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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

8. Jun. 08 - 10. Sonntag im Jahreskreis / 3. Sonntag nach Trinitatis  

ev. Reihe VI kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.
Hes 18, 1-4.21-24.30-32 Hos 6, 3-6 Röm 4, 18-25 Mt 9, 9-13

 Der Verfasser betrachtet den Predigttext der ev. Reihe und den kath. Evangeliumstext. Stichworte: Individualisierung von Schuld und Verantwortung, Verteilungsgerechtigkeit, ökologisch problematische Hinterlassenschaften, intergenerationell verantwortlicher Umgang mit materiellen und sozialen Ressourcen (Hes 18); Barmherzigkeit ist Erfüllung der Gerechtigkeit, nicht nur diakonische / caritative Sonderaufgabe, Vision einer globalen Kultur der Barmherzigkeit (Mt 9)

Der Sonntag im Kirchenjahr

Der Sonntag steht am Anfang der sog. „festlosen Zeit“. Sein Proprium erschließt sich aus dem zugehörigen Wochenspruch in Lk 19, 10: Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Sich verlieren, sich von Gott suchen lassen und sich selbst dabei finden, sind Erfahrungen, die sich in dem Evangeliumstext dieses Sonntags vom verlorenen Sohn (Lk 15, 1-3.11b-32) identifizieren lassen. Ausgehend von diesem Gleichnis stehen auch die Themenfelder Barmherzigkeit und Umkehr auf der sonntäglichen Agenda. Katholischerseits legt der 10. Sonntag im Jahreskreis mit dem Evangelientext von der Berufung des Matthäus und des Mahls Jesu mit den Zöllnern (Mt 9, 9-13) einen noch deutlicheren Akzent auf die Barmherzigkeit und Liebe Jesu, die in erster Linie den SünderInnen und nicht den Gerechten gilt.

1. Ezechiel 18,1-4.21-24.30-32

1.1. Worum geht es?

Der Predigttext ist eine Auswahl zentraler Verse aus dem Kapitel 18 des Ezechielbuches. Gleichwohl muss man zum Verständnis der zurechtgestutzten Perikope die ausgelassenen Passagen heranziehen. Ezechiel stellt die Geltung und Angemessenheit des Sprichwortes »Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden« in Frage, das die Erfahrung seiner ZuhörerInnen im babylonischen Exil widerspiegelt (Verse 2 und 3). Anhand des Sprichworts deuteten sie ihr Schicksal als Folge der Schuld der Väter- und Müttergeneration. Die eigene unheilvolle Gegenwart hat demnach ihren Grund nicht in der Verkehrtheit der eigenen Handlung, sondern in der der vorausgehenden Generation. Man könnte also von einer Art Erbsünde sprechen.

Ezechiel geht davon aus, dass diese Determination falsch ist. Gott eröffnet neue Wege, weil er selbst ein Parteigänger und Liebhaber des Lebens ist, dem nichts am Tod des Gottlosen liegt. Dies erlöst den Menschen aus intergenerativen schuldhaften Verstrickungen. So scheint im Elend der Knechtschaft des Exils das verheißungsvolle Licht von Befreiung, Heil und Zukunft auf.

Die Auflösung des generationenübergreifenden Schuldzusammenhangs bedeutet freilich auch eine Radikalisierung des Tun-Ergehen-Zusammenhangs durch seine Individualisierung (so Klaus Koch). Indem jeder nämlich selbst für seine Handlungen verantwortlich ist, kann Schuld nicht mehr auf andere abgewälzt werden. Damit klingt schon bei dem Propheten Ezechiel ein Begriff von Verantwortung im Sinne der Übernahme der Konsequenzen und voraussehbaren Folgen eigener Handlungen an, der gerade im 20. nachchristlichen Jahrhundert in Philosophie und Theologie (Max Weber, Dietrich Bonhoeffer, Hans Jonas u.a.) ein steile Karriere gemacht hat.

1.2. Verantwortung für die Zukunft

Vom Skopus des Ezechieltextes her legen sich intergenerativ-soziale und intergenerativ-ökologische Fragestellungen für die Predigt besonders nahe. Die heute feststellbare Verschmutzung von Wasser, Boden und Luft sowie der Klimawandel gehen zurück auf die Art und Weise des Gebrauchs natürlicher Ressourcen durch uns und unsere Vorfahren, vor allem seit der Industrialisierung. Wir profitieren von den uns überkommenen Errungenschaften der modernen Technologie, tragen jedoch auch die Folgen der über Generationen angehäuften ökologischen Schäden. Zukünftige Generationen werden sich z.B. noch um unsere atomaren Hinterlassenschaften und Katastrophenfolgen kümmern müssen.

Unsere sozialen Sicherungssysteme stehen derzeit vor großen Herausforderungen. Die Jungen werfen den Alten vor, dass sie die von ihnen finanzierte Rente verfrühstücken, während sie selbst einmal leer ausgehen werden. Die demographische Entwicklung stellt das umlagefinanzierte Sozialversicherungssystem in Frage und wirft Fragen der Verteilungsgerechtigkeit im Verhältnis der Generationen zueinander auf.

Stimmt das Sprichwort also doch? Uns erscheint die Sichtweise der ZuhörerInnen Ezechiels zunächst plausibler. Gerade vor dem Hintergrund gegenwärtiger ökologischer und sozialer Probleme und ihrer zukünftigen Auswirkungen verschärft sich der von Ezechiel in Frage gestellte intergenerative Schuldzusammenhang. Dieser taugt jedoch nicht als Rechtfertigung für unterlassene Verantwortung. Ezechiel reinigt unsere stumpf gewordenen Zähne und macht uns aus passiven Opfern zu beißfesten BürgerInnen. Ob unsere Nachfahren in Zukunft noch ausreichend sauberes Wasser, unverseuchten Boden und genügend Luft zum Atmen sowie im Risikofall ein Netz sozialstaatlicher Absicherung vorfinden, wird davon abhängen, ob wir schon heute dafür nachhaltige Lösungen suchen.

1.3. Herausforderung Generationengerechtigkeit

Ezechiel eröffnet seinen ZuhörerInnen Zukunftsperspektiven, indem er intergenerative Schuldzusammenhänge durch den Rekurs auf individuelle Verantwortlichkeit auflöst. Das bedeutet: wir handeln verantwortlich und damit generationengerecht, wenn zukünftige Generationen keine schlechteren Ausgangsbedingungen und eingeschränkteren Handlungsoptionen als wir heute vorfinden. Konkret bedeutet dies nach Hans Diefenbacher, dass nicht erneuerbare Ressourcen nur in dem Umfang genutzt werden sollen, in dem sie durch Äquivalente (wie z.B. erneuerbare Ressourcen) ersetzt werden können. Bei erneuerbaren Ressourcen sollte die Abbaurate ihre Regenerationsrate nicht überschreiten.

Die Frage der Generationengerechtigkeit stellt sich auch im Blick auf die Reform der sozialen Sicherungssysteme. Dabei ist umstritten, ob und wenn ja in welchem Umfang Rente, Gesundheitsvorsorge und Pflege solidarisch finanziert werden sollen. Welche Leistungen dürfen die Versicherten aus dem insgesamt sinkenden Beitragsaufkommen überhaupt noch erwarten? Alternativ diskutiert werden Modelle, die stärker auf Eigenvorsorge basieren bzw. auf eine Mischung von solidarischer und privater Absicherung abgestellt sind.

Sieht man eine solidarische Lastenteilung zwischen Starken und Schwachen, Jungen und Alten, Armen und Reichen als zukunftsfähige Antwort auf die Herausforderung der Generationengerechtigkeit an, bedarf es – um mit Ezechiel zu sprechen – der Umkehr, d.h. nachhaltiger Reformen der sozialen Sicherungssysteme, allerdings nicht nur auf der Ausgabenseite. Damit zukünftige Generationen noch immer ein tragfähiges Netz sozialer Sicherung zur Verfügung haben, ist auch zu überlegen, wie die Einnahmenseite, z.B. durch die Heranziehung aller BürgerInnen und aller Arten von Einkünften verbreitert werden kann.

