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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

21. Sep. 08 - 25. Sonntag im Jahreskreis / 18. Sonntag nach Trinitatis  

ev. Reihe VI kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.
Eph 5, 15-21 Jes 55, 6-9 Phil 1, 20ad-24.27a Mt 20, 1-16a

Der Autor betrachtet alle Predigtperikopen des Tages. Stichworte: auch in bösen Tagen / Situationen Gott danken, um handlungsfähig zu werden, Ohnmacht überwinden (Eph 5); schädliche Profitlogik, Gott immer wieder neu suchen, nicht demoralisieren lassen (Jes 55); eine geschundene Schöpfung, Verletzlichkeit wahrnehmen, Ausbeutung, Sklaverei (Phil 1); nicht nur die eigenen Probleme sehen, die Ungerechtigkeiten bei anderen sind oft größer, Menschenwürde / Profitgier (Mt 20)

Epheser 5, 15-21

Exegetische Bemerkungen:

Wegen sprachlicher und theologischer Besonderheiten gilt der Brief an die Ephesser für viele Exegeten als ein nicht von Paulus selbst verfasster Brief. Wahrscheinlich ging der Brief auch nicht nur an die Gemeinde in Ephesus, sondern war ein am Ende des 1. Jh. verfasstes Rundschreiben an mehrere Gemeinden in Kleinasien. Diese Fragen lassen sich nicht mit letzter Klarheit beantworten. Fakt ist: Hier schreibt ein rabbinisch gebildeter Jude, der, wenn er nicht selbst Paulus ist, sich in der Tradition dieses Apostels fest verwurzelt weiß.

Ephesus war in neutestamentlicher Zeit eine Stadt des Geldes und der Religion. Denn Ephesus war eine sehr reiche und bedeutende Handelsstadt mit über 300.000 Einwohnern aus vielen Ländern. Außerdem war die Stadt durch den Tempel der vielbrüstigen Artemis bekannt, einem der sieben Weltwunder in der Antike.

Der Abschnitt Eph 5,15-21 fordert angesichts „böser Tage“ zu einem weisen Lebenswandel auf. Die Formulierung der „bösen“ Tage ist für die apokalyptische Literatur typisch. Die böse Zeit ist eine Zeit, in der die Gewalt und Entfremdung als übermächtig und die eigenen Kräfte und Möglichkeiten als zu schwach empfunden werden. Offensichtlich konnten viele angesichts wiederholter Ohnmachtserfahrungen und des Gefühls der Resignation der Versuchung nicht widerstehen, sich den weinseligen Ekstasen des damals sehr beliebten Dionysos – Kult hinzugeben. Der Verfasser des Ephesserbriefes hat offensichtlich für Ohnmachtserfahrungen in totalen Systemen ein waches Gespür. Dies zeigt er etwas in Eph 6, 12, wenn er feststellt, dass der Kampf nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut geführt wird. Da mag der mächtige Artemiskult der Hintergrund sein oder die mächtige Wirtschaftslobby in Ephesus. So berichtet Apg 19,23-40 von der heftigen Auseinandersetzung des Paulus mit den Silberschmieden in Ephesus, die nach der Predigt des Apostels um ihr religiöses Souvenirgeschäft bangen.

Bezüge zur Nachhaltigkeit:

Viele engagierte Menschen, die sich über Jahre für eine solidarische Welt einsetzen, müssen heute ohnmächtig erleben, dass der Bau eines Riesenstaudamms oder die Entscheidungen der Welthandelsrunden weitaus gravierendere Folgen für Mensch und Natur haben als alle noch so zahlreichen Solidaritätsaktionen. Die Versuchung liegt nahe, in dieser Gefühlslage die Hände in den Schoß zu legen und sich angenehmeren Dingen zuzuwenden - die verlockenden Angebote der Konsum – und Unterhaltungsindustrie bieten genügend Möglichkeiten, sich „berauschen“ (Eph 5, 18) zu lassen. Wie kann in „bösen Tagen“, wenn die Mächte des Todes in der Übermacht scheinen, an der Nachfolge Christi fest gehalten werden? Der Ephesserbrief fordert dazu auf, nüchtern und klug dem eigenen Weg treu zu bleiben. Die Mahnung, den Vater Jesu Christi zu loben und ihm zu danken, klingt auf den ersten Blick ziemlich naiv. Aber: Wer Gott lobt und dankt, verändert etwas an der Situation der eigenen Ohnmacht. Er vergegenwärtigt sich die Größe und Stärke eines Gottes, der als Schöpfer und Befreier die Bedürfnisse der Menschen und der Schöpfung in den Mittelpunkt stellt. Das Lob Gottes ist daher nicht religiöse Weltflucht. In einem profitorientierten Wirtschaftssystem gibt der Blick auf diesen Befreiergott immer wieder die Kraft, die Rechte von Mensch und Natur nicht aus dem Auge zu verlieren.

