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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

31. Aug. 08 - 22. Sonntag im Jahreskreis / 15. Sonntag nach Trinitatis 

ev. Reihe VI kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.
1 Mose 2, 4b-9 (10-14) 15 Jer 20, 7-9 Röm 12, 1-2 Mt 16, 21-27

Der Verfasser betrachtet alle Predigtperikopen des Tages. Stichworte: Paradies als Urbild der Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit, falsch verstandene Paradiese (1 Mose 2); „Rufer in der Wüsteâ / ökologische Katastrophen, Menschenrechte, „Standhalten“ (Jer 20); alltägliches, christlich-vernünftiges Handeln als „lebendiges Opfer“ (Röm 12); Nachfolge trotz menschlicher Schwäche (Mt 16)

1 Mose 2, 4b-9 (10-14) 15: “Ein Sturm weht vom Paradiese her“

1. Urbild der Nachhaltigkeit. „Es war zu der Zeit, als Gott, der Herr...“ So beginnt einer der Ur-Texte des Glaubens und der Geistesgeschichte. Das märchenhafte Bild des Garten Eden ist aus unserem Bewusstein nicht mehr zu löschen. Es ist ein Bild der Trauer und Sehnsucht, - Trauer über das verlorene Glück und Sehnsucht nach der Heimkehr in den Garten des vollkommenen Lebens. Im Bild des Garten Eden finden wir die ursprünglichste aller Utopien: Der „Nicht-Ort“ (U-Topos) des für immer verlorenen und stets aufs Neue gesuchten Glücks ist das Urbild allen nachhaltigen Wirtschaftens und Lebens.

Doch der Predigttext ist lediglich der Anfang der großen Geschichte vom Fall der Menschheit. Die Auslegung muss ihn von ihrem Ende her lesen! Dieses Ende aber ist - unsere Gegenwart: Wir leben bekanntlich „jenseits von Eden“. Seit der Vertreibung aus dem paradiesischen Garten sind Dornen und Disteln, „Blut, Schwei und Tränen“ (um das abgegriffene Klischee zu bem unser Schicksal. Doch die Sehnsucht nach der verlorenen Eintracht mit Gott und mit seiner Schöpfung bleibt. - Dabei hat die reiche Minderheit der globalisierten Menschheit sicherlich eine andere Perspektive auf den verlorenen Garten Eden als die große Mehrheit der Armen. Für die Hungernden ist schon die westliche Überflussgesellschaft paradiesisch. Der „Traum vom Paradies“ stellt die Frage nach Gerechtigkeit.

2. Verlorene Unschuld. Die gängigen Bibelausgaben enthalten in der Überschrift des Textes das Wort Paradies. Allerdings taucht dieses Wort weder im Text noch auch sonst im gesamten AT auf! Das AT spricht stets vom „Garten Eden“ oder „Garten Gottes“. Erst in der nach-atl., apokryphen Literatur bürgert sich „Paradies“ ein und wird von dorther (mit drei Nennungen) auch ins NT übernommen. - „Paradies“ ist ein altiranisches Lehnwort. Es bedeutet „Gehege“, „Garten“ oder „Park“, wobei in der Regel wohl an einen Obstgarten zu denken ist. In den apokryphen Schriften ist das Paradies ein jetzt zwar verborgener, später aber offenbar werdender Ort, ein Ort der Seligkeit, - das am hellsten leuchtende Bild der Erlösung.

