Welt ist, nämlich die geschaffene Natur und den Mitmenschen, das erscheint doch gerade als die besondere Absicht des Johannesbriefverfassers. Was er tatsächlich ablehnt, skizziert er nur knapp: „Fleisches Lust, der Augen Lust und hoffärtiges Leben“. Mit „Hoffart“ ist wohl all das gemeint, was wir unter Hochmut, Eitelkeit, Größenwahn, Selbstüberschätzung etc. verstehen. Bei „Fleisches und der Augen Lust“ sind wir Neuzeitler geneigt, zwischen achtungsvollem, personalem, verantwortlichem Umgang mit Sexualität, Sinnlichkeit, Erotik etc. und einem Mensch und Tier zum „Lustobjekt“ degradierenden Missbrauch zu unterscheiden. Diese „Sünden“ zu konkretisieren, ohne allzu moralinsauer den Zeigefinger zu schwingen, darin liegt die Herausforderung für jede/n, die/der über diesen Text zu predigen beabsichtigt.

Nachhaltigkeitsaspekte

Und gerade für diese Konkretisierungen bieten sich Themen der Nachhaltigkeitsdebatte an. Neben der Grundfrage nach Möglichkeiten „asketischen Umgangs“ mit der Welt und ihren Ressourcen (Wie viel ist genug? Und: Ist weniger nicht mehr?), neben Themen einer „neuen Bescheidenheit“ und von Vielem erlösender „Selbstbegrenzung“ und bekannten Fasteninitiativen, neben der so bekannten wie bleibend schwierigen Herausforderung, mit Sexualität, Sinnlichkeit und Erotik verantwortlich und personal und nicht lustobjekthaft-missbräuchlich umzugehen, richtet sich mein besonderes Augenmerk auf die so sonst in der Bibel nicht vorkommende Formel von „der Augen Lust“. Natürlich sagt schon die Bergpredigt: „Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“ (Mt 5, 28). Die offenere Formel von „der Augen Lust“ zielt für mich aber gegen unseren gesamten gesellschaftlichen „Voyeurismus“. Die Diskussion um die „Papparazzi“ und ihren Enthüllungsjournalismus fällt mir ein. Die „Katastrophenlust“ glotzender Unfallbegaffer. Die Frage, welche Bilder und Darstellungen von Gewalt wir „Vätern, jungen Männern und Kindern“ unkontrolliert und unbegleitet ermöglichen? Die werbestrategisch gezüchtete und bereits fast zwanghafte Lust, zunächst mit den Augen, dann aber auch mit dem Geldbeutel den Modediktaten einer ausschließlich an Profitinteressen ausgerichteten Konsumgüterindustrie zu folgen, wo das Konsumieren zum Selbstzweck wird. Die unverbindliche Lust, in Talkshows oder anderen „Formaten“ Leuten zuzuschauen, die sich mit diesem oder jenem „Intimstriptease outen“. Die Lust, alles mitzubekommen und sich doch gleichzeitig persönlich rauszuhalten, nur nicht Position beziehen, nicht sich einmischen, nicht helfen. Ich bin nicht grundsätzlich gegen „virtuelle Realitäten“, aber mich beunruhigen Trends, in denen Menschen sich – gerade auch im Gebrauch von Fernsehen, Computer und Internet - zum distanzierten Zuschauer des Weltgeschehens machen. Die „echte Realität“ vermag solchen Menschen dann oft kaum noch genügend Reize zur aktiven Teilname zu bieten. In diesen Zusammenhängen mögen Ihnen weitere Themen und Stichworte einfallen…

Kath. 1. Lesung: Jes 45, 1.4-6

Exegetischer Hinweis

Dieser schöne Text, in dem Gott einem Auserwählten auf sehr außergewöhnliche Weise seine Nähe und Kraft zusagt, richtet sich nur indirekt an sein Volk Israel. Dieses durchlebt die Jahre des babylonischen Exils. Insgesamt keine so schlechte Zeit, wie man sich „Gefangenschaft“ vorstellt. Es geht dem Teil des Volkes, der hierher exiliert wurde, so gut, dass sie beginnen, babylonische Gottheiten zu verehren und ihres anspruchvollen Jahwe-Gottes überdrüssig werden. Höchste Zeit für diesen einzugreifen. Er „erweckt“ den Perserkönig Kyros, schenkt ihm Macht und Erfolg, auf dass er das Volk Israel wieder heimwärts ziehen lasse.

Predigtidee und Nachhaltigkeitsaspekt

Damit der fremde König Gott erkenne, spielt Jahwe ihm „verborgene Schätze und Reichtümer, die im Dunkel sind“ in die Hände. Ist das eine Art „himmlischer Bestechung“, Tauschhandel zum Freikaufen der Geiseln und Gefangenen, wie wir das aus despotischen politischen Verhältnissen aller Zeiten kennen? Gott spielt dem fremden König Macht zu, zugunsten seines Volkes. „Ich bin der Herr und sonst niemand; außer mir gibt es keinen Gott. Ich habe dir den Gürtel angelegt ohne dass du mich kanntest.“ (Jes 45, 5) Mir ist nicht bekannt, dass Kyros sich zu Jahwe bekehrt habe. Darum scheint es auch nicht zu gehen. Wichtig ist die Deutung und Interpretation, dass das Volk Israel im Wirken des Kyros ihren eigenen einzigen Gott Jahwe am Werk sieht und sich ihm wieder zuwendet.

Ist der Gedanke für uns Christen des 21. Jahrhunderts nachvollziehbar, dass Gott sich fremder Kräfte, Mächte und Personen bedient, die er ermächtigt, damit sein Volk daraus einen Vorteil habe, etwas lerne etc.? Uns wird solches Denken fremd erscheinen.

Bedient sich Gott am Ende der politischen und natürlichen Katastrophen? Welche fremden Mächte macht er wo und wie stark zum Nutzen seines Volkes?

Nein. Ich rate ab, sich hier auf Deutehypothesen einzulassen. Zu gefährlich sind zu allen Zeiten die Versuche, weltliche Macht göttlich zu legitimieren. Das galt schon immer, ist aber bleibend aktuell. Dabei müssen wir nicht nur auf unheilvolle Verquickungen von Politik und Glaube in anderen Religionen schauen. Auch in westlichen Systemen mit mehr oder weniger christlicher Kultur wollen wir keine politischen Auseinandersetzungen mehr „im Namen Gottes“ geführt sehen und was „Gods own country“ ist, muss heute um Gott und der Menschen willen eine offene Frage bleiben.

Darin bekräftigt mich auch meine Sicht des heutigen Evangeliums…

Kath. Evangelium: Mt 22, 15-21

Exegetischer Hinweis

Die Frage nach der kaiserlichen Steuer zeigt einen Jesus, der auch auf an Satire grenzende „Humormethoden“ zurückgreifen kann, wiewohl Hintergrund und Thematik nicht zum Lachen sind. So gerät dieser Text zum Lehrbeispiel über zwei Themen. Die Pharisäer wollen ihm eine Falle stellen, bezüglich des belasteten Verhältnisses zwischen frommen Judentum und seinen religiös begründeten Regeln einerseits (dem Kaiser Steuern zu zahlen kam einer Anerkenntnis seines gottgleichen Status nahe) und der notwendig gedeihlichen Zusammenarbeit mit der fremden römischen Besatzungsmacht andererseits, die das Recht und vor allem die Macht hatte, von den Untergebenen Gelder zu fordern. Für Jesus eine „Zwickmühle“. Was er auch antworten würde, er macht sich angreifbar, entweder jüdisch-religiös oder aber gegenüber der fremden Besatzungsmacht. Köstlich, mit welchem humorvollen Kunstgriff sich Jesus dieser Zwickmühle „politischen Intrigenspiels“ entzieht… Als zweites Thema zeigt sich die Grundfrage nach dem Verhältnis von Religion und Politik, von Kirche und Staat.

Predigtidee und Nachhaltigkeitsaspekt

„Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und gebt Gott, was Gott gehört!“ Es ist nicht leicht, mit Hilfe dieses Satzes das Verhältnis von Religion und Politik, Staat und Kirche stimmig zu beschreiben. Ähnlich wie bei der Frage nach der politischen Umsetzbarkeit der Bergpredigt sehe ich keine Antwort als biblisch-exegetisch eindeutig klärbar. Weit über die Steuerfrage hinaus, interpretiere ich persönlich jedoch den ersten Teil der Kaiser-Gott-Formel durchaus als christliche Ermutigung zu politischem Engagement: Gib dem Staatswesen die Aufmerksamkeit, die es braucht, um gemeinwohlorientiert funktionieren zu können. Gib ihm deine Stimme, entziehe dich nicht den Wahlen. Lass dich wählen. Gib ihm von deiner Zeit und deiner Kraft. Engagiere dich politisch. Bilde dir politische Meinungen. Bringe diese ein. Gib dem Staat, was dem Staat gehört. Und wenn es Widerspruch und Widerstand ist. Die zwar vielleicht verständliche „Politverdrossenheit“ breiter Bevölkerungsschichten unter Einschluss der Christen und ihrer Gemeinden halte ich für einen sündhaften Verstoß gegen diesen Teil der Formel „Gib dem Kaiser, was dem Kaiser gehört!“

Mindestens so spannend finde ich aber auch den anderen Teil: „Gib Gott, was Gott gehört!“ Jesus spielte ja auf das Kaiserbildnis an, das die Steuermünzen zierte. Wenn wir in der Tradition biblischer Bilder sagen, dass der Mensch das Ebenbild Gottes sei, sein „Gesicht“ also irgendwie das Antlitz Gottes wiederstrahle, dann liegt darin die Aufforderung, dass wir Menschen uns Gott übergeben. Und dass wir alle Menschen nah und fern, religiös und politisch in der Würde der „Kinder Gottes“ als seine Ebenbilder behandeln. Es geht mit diesem Teil der Kaiser-Gott-Formel also um Menschenwürde, Menschenrechte, Gleichberechtigung, Chancengleichheit, Teilhabe, Subsidiarität, Solidarität, Frieden, Gerechtigkeit, Entschuldung und wie die Nachhaltigkeitsstichworte noch alle heißen mögen. In der zwar vielleicht verständlichen „Menschlichkeitsverdrossenheit“ (vgl. gängige Parolen wie „Du musst ein Schwein sein!“ und „Geiz ist geil!“ etc.) sehe ich einen sündhaften Verstoß gegen diesen Teil der Formel „Gib Gott, was Gott gehört.“

Stefan Herok, Limburg

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