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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

28. Sep. 08 - 26. Sonntag im Jahreskreis / 19. Sonntag nach Trinitatis

ev. Reihe VI kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.
2 Mose 34, 4-10 Ez 18, 25-28 Phil 2, 1-11 Mt 21, 28-32

Der Verfasser betrachtet alle genannten Bibelstellen. Stichworte: Abbau sozialer und ökologischer Standards, Selbstbedienung und Kommerzialisierung, Amerikanismen, Überwindung der resignative Bequemlichkeit (2 Mose 34); Beispiel sein – Kinder fördern, Häuser dämmen, Sonnenenergie nutzen, Gesetze formulieren (Ez 18); nicht nötigen, sondern durch das gute Beispiel wirken (Phil 2); ethische´Fonds, umweltbewußte Unternehmen als Vorbilder (Mt 21)

Predigttext (evang.) Ex 34, 4 - 10

1. Exegetische Beobachtungen:

Es handelt sich um ein Traditionsstück spät - deuteronomistischer Theologie, aus dem die Konfliktsituation jahwistischer Kreise mit den Königen der Omridendynastie (Omri, Ahab, Isebel) ersichtlich ist: In Dan und Bethel waren Stierbilder aufgestellt worden. Dagegen wendet man sich unter Rückgriff auf den Gründungsmythos Israels. Als Gottesvolk steht man allein im Bund mit Jahwe. Das duldet keine heterodoxen Nebenkulte mit Fruchtbarkeitsriten vor kanaanäischen Götterbildern. Theologisch wird herausgestellt, dass Gott, der Sklavenbefreier von Ägypten her, einen langen Atem mit seinem Volk hat. Er verzeiht und fördert zugleich den Neubeginn. Gott bindet sich an sein Volk, weil eine lange gemeinsame Geschichte dafür spricht. Eine Heilsgeschichte, die mit den Erzvätern schon begonnen und sich durch viele Generationen hindurch bewährt hat. Dies scheint jedoch den Zeitgenossen nicht sofort plausibel gewesen zu sein. Schließlich lebte man in einer Zeit revolutionärer Wirren (Jehu 844). Mose, die Gestalt der Gottesnähe, gerät daher in Widerspruch zur zeitgenössischen Generation, die sich als „störrisch“ erweist im Blick auf die alten Verheißungen. Dagegen hilft nur ein erneuter Bundesschluß.

2. Theologische Wertung:

Vor allem anderen stechen 2 Themen hervor. Zum einen das Theodizeeproblem: Welch ein ungerechter Gott, der willkürlich ein Volk vor anderen erwählt, um es gnädig oder zornig zu begleiten. Die anderen Völker haben keine Chance. Sie taugen nur zur Statistenrolle, werden verachtet, vertrieben, umgebracht. Auch auf das erwählte Volk warten schwere Prüfungen, wenn es die Regeln verletzt. Kein Vater würde seine Kinder so behandeln. Auch Widersprüche werden im göttlichen Handlungskonzept erkennbar: Einmal ist er der gnädige, verzeihende Gott, dann wieder verfolgt er die Missetat der Väter bis zur dritten Generation. Eine „Torheit“, sich auf ihn zu verlassen. Zum zweiten jedoch wird diese scheinbare Willkür Jahwas durch ein viel stärkeres göttliches Ja übertönt. Es ist weitreichender als das Nein der Strafandrohung. Gott hält seine Zusagen zeitlich unbegrenzt aufrecht und verspricht Heil, das vor aller Welt sichtbar wird. Sein Nein wird „verschlungen“ in ein viel größeres Ja, in einen Sieg göttlicher Gnade über alle Zweifel begründenden Erlebnisse.

3. Nachhaltige Aspekte:

Das goldene Kalb kann sinnbildlich stehen für die Konsumorientierung unserer Gegenwart und alle Folgen. So wie zu König Ahabs Zeiten die Stierbilder Symbole der Anpassung an kulturelle Muster waren, die unter dem Deckmantel der „Weltoffenheit“ einer Zerstörung bewährter Werthaltungen Vorschub leisteten, sodaß die überlieferte Kultur dem Ausverkauf preisgegeben wurde, geschieht heute unter der Herrschaft des Marktes die rücksichtslose Zerstörung historisch gewachsener Strukturen und Werte. Die Lebenserfahrung der Tradenten deuteronomistischer Theologie war bestimmt von dem Einfluß des durch Phönizien vermittelten Fernhandels, der Enteignung kleiner Grundeigentümer, der Willkür einer neuen Oberschicht aus Neureichen und alten Machthabern in beiden Staaten Israels. Dem entspricht der Triumph neugläubiger Kulte über den alten Jahwismus. Parallelen lassen sich finden, wenn man den Folgen der Globalisierung nachgeht: dem Abbau schwer erkämpfter sozialer und ökologischer Standards, der obszönen Selbstbedienung einer neuen Elite aus Finanz und Konzernmanagern, bis hin zur Amerikanisierung alltäglicher Konsumgewohnheiten, Sprachstandards und Freizeitinhalte. Globalisierung bedeutet Amerikanisierung und Amerikanisierung bedeutet weitgehende Kommerzialisierung, Banalisierung, Einebnung und letztlich Zerstörung der globalen Vielfalt.

Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft gleichen sich weltweit an, indem sie an „internationalen Standards“ orientiert werden. Diese Standards werden von multinationalen Konzernen und Organisationen vorgegeben, die keinerlei demokratischer Kontrolle unterliegen. Während die Nationalstaaten verarmen und zu Investitionsstandorten verkommen, bilden sich im entfesselten Wirtschaftssektor Oligopole heraus, die mit größter Rücksichtslosigkeit gegeneinander und gegen das Gemeinwohl vorgehen. Dabei werden fast alle ethischen Standards über Bord geworfen. (vgl: „Heuschrecken“ Debatte, Microsoft Monopol, Rolle der US Ölindustrie im Vorfeld des Irakkriegs, Enron Skandal, Ackermann Prozeß, Immobilienkauf in Europa durch US Fonds u.s.w.)

Durch wachsende technische Kompetenz wachsen die Eingriffe ins ökologische Gefüge lawinenartig an. Gleichzeitig nimmt die verantwortliche Kontrolle über diese Prozesse ab. Ungeheure Verwüstungen sind die Folge. (vgl. die Rolle der großen Stromkonzerne bei der Verhinderung von Windkraft, das Verhalten der Automobilindustrie im Blick auf versprochene Verbrauchsminderungen ihrer Fahrzeugflotten, die Ergebnislosigkeit des Klimagipfels in Nairobi, die Verflechtung der indonesischen und brasilianischen Holzindustrie mit Regierungsstellen u.s.w.).

Eine kritische Öffentlichkeit sieht ohnmächtig zu und zweifelt an der Vernunftfähigkeit der Menschheit. Manövriert sich unsere Generation in einen Abgrund, aus dem es kein Entrinnen gibt? Die Dominanz neoliberaler Ideologien in Wirtschaft und Politik scheint den vorherrschenden Nihilismus noch zu verstärken. Gottes Rede am Sinai begrenzt die fälligen Strafen auf die kommenden zwei bis drei Generationen. Danach gilt wieder die Zusage unbegrenzter Gnade. Es scheint demnach nicht alles verloren, sofern Gott weiterhin „im Regimente“ sitzt. Die ganze Exodustradition lebt aus einem immerwährenden Kampf gegen Resignation und Bequemlichkeit. Der in Konkurrenz und Erfolgsdenken verstrickten Welt erscheint unvernünftig, wenn Christen sich gegen die angeblichen Sachzwänge des globalen Kapitalismus auflehnen. Die Analyse der Vorgänge ergibt jedoch das Gegenteil. Unvernünftig ist nicht das Handeln, das sich an Gottes Bund orientiert, sondern die resignative Bequemlichkeit derer, die Sachzwänge vorschieben, um nichts ändern zu müssen. Einen Exodus aus diesen Prozessen gibt es freilich nur, wenn Wertkataloge den Weg weisen. Hier sind die religiösen Instanzen gefragt. Nicht nur auf christlicher Seite.

