Direkt zum Hauptmenü. Direkt zum Untermenü. Direkt zur linken Navigation. Direkt zum Text.

Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

27. Jul. 08 - 17. Sonntag im Jahreskreis / 10. Sonntag nach Trinitatis 

ev. Reihe VI kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.
Röm 11, 25-32 1 Kön 3, 5.7-12 Röm 8, 28-30 Mt 13, 44-52

Der Verfasser beschränkt sich auf die Texte der kath. Leseordnung. Stichworte: salomonisch weise sein – das eigene Leben richtig und angemessen einrichten, falsche materielle Glücksverheißungen der Moderne (1 Kön 3); Die Schöpfung ist in ähnlich mißlicher Lage wie wir, die Menschen – ökologisches Problembewußtsein ausbilden (Röm 8); auf die bisherigen „Lebensregeln“ verzichten und radikal die Chance ergreifen, es zukünftig anders zu machen (Mt 13)

Vorbemerkung MC: Bei Röm 11 bräuchte es einige „Klimmzüge“, um den Bogen zu einer Ethik der Nachhaltigkeit zu schlagen. Ich schlage die Konzentration auf je einen der drei Texte der katholischen Leseordnung vor, so dass drei unterschiedliche Predigtansätze vorzustellen sind.

Exegetische Anmerkungen

Der erste Lesungstext aus 1 Kön erzählt den Traum, wie Gott Salomo den Wunsch nach einem hörenden Herz erfüllt und weist damit den Nachfolger Davids, des jüdischen Modellkönigs, als die Spitze der königlichen, v.a. der richterlichen Weisheit aus. Die Abschnitte der Geschichte - Einleitung: Kontaktaufnahme mit Gott im Opfer, Gottes Frage nach einem Wunsch, richtige Antwort des Königs / Helden, überschwängliche Gewährung des Wunsches – findet sich in vielen literarischen Gattungen von altägyptischen Königsnovellen (M. Noth, Bibl. Kommentar AT) bis zu verfilmten Märchenfassungen der Gegenwart.

Salomo steht am Beginn seiner Regentschaft, hat durch Heirat einer Pharaonentochter seine politischen Beziehungen mit Ägypten gefestigt, und schließt an die erfolgreiche Herrschaft und Gottwohlgefälligkeit seines Vaters Davids an. Hinter der Selbstdefinition (v. 7) als „kleiner Knabe, ich weiß nicht aus noch ein“ (M. Buber), der um Weisheit mittels eines hörenden Herzens bittet, könnte sich ein Stilelement der höfischen Königsinthronisation verbergen. Andererseits geht die Initiative nicht von Salomo selbst aus, abgesehen davon, dass er (nach dtr. Ansicht am falschen Ort, also nicht am Kultzentrum Jerusalem) Gott Opfer bringt. Die Handlungsimpulse liegen auf Seite Gottes.

Nicht mehr Teil der Lesung, aber inhaltlich verbunden mit der Mitteilung der weisheitlichen und daraus folgend weiterer Gaben schließt sich die Geschichte des „salomonischen Urteils“ (vv. 16-28) an, in der der König seine Richter-Kompetenz nachweist und durch unkonventionelle Mittel zu einem gerechten Urteil kommt. Darüber hinaus ist bemerkenswert, dass der König sich für zwei Dirnen und ihren Streit so viel Zeit nimmt; auch hierin ist er Repräsentant des gerechten Gottes.