2. Mt.9, 9-13

2.1. Leitmotiv Barmherzigkeit

Mit der Favorisierung von Barmherzigkeit gegenüber dem Opfer (vgl. Hosea 6, 6) rückt Matthäus Barmherzigkeit nicht nur ins Zentrum dieser Perikope, sondern stellt sie zugleich als „Mitte der Verkündigung Jesu“ (Eduard Schweizer) heraus. In der Art und Weise, wie Jesus sich den Ausgegrenzten (Zöllnern und Sündern) zuwendet, sich mit ihnen an einen Tisch setzt und zusammen mit ihnen isst, macht Matthäus klar, was Barmherzigkeit meint. Diese zentrale Bedeutung wird noch offensichtlicher, wenn man den Text im Zusammenhang mit anderen Stellen im Evangelium liest, in denen Barmherzigkeit eine Rolle spielt: angefangen von der fünften Seligpreisung der Bergpredigt (5, 7), über die Erzählung vom Ährenausraufen am Sabbat (12, 7), bis hin zum Gleichnis vom Weltgericht (25, 31-46). Dieses führt den Begriff zwar nicht explizit auf, liest sich aber wie ein Kommentar zur Forderung Jesu nach Barmherzigkeit. An dieser Stelle wird, genauso wie im Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger (18, 23-35) offensichtlich, worauf es Matthäus ankommt: nur dem, der Barmherzigkeit im Sinne Jesu übt, wird sie selbst durch ihn einmal zuteil werden.

2.2. Plädoyer für eine „Kultur der Barmherzigkeit“

Neben dem prominentesten neutestamentlichen Text zur Barmherzigkeit, dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10, 25-37), gehört auch Mt 9, 9-13 seit jeher zu den entscheidenden Begründungstexten des karitativ-diakonischen Handelns der Kirchen. Diese Funktion erschließt sich besonders durch Mt 9, 12: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.“ Im Hinblick auf Gerechtigkeit, einem weiteren Impulsbegriff karitativ-diakonischen Engagements, ist Barmherzigkeit jedoch nicht als Gegensatz (als gnädig-patriarchale Zuwendung „von oben herab“) zu verstehen, sondern als „Erfüllung der Gerechtigkeit, die diese zugleich überbietet“ (Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit, Abschnitt 114).

Barmherzigkeit auf das Leitbild von Caritas und Diakonie zu begrenzen, wäre jedoch eine Engführung und Verkürzung der Botschaft Jesu. Vielmehr hat die Frage nach Barmherzigkeit eine Bedeutung weit über die Kirchen hinaus. Zeichnet sich doch in den Debatten um die Zukunft unserer Gesellschaft ab, dass die Art und Weise, wie wir Menschen miteinander umgehen, ein entscheidender Faktor ihrer Zukunftsfähigkeit ist. Ob wir uns also vom Leid der anderen anrühren und bewegen lassen und wie wir ihm begegnen, ist eine Herausforderung für jede/-n einzelnen wie für unsere Gesellschaft überhaupt. Wie eine solche neue „Kultur der Barmherzigkeit“ im Kontext der Zivilgesellschaft aussähe und was jede/-r von uns dazu beitragen kann, darüber würde es sich lohnen, auch in der Predigt nachzudenken: nicht nur, weil die Armut wächst und es in unserer Gesellschaft immer mehr ältere und pflegebedürftige Menschen geben wird.

Literatur:

Norbert Blüm, Generationenvertrag. Versuch einer Erklärung für die Nachwachsenden, in: Konrad Deufel/Manfred Wolf (Hg.), Ende der Solidarität? Die Zukunft des Sozialstaats, Freiburg, Basel, Wