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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

15. Jun. 08 - 11. Sonntag im Jahreskreis / 4. Sonntag nach Trinitatis  

ev. Reihe VI kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.
Röm 12, 17-21 Ex 19, 2-6a Röm 5, 6-11 Mt 9, 36 - 10, 8

 Der Autor betrachtet exemplarisch die Vorbildfunktion des Terminus’ des auserwählten Volkes am Beispiel des Römerbriefs (beide Leseordnungen). Stichworte: eine Neuschöpfung der Welt ist in Christus geschehen; Vorbild-Optionen darin: Versöhnung, Gesetze (der Ökologie und des Bewahrens), Gerechtigkeit – für die ganze Schöpfung („zoe“)!

Die vier Perikopen dieses Sonntags stehen auf den ersten Blick nicht in unmittelbarem Zusammenhang. Daher ist als Lesehilfe im Hinblick auf Nachhaltigkeit „das auserwählte Volk“ mit seiner Vorbildfunktion für alle Völker die inhaltliche Leitschnur der Predigtanregungen. In Auswahl werden die beiden Lesungen aus dem Römerbrief bearbeitet und im Gesamtzusammenhang dieses Paulusbriefes gesehen.

Hinweise zum Römerbrief

Im Folgenden soll die Wirkgeschichte des zeitweise sehr umstrittenen Paulusbriefes gerade in konfessioneller Hinsicht nicht explizit bearbeitet werden. Vielmehr geht es um eine Anregung, diesen wirkmächtigen Brief auf die Frage der Nachhaltigkeit zu betrachten.

Allgemein ist davon auszugehen, dass Paulus den Brief an die Römer als Vorbereitung seiner Reise in den Westen des römischen Reiches verfasst hat. Die östlichen Teile hatte er schon bereist und konnte sich nun „dem Rest der Welt“ zuwenden. Eine judenchristliche Gemeinde in Rom existierte bereits, doch legt das nicht zwingend nahe, dass Paulus nur an Juden als Adressaten dachte. Sein Blick war schon missionarisch auf Heidenchristen geweitet, was sich in vielen Teilen des Briefes belegen lässt.

Der Römerbrief ist in doppelter Hinsicht ein Ankündigungsschreiben: Paulus möchte bekannt geben, dass er endlich nach Rom (und Spanien) reisen kann. Aber er kündigt auch an, dass er das Evangelium verkünden möchte – und zwar so, wie er es empfangen hat und versteht. Inhaltliche Diskrepanzen zur gängigen Praxis scheinen hier auf. Dabei ist weder davon auszugehen, dass Paulus einerseits nur auf aktuelle Gegebenheiten in Rom reagiert. Noch ist es aber eine doctrinae Christianae, wie es Melanchton beispielsweise formulierte. Vielmehr ist der Römerbrief ein belehrender, geistbegabter Paulusbrief mit aktuellen Implikationen.

Die beiden ausgewählten Perikopen stammen aus verschiedenen Teilen des Briefes und dürften beide als paulinisch gelten. Kurz gefasst könnte man die Aussage des Römerbriefes umschreiben, dass in der Annahme des Evangeliums die „Macht Gottes“ die Glaubenden rettet und so die „Gerechtigkeit Gottes“ aufscheint (vgl. 1, 16 f.). Die Gerechtigkeit Gottes wird vor allem auf die Menschen hin bezogen, erlebt aber eine Ausweitung auf das ganze „Leben“ (vgl. Röm 5, 18).

Mit Röm 5, 1 setzt der zweite Teil des Briefes ein, hier findet sich die erste betrachtete Perikope. Im vorangehenden ersten Teil führt Paulus aus, dass durch Gottes Erweis der Gerechtigkeit der Glaubende zur Rechtfertigung gelangt. Der zweite Teil führt nun weiter, dass das Gerechtigkeitsgeschehen Gottes in Jesus Christus Auswirkungen auf die Menschen und die Welt hat. Die erste und wichtigste Aussage ist der „Friede mit Gott“ (5, 1-11) und die Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes. Diese Folgen werden ausgeweitet auf das „Leben“ schlechthin (5, 12-21). In Jesus Christus ist durch Gott eine „Neuschöpfung“ der ganzen Welt geschehen (vgl. 8, 18 – 30).

Eine interessante Weitung stellt der dritte Teil dar (Kap. 9 – 11). Zuerst erscheint er fast wie ein Exkurs über das „auserwählte Volk“ und dessen Abfall von Gott. Doch eigentlich ist es eine Ausführung der wirkmächtigen Gerechtigkeit Gottes an seinem Volk Israel und die Vorbildfunktion für das neue „auserwählte Volk“: die Gläubigen des neuen Bundes. Zum Verständnis beider Tagesperikopen ist diese Stelle als Überleitung sehr interessant und bietet eine Lesehilfe für aktuelle Handlungsoptionen christlicher Gemeinden unserer Zeit.

Im vierten Teil (Kap. 12 ff.) fügt Paulus seine Paraklese an. Für ihn ist es selbstverständlich, dass aus dem Zuspruch der Gerechtigkeit Gottes ein Anspruch an die Gläubigen erwächst. Hier formuliert Paulus Konkretionen, die nicht nur für die römische Gemeinde maßgeblich sind.

Predigtanregungen

· „Wir rühmen uns Gottes durch Jesus Christus, unseren Herrn, durch den wir jetzt schon die Versöhnung empfangen haben.“ (Röm 5, 11). Versöhnung? Versöhnung zwischen wem? Zwischen Gott und den Menschen? Zwischen Gott und Jesus? Zwischen Gott und der Welt? Zwischen der Welt und den Menschen? Zwischen den Menschen aller Völker und Nationen?

· Viele Fragen wirft der Römerbrief in seinen oft schwer verständlichen Formulierungen auf. „Wir Menschen wurden mit Gott versöhnt durch den Tod seines Sohnes“ (Röm 5, 10). Doch wann wurden wir denn von Gott getrennt?

· Paulus gibt die Antwort: „Gott hat seine Liebe an uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ Sind wir denn heute keine Sünder mehr? Paulus meint vor allem sich und seine Volksgenossen. Er meint das auserwählte Volk Israel. Gott hat dem auserwählten Volk immer wieder seine Gnade angeboten, doch es hat sie genauso immer wieder ausgeschlagen. Das auserwählte Gottesvolk sollte und soll die „Gerechtigkeit Gottes“ in der Welt aufleuchten lassen.

· (In der katholischen Leseordnung kann hier die erste Lesung (Ex 19, 2-6a) einfließen.)

· Wie hat denn Gott dem auserwählten Volk seine Gnade geschenkt? Er hat sie durch Mose, das Gesetz und die Propheten gelehrt. Doch das auserwählte Volk hat nicht auf sie gehört. Viele Gesetze wurden von Anfang an übertreten. Gesetze, die ein friedliches Zusammenleben der Menschen untereinander und mit ihrer Umwelt garantieren sollten.

· Die „Gerechtigkeit Gottes“ hat viele Dimensionen: Zu den sozialen Bestimmungen kommen auch ökologische Leitlinien. So schenkt Gott den Menschen beispielsweise am vierten Schöpfungstag genau genommen nicht die Erschaffung der Pflanzen, sondern die Ausstattung der Erde mit Fruchtbarkeit. Der Boden schenkt dem Menschen Pflanzen zur Nahrung – und der Mensch hat dies dem Boden zu danken. Der gesetzestreue Hiob beispielsweise formuliert es so: „Wenn über mich mein Acker schrie, seine Furchen miteinander weinten, wenn seinen Ertrag ich verzehrte, ohne zu bezahlen!“ (Hiob 31, 38f.). Ähnliche Gedanken finden wir in Ex 23, 10f. oder Lev 25, 2-7 bezüglich der Regeln für das Brachjahr. Entscheidend ist hier, dass Gott „dem Land“ Rechte einräumt, die der Mensch einzuhalten hat. Der Mensch hat Gottes Schöpfung „gerecht“ zu werden.

· Die Ablehnung der Gnade Gottes durch die Menschen entzweit sie nicht nur mit ihrem Schöpfer, sondern auch mit seiner Schöpfung: Menschen zerstören zwischenmenschliche Beziehungen, sie verachten die Rechte von Tieren und Pflanzen.

· Paulus fasst all diese Übertretungen in den einen Abfall des ersten Adam zusammen. Wie der eine Mensch Adam den Abfall von Gott für alle vorlebte und so die Beziehungen zur gesamten Schöpfung störte und zerstörte, so wurde die Neuschöpfung im Willen Gottes wieder durch einen Menschen erreicht: „Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden.“ (5, 19)

· Doch diese Gerechtigkeit in der Gnade Gottes gilt nicht nur allein für die Glaubenden – sie gilt im Letzten für alle Menschen und für die gesamte Welt. Sie umfasst das ganze Leben – die „zoe“ (vgl. Röm 8). Und dies sehr wohl im paulinischen Sinn, der Gott nicht nur als Herrn sieht (vgl. 1 Kor 8,4ff), sondern als Weltenschöpfer und Kosmokrator (vgl. 1 Kor 8,6; Phil 2,9ff).

· Aus der überreichen Gnade heraus erwächst für Paulus die dankbare Reaktion der Gläubigen. Der Zuspruch Gottes bedeutet den Gläubigen Anspruch an ihr eigenes Leben. Daher formuliert Paulus im vierten Teil seines Briefs Mahnungen und klare Forderungen.

· (In der katholischen Leseordnung kann hier das Tagesevangelium (Mt 9, 36 – 10, 8) erläutert werden in seiner Bedeutung des neuen Bundes für die Vorbildfunktion, welche jetzt die Christen zu übernehmen haben.)

· Aufgrund der vorhergehenden großen Gnade, die Paulus beschreibt, sind die nun folgenden Ermahnungen leicht zu verstehen. Jesus Christus hat uns mit Gott versöhnt – so ist es unsere Aufgabe uns mit unseren Mitmenschen zu versöhnen. Und nicht nur mit ihnen, sondern mit allen leidenden Kreaturen und der gequälten Schöpfung.

· „Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8, 21).

· In der großen Erlösungstat Jesu Christi ist Neuschöpfung auf und in allen Ebenen geschehen: zwischen den Menschen und Gott – in zwischenmenschlichen Beziehungen – und in der Beziehung der Menschen zu ihrer Umwelt. „Lass Dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“

Peter Hofacker, Oberursel

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