Das Juden, Christen und Muslimen gemeinsame Wort „Paradies“ stiftet eine seltsame Ökumene. Seine altiranische Herkunft bindet ihre Glaubensgeschichte an die Kultur eines Landes, das heute alles andere als paradiesisch erscheint. - Der alltägliche Sprachgebrauch kennt über die im engeren Sinn religiöse Bedeutung hinaus irdische Paradiese: Etwa „Naturparadiese“, mit denen wir vom Menschen (relativ) ungestörte Lebensräume meinen. „Urlaubsparadiese“ versprechen Freiheit von den Lasten des Alltags; Gartenbesitzer schaffen sich „kleine blühende Paradiese“ eines privaten Gl Zu käuflichem Glück im Schlaraffenland des Konsumismus verlocken „Einkaufsparadiese“. Ihr Gegenbild war die graue Kargheit im „Paradies der Arbeitern und Bauern“ der DDR. – Unvermutet hat das altiranische Wort eine hochaktuelle politische Bedeutung erhalten. Der totalitär missbrauchte Islam verheißt Selbstmordattentätern die sofortige Aufnahme ins himmlische Paradies. - Doch auch dem Christentum sind totalitäre Sekten entsprungen, die ihren Anhänger das Paradies versprechen. Und trägt nicht jeder unbeugsame Dogmatismus die Keime des Missbrauchs in sich, etwa wenn er durch konsequente „Reinigung“ des Glaubens den Weg der Erlösung sichern will? Inquisition in all ihren Spielarten nährt sich von der Illusion, über den Zugang zum Paradies verfügen zu können. - Nicht nur die aus dem Paradies vertriebene Menschheit, auch das Paradies selbst hat seine Unschuld verloren.

3. Messianisches Licht. Nachhaltiges Leben und Wirtschaften speist seine Dynamik aus zwei Quellen: Verzweiflung und Vernunft. Ihre Energien stehen polar zueinander. Die Verzweiflung entspringt der rasanten Verwüstung der globalen Lebenswelt, während die Vernunft darin besteht, nicht weiter an dem Ast zu sägen, auf dem man selbst sitzt. Doch woher erhält diese, die Vernunft eines besseren Überlebens, ihr Licht? Sie unterscheidet sich deutlich von der verblendeten, „kalten“ Vernunft. Diese steuert die gierigen Str des Kapitals und treibt den verschwenderischen Konsumismus zu immer neuen Exzessen. Weltweit aber wächst der Hunger; und unübersehbar sind die Menetekel des unaufhaltsamen Klimawandels in Form von Dürrekatastrophen, Wirbelst und abschmelzenden Gletschern, während einzelne Südsee-Inseln bereits im ansteigenden Meer ertrinken.

Scharfsichtig hat Walter Benjamin die zerstörerische Situation „jenseits von Eden“ beschrieben: „Es gibt ein Bild von Paul Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen, und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Tr auf Tr häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenf Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Fl verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den R kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ (Benjamin, S. 84 f.)

Deshalb erhält die Vernunft nachhaltigen Lebens und Wirtschaftens ihr Licht nicht aus der Rationalität des Fortschritts und nicht aus verblendeten Versprechungen von Ideologen. Sie speist ihre Energien aus dem göttlichen Auftrag, den Garten Eden zu „bebauen und bewahren“. Ein berühmtes Wort Theodor W.Adornos lautet: „Erkenntnis hat kein Licht, als von der Erlösung her auf die Welt scheint: alles andere erschöpft sich in der Nachkonstruktion und bleibt ein Stück Technik (Adorno, S. 333) - Nachhaltigkeit als Programm und Praxis muss sich an solchen Texten messen. Die Predigt malt deshalb weder Luftschlösser, noch verfällt sie in Depression. Denn unsere Existenz „jenseits von Eden“ ist nur vorläufig! Ihr ist die Botschaft eingeschrieben, dass in Christus die Tür zum Paradies wieder offen steht: „Heut schleust er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis...“ (EG 27, 6). Zum Schächer am Kreuz spricht er: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lk 23, 43) Am Kreuz wird das Paradies sichtbar.

