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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

22. Jun. 08 - Geburt Hl. Johannes d. T. / 5. Sonntag nach Trinitatis

ev. Reihe VI kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.
2 Thess 3, 1-5

Jer 20, 10-13

Röm 5, 12-15

Mt 10, 26-33

Der Verfasser betrachtet den Predigttext der ev. Perikopenordnung. Stichworte: „Apathie des Herzens“ als Sünde, Widerstandskraft des Messias in uns spüren, sich von Gott anrühren lassen und selbst gewählte Ohnmacht überwinden (2 Thess 3)

2 Thess 3, 1-5

1. Zur Einordnung

Im Gegensatz zum 1. Brief an die Thessalonicher, der als erster Brief des Apostels Paulus und somit als ältestes Dokument des NT gilt, ist der 2. Thess wohl erst nach 70 n. Chr. entstanden. Seine Autoren geben sich als Paulus, Timotheus und Silvanus zu erkennen und sind wahrscheinlich im späteren SchülerInnenkreis des Paulus zu suchen. „Die jüdisch-christlichen Autoren schildern in apokalyptischen Bildern ein für alle gleichzeitiges letztes Gericht Gottes, vollstreckt durch den Messias (2. Thess 1, 1-10). Er wird den letzten Widersacher Gottes, der sich als falscher Gott des Jerusalemer Tempels bemächtigt hat, endgültig vernichten (2. Thess 2, 1-12). Er möchte seine Gemeinde inmitten politischer Wirren und Bedrängnisse in der Hoffnung auf den Sieger und Richter Jesus stärken, der an dem zukünftigen Tag Gottes (2. Thess 2, 2) kommen wird. Am Schluss wird die Arbeit mit den eigenen Händen, der Broterwerb der kleinen Leute, als Disziplinierung in unruhiger Zeit verordnet (2. Thess 3, 6-12). Dabei stellen die Apostel ihre Arbeit als beabsichtigte Aktion vor, um der Gemeinde ein Vorbild zu hinterlassen (2 Thess 3, 9). Ihrer aller Platz soll im Bereich der antiken Unterschicht, der handwerklichen Lohnarbeit bleiben.“ (Marlene Crüsemann, Bibel in gerechter Sprache, 2006, Seite 2182).

2. Der Text

Ich wähle die im Herbst 2006 neu erschienene Übersetzung „Bibel in gerechter Sprache“, weil sie mir einige Aspekte des Textes ganz neu erschließt.

„Ansonsten betet für uns, Brüder und Schwestern, damit sich die Kunde (logos) von Jesus (kyrios) wie auch bei euch verbreite und Gewicht (doxa) bekomme, und damit wir vor den schlechten und bösen Menschen bewahrt werden. Denn nicht alle haben das Vertrauen (pistis). Aber Gott ist vertrauenswürdig und wird euch stärken und vor dem Bösen beschützen. In Gott sind wir zuversichtlich, dass ihr tut und tun werdet, was wir anordnen. Gott möge eure Herzen hinlenken zur Liebe Gottes und zur Widerstandskraft des Messias (christos).“

Die Kunde von Jesus (Lutherübersetzung: „Das Wort des Herrn“) – hier stehen die griechischen Termini „logos“ und kyrios“ –, hat sich durch Paulus und seine Mitapostel erfolgreich verbreitet und die Menschen der Gemeinde mit einbezogen in eine nach außen drängende Dynamik des Evangeliums. Sie haben die Kunde von Jesus ebenso erfolgreich weiter verbreitet. Spannend finde ich es hier, zu erfahren, wie die bei uns manches Mal zur dogmatischen Erstarrung verdammte Verwendung der theologischen Termini „logos“ und „kyrios“ oder eben auch „Wort des Herrn“ nun tatsächlich in der Predigt der Missionare zu Thessaloniki in die Sprache der einfachen Menschen übersetzt worden ist. Aus der sozialgeschichtlichen Forschung wissen wir, dass das frühe Christentum insbesondere bei den Angehörigen der unteren Schichten, Handwerkern, Unfreien usw. eine ungeheure Attraktivität entfaltete. Wie also hörten sie die frohe Kunde von Jesus, der als politischer Unruhestifter und potenzieller Störfaktor von der römischen Staatsmacht (deren Macht die HörerInnen am eigenen Leib erfahren hatten) im Einvernehmen mit den religiös Herrschenden hingerichtet worden war, der aber von Gott in ein Leben geführt wurde, dass sich ihrem Machtbereich entzog? Wie hörten sie das paulinische „hier aber ist weder Sklave, noch Herr, weder Mann, noch Frau, weder Jude, noch Grieche…“? Die prinzipielle geistliche Egalität des Menschen vor Gott ließ sich nicht als rein religiöse Gedankenspielerei sublimieren, sondern hatte immer auch Auswirkungen auf den konkreten Alltag, wie besonders schön im Philemonbrief des Paulus deutlich wird. Wie also die Kunde von Jesus verbreiten in unserer Zeit, in der volkskirchliche Missionsbestrebungen aller Orten für zwingend notwendig gehalten werden, nicht zuletzt wegen der für die kirchlichen Steuereinnahmen desaströsen demoskopischen Entwicklung zur Seniorengesellschaft? Zwingt uns der Selbsterhaltungszwang zur Mission oder die Kraft des Logos von Jesus? Und wie übersetzen wir heute diesen Logos, dieses unerhörte Wort, die Kunde, die verkündigt werden will?

