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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

17. Aug. 08 - 20. Sonntag im Jahreskreis / 13. Sonntag nach Trinitatis  

ev. Reihe VI kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.
Apg 6, 1-7 Jes 56, 1.6-7 Röm 11, 13-15.29-32 Mt 15, 21-28

Der Autor betrachtet den ev. Predigttext und die beiden kath. Lesungstexte. Stichworte: Irritation durch Fremde auch in der Gemeinde, Integration / Desintegration, Veränderungen könnten schmerzhaft und irreversibel sein (Apg 6); wer die Gebote achtet, gehört auch dazu (Jes 56); der gemeinsame Glaube an das Gute soll genügen, auch ohne „Mitgliedschaft“ in der selben Gemeinschaft (Mt 15)

Vorbemerkungen:

Ich beziehe mich auf den ev. Predigttext und die beiden Texte aus Jesaja und Matthäus bei den kath. Lesetexten.

In allen drei Texten geht es um das gleiche Thema: Integration der „Fremden“ in die Gemeinschaft des Volkes Gottes.

„Integration“ ist gegenwärtig auch bei uns ein vieldiskutiertes Stichwort. Der Anteil von ausländischen Kindern und deutschen Kindern mit „Migrationshintergrund“ in Kindertagesstätten und Schulen wächst, in größeren Städten entstehen „Parallelgesellschaften“ in einzelnen Stadtvierteln mit hohem Ausländeranteil. Ursprünglich als „Gastarbeiter“ ins Land geholt – mit der geheimen Erwartung, sie würden mit dem Eintritt ins Rentenalter wieder in ihre Heimatländer zurückkehren – sind die allermeisten von ihnen geblieben. Ihre Kinder und Enkel sind mittlerweile hier aufgewachsen und werden dennoch in der Regel von vielen als Ausländer empfunden.

Dazu kommen Menschen, die als Flüchtlinge zu uns gekommen sind und Asyl beantragt oder bekommen haben. Die Integration dieser Menschen – also eine volle Teilhabe an unserer Gesellschaft - steckt bisher noch in den Kinderschuhen. Genauso sind wir von einer „mulitkulturellen Gesellschaft“ noch weit entfernt.

Die daraus sich ergebenden Probleme: Von den geringeren Bildungschancen der Kinder über die weit verbreitete Verdächtigung, dass ohne sie das Problem der Arbeitslosigkeit gar nicht bestünde, bis hin zu Anfeindungen und Gewalt durch rechtsradikale, nationalistische Gruppen.

Integration auf Kirchengemeindeebene ist aber nicht nur ein Thema im Bezug auf Menschen ausländischer Herkunft. Es ist in vielen Gemeinden virulent schon durch den Zuzug von Neubürgern, die aus andern Teilen des eigenen Landes kommen. Die Palette konfliktträchtiger Situationen reicht vom anders gearteten Gottesdienstverständnis bis zum angestammten Platz im Seniorenkreis, auf dem plötzlich jemand „Fremdes“ sitzt.

Die Fremden, das Fremde wirkt befremdlich, auf manche sogar bedrohlich. Im eigenen Kreis, der eigenen Gruppe kennt man sich aus, folgt man den ungeschriebenen Regeln und Ritualen, fühlt man sich sicher und ungestört. Das Fremde, die Fremden fordern heraus und zum Nachdenken über die eigene Identität auf. Der eigene Standpunkt, die eigene Weltsicht verlieren ihre Alleingültigkeit und werden relativiert, müssen überdacht und neu bestimmt werden.

Durch die Integration des Fremden – der Fremden – geht Altes, Altbekanntes, Altbewährtes zu Ende, entsteht Neues, ein neues Selbstverständnis, neue Gemeinschaft, neue Gesellschaft.

Von der Bibel her: Es wächst die Erkenntnis, dass das Herz Gottes weiter und größer ist als das eigene, dass die Grenzen des Gottesvolkes, des Gottesreiches weiter und größer sind als die des eigenen Volkes, auch der eigenen Traditionen, des eigenen Frömmigkeits- und Glaubensstiles.

Auf dem Hintergrund dieser Vorbemerkungen nur noch kurze Notizen zu den einzelnen Texten:

1) Apostelgeschichte 6, 1-7

Inmitten der idealisierenden Darstellung der Jerusalemer Urgemeinde durch Lukas taucht unversehens ein Konflikt auf: Griechischstämmige Juden, die vermutlich für ihren Lebensabend aus der Diaspora nach Jerusalem umgesiedelt sind – mit anderer Sprache, anderer Kultur, anderen Bräuchen etc. - und sich dort der christlichen Gemeinde angeschlossen haben, beschweren sich: Ihre Witwen werden bei der Versorgung mit Mahlzeiten durch die Gemeindeleitung benachteiligt. Durch die Aufnahme dieser „Fremden“ wird die Harmonie der Gemeinde gestört. Das schnelle Wachstum der Gemeinde bringt Probleme mit sich, auf die man offensichtlich nicht vorbereitet ist.

Die Gemeinde muss sich darauf einstellen, vor allem personell, in ihrer Mitarbeiterschaft. So werden sieben Mitarbeiter gewählt, die sich des Problems annehmen sollen, damit die Apostel entlastet werden.

Ganz so einfach sind unsere gegenwärtigen Integrationsprobleme nicht immer zu lösen. Nicht nur, weil die Suche nach neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zuweilen schwierig ist, sondern weil die Veränderungsprozesse, die dadurch notwendigerweise in Gang kommen, immer auch schmerzhaft und langwierig sein können. Wichtig ist aber, dass Menschen da sind, die davor nicht die Augen verschließen, und dass Gemeinde offen bleibt für Menschen, die dazukommen und sich selbst mitbringen mit all ihren neuen Ideen und Bedürfnissen, mit ihren eigenen Traditionen und Erfahrungen, dass sie kommen können, so wie sie sind, Wertschätzung erfahren und als Gewinn für die Gemeinde erfahren werden.

2) Jesaja 56, 1. 6-7

Gottes Verheißungen gelten nicht nur den Israeliten, sondern auch den „Fremden“. Kriterium für die Zugehörigkeit zur Gemeinde Gottes ist für den „Dritten Jesaja“ allein das Festhalten an der Weisung Gottes, an seinen Geboten, das Vertrauen auf seinen Bund. Wichtig ist vor allem die Beachtung des Sabbathgebotes. Hier drückt sich in nachexilischer Zeit bereits die bis in die Zeit Jesu und darüber hinaus vorhandene Erwartung aus, dass der Messias Gottes erscheinen werde, wenn alle Juden gemeinsam den Sabbath einhalten. In diese Erwartung eingeschlossen werden hier die „Fremden“. Ihnen, die sich „dem Herrn angeschlossen“ haben, verspricht Gott die Freude seiner Gegenwart auf seinem heiligen Berg. Die Begründung findet sich in Vers 8, der – vielleicht wegen der hier genannten „Brand- und Schlachtopfer“ – nicht mehr zum Lesungstext gehört: Gottes Haus ist ein „Bethaus für alle Völker“. Hier finden alle die eine Heimat, die sich auf seine Weisung einlassen, unabhängig von ihrer Volkszugehörigkeit (s. V. 3) oder ihrer körperlichen Voraussetzungen (s. V. 3-5).

3) Matthäus 15, 21-28

Jesus begegnet einer kanaanäischen Frau („kanaanäisch“ bezeichnet im alttestamentlichen Sprachgebrauch die außerisraelitische Bevölkerung, also die „Heiden“), die ihm aus dem Gebiet von Tyrus und Sidon entgegenkommt. Jesus geht also selbst gar nicht in dieses heidnische Gebiet hinein. Laut schreiend erbittet die Frau von ihm ein Heilungswunder. Jesus betont zunächst – nach anfänglicher Missachtung der Frau – dass seine Aufgabe nur Israel gelte. Damit macht er die Grenze gegenüber den „Heiden“, gegenüber den Fremden noch einmal deutlich.

Dann jedoch erfährt die Frau – entgegen der Forderung der Jünger: „Fertige sie ab...“ – Heil und Rettung aufgrund ihres „großen Glaubens“, der in Jesus den „Sohn Davids“, den Messias erkennt.

Gesetzliche Bedingungen werden hier nicht gestellt, der Glaube genügt. So unterstreicht Matthäus beides: Gott bleibt Israel treu und zugleich wendet er sich auch den Heiden zu, die ihn im Glauben als Herrn anerkennen.

Für die Gemeinde des Matthäus bedeutet dies: Noch immer ist Israel das Volk Gottes, auch wenn es „verlorenen Schafen“ gleicht, die ihren Hirten verlassen haben. Aber gerade zu ihnen hat Gott Jesus gesandt, um sie zurück zu bringen. Zugleich gilt die Gnade Gottes auch Menschen von außerhalb des alten Gottesvolkes, die sich der Botschaft von Jesus Christus öffnen. Aus beiden entsteht das neue Gottesvolk.

Wenn der Glaube an Jesus Christus das Entscheidende ist, heißt das aber, dass er weite Grenzen hat. Keiner kann und darf dem andern den Glauben absprechen, weil er sich anders äußert als der eigene.

Rüdiger Schellhaas-Eberle, Grünstadt-Sausenheim

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