(Literatur: Walter Benjamin, Geschichtsphílosophische Thesen. In: W. Benjamin: Zur Kritik der Gewalt und andere Aufsätze, Frankfurt1965; Theodor W.Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Frankfurt 1951)

Jer 20, 7-9: „als brenne ein Feuer in meinem Herzen“

1. Bitterer Lorbeer. Was der Dichter Hans Christian Andersen im Rückblick auf sein schwieriges Leben schrieb, könnte auch für Jeremia gesagt sein: „Man macht zuerst so grässlich viel Böses durch, und dann wird man berühmt.⤠Denn der postume Ruhm Jeremias ist bitter erkauft; der Prophet fand erst in den Jahren des babylonischen Exils die verdiente Anerkennung. Für die Jahre vor der Katastrophe von 587 charakterisiert V.7b f. seine Existenz schmerzlich genau: „Zum Gesp bin ich geworden den ganzen Tag, ein jeder verhöhnt mich. Ja, sooft ich rede muss ich schreien, ‚Gewalt und Unterdrückung!‘ muss ich rufen.“ Nachträglich aber hat der katastrophale Untergang Judas Jeremias Beurteilung der fatalen Politik des Kleinstaates, die Korruptheit der Führungsschicht und die verbreitete Abgötterei bestätigt. Die Realität hatte sowohl die verblendete Hofgesellschaft mitsamt ihren angestellten Beschwichtigern als auch die Tempelpriesterschaft widerlegt. - Ähnliche Erfahrungen bleiben den Unerschrockenen in den Diktaturen und autokratisch regierten Staaten der Gegenwart nicht erspart, die das Unrecht beim Namen nennen und die Menschenrechte einklagen. Ebenso erfahren die „Rufer in der Wüsteâ , die schon Jahre zuvor vor voraussehbaren ökologischen Katastrophen gewarnt hatten, nach jeder neuen Katastrophe (Seveso, Tschernobyl, New Orleans...) bittere Bestätigung.

2. Von Gott verführt. Jer 20, 7-9 ist die letzte der sogenannten „Konfessionen“: bewegende, intime Gespräche des Propheten mit Gott. Nicht mehr die prophetische Botschaft, nein, der Bote selbst wird hier zum Thema – in seiner Einsamkeit, seinen Zweifeln, seinem Leiden. Gerhard von Rad spricht vom „äußersten Grad der Verzweiflung“. (S. 215) Jeremia muss erkennen, dass es keine „höhere“ Rechtfertigung für seine Leiden gibt. Dieser Ausweg ist ihm versperrt; er hält stattdessen in der Sinnlosigkeit aus. Denn Gott hat ihn verf – wie ein Mann ein junges Mädchen verführt und ausn (Das Wort „betört⤠in V. 7 meint genau das.) Der Prophet ist gewissermaßen wie mit einer unheilbaren Krankheit infiziert; sie „brennt in meinem Herzen wie Feuer... Ich quälte mich, es auszuhalten und konnte es nicht.“ (V. 9) - erschütternde Worte eines Verzweifelten. Schon den ersten Ansturm dieses göttlichen Feuers (denken wir dabei nicht auch an Pfingsten?) hatte der junge Mann, aus einer priesterlicher Familie stammend, vergeblich abzuwehren versucht: „Ich kann das nicht; ich bin zu jung.“ (Jer 1, 6). Seine Lebensleistung besteht darin, ohne jede Selbstgerechtigkeit dieser „Gottesbesessenheit“ standzuhalten. - Jeremia legt sich mit den Behörden an und nimmt deren Verfolgung auf sich. Dazu braucht man nur die dem Text unmittelbar vorhergehende Passage 19, 1 – 20, 5 zu lesen! Für sein Wort kommt er „in den Stock“. Später erlebt er die erste Bücherverbrennung der Geschichte (Kap. 36).

3. Schöpferische Einpflanzung. So einzigartig Jeremias Schicksal erscheinen mag, so exemplarisch ist es zugleich. Denn der Prophet sagt voraus, dass Gott einen „neuen Bund“ schließen wird. Die göttliche Weisung wird in jedem Herzen wohnen, „und keiner wird mehr den belehren, man wird nicht zueinander sagen: ‚Erkennt den Herrn‘, sondern sie alle, klein und groß, werden mich erkennen...“ (Jer. 33 f.) Mit Recht schlussfolgert G. von Rad: „Infolge dieser schöpferischen Einpflanzung des Gotteswillens in das menschliche Herz wird also jegliches theologische Lehramt in Wegfall kommen und alles Mahnen und Zurechtbringen überfl werden.“ (S. 227) – Jahrhunderte nach Jeremia hat Lukas in der Pfingstgeschichte diese „Demokratisierung“ der Gotteserkenntnis als Geburt der Kirche aus dem Feuer des Geistes beschrieben.

(Literatur: Gerhard von Rad, Theologie des Alten Testaments, Bd.II: Die Theologie der prophetischen Überlieferungen Israels, München 1961, S.203-232)

Röm 12,1+2: „Der wahre und angemessene Gottesdienst“

1. Kein Moralgesetz. Ernst Käsemann hat seinen wegweisenden Aufsatz „Gottesdienst im Alltag der Welt“ mit dem Resum beschlossen, dass in diesem Text „zum ersten Male in der Geschichte der Kirche das gesamte Handeln der Gemeinde und ihrer Glieder aus einer einheitlichen Perspektive gesehen und als im Alltag der Welt erfolgende Antwort des Glaubens auf den Ruf der die Welt ergreifenden Gnade theologisch bestimmt worden (ist).“ (S. 204) Dieses Resumée komprimiert den außerordentlichen Gedankenreichtum des Textes und gleicht damit den beiden inhaltlich überaus dichten und viel diskutierten paulinischen Sätzen.

In Röm 1-11 hatte Paulus sein Verständnis der göttlichen Gnade, des von ihr ergriffenen Glaubens und der darin geschenkten Erlösung dargelegt. Mit Röm 12 setzt er neu an und nimmt das Handeln der Christen in den Blick. Mit den Worten „angesichts des Erbarmens Gottes“...(V. 1) verknüpft der Apostel seine Überlegungen zum christlichen Verhalten in der Welt ausdrücklich mit dem vorhergehenden Teil des Briefes. Die lebenspraktischen Konkretionen in Röm 12 ff. sind „eine andere Form des Evangeliums“, keinesfalls aber ein neues und jetzt „christliches“ Moralgesetz! (G. Friedrich, RGG³ V,1142).

2. Ans Herz gelegt. Das erste Wort des paulinischen Textes, parakaloo, hat deshalb eine entscheidende Bedeutung für alles Weitere! Ganz überwiegend geben die deutschen Übersetzungen dieses Wort durch „ermahnen“ wieder. Das wird aber weder dem unmittelbaren Zusammenhang mit „Erbarmen“ gerecht, noch gibt es die reiche Bedeutungsbreite von parakaloo wieder; sie umfasst neben „mahnen“ auch „raten“, „empfehlen“, „inständig bitten“, „anflehen“. - „Ermahnen“ ist gewissermaßen ein erhobener Zeigefinger; „Mahnung“ erinnert an Bußgeldbescheide. Grimms „Deutsches Wörterbuch“ führt â ermahnen“ „auf das antreiben, anstacheln der thiere“ zurück, „sei es mit wort, zuruf oder mit schlag, peitsche, sporn.“ (J. und W. Grimm, Deutsches Wörterbuch Lfg.3,4: ERMAHNEN). Der Ton macht die Musik! In „Ermahnen“ schwingt ein drohender, autoritativer Klang mit. - Die französischen und englischen Bibeln haben stattdessen demander und implore bzw. appeal: „dringend bitten, beschwören, anflehen.“ Besonders schön sagt das plattdeutsche „Dat Nie Testament in unse Modersprak“ von Johannes Jessen: „ik will ju noch wat ant hart leggn.“ - Damit wird übrigens auch die sprachliche Verwandtschaft von parakaloo mit dem „Parakleten“ (Joh 14, 26) gewahrt, der bekanntlich kein „Ermahner“, sondern ein „Tröster, Beistand, Fürsprecher, Helfer, Sachwalter“ ist. Kurzum: „ich ermahne“ ist in Verbindung mit „Gottes Erbarmen“ keine angemessene Übersetzung.

3. Aufgeklärter Gottesdienst. Paulus legt seinen Leserinnen und Lesern etwas „ans Herz“: ein neues Selbstverständnis in allem, was sie tun. Das gesamte Verhalten der Christen im Alltag soll latreia (Gottesdienst) sein, und zwar „logikee latreia“. Mit „logikos“ stellt sich das nächste Übersetzungsproblem. Denn auch dieses Wort hat einen weiten Bedeutungshorizont: „vernünftig“, „wahr und angemessen“, „geistig“, aber auch „geistlich“. „Vernunftgemäßer Gottesdienst“ ist ein Begriff aus der aufgeklärten stoischen Popularphilosophie sowie der hellenistischen Mystik: Da der göttliche logos den kosmos durchwaltet, sollen die Menschen „vernünftigerweise“ mit dem logos in Übereinstimmung leben. An die Stelle althergebrachter blutiger Schlachtopfer treten deshalb Gebete und Lobgesänge; und vor allem soll das gesamte sittliche Verhalten dem Ideal der Übereinstimmung mit dem logos entsprechen. Dieses aufgeklärte Ethos weist Paralellen zur klassischen Kultkritik der Propheten auf; deshalb konnten das hellenistische Judentum und auch Paulus die stoische Begrifflichkeit leicht übernehmen.

4. Leibhaft. Bekanntlich machte sich Goethes „Faust“ daran, „Am Anfang war das Wort“ in sein „geliebtes Deutsch“ zu übertragen und kommt für logos über „Wort“, „Wille“ und „Kraft“ schließlich zu „Tat“, - wobei auch „Seele“ und „Gedanke“ noch möglich gewesen wären. Da es Paulus hier um das praktische, alltägliche Verhalten der Christen geht, ist die Bedeutungskomponente „Tat“ im Spektrum der logikee latreia keineswegs abwegig. Damit ist ein weiteres Verständnisproblem erreicht: „Wahrer und angemessener Gottesdienst“ bedeutet, dass die Christen sich „selbst als lebendiges und heiliges Opfer“ (V. 1) darbringen. – Nun hat die Einheitsübersetzung zwar die Worte „soomata hymoon“ („eure Leiber“) recht elegant mit „euch selbst“ übersetzt; sie unterschlägt damit aber die für Paulus wichtige Bedeutungsfülle von soma (Leib). Hier ist vor allem an seine Ausführungen in 1 Kor 6, 12-20 zu denken; dort nennt er den sterblichen Leib (und nicht etwa die Seele!) „Tempel des heiligen Geistes“. Wie in Röm der Begriff „Gottesdienst“ wird in 1 Kor „Tempel“ von der kultischen Sphäre in die Sphäre der leibhaften Existenz übertragen. Die Menschen sind mit ihrem alltäglichen Leben „lebendige Bausteine Gottes“; die Hingabe ihrer Leiber ist der „vernünftige Gottesdienst“! – Was für „Gottesdienst“ gilt, gilt auch für ein weiteres, hoch aufgeladenes Wort aus dem kultischen Bereich: Das Wort „Opfer“ (V.1) könnte verleiten, an den Märtyrertod zu denken. Doch als Paulus nach Rom schrieb, war das gewaltsame Martyrium noch kein Thema. Deshalb, so Eduard Schweizer, denkt Paulus hier „nicht an den Tod, sondern daran, da der Leib dem Herrn auf Erden zur Verf gestellt wird.“ (EWNT, III, 774) – Die Worte „Gottesdienst“ und „Opfer“ sind also ihrer kultischen Feierlichkeit radikal entkleidet; stattdessen bezeichnet Paulus mit ihnen die Heiligung der alltäglichen Existenz.