Jes 55, 6-9

Exegetische Bemerkungen:

Die Perikope stammt nicht von dem im 8. Jh. im Südreich wirkenden Jesaja. Sie gehört zum Werk des sog. „Deuterojesaja“ (Jes 40-55). Dieser Prophet wirkte zwischen 550 und 540 v. Chr. unter den Deportierten in Babylon. Für diese Menschen im Exil waren die Verheißungen der Schrift widerlegt - wegen der Zerstörung Jerusalems. Deuterojesaja dagegen hält an Gott als dem Herrn der Geschichte fest. Gott kann sogar einen fremden Herrscher, den Perserkönig Kyros zu seinem Werkzeug machen, um seine Verheißungen zu erfüllen. Der Prophet sieht im Gott Israels den Gott aller Völker - ein für seine Zeit absolut neuer Gedanke. Diese Weitung des Horizonts bringt ihm in bestimmten Kreisen mehr Ablehnung als Zustimmung ein, wovon seine Gottesknechtslieder beredtes Zeugnis ablegen. Deuterojesaja ist der Prophet, der den Blick von der nationalen Fixierung auf das Volk Israel loslöst und es an seine Verpflichtung erinnert, in der Suche nach Gott Vorbild für die anderen Völker zu sein.

Jes 55,6-9 steht innerhalb des deuterojesajanischen Werkes ganz am Ende und leitet schon zu der Botschaft des Tritojesaja (Jes 56-66) über: Das Heil kommt nicht von selbst, sondern es braucht Menschen, die Gott immer wieder suchen und zu ihm umkehren.

Bezüge zur Nachhaltigkeit:

1. Gott muss immer wieder gesucht werden. Was für die Exilierten in Babylon die Zerstörung ihrer heiligen Stadt Jerusalem war, sind für viele Menschen heute die ökologischen Zerstörungen, die sozialen Ausgrenzungen und die sinnlose Gewalt in vielen Teilen der Erde. In solchen Zeiten wird das Grundvertrauen in das Leben erschüttert. Gott ist nicht identifizierbar, weder sichtbar noch greifbar. Der Prophet fordert dazu auf, Gott gerade in solchen Zeiten zu suchen. Das bedeutet, hinter die destruktiven Fassaden zu schauen, um nicht blind zu werden für die Orte der Hoffnung. Aufbrüche ereignen sich gerade oft da, wo man sie am wenigsten vermuten würde. Nur wer Gott immer wieder neu sucht, lässt sich nicht von der Einstellung demoralisieren, dass ohnehin alles verloren ist.

2. Zu Gott muss man immer wieder umkehren. Eine bessere Welt fällt nicht vom Himmel, sie braucht Menschen, die sich mit dem Blick Gottes von der Not der Kreatur berühren lassen. Der Prophet nimmt wahr, dass die Ordnung der Tora, die zu einem solidarischen Miteinander der Menschen und der Schöpfung auffordert, immer wieder aus dem Blick gerät. Umkehr ist daher ein zentraler Begriff in der prophetischen (und auch jesuanischen!) Verkündigung.

3. Gottes Gedanken sind nicht die Gedanken der Menschen. Die Betonung der Distanz zwischen Gott und Mensch dient nicht dazu, einen ohnehin schon bestehenden Graben noch zu vertiefen. Die Menschen sind aufgefordert, die selbst geschaffenen tödlichen Sachzwänge nicht auch noch als gottgegeben zu überhöhen. Das Überleben der Schöpfung kann nur gelingen, wenn es gelingt, sich von der tödlichen Profitlogik zu distanzieren und zu befreien. Nur wenn Gott ganz anders ist, kann der Blick auf ihn neue Perspektiven eröffnen.

Philipper 1, 20ad-24.27a

Exegetische Anmerkungen:

Philippi war zur Zeit des Paulus eine römische Kolonie im Osten Mazedoniens. Seine Bewohner bezeichneten sich stolz als Römer. Andere Religionen hatten es in Philippi nicht einfach, auch die christliche Gemeinde nicht, in der offensichtlich Frauen (wie die Purpurhändlerin Lydia, vgl. Apg 16, 11-40) eine wichtige Rolle spielten.

Der Brief an die Philipper ist ein authentischer Paulusbrief, wahrscheinlich aus mehreren Briefen zusammengesetzt. Der Apostel befindet sich zum Zeitpunkt des Briefes in Gefangenschaft. Sein körperlicher und seelischer Zustand ist so schlecht, dass ihm der Tod als Gewinn erscheint. Paulus verfällt jedoch nicht in Selbstmitleid. Er nimmt wahr, dass auch andere Menschen leiden. Er stellt sein eigenes Leiden in einen größeren Zusammenhang. Er verbindet es zum einen mit dem Schicksal der Philipper, die ebenfalls hart bedrängt werden. Sie sind letztlich der Grund, warum Paulus sich entscheidet, am Leben zu bleiben. Er verbindet sein Leiden aber auch mit dem Leiden Christi. Denn nur einige Zeilen weiter (Phil 2, 5-11) folgt der Hymnus, in dem Christus als der besungen wird, der wie Gott war, aber nicht daran festhielt, sondern sich entäußerte und zum Sklaven wurde.

Bezüge zur Nachhaltigkeit:

Menschsein heißt, einen Körper zu haben, abhängig und verletzlich zu sein, in die Schöpfung eingewoben zu sein. Diese Tatsache ernst zu nehmen, bedeutet:

· Es gilt, die Augen dafür zu öffnen, wo die Natur ausgebeutet und Menschen geschlagen und gefoltert werden. Die Leiden der Schöpfung dürfen nicht verschwiegen werden. Gerade deswegen fand die christliche Botschaft gerade bei Sklavinnen und Sklaven große Aufmerksamkeit. In christlichen Gemeinden wie Philippi wurde das körperliche Leiden nicht tabuisiert, die körperliche Demütigungen und Verletzungen (wie etwa die des Paulus) nicht verschwiegen. Hier wurde daran erinnert, dass Gott selbst einen menschlichen Körper annahm und dass dieser Körper verletzt und gedemütigt wurde.

· Kein Leiden darf isoliert betrachtet werden. Wenn Paulus immer wieder von Schlägen und Anschlägen auf sein Leben berichtet, sieht er sich in einer solidarischen Leidensgemeinschaft mit anderen Menschen und mit Christus. Der Gott, der selbst zum Sklaven wurde, um solidarisch mit allen geschundenen Menschen zu sein, leitet uns zum Mitfühlen und Mitempfinden mit der gesamten Kreatur an.

· Dass Gott die geschundene Schöpfung einmal wiederherstellen wird, ist für viele Menschen eine große Hoffnung. Im Philipperbrief wird an späterer Stelle die Zuversicht ausgesprochen, dass die Würde aller verletzten Körper genau wie der des gekreuzigten Christus wieder hergestellt wird. (Phil 3, 21). In Guatemala findet diese Hoffnung in Exhumierungsprogrammen seinen konkreten Ausdruck. Die sterblichen Überreste der im Bürgerkrieg unschuldig getöteten und irgendwo verscharrten Menschen werden behutsam ausgegraben und in einer Liturgie feierlich beigesetzt. So geschieht Versöhnung zwischen Lebenden und Toten. So wird die Hoffnung konkret auf den Gott, der seinen gequälten Geschöpfen Gerechtigkeit und neues Leben schenkt.

Mt 20, 1-16a

Exegetische Anmerkungen:

Luise Schottroff (Befreiungserfahrungen. München 1990) hat anhand dieses Gleichnisses ausführlich aufgezeigt, wie sehr Jesus der Alltag der Menschen in Palästina vertraut war. Folgende Praxis war vor 2000 Jahren üblich und wird auch im Gleichnis erwähnt:

· In der Erntezeit konnte die Arbeit auf dem Feld häufig nicht mehr allein von den Sklaven geleistet werden. Es war üblich, dass ein Weinbergbesitzer (wenn er nicht gerade ein Großgrundbesitzer war) selbst auf den Markt ging, um Tagelöhner anzuwerben.

· Die Tagelöhner befanden sich in einer schwachen Position. Es gab mehr Tagelöhner, als gebraucht wurden. Daher standen auch am Nachmittag noch viele für Arbeit an.

· Sie wurden immer nur für einen einzigen Tag angeworben - wenn sie Glück hatten, am nächsten Tag ein weiteres Mal.

· Den Tagelöhnern wurden härtere Arbeiten abverlangt als den Sklaven. Die Sklaven waren persönlicher Besitz eines Herrn , so dass ein Interesse daran bestand, ihre Arbeitskraft zu erhalten. Dieses Interesse fehlte bei Tagelöhnern.

· Der Weinbergbesitzer wollte Kosten sparen und warb zunächst nur wenige Tagelöhner an. Im Laufe des Tages jedoch musste er unter dem Druck, die Ernte bis zum Abend zu beenden, weitere Arbeiter anwerben.

· Der Weinbergbesitzer bestimmte einseitig den Lohn. Normalerweise versuchte er, den Lohn der Tagelöhner möglichst gering zu halten, so dass ein Tagelöhner auch einmal gar keinen Lohn erhalten konnte. „Wehe dem, der seinen Nächsten umsonst arbeiten lässt und ihm den Lohn nicht bezahlt.“ warnt daher der Prophet Jeremia (Jer 22,13).

Auf dem Hintergrund der vielen realen Bezüge weicht das Verhalten des Gutsherrn bei der Zahlung der Löhne umso mehr von der damaligen Realität ab. Das Gleichnis macht deutlich: Gott ist in seiner Güte anders als die Menschen. „Barmherzig und gnädig ist der Herr, langmütig und reich an Güte.“ (Ps 103,8) Gott handelt auch anders; das Gleichnis konkretisiert diese Güte Gottes in einer sehr konkreten Alltagssituation.

Durch die Güte Gottes wird das Verhalten der Menschen entlarvt. Die Tagelöhner im Gleichnis verhalten sich unsolidarisch, weil sie den „Kurzarbeitern“ nicht den höheren Lohn gönnen. Wenn die anderen weniger Lohn als sie erhalten hätten, hätten sie den Mund gehalten. Doch wenn Gott so gütig ist, dann müssen auch die Menschen ein solidarisches Verhalten untereinander zeigen.

Bezüge zur Nachhaltigkeit:

· Das Gleichnis lässt sich nicht ohne weiteres auf unser Gegenüber von Arbeitgebern und Arbeitnehmern übertragen. Das Gleichnis beschäftigt sich mit der Situation von Menschen, die völlig ungesichert ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Der rechtlichen und sozialen Situation der Tagelöhner im Gleichnis Jesu entsprechen heute z.B. die Situation von Tagelöhnern in Brasilien, die genau wie vor 2000 Jahren am Straßenrand stehen, um auf einem LKW auf die Zuckerrohrplantage mitgenommen zu werden. Nicht sehr viel besser ist die Situation von Arbeiterinnen in den sog. Weltmarktfabriken, die für geringe Löhne und oft ohne Sozialstandards Textilien für den Weltmarkt produzieren. Für Christen in Europa ist es wichtig, den Blick nicht nur auf die eigenen sozialen Schwierigkeiten zu richten, sondern ähnlich wie Jesus in seinen Gleichnissen die wirklichen Verlierer im Blick zu behalten.

· In einer globalisierten Weltwirtschaft ist Konkurrenzfähigkeit die oberste Maxime. Dieser Konkurrenzkampf ist ein Wettbewerb um möglichst niedrige soziale und ökologische Standards. Er führt dazu, dass menschliche Arbeitskraft und natürliche Ressourcen ausgebeutet werden. Er führt auch dazu, dass das Konkurrenzdenken die Köpfe der Menschen erobert. Hier kann die Erinnerung an die biblische Tradition Zuspruch und Ermutigung sein. Der Gott Jesu ist der Gott, der die Schreie der Opfer hört und sich der Bedürftigen erbarmt. Das Reich Gottes beschreibt er in Bildern, die vom Teilen und von der Solidarität miteinander bestimmt sind. Alle – insbesondere die Letzten – sind eingeladen sind und werden satt. Jesus ermutigt, aus der Güte dieses Gottes heraus Dinge zu tun, die so gar nicht in den täglichen Konkurrenzkampf passen, aber umso mehr die Solidarität unter den Menschen stärken.

Guido Groß,

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