kath 1. Lesung: Ez 18, 25 - 28

1. Theologische Wertung:

Auch hier begegnet wieder die Theodizeefrage. Gott, der Israel trotz Bundesschluß verworfen hat - tut er Unrecht? Ezechiel kehrt die Frage um. Was werft Ihr Gott vor? Seht euch selbst an. Finden sich in euren Handlungsweisen die Maßstäbe, die ihr an Gott anlegt? Hier scheint der Widerspruch zwischen Vernunfteinsichten und Handlungseinsichten auf. Alle sind für Nachhaltigkeit. Aber sie darf nichts kosten. Ezechiel fragt seine Zeitgenossen: Wie beurteilt Ihr Recht und Unrecht? Ist das eine Frage der Überlieferung und Gesinnung? Oder ist es eine Frage aktuellen Handelns? Ezechiel entscheidet sich für die Gerechtigkeit der Tat. Jedem soll nach seinem Tun vergolten werden. Nicht nach Gesinnung und Herkommen. Denn das wäre allzu einfach, allzu bequem. So bequem wie unsere folgenlosen Vernunfteinsichten, die ihre Widersprüchlichkeit mit dem Argument beruhigen: Es wird schon nichts Schlimmes passieren. Der Klimawandel hat doch auch Vorteile: 20 Grad im November? Palmen am Rhein? Warum nicht?. Mit der Exilsgeneration hat der Prophet erfahren, dass es Unglück bringt, wenn man sich auf falsche Beruhigungen verläßt. Besser ist, sich immer neu zu versichern, ob man noch auf dem richtigen Weg ist. Wer Gott verantwortlich macht für sein Unglück, beschreitet einen bequemen, aber ausweglosen Pfad. Wer sich selbst kritisch beobachtet, kann jederzeit Korrekturen anbringen, wird erfolgreicher agieren und am Ende weniger Anlaß haben, mit Gott zu hadern.

2. Nachhaltige Aspekte:

Wer im Recht war und ins Unrecht gerät, der ist voll verantwortlich dafür und muss die Folgen tragen. Das zeigt sich an manchem technologischem Irrweg. Niemand wird uns die Altlasten früherer Zeiten wegschaffen, als man sich von vordergründigen Erfolgen hat blenden lassen. Je früher ein Irrweg erkannt wird, desto weniger Altlasten, desto besser. Umgekehrt geht es mit dem anderen, der die Augen offen gehalten und das Recht gesucht hat. Ihm wird das Leben geschenkt, weil er sich „bekehrt“ hat. Hier leuchtet im Jüdischen schon wie später im Christlichen eines der edelsten religiösen Motive auf: Nur die Umkehr rettet uns vor dem Verderben. Diese Metanoia gilt es in allen Lebensbereichen zu buchstabieren:

Eltern und Erzieher, die das natürliche Interesse der Kinder an allem Lebendigen fördern, statt ihre Seelen früh schon der gesteuerten Popkultur zu überlassen. Verbraucher, die auf die Herstellung ihrer Nahrungsmittel achten. Autofahrer, die auf den Treibstoffverbrauch sehen. Hausbesitzer, die auf Dämmung und Möglichkeiten der Nutzung von Sonnenenergie Wert legen. Wissenschaftler und Journalisten, die oft als erste von Fehlentwicklungen erfahren und nicht schweigen. Hoffnung machen die vielen Beispiele von Menschen, denen Wahrhaftigkeit wichtiger war als Karriere. Klaus Traube, der als Spitzenmanager der Atomindustrie vor deren Blindheit und Fehlentwicklungen warnte, ist ein rühmliches Beispiel. Er machte als erster populär, dass eine Plutoniumwirtschaft nur unter höchsten Risiken wirtschaftlich werden könnte.

Freilich zeigt das oft heroische Engagement einzelner meist nur begrenzte Wirkung. Die Rettung der Welt kann nicht davon abhängen, sonst stünden die Aussichten schlecht. Daher ist es entscheidend, dass Gesetze gemacht werden und Vorschriften, die Umkehr für die ganze Gesellschaft möglich machen. Verändertes Verhalten muss zur Norm erhoben werden, damit es wirkt. Weltfremd ist, wer meint, Appelle an die Gewissen reichen aus. So lange der Treibstoff billig war, stieg der Verbrauch trotz zahlreicher Appelle. Erst der hohe Preis führt zum Sparen und zum Umstieg auf alternative Treibstoffe. Menschen, die sich in Politik und Verwaltung für verbesserte Gesetze und Anwendungen einsetzen, gilt es zu ermutigen und zu unterstützen.

kath. 2. Lesung: Phil 2, 1 - 11

Das ist die Stelle des berühmten Christushymnus: „Ein jeglicher sei gesinnt wie Jesus Christus auch war...“

1. Nachhaltige Aspekte:

Die Aussage, dass sich im Namen Jesu „aller derer Knie beugen sollen, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind“, hat eine nicht unproblematische Wirkungsgeschichte. Wenn sie als Aufforderung verstanden wird, alle Völker zur christlichen Botschaft als „alleinseligmachender“ zu bekehren, konkurriert dieser Anspruch mit vergleichbaren Vorstellungen anderer Religionen, vor allem des Islam. Diese absolutistische Konkurrenz hat zu den gewaltsamen Auseinandersetzungen geführt, die ein Jahrtausend lang die Geschichte Europas und Vorderasiens negativ prägte. Unausweichliche Folge war die Desavouierung der religiösen Botschaft auf beiden Seiten.

Ein solches Verständnis ist wirklichkeitsfremd. Schon im alten Testament ringen die Propheten um die Herzen einer kleinen Schar von Gläubigen und verlieren sie oft. Um wieviel schwieriger wäre es, die Herzen aller Menschen gewinnen zu wollen, bei all deren Verschiedenheit? Richtig ist das Bemühen um die Verbreitung des Evangeliums, denn wir haben ja selbst erfahren, dass seine Botschaft „selig machen“ kann. Doch jede Form der Nötigung wäre kontraproduktiv. Die Nötigung beginnt schon im Kopf, wenn Gläubige anderen Glauben abwerten und den eigenen absolut setzen. So ist auch der Christushymnus zu verstehen. Ein jeglicher sei gesinnt wie Christus. Dieser hat nie zum Glauben genötigt, sondern durch sein Wort und durch sein Beispiel gewirkt. Er interpretierte den Glauben neu, er erwies Gottes Gegenwart in den Wundern, er nahm es jedoch nicht als sein „Eigentum“, Gott gleich zu sein, sondern opferte sich auf für die Vielen. Nicht durch Zwang oder Überredung sollen wir die Herzen zu gewinnen suchen, sondern durch vorbildhaftes Verhalten. Selbstlos wie Christus, der auf Gott vertraute und nicht auf Menschenmacht, nicht auf Waffengewalt und staatlichen Zwang. Der zuletzt allein Gott vertraute und auf sonst garnichts.

kath. Evangelium: Mt 21, 28 - 32

1. Nachhaltige Aspekte:

Ich erinnere mich gut an Zeiten, wo man dem Streben nach Profit, den Gesetzmäßigkeiten der Kapitalverwertung und den „üblen Machenschaften der Konzerne und des Finanzkapitals“ die Hauptschuld an der Naturzerstörung gab. Inzwischen sind hochprofitable Aktiengesellschaften treibende Kraft beim Umstieg der Energiewirtschaft auf Sonne und Wind. Ethische Fonds sammeln viele Millionen an Anlegergeldern ein, um ökologische Produkte zu fördern und gleichzeitig Gewinne damit zu erzielen. Hand in Hand damit geht ein Gesinnungswandel bei der jüngeren Generation unter den Akteuren des Kapitalmarkts. Die Politik hat mittlerweile veränderte Rahmenbedingungen geschaffen, die Naturbelastung sanktionieren und Naturschonung belohnen. Offensichtlich ist dieser Weg ebenso gangbar wie der ursprünglich angedachte, wo der Staat alles autoritativ und punitiv regeln sollte. Mancher, der alles schon verloren gegeben hatte, wurde von dieser neuen Entwicklung überrascht. Ein ähnliches Überraschungsmoment kennen wir aus biblischen Erzählungen. In unserem Gleichnis stehen die dem Reich Gottes am nächsten, die das geringste Ansehen haben. Das waren Zöllner und Huren. Lehrreich für alle, die zu schnellen Urteilen neigen.

Winfried Anslinger (Pfälzische Landeskirche)

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