5. Revolutionär. Paulus hebt die sakrale Sphäre auf; das alltägliche, leibhafte Leben ist Gottesdienst, - wahrlich eine Revolution! Sie ist begründet im Anbruch der messianischen Zeit in Christus: Im Gekreuzigten und Auferstandenen wird nicht nur der „Wille Gottes“ dem Glauben offenbar sondern auch die Vergänglichkeit „dieser Welt“ (V. 2). Inmitten „dieser Welt“ geschieht der Bruch mit ihr. Dabei „verwandeln“ und „erneuern“ sich die Glaubenden. Das geschieht durch ihren „wahren und angemessenen Gottesdienst“. Was bedeutet: In der persönlichen Lebensführung zeichnen sich die Konturen der messianischen Welt ab. Damit haben heilige Orte und Zeiten ihren Sinn verloren, schreibt E. Käsemann und fährt fort: „Hier fällt notwendig die Lehre vom Gottesdienst mit der christlichen ‚Ethik‘ zusammen. Das besagt schließlich, da die gesamte christliche Gemeinde mit all ihren Gliedern Trägerin solchen Gottesdienstes ist und da mit den heiligen Funktionen auch die im kultischen Sinn privilegierten Personen ihr Daseinsrecht verlieren... So wenig bleibt noch Raum für ein kultisches Denken, da die Verwendung kultischer Terminologie zum Mittel wird, paradox die Tiefe des Umbruchs zu verdeutlichen. In eschatologischer Zeit ist nichts mehr profan, das nicht der Mensch profanisiert und dämonisiert, darum aber auch nichts mehr im kultischen Sinne heilig außer der Gemeinde der Heiligen und ihrer Hingabe im Dienste des Herrn, dem die Welt in allen ihren Bereichen gehört.“ (S. 201) – Von der revolutionären Klarheit des Paulus haben sich die Kirchen weit entfernt; umso aktueller ist sein Text.

(Literatur u.a.: Ernst Käsemann, Gottesdienst im Alltag der Welt. In: E. Käsemann, Exegetische Versuche und Besinnnungen Bd.2, Göttingen 1964, S.198-204); ders., An die Römer, (HNT 8a), Tübingen 1973; Eduard Lohse, Der Brief an die Römer (KEK IV), Göttingen 2003; Eduard Schweizer, Art. σωμα, Exegetisches Wörterbuch zum NT, Bd. 3, Stuttgart 1992², 770-779)

Mt 16, 21-27: Verleugnen und nachfolgen

1. Petrus. In der [zur Zeit der Verfassung des Beitrags, 2006] neuesten Studie zur Bedeutung des Petrus „Der unterschätzte Petrus“ hebt Martin Hengel die – neben Paulus – zentrale Bedeutung des Apostels in der werdenden Christenheit heraus: „Petrus muß, obwohl er weder eine schriftgelehrte Ausbildung wie Paulus erhalten hatte noch wie dieser in der griechischen Sprache rhetorisch-literarisch versiert war, auch ein theologisch kraftvoller Denker, eindrücklicher Verkündiger und fähiger Organisator gewesen sein, sonst hätte er im Kreis der Jesusjünger, in Jerusalem und später als Missionar bei Juden und Heiden nicht diese einzigartige Rolle spielen und ein so hohes Ansehen gewinnen können. Die christologisch-soteriologischen Grundlagen des christlichen Kerygmas, die sich nach Ostern erstaunlich rasch herausbilden, und das urchristliche Ethos können nicht ohne seinen wesentlichen Einfluß entstanden sein.“ (S. 165) Die unübersehbar dominante Rolle des Petrus in den Evangelien und der frühchristlichen Überlieferung belegt dieses Urteil. - Damit stellt sich aber die Frage, warum gerade Petrus immer wieder auffällig negativ charakterisiert wird. Die Beschimpfung als „Satan“ ist schließlich ein starkes Stück. Auch die Erzählung von der nächtlichen Verleugnung nach der Gefangennahme Jesu zeichnet alles andere als einen strahlenden Glaubenshelden, schon gar keinen Heiligen, sondern einen höchst anfechtbaren Menschen. Petrus ist „der Prototyp des Jüngerunverständnisses und des Jüngerversagens“ (Hengel, S. 69). Denn vor Ostern konnte niemand, eben auch nicht die Jüngerschaft, den Weg Jesu wirklich verstehen! Es zeichnet den nüchternen Realismus der Evangelien aus, dass sie diese menschliche Seite nicht nachträglich „korrigiert“, sondern sie vielmehr auffällig betont haben.

