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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

24. Aug. 08 - 21. Sonntag im Jahreskreis / 14. Sonntag nach Trinitatis

ev. Reihe VI kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.
1 Thess 5, 14-24 Jes 22, 19-23 Röm 11, 33-36 Mt 16, 13-20

Der Autor geht auf alle Bibelstellen mit Ausnahme der 2. kath. Lesung aus dem Römerbrief ein. Stichworte: Schlüsselqualifikation der Mächtigen (Verantwortungsbewusstsein; Jes 22 / Mt 16); Anweisungen für das Leben: Ermutigung der Ängstlichen, Schutz der Schwachen, Chancengleichheit für Kinder, Gerechtigkeit (1 Thess 5)

Exegetische Anmerkungen zu den Bibelstellen:

1 Thess 5, 14-24: „Anweisungen für das Gemeindeleben“, so ist ein Teil der heutigen Lesung in der Einheitsübersetzung überschrieben. Auf dem Hintergrund der Naherwartung (Jesu Wiederkunft geschieht womöglich noch zu Lebzeiten von Paulus; vgl. 1 Thess 5, 1-11) schreibt er „Anweisungen“ für das „Hier und Heute“. Der Abschluss des Textes bildet eine Fürbitte des Apostels (V23f).

Jes 22, 19-23: Jesaja kann man mit Recht als „Insider der Macht“ bezeichnen. Er hat ebenso Zugang zum König wie zu hohen Beamtenkreisen (vgl. Jes 7, 3; 8, 2; 22, 15 ff.). In Jerusalem kennt er die politischen, sozialen und kultischen Verhältnisse gut, so dass davon auszugehen ist, dass Jesaja vornehmer Abstammung ist und dort aufwuchs. Im Mittelpunkt stehen bei ihm die „Kult- und Sozialkritik, die Erwartungen des „Tages des Herrn“, die Weherufe, die Polemik gegen menschlichen Hochmut“ (vgl. Schmidt, S. 215), aber auch aktuelle Ereignisse der Außenpolitik gehören zu seinen Hauptthemen. Stolz und Hoffart (≈Hochmut) sind ihm ein Dorn im Auge, da sie letztlich einen Widerspruch zu Gott darstellen.

Mt 16, 13-20: Weder das griechische Wort petros noch die aramäische Entsprechung kepha „Fels“ wurde als Personenname gebraucht; erst Jesus nannte so den F der Apostel, um dessen Rolle bei der Gründung der Kirche zu versinnbildlichen. Unter „Kirche“, hebräisch: qahal bzw. griechisch: ekklesia, war zunächst „Versammlung“ zu verstehen. Diese Bezeichnung kam im Alten Testament als Bezeichnung der Gemeinde des erwählten Volkes vor. Bei Jesus bedeutet „Kirche“ die messianische Gemeinde, für die er durch das Vergießen seines Blutes den Neuen Bund stiften wird. Genauso wie die Stadt des Todes hat die Stadt Gottes Pforten; sie gewähren nur jenen Einlass, die w sind. Petrus empfängt die Schl zu diesen Toren. Als bevollmächtigter Verwalter (dessen Würdezeichen die Schl sind, vgl. Jes 22, 22) soll Petrus die Disziplinargewalt aus Seine Rechtssprüche und Lehrentscheidungen werden durch Gott vom Himmel her bestätigt werden. (vgl. Kleine Jerusalemer Bibel, S. 40)

Predigtskizze: Untersuchungsausschuss Jesaja

Macht ist ein schillerndes Wort. Ein faszinierender Reiz geht von ihm aus. Schon immer waren Menschen wie im Goldrausch besessen von der Idee, Macht zu besitzen. Zur Erhaltung von Macht bzw. zunächst zur Erlangung von Macht ist es nicht neu, dass Haken und Ösen, Ellenbogen und Bandagen eine Rolle spielen. Doch Macht ist zunächst nichts Negatives. Wir brauchen sie, um etwas zu erreichen und positiv Einfluss zum Wohle möglichst vieler nehmen zu können. Als wesentlich dürfte allgemein anerkannt sein, dass Macht immer an Verantwortung gekoppelt ist. Dementsprechend gilt: Wer viel Macht besitzt, der trägt viel Verantwortung.

Jesaja schildert drastisch, was mit einem hohen Amts- und Würdenträger, in diesem Fall dem Tempelvorsteher, passiert, der diesem Anspruch nicht genügt. Schebna wird aus seinem Amt verjagt und Eljakim wird dafür berufen. Als Insignien der Macht werden ihm Gewand und Schärpe des Vorgängers gegeben. Im Hinblick auf sein Amtsverständnis wird ihm aufgetragen „für die Einwohner Jerusalems und für das Haus Juda ein Vater (zu) sein“. Schließlich werden ihm die „Schl des Hauses David auf die Schultern“ gelegt, mit denen er letztverantwortlich „schließen“ und „öffnen“ kann.

Es ist zu einer guten Tradition geworden, dass bei Amtseinführungen symbolisch „Schlüssel⤠überreicht werden. Sie sind ein Zeichen für Macht und Souveränität. Ausgehend von den Aussagen Jesajas wird aber auch die Radikalität, die dahinter steckt, deutlich: „Wenn nicht er, dann kann keiner Zugang (letztlich zu Gott) verschaffen oder verwehren“.

Jesaja wird uns heute als jemand vorgestellt, der im Auftrag Gottes mit Argusaugen über Amts- und Würdenträger wacht. Vor seinem „Untersuchungsausschuss“ hält der Tempelvorsteher Schebna nicht stand. Viel Macht, bedeutet viel Ehr, aber das kann alles schnell wieder vorbei sein, wenn maßlos übertrieben wird. „Wie kommst du dazu, wer bist du denn...“ (Jes 22, 16), so beginnen die Vorwürfe gegen ihn, die letztlich mit dem Urteil enden: „der Herr wird dich (Schebna) in hohem Bogen wegschleudern. Er wird dich zu einem Knäuel zusammenwickeln und wie ein Ball in ein geräumiges Land rollen...“ (vgl. Jes 22, 17f.).

Ein Sprichwort sagt: Man kann es treiben, aber man darf es nicht übertreiben. Desto höher man auf der Erfolgsleiter steigt, desto tiefer kann man fallen. Diese Erkenntnis ist so alt, wie es Karrieren gibt. Verantwortung beinhaltet das Wort „Antwort“. „Was treibt mich und meine Handlungen an, warum habe ich mich so und nicht anders entschieden, ist mir klar wem gegenüber ich mich für meine Taten zu verantworten habe ...?“ Diese und ähnlichen Fragen m sich auch heute noch Amtsträger und Mächtige gefallen lassen, sei es der US–Präsident oder der Papst.

Macht und Ehre auf der einen, Last und Verantwortung auf der anderen Seite, gehören zu der ein- und derselben Medaille. Die Gefahr besteht, sich von der glänzenden Strahlemannseite blenden zu lassen. In Gesellschaft, Politik und Kirche brauchen wir deshalb Menschen, die Ämter, Aufgaben und Funktionen übernehmen wollen und können, ohne dem negativen Reiz der Macht zu erliegen. Wir brauchen Frauen und Männer, die ihre Macht für eine bessere Zukunft aller einsetzen und sich dabei immer auch einem höheren Willen verpflichtet fühlen.

Bezüge zur Nachhaltigkeit, Beispiele zur Umsetzung und weitere Kontexte:

1. Schlüsselqualifikation der Mächtigen (Jes 22, 19-23/ Mt 16, 13-20)

Wer lässt sich heute noch in den Vorstand eines Vereines, einer Partei, einer Kirchengemeinde wählen? Es ist vieler Orts ein Drama, mangels Interessenten und Bewerber, noch eine richtige Wahl, im Sinne von einer Auswahl, durchzuführen. Man ist manchmal froh, überhaupt einen Kandidaten zu bekommen, womit natürlich noch nicht die Frage beantwortet ist, ob der Mann oder die Frau überhaupt geeignet ist. Die Lust auf Ämter, vor allem Ehrenämter, ist geringer geworden. Reizvoll erscheint nur noch, wo es was zu „gewinnen“ gibt, nämlich Macht, Prestige und eine gesicherte Altersvorsorge.

Wegen dieser Tendenz, die im Grundsatz nicht neu ist, braucht es eine durchdachte Personalauswahl und Personalkontrolle. Den sprichwörtlichen „Bock zum Gärtner“ sollte man möglichst nicht machen und wenn dies doch passieren sollte, gilt es von höherer Instanz, die notwendigen Schritte zur Schadensbegrenzung einzuleiten.

Wer Schlüsselfunktionen einnimmt, der steht unter besonderer Beobachtung. Diese Menschen tragen eine enorme Verantwortung und müssen sich dementsprechend besonders verantworten. Am Beispiel des Amtseids, den Bundespräsident, Bundeskanzler und Bundesminister gleichermaßen verwenden, wird deutlich, welch hohe Verantwortung diese Politiker übernehmen: „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erf und Gerechtigkeit gegenüber jedermann üben werde. (So wahr mir Gott helfe.)“ (Artikel 56 Grundgesetz)

Die berechtige Frage ist: „Werden sie ihrer Verantwortung gerecht?“ Wenn es tatsächlich um mehr geht als um Worthülsen, die verfassungsgem dazu gehören, dann muss ich Minister, Kanzler und Präsidenten an diesem Eid messen können.

Wie gerecht geht es in unserem Land zu? Welche Rolle spielt das jeweilige Gewissen noch, wo doch Partei- und Wirtschaftszwänge übermächtig erscheinen? Steht das Wohl einzelner (Vorstände, Firmen und Aktionäre) oder das Wohl des ganzen Betriebs im Vordergrund? Wäre es nicht sinnig, wo doch Macht und Einfluss auch wesentlich von Industrie und Wirtschaft ausgeht, den Managern solcher Unternehmen nicht einen ähnlichen quasi „Eid“ abzuverlagen? Welche ernsten Konsequenzen hat es, wenn Mann oder Frau dabei wortbr wird? F sich Politiker (mit oder ohne C im Parteinamen) noch an eine Verantwortung gegenüber Gott gebunden und zu was führt das im Hinblick auf ihr Welt- und Menschenbild?

Es war und ist schwierig die „Richtigen“ zu bekommen. Richtig sind Menschen, die sich ihrer Verantwortung gegenüber einer Allgemeinheit und nachfolgender Generationen als w erweisen. Richtig sind Menschen, die nicht nur darauf schauen, was bringt das mir, sondern wem kann ich durch mein Engagement helfen. Richtig sind Menschen, die den Blick nicht nur auf „Tausenderstellen“ richten, sondern den Einzelnen nicht aus dem Auge verlieren.

2. Anweisungen für das Leben (1 Thess 5, 14-24)

Mein Haus. Mein Auto. Mein Boot ... Auf solche oder ähnliche Dinge kommt es im Leben an, nicht nur wenn man der Werbung glauben schenken darf. Geiz ist zwar Geil, aber wer hat, der hat. Natürlich zählen die inneren Werte, aber mal ehrlich, gutes Aussehen schadet doch nicht wirklich. Und Liebsein ist zwar schön und gut, aber damit lässt sich nicht immer was erreichen und schon gar nichts kaufen.