Einen Anknüpfungspunkt sehe ich in Vers 5, der so unauffällig, fast wie ein rhetorisches Anhängsel daherkommt, aber in der oben zitierten Übersetzung Strahlkraft entwickelt: „Gott möge eure Herzen hinlenken zur Liebe Gottes und zur Widerstandskraft des Messias (christos).“ So wie die Verfasser des Briefes eingangs darum bitten, dass die Geschwister für sie beten, so wünschen und beten sie hier gleichsam für die Menschen der Gemeinde, genauer für die Herzen der Menschen. Das Herz anzurühren, das, was einen Menschen im Tiefsten berührt und anspricht, ihn bewegt und auf den Weg bringt, legen sie Gott sozusagen ans Herz. Die größte Versuchung (oder auch Sünde) der Menschen in den westlichen Industriegesellschaften, so meinte Dorothee Sölle einmal, sei die „Apathie des Herzens“, das Sichabfinden mit ungerechten Strukturen und der Friedlosigkeit der Welt, das Resignieren angesichts als übermächtig empfundener Sachzwänge und das Einwilligen in die Ohnmacht, die aus dem sicherlich nicht unbegründeten Gefühl resultiert, nur wenig zum Guten verändern zu können.

Dagegen allerdings helfen auch gut gemeinte Appelle und aktionistische Programme nicht wirklich dauerhaft. Wohl aber, wenn Gott unser Herz anrührt und es aus seiner Apathie befreit, es hinlenkt, aufmerksam macht auf seine Liebe zu uns und die Widerstandskraft seines Christus (Messias). Dieses vor Augen Malen von Gottes „Gegenentwurf“ der Liebe und der Widerstandskraft des Jesus aus Nazareth kann Herzen anrühren. Insbesondere dann, wenn es in Menschen handgreiflich begegnet, wie zum Beispiel in der Geschichte von Siegfried Pater, die er zur Konzertlesung unter dem Thema „fairWandlungen“ zusammen mit der Grupo Sal, erzählt:

„`Der Himmel ist ein Ort, wo es keine Erwachsenen gibt´, sagte mir auf einer meiner Brasilienreisen ein kleines Mädchen, das am Straßenrand bettelte. Was mag es alles schon erlebt haben in der Welt der Erwachsenen, in der Welt der Starken, in der die Schwachen betteln müssen? Ein Buch würde sicher nicht reichen, den Überlebenskampf dieser kleinen Philosophin zu schildern.

Zufällig in der brasilianischen Metropole geboren, so zufällig wie ich in einer kleinen Stadt in Deutschland. Auch unsere Begegnung war zufällig. Für das zerlumpt gekleidete Mädchen brachte dieser Zufall ein paar kleine Münzen, mir aber die bleibende Erinnerung an die großen Worte der weisen Waise. Ich setzte meinen Weg fort in dem Bewusstsein, dass wir uns in dieser großen Stadt wohl kaum einmal wieder sehen würden. Im Himmel ja leider auch nicht.“ (Siegfried Pater, Faire Welt, Von der Schönheit der Gerechtigkeit, Bonn 2005,Seite 20).

Angesichts dieser Geschichte frage ich mich auch, was die Kunde von Jesus bedeutet, der der patriarchalen Männerwelt seiner Zeit ein Kind entgegenhält und sagt: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr blind sein für die Kraft der Liebe Gottes mitten unter euch“ (vgl. Mk 10). Die Geduld Christi verstanden als Widerstandskraft gegen den Tod, Verletzungen der menschlichen Integrität und des Rechts auf Frieden und soziale Gerechtigkeit wächst aus Herzen, die sich anrühren lassen von der liebevollen Zuwendung Gottes zu uns.

3. Literarische Anregungen

„Es ist schön, ein hungerndes Kind zu sättigen,
ihm die Tränen zu trocknen,
ihm die Nase zu putzen,
es ist schön, einen Kranken zu heilen.
Ein Bereich der Ästhetik, den wir noch nicht entdeckt haben,
ist die Schönheit der Gerechtigkeit.
Über die Schönheit der Künste, eines Menschen,
der Natur können wir uns halbwegs einigen.
Aber – Recht und Gerechtigkeit sind auch schön,
und sie haben ihre Poesie,
wenn sie vollzogen werden.“
(Heinrich Böll, Ein- und Zusprüche. Schriften, Reden und Prosa 1981-1983)

„Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, dass in unserm Lande Ehre wohne;
dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen;
dass Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue;
dass uns auch der HERR Gutes tue, und unser Land seine Frucht gebe;
dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe und seinen Schritten folge.“ (Psalm 85, 10-14)

4. Lieder

Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn (eg 675)

Wir strecken uns nach dir (eg 664)
(Der Text des Liedes bietet sich auch für eine Verwendung in der Predigt an)
1. Wir strecken uns nach dir, in dir wohnt die Lebendigkeit.
Wir trauen uns zu dir,
in dir wohnt die Barmherzigkeit.
Du bist, wie du bist:
Schön sind deine Namen.
Halleluja. Amen. Halleluja. Amen.
2. Wir öffnen uns vor dir,
in dir wohnt die Wahrhaftigkeit.
Wir freuen uns an dir,
in dir wohnt die Gerechtigkeit.
Du bist, wie du bist:
Schön sind deine Namen.
Halleluja. Amen. Halleluja. Amen.
3. Wir halten uns bei dir,
in dir wohnt die Beständigkeit.
Wir sehnen uns nach dir,
in dir wohnt die Vollkommenheit.
Du bist, wie du bist:
Schön sind deine Namen.
Halleluja. Amen. Halleluja. Amen.
Text: Friedrich Karl Barth 1985
Melodie: Peter Janssens 1985

Hartmut Schneider, Solingen

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