Der zweite Lesungstext (Röm 8, 28-30) bildet den Übergang von der Beschreibung der Wandlung, die vom Tod zum Leben führt, hin zum Hymnus auf die Liebe Gottes. Diesen Glaubensprozess verdeutlicht Paulus in unserer Textstelle mithilfe eines aufsteigenden Kettensatzes. Für einen „ökologischen Ertrag“ nehme man die vorausgehende Beschreibung der „Knechtschaft der Vergänglichkeit“ (vv. 19- 21) hinzu, denn hier schließt Paulus ausdrücklich die gesamte Schöpfung in das Erleiden der „Geburtswehen“ mit ein. Diese – im NT einzigartige – Ausweitung des Heilsgeschehens auch auf die „Natur“ speist sich aus der jüdischen Eschatologie, in der die ganze Welt von Jahwe, dem ursprünglichen Schöpfer und endzeitlichen Retter, erneuert wird (U. Wilckens, Evangelisch-Katholischer Kommentar VI/2). Und wie die ganze Schöpfung, in und mit ihr die Christen, auf das Offenbarwerden der Erlösung hofft, hat sie folgerichtig auch an der Prozess teil, der die Berufenen (Christen) in die „Rechtfertigung“ und „Herrlichkeit“ führt (vv. 28-30).

Mt 13, 44-52 bilden den Abschluss der Reich-Gottes-Gleichnisse im Mt-Ev, hier mit dem Schatz im Acker, der kostbaren Perle, dem Fischnetz und dem katechetischen Abschluss, in dem Jesus den christlichen Schriftgelehrten mit einem Hausvater vergleicht. Die Botschaft: wer das Reich Gottes erfährt, wem es nahe kommt, der muss und kann sich entscheiden für dieses unglaubliche Geschenk, für das es sich lohnt, alles einzusetzen und zu bezahlen. Das Weggeben und Loslassen des Preises, der Besitzverzicht (vgl. U. Luz, Evangelisch-katholischer Kommentar Band I/2, S. 353), muss dann aber auch getan werden. Mit dem Gleichnis vom Schleppnetz (vv. 47-50) wendet sich der Ton von der geschenkten Chance zur eschatologischen Gerichtsszene, wo die Engel die Unbrauchbaren, die die Chance vertan haben, aussortieren. Dann verlässt Jesus die Bildsprache und fragt die Jünger, ob sie ihn verstanden haben. Damit ist mehr als das verbale, kognitive Verständnis gemeint; vielmehr geht es ihm um die Aneignung und die Umsetzung ins eigene Leben, sie sollen die angesprochene Chance ergreifen und umsetzen.

Anregungen zu drei Predigten

1. Der Traum Salomos trägt märchenhafte Züge, die gut erzählt und ausgelegt auch in einem Familien- oder Kindergottesdienst Verwendung finden können. „Du darfst dir wünschen, was du willst. Also, was möchtest du?“ Der Traum von einem Angebot, wie beim Lottogewinn das große Los! Und gleich dreht sich die Wunschspirale im Kopf und spinnt die Utopie eines grenzenlosen, glanzvollen, glücklichen Lebens: Allmachtsvorstellungen. Aber schon vom Sündenfall im Paradies („ihr werdet sein wie Gott“), bis zu aktuellen Lotto-Millionär-Schicksalen zeigen die Gefahr des anschließenden Falls; so viel Glück, so viel Erwartungen an das neue und ganz andere Leben ist schwer zu verkraften.

Vergleichbar damit waren die Glücksverheißungen der Moderne, nach denen der Fortschritt unaufhörlich den Weg zum Paradies auf Erden bahnen würde. Daran glaubt heute kaum noch jemand, vielmehr herrschen oft Ängste vor der Zukunft und die Sorge von vielen beschränkt sich darauf, wie wenigstens das kleine, private Leben einigermaßen gestaltet und gesichert werden kann. Ob damit die (gute, menschenwürdige) Zukunft für alle zu haben ist, ist eigentlich keine Frage mehr.

Salomo wünscht sich anderes und wird damit zum Typ des weisen Herrschers und – übertragen - zum Archetyp des Menschen, der sein Leben angemessen und richtig (gerecht) für sich und andere zu gestalten weiß. Er wünscht nicht eigennützig, sondern will mit dem hörenden Herz den Zugang zu seinem Volk, über das er herrscht und richtet, aber auch zu seinem Gott, dem er sich verantwortlich weiß, und nicht zuletzt zu sich selbst, öffnen. Nicht (all-)mächtiges Zugreifen auf alle Bereiche des Lebens, sondern der Schritt zurück und der Moment der Stille, des Hörens, um dann genauer und angemessener zu handeln, macht die gewonnene Weisheit Salomos aus.

Gott gefällt dieser Wunsch und so bekommt Salomo noch alles andere dazu – Reichtum und Ehre. Und es ist auch politisch richtig, weitsichtig und unter Verzicht auf den momentanen Erfolg wichtige Zukunftsfragen zu entscheiden; am Ende werden alle reicher und erfüllter dastehen. Dass eine solche Haltung durchaus nicht moralinsauer daherkommt, zeigt die anschließende Geschichte von dem salomonischen Urteil, bei dem der Richter Salomo unkonventionell die Wahrheit ans Licht und Gerechtigkeit unter die Streitenden bringt.

2. Dass das Leiden der Schöpfung / Natur eine theologisch-soteriologische Bedeutung haben könnte, dieser Gedanke ist in der Theologie- und Kirchengeschichte kaum zu finden. Dem entsprechend hatten die Exegeten mit der „seufzenden und in ungeduldiger Sehnsucht harrenden Schöpfung“ (v. 19-21) ihre Probleme (U. Wilckens s.o.). Eher wurde die Natur und Umwelt der „sarx / Fleisch“-Seite zugeordnet, die – der Sünde verfallen – der Erlösung Widerstand entgegensetzt. Aber in unserer Textstelle identifiziert Paulus die Situation der ganzen Schöpfung mit der sündhaft gefallenen Menschheit, die jetzt in Hoffnung die Erlösung erwartet. Beide sitzen in dem gleichen Boot und beide können nur durch Gottes heilende Tat gerettet werden. Diese Sicht ist im NT einmalig. Ähnlich wie in der exegetischen Auslegung wurde auch im allgemeinen Verständnis Welt und Natur als Gegenüber, als Objekt des menschlichen Handelns begriffen (wenn nicht gar als feindliche Umgebung, die zu zähmen oder zu zerstören war). Im Zugriff und in der Umgestaltung realisierte er den biblischen Auftrag, sich die Erde untertan zu machen (Gen 1, 28). Erst unter dem Eindruck der globalen Gefährdung des ökologischen Gleichgewichtes entwickelte sich der Gedanke, dass die Umwelt „Mit-Welt“ ist, dass der Mensch Teil der Natur ist und nur mit ihr und in Rücksicht auf sie leben und überleben kann.

Wie soll und kann die Katastrophe aufgehalten werden und lebenswürdige Zukunft erreicht werden? Viel wäre gewonnen, wenn das Problembewusstsein und die Motivation zum sachgerechten, rücksichtsvollen Handeln weiter zunähme und zur leitenden Handlungsmaxime im gesellschaftlichen wie im privaten Umfeld würde. Eher scheint heute die Priorität wieder auf einem möglichst ungebremsten wirtschaftlichen Wachstum zu liegen. Zugleich herrscht die resignative Befürchtung, die Zerstörung der Mitwelt sei doch nicht aufzuhalten. Jede/r (Prediger/in) mag sich selbst hinsichtlich seiner eigenen Hoffnungspotentiale prüfen. Eine Umkehr, eine Wiederbelebung, ein Neuanfang wird nicht einfach werden, zumal die Rückkehr zum paradiesischen Urzustand, zu einer Natur ohne den Zugriff des Menschen nicht möglich ist. Auch unser Predigttext bietet (natürlich) keine Handlungsanweisung. Aber er hält die größere Option offen, die außerhalb der menschlichen Macht und Machbarkeit liegt. „Wir wissen ..., dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten zusammenwirkt“ (v. 28 übersetzt v. Fr. Stier). Weder die Sündhaftigkeit und Begrenztheit jedes einzelnen Menschen, noch die katastrophale Ausbeutung der natürlichen Ressourcen muss die Hoffnung auf Gottes endgültige Erlösung zerstören. Wer sich dieser größeren Option anschließt, muss diese Hoffnung aber heute und morgen schon in Handeln umsetzen. Wahrnehmen und (An-)Klagen der Not, sich (möglichst mit anderen) entscheiden, aus dem „Land der Sklaverei“ in die Ungewissheit auszuziehen, im Vertrauen auf die Verheißung des „gelobten Landes“ der Gerechtigkeit und des Friedens für alle Geschöpfe, das ist das biblische Modell, wie das Leben gelingen kann.

3. Die Reich-Gottes-Gleichnisse wollen den Hörer und die Hörerin der Botschaft in die Entscheidungssituation stellen, das Angebot der Nähe Gottes, das konkret erfahren wird in Heilung von Krankheit, Befreiung aus Verstrickungen („Dämonenaustreibungen“), Relativierung von unangemessener Angst („Sorgt euch nicht ...“), neuen Handlungsmöglichkeiten gegenüber Feinden („Feindesliebe“) u.a., als die Chance ihres Lebens zu ergreifen. Dafür lohnt es sich, alles auf diese eine Karte zu setzen und in Konsequenz die eigene Lebensgestaltung neu zu orientieren. Genau hier zeigt sich der radikale Anspruch Jesu an diejenigen, die es mit dem Glauben ernst meint, weil sie den „Schatz“ bzw. die „Perle“ gefunden haben. Konsequent danach leben ist dann kein neues Gesetz, keine zusätzliche Ethik, sondern die logische Konsequenz aus der Lebensentscheidung. Deswegen ist es kaum möglich, für alle, die in die Nachfolge eintreten, inhaltlich gleiche Konsequenzen zu benennen; weder der radikale Besitzverzicht und der Verzicht auf Ehe oder Partnerschaft oder andere Forderungen sind der Königsweg. Genau deswegen ist die passende und angemessene Ausdrucksform des „Sachverhaltes“ das Gleichnis, seinem Anspruch ist nur in Analogie nahe zu kommen und jede/r hat für sich die Folgen im Handeln zu suchen.

Vielleicht kommt diese Analogie und damit die inhaltliche Offenheit gepaart mit klarer und eindeutiger Entschiedenheit der (Forderung nach) Nachhaltigkeit nahe. Habe ich die Kurzatmigkeit und Destruktivität unseres verbrauchenden Lebensstils ein-gesehen und Stimme des Gewissens gegenüber den kommenden Generationen oder auch nur meiner eigenen lebenswerten Zukunft wahr-genommen, habe ich meine je und je eigenen Konsequenzen daraus zu ziehen und dem entsprechend (nachhaltig) zu handeln. Andernfalls wäre die gefundene Perle entwertet, der Schatz zerfiele zu Staub. Nachhaltig auf das Reich Gottes hin leben, eine Vision dem abgesicherten Alltag entgegenstellen, finde ich in einem Gebet von Dorothee Sölle in ihrer Vermächtnis-Schrift (Mystik des Todes, Kreuz-Verlag, Stuttgart, 2003, S. 108-109) wieder:

Gib mir die Gabe der tränen gott
gib mir die gabe der sprache

Führ mich aus dem lügenhaus
wasch meine erziehung ab
befreie mich von meiner mutter tochter
nimm meinen schutzwall ein
schleife meine intelligente burg

Gib mir die gabe der tränen gott
gib mir die gabe der sprache

Reinige mich vom verschweigen
gib mir die wörter den neben mir zu erreichen
erinnere mich an die tränen der kleinen
studentin in göttingen
wie kann ich reden wenn ich vergessen habe
wie man weint
mach mich naß
versteck mich nicht mehr

Gib mir die gabe der tränen gott
gib mir die gabe der sprache

Zerschlage den hochmut mach mich einfach
laß mich wasser sein das man trinken kann
wie kann ich reden wenn meine tränen nur
für mich sind
nimm mir das private eigentum und den wunsch danach
gib und ich lerne leben

Gib mir die gabe der tränen gott
gib mir die gabe der sprache
gib mir das wasser des lebens

Michael Cleven, Limburg

© 2006-2016 Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz