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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

5. Okt. 08 - 27. Sonntag im Jahreskreis / 20. Sonntag nach Trinitatis

ev. Reihe VI kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.
2 Kor 3, 3-9 Jes 5, 1-7 Phil 4, 6-9 Mt 21, 33-44

Der Autor betrachtet alle Bibelstellen des Tages. Die Predigtskizze verbindet alle Perikopen. Stichworte: Wirtschaftswachstum gegen ökologische Vernunft, soziale Gerechtigkeit, globale Lebens- und Beziehungswelten, eigentlich wissen wir, was falsch läuft

Exegetische Anmerkungen zu den Bibelstellen

Jes 5, 1-7:

Unübersehbar sind die Parallelen zwischen der Perikope aus dem Buch Jesaja und dem Text aus dem Matthäusevangelium. Der Weinberg als Bild für Gottes Liebe zu den Menschen steht jeweils im Mittelpunkt, und doch gibt es eine deutliche Akzentverschiebung zwischen den beiden Texten.

Das so genannte „Weinberglied“ des Jesaja erzählt in den ersten beiden Versen vom Freund des Propheten, der einen Weinberg erwirbt, ausbaut und auf einen guten Ertrag hofft. Die Verse 3 und 4 berichten von der enttäuschten Hoffnung des Besitzers. Dann folgt bis Vers 6 die Drohung, was er mit diesem Weinberg zu tun gedenkt. Der Vers 7 wechselt wieder zum Propheten und was als hoffnungsfrohes Liebeslied begonnen hat, endet als Gerichtsspruch über das Haus Israel. Gott als Besitzer des Weinberges hofft, dass seine Liebe zu seinem auserwählten Volk Israel Früchte trägt, doch seine Liebe findet keinen Widerhall. Sein verständlicher Zorn ist jedoch nicht die eigentliche, die fürchterliche Strafe, sondern die sauren Beeren, die sein Volk hervorgebracht hat. Sie entfalten ihre Wirksamkeit nicht nur in der Beziehung zu Gott, sondern im Schreien des Rechtlosen, das das Volk im innersten Mark trifft und entzweit.

Der Text gehört wohl in die Zeit des syrisch-ephraimitischen Krieges (735/34) und die angekündigte Zerstörung könnte ihre geschichtliche Parallele in der syrischen Eroberung Samarias (722) gefunden haben.

Mt 21, 33-43:

Der Evangelist Matthäus erzählt seinen Text in deutlicher Anlehnung an das Weinberglied des Jesaja. Auch hier liegt dem Besitzer alles daran, seinen Weinberg gut zu bestellen. Doch die Bearbeitung überträgt er Pächtern und der Weinberg bringt wohl reichen und guten Ertrag. Vers 34 bringt die Wende. Die Pächter zahlen nicht und die Knechte, die zweimal in Gruppen ausgesandt werden, haben keinen Erfolg und werden sogar teilweise ermordet. Doch der Gutsbesitzer glaubt noch immer, die Pächter überzeugen zu können und nimmt damit die Tötung seines Sohnes in Kauf. In Vers 40 werden nun die Zuhörer mit einbezogen und geben die zu erwartende Antwort und gleich der Jesajaperikope endet auch diese Parabel mit einem Gerichtswort, dass aber in Vers 43 durch eine Heilszusage ins Positive gewendet wird.

Ganz eindeutig werden hier die Hohenpriester und Ältesten angesprochen, die als religiöse Führer des Gottesvolkes ihre Beziehung zu Gott zerstören und weder auf die Knechte, d.h. die Propheten noch auf den Sohn, also Jesus hören. Im Gegensatz zu Jesaja ist also der Weinberg ertragsreich, doch die Hohenpriester und Ältesten wollen sich Gottes Eigentum aneignen. Die weitere Deutung durchbricht jedoch die Logik der Parabel, die von den Zuhörern in Vers 41 zu Ende gebracht wird, und erweitert sie. Vers 43 ist der Zugang, der deutlich werden lässt, dass nicht die Zerstörung Jerusalems und die Tötung der religiösen Führer das Ziel Gottes Gerichts ist, sondern ein neues Gottesvolk, dem das Reich Gottes zugesagt wird. Christus als Fundament eines neuen Gottesvolkes und als Eckstein, an dem sich die Geister scheiden werden.

Phil 4, 6-9

Wie fügen sich nun in diese dichte theologische Komposition die anderen beiden Texte, die für diesen Sonntag vorgesehen sind? Der Philipperbrief klingt wie eine tröstliche Entlastung. Wer sich angesichts der Gerichtsworte fragt, wie nun unsere Früchte, die wir der Weinberg des Herrn sind, aussehen sollen, findet bei Paulus einen Tugendkatalog der Alltägliches und Selbstverständliches aufzählt. Tugenden also, die jeder in seinem Herzen als gut erkennt. Sie erwachsen aus der „inneren“ Bildung, durch das Gebet und aus dem Handeln, in dem den menschlichen Verstand übersteigenden Frieden Gottes. Diese Tugenden, verbunden mit dem Zuruf „Sorgt euch um nichts“ und dem Zuspruch „Gott …wird mit euch sein“ sind eine notwendige Ergänzung zu den Weinbergparabeln.

2 Kor 3, 3-9

Der Text aus dem zweiten Korintherbrief kann sich, ähnlich wie der Philipperbrief, in den Kontext der Jesaja- und Matthäusperikope einpassen. Wir sind ein Empfehlungsschreiben Jesu Christi. Gottes Gebote sind uns nicht wie am Sinai auf steinernen Tafeln übergeben, sondern durch Christus in unser Herz geschrieben. Dadurch werden wir zu Gottes Volk, dem das Reich Gottes verheißen ist. Gott befähigt uns und darauf dürfen wir vertrauen, dass wir nicht den Buchstaben, sondern dem Geist seiner Gebote folgen sollen. In diesem Sinne wird unser Leben und selbst verantwortetes Handeln zum Empfehlungsschreiben gegenüber unseren Mitmenschen und bei Gott.

Bei dieser Zusammenstellung der exegetischen Anmerkungen wird deutlich, dass sich die folgenden Überlegungen zum Predigtgeschehen stark auf die Weinbergparabel, vor allem des Matthäusevangeliums stützten wird. Dennoch sind die Texte der Paulusbriefe in diesem Kontext nicht gering zu achten, da sie m.E. eine notwendige Ergänzung zu der „Wucht“ der Weinbergerzählungen darstellen.

Schmücke dich, o liebe Seele,
lass die dunkle Sündenhöhle,
komm ans helle Licht gegangen,
fange herrlich an zu prangen;
denn der Herr voll Heil und Gnaden
lässt dich itzt zu Gaste laden.
Der den Himmel kann verwalten,
will selbst Herberg in dir halten.

J.S. Bach, Schmücke dich, o liebe Seele (Coro)
Bachkantate zum 20. Sonntag nach Trinitatis

Predigtskizze:

Die an sich schon reiche Deutung des Weinberggleichnisses bei Jesaja, wie auch bei Matthäus im Kontext Gottes Handeln an seinem auserwählten Volk bzw. an uns als seinem Volk, lässt m.E. dennoch einen Blick über die Bildsprache des Weinberges hinaus zu. Besonders die großzügige Ausstattung des Weinberges im Matthäusevangelium kann Assoziationen zur Situation unserer hoch industrialisierten westlichen Welt wecken. Ausgestattet mit allem was das Leben erleichtert, leben wir in der Erwartung, dass alles, was wir denken können, auch realisierbar ist. Wir gebärden uns als Macher und Schöpfer neuer Dinge und vergessen dabei, dass wir nur Pächter dieser Erde sind. Wir leben auf dieser Erde und von dieser Erde und die Erträge, die wir erwirtschaften, müssen uns und den künftigen Generationen zum Leben dienen. - Leben meint in diesem Zusammenhang nicht nur die Existenz an sich, sondern einen Lebensraum, der Menschen Sinn und Zukunft eröffnet, der offen ist auf Gemeinschaft und ein gerechtes Miteinander.