Auf dem eben genannten gesellschaftlichen Hintergrund hat die heutige Lesung süffisant ausgedrückt teilweise den Charme einer Werbeannounce für Weichspüler. „Weist die zurecht, die ein unordentliches Leben führen; seid geduldig mit allen! Freut euch zu aller Zeit!“ klingt einfach fern ab von jeglicher Realität. Ohne Schwarzmalerei zu betreiben, ist es gelinde ausgedrückt schwierig, für diese Werte zu werben. Individualismus, rasante Veränderungen und Zukunftsängste dr unserer Zeit ihren Stempel auf. Wer will denn schon 08/15-mäßig herumlaufen, wo man nur „mit Marken gewinnt“? Wer will denn schon hinten anstehen, wenn wir schon im Supermarkt die Krise bekommen, wenn nur eine Kasse geöffnet ist und wir länger warten müssen? Wer will denn schon die Nummer 2 sein, wenn er in den Medien eingetrichtert bekommt, dass er damit schon der erste Verlierer ist?

Die Aussagen aus dem Thessalonicherbrief sind bei Leibe nicht weltfremd, unrealistisch und weichspülerisch, sondern, im Gegenteil, gesellschaftlicher und politischer Sprengstoff. Die sog. Verlierer unserer Gesellschaft machen deutlich, wo es im ganzen System hakt. Hartz IV Empfänger, Alleinerziehende, Spätaussiedler, Behinderte, ..., um nur einige zu nennen, halten uns den Spiegel vor. Eine „schön-reich-berühmtâ -Sehnsucht lässt wenig Platz für die vermeintlichen Schattenseiten der Gesellschaft. Die vielbeschworene Chancengleichheit und die damit verbundene Gerechtigkeit ist nämlich in unserer Gesellschaft ein Traum, der besonders für viele Kinder sehr früh zerplatzt, wenn sie nicht die notwendige Förderung erhalten. Wer kümmert sich um die sog. „Schlüsselkinder“, die von Fertigpizza gro und stark werden sollen, die aber zu Hause den Tag über ohne Eltern zurecht kommen m und Angst vor dem Alleinsein haben? Wer kümmert sich um Familien in ihren unterschiedlichsten Patchworkkonstellationen, die mit Erziehungsaufgaben überfordert sind und die Hilfesuchend nur zur Fernbedienung greifen können? Wer bringt schulisch schwachen Kindern die Geduld und Zeit gegenüber auf, damit sie im „System“ nicht auf der Strecke bleiben und ihr Selbstwertgefühl verlieren?

Die Anweisungen für das Leben aus dem Thessalonicherbrief wollen uns helfen, den Fokus auf das zu richten, auf das es wirklich ankommt. Weitab von Statussymbolen und Siegermentalitäten kommt es auf die Hilfe für diejenigen an, die es am nötigsten haben, nämlich Haltlose, Ängstliche, und Schwache. Tragischerweise haben diese in unserer Gesellschaft immer mehr das Gesicht von Kindern bekommen. Das von den Medien und der Gesellschaft geprägte Menschen- und Erfolgsbild trägt zur Ausgrenzung und Stigmatisierung derjenigen bei, die zu den sog. Verlierern zählen. Was wir zukünftig und nachhaltig brauchen, ist mehr denn je ein Bemühen, wie es bei Paulus heißt, „einander und allen Gutes zu tun“. „Prüft alles und behaltet das Gute!“, damit sollte eine ehrliche Bestandaufnahme überschrieben sein. Beispielsweise geh ehrenamtliches Engagement im Bereich Kinder- und Jugendarbeit viel mehr gefördert und honoriert, Hausaufgabenbetreuung sollte für alle kostenlos bereit stehen und Anlaufstellen bei Erziehungs- und Familienproblemen sollten auch kurzfristig verf sein und nicht erst nach Monaten Wartezeit. Und erst wenn wir dieses und noch viel mehr geschafft haben, gibt es im eigentlichen Sinn Grund, sich „zu jeder Zeit“ zu freuen.

Thomas Stephan, Bruchsal

Literatur/ Quellen:

Werner H. Schmidt. Einführung in das Alte Testament. Berlin-New York, 4. Aufl., 1989

Kleine Jerusalemer Bibel. Neues Testament und Psalmen. Herder-Übersetzung mit dem vollständigen Kommentar der Jerusalemer Bibel. Freiburg im Breisgau 1968

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