2. Messias und Satan. Die zweiteilige Perikope Mt 16, 21-23 und 24-28 wird in offenbar wohlbedachter Komposition eingerahmt von zwei weiteren Episoden, in denen Petrus als Sprecher der Jünger auftritt: Zuerst die viel (und kontrovers) ausgelegte Szene mit dem „Petrusbekenntnis": „Du bist Christus (d.h. Messias), des lebendigen Gottes Sohn“ (Mt 16, 16), dann die Verklärung Jesu. Petrus, die Situation wiederum missverstehend: „Hier lass‘ uns H bauen.“ Hatte er, als er sein Bekenntnis aussprach, wirklich verstanden, was „Messias“ bedeutet? Eben nicht, sonst könnte Jesus ihn nicht, quasi im nächsten Atemzug des Evangeliums, als „Satan“ beschimpfen! Ein „leidender Messias“ ist für Petrus (vor Ostern!) undenkbar. Muss sich ihm nicht die quälende Frage aus dem AT nach dem Leiden des unschuldigen Gerechten stellen? Doch der Beginn der Perikope mit „von da an“ sagt deutlich: Ab jetzt geht es genau um dieses Thema! „Von da an“ findet der entscheidende Ortswechsel im Evangelium statt: Von Galiläa, der Heimat und der Landschaft, in der sie den Frühling des Evangeliums erfahren haben, nach Jerusalem, der feindlichen Stadt, dem Ort des Todes. Und der Auferstehung. Der 2. Artikel des apostolischen Credo wird später die drei Verben aus Mt. 16, 21 aufnehmen: gelitten – gekreuzigt – auferstanden. Das ist es, was Jesus hier „erklärt“; - das griechische Wort an dieser Stelle meint „offenbaren“. Wer aber könnte diese Offenbarung ohne weiteres „verstehen“?

3. Nachfolge. Das „Verstehen“ vollzieht sich in der persönlichen Erfahrung der Nachfolge. Davon spricht der zweite Teil der Perikope. Voraussetzung der Nachfolge ist die „Selbstverleugnung“ (V. 41) Was das heißt (und was nicht!), hat Dietrich Bonhoeffer so gesagt: „Selbstverleugung kann niemals aufgehen in einer noch so großen Fülle einzelner Akte der Selbstzermarterung oder asketischen Übungen; es heißt nicht Selbstmord, weil auch hier noch der Eigenwille des Menschen sich durchsetzen kann. Selbstverleugnung heißt nur Christus kennen, nicht mehr sich selbst, nur noch ihn sehen, der vorangeht, und nicht mehr den Weg, der uns zu schwer ist.“ (Nachfolge, S. 41) Denn „Nachfolge ist Bindung an den leidenden Christus.“ (S. 44) Demzufolge ist das Leiden in der Nachfolge nicht irgendein Leiden, sondern „an das Christsein gebundenes Leiden“ (S. 41). Das bedeutet: es ist nicht „mein“ Leiden, sondern stellvertretendes Leiden für andere Menschen. „Die Last des Bruders, die ich zu tragen habe, ist nicht nur dessen äußeres Geschick, dessen Art und Veranlagung, sondern sie ist im eigentlichsten Sinne seine S Ich kann sie nicht anders tragen, als indem ich sie ihm vergebe, in der Kraft des Kreuzes Christi, dessen ich teilhaftig geworden bin. So stellt der Ruf Jesu zum Kreuztragen jeden Nachfolgenden in die Gemeinschaft der Sündenvergebung. Sündenvergebung ist gebotenes Christusleiden des Jüngers. Es ist allen Christen auferlegt.“ (S. 43)

(Literatur: Martin Hengel, Der unterschätzte Petrus, Tübingen 2006; Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge, München 1958)

Dr. Wolfgang Herrmann, Geilnau

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