An dieser Stelle zeigt sich dann ein anderer Blick auf unsere so reich ausgestattete Welt. Unser sorgloser Umgang mit Luft, Wasser und Boden, der Verbrauch der Rohstoffe, die Zerstörung der Natur, wecken eher Assoziationen an das Ödland im Weinberglied des Jesaja. Unser Umgang mit der Erde und ihren Schätzen hat seine Parallele im Umgang untereinander. Sorglos lassen wir Land versteppen und die dortigen Menschen verdursten, verbraucht ein Teil der Menschheit wertvolle Rohstoffe, während anderen nicht nur der Brennstoff für eine warme Mahlzeit fehlt. Wieviele hoffen auf Gerechtigkeit – auch ökologische Gerechtigkeit „- doch siehe da: der Rechtlose schreit.“ (Jes 5, 7b) Unsere Welt ist an einem Wendepunkt, an dem sich die Möglichkeiten des menschlichen Machens erschöpfen. Wir brauchen keinen Gott, der uns ein böses Ende bereitet, wie bei Matthäus im Vers 41 die Zuhörer formulieren. Das können wir alleine. Wir brauchen den Gegenentwurf der Verse 42 f. Die Annahme des Ecksteins Jesus Christus muss die Grundlage unseres Umganges mit dieser Welt sein bzw. werden. Wenn wir uns nicht als Herren, sondern als Pächter verstehen, ist der reiche Ertrag, also eines Lebensraumes mit Sinn und Zukunft, unser Ziel. Unsere Existenz ist ein Brief Christi, (2 Kor 3, 3) der sich durch unser Handeln schreibt. So ist unser Tun kein Selbstzweck, unser Schaffen und Arbeiten beschränkt sich nicht auf Gegenstände und Dinge, sondern muss seine Notwendigkeit am Mitmenschen messen. Das gilt für den Umgang mit unserer Lebenswelt Natur, genauso wie für unsere Lebenswelt Arbeit und gilt für die Beziehungswelten in denen wir leben. Können wir sorglos mit unseren Rohstoffen umgehen, ohne wenigstens eine tragfähige Vision für künftige Generationen zu entwickeln? Können Firmen ihre Gewinne steigern und dennoch Menschen entlassen? Können wir Nahrung in Massen vernichten, nur weil der Hungernde für uns keinen Namen hat?

Wir können das Reich Gottes auf Erden nicht schaffen, auch wenn wir uns als Gottes Volk verstehen dürfen. Jedoch Gottes Weinberg, seine Schöpfung, hegen und pflegen und auf seinen Ertrag achten, ist nicht allein unsere Pflicht, sondern eine Notwendigkeit. So wirken wir mit am Frieden Gottes (Phil 4, 7), der soziale Gerechtigkeit und ökologisches Handeln voraussetzt und der auch dann noch unser Verstehen übersteigt.

Jesus wahres Brot des Lebens,
hilf, dass ich doch nicht vergebens
oder mir vielleicht zum Schaden
sei zu deinem Tisch geladen.
Lass mich durch dies Seelenessen
deine Liebe recht ermessen,
dass ich auch, wie itzt auf Erden,
mög ein Gast im Himmel werden.

J.S. Bach, Schmücke dich, o liebe Seele (Choral)

Ökologische Anmerkung:

Der Zusammenhang von sozialer Gerechtigkeit und ökologischem Handeln wird in der Wissenschaft immer deutlicher diskutiert. Das gilt für große weltumspannende Zusammenhänge, wie Armut und schonungsloser Umgang mit der Natur (z.B. Brandrodung im Regenwald), das gilt für aufstrebende Volkswirtschaften, die um jeden Preis den Anschluss an die umsatzstarken Industrienationen erreichen wollen (z.B. Indien und sein Energieverbrauch) und das gilt auch für kleine binnenstaatliche Strukturen (z.B. westliche Autoindostrie, Benzinverbrauch und das technisch Mögliche). So stellt z.B. auch das 1988 gegründete Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) ganz deutlich einen gegenläufigen Zusammenhang zwischen ungebremsten Wirtschaftswachstum und der Bereitschaft, ökologische Belange und den Gedanken der Nachhaltigkeit zu berücksichtigen, fest.

Literatur:

Joachim Gnilka, Der Philipperbrief

Joachim Gnilka, Das Matthäusevangelium

Willem A. M. Beuken, Jesaja 1-12

Hans-Josef Klauck, 2. Korintherbrief

Zum Thema Soziale Gerechtigkeit und ökologisches Handeln

Egon Becker, Thomas Jahn, Umrisse einer kritischen Theorie gesellschaftlicher Naturverhältnisse.

http://www.sozial-oekologische-forschung.org    

http://www.isoe.de  

Kontext:

Eine Handvoll Erde

(Text: Reinhard Becker, Musik: Detlev Jöcker, aus Liederspielheft und MC „Heut ist ein Tag, an dem ich singen kann“. Zu finden auch im KJF Songbuch 3, Seite 16)

1. Mit der Erde kannst du spielen, spielen wie der Wind im Sand,
und du baust in deinen Träumen dir ein buntes Träumeland.
Mit der Erde kannst du bauen, bauen dir ein schönes Haus,
doch du solltest nie vergessen: Einmal ziehst du wieder aus.

Refr.

Eine Handvoll Erde schau sie dir an.
Gott sprach einst: Es werde!
denke daran.

2. Auf der Erde kannst du stehen, stehen, weil der Grund dich hält
und so bietet dir die Erde einen Standpunkt in der Welt.
In der Erde kannst du pflanzen, pflanzen einen Hoffnungsbaum,
und er schenkt dir viele Jahre einen bunten Blütenbaum. – Refr.

3. Auf der Erde darfst du leben, leben ganz und jetzt und hier
und du kannst das Leben lieben, denn der Schöpfer schenkt es dir.
Unsere Erde zu bewahren, zu bewahren das, was lebt,
hat Gott dir und mir geboten, weil er seine Erde liebt. – Refr.

Das Land und seine Besitzer (Kurt Marti, Geduld und Revolte. Die Gedichte am Rand. Radius Verlag 1984)
die besitzer
die das land besitzen
sitzen und brüten
eier des aufruhrs
eier des zorns

und aus den eiern
schlüpfen neue besitzer
die das land
das nicht ihnen gehört
besitzen bebrüten

bis die besitzer
nicht mehr bebrüten
und die bebrüter
nicht mehr besitzen

bis das land
den sanftmütigen zufällt
für immer

Die große Wut im Bauch

(Aus: Dorothee Sölle. Erinnert euch an den Regenbogen. Texte, die den Himmel auf Erden suchen. Herder Spektrum, Freiburg 1999)

Einer besitzt ein Haus und lässt es leer stehen, daneben wohnen sie zu acht Personen in drei winzigen Zimmern. Irgendetwas läuft ganz falsch, und wir wissen ganz genau: Das ist gemein! Das soll nicht sein! Ein Mensch ist nicht dazu da, von anderen verprügelt und gedemütigt, betrogen und ausgenutzt, belogen und verhöhnt zu werden.

Diese Wut im Bauch, hat das etwas mit Gott zu tun? In jedem Menschen steckt ein Bedürfnis nach Gerechtigkeit, ein Gefühl für Gerechtigkeit und ein Wissen davon, was ungerecht und unerträglich ist. Ohne Gerechtigkeit können Menschen nicht leben. Es ist natürlich, wenn wir uns gegen Unrecht empören. Viele Bauern und Arbeiter in der Dritten Welt kämpfen lieber und opfern oft sogar das bisschen, was sie an Besitz haben, für das, was sie als gerecht empfinden.

Wenn wir über Gott sprechen wollen, müssen wir erst mal etwas von der Gerechtigkeit wissen. Erstmal die Wut im Bauch kennenlernen und den Zorn darüber, dass wir zu klein, zu schwach und vor allem zu wenige waren, um das, was da vor unseren Augen und in vielen Formen geschieht, zu verhindern. Dass so etwas möglich ist! Die meisten Kinder kennen diese Wut, aber sie kommt ihnen im Laufe des Lebens oft abhanden, sie stumpfen ab. Erwachsenwerden heißt dann, den Sinn für Gerechtigkeit in sich ausrotten. Wenn ihr genau in euch hineinhört, werdet ihr diesen Sinn entdecken. Dann werdet ihr wissen: So kann es nicht weitergehen! Einmal muss das aufhören! Ihr entdeckt dann in euch selber eine Kraft, die Nein zur Ungerechtigkeit sagt und das Leben beschützen will. Das kann das Leben eurer Großmutter, einer ausländischen Nachbarfamilie oder auch das eines kleinen Tieres sein, das ihr beschützen wollt. Diese Kraft, für das Leben einzutreten, diese Liebe zur Gerechtigkeit, kommt von Gott. Gott kennen, bedeutet, das Gerechte zu tun.

Paul Nowicki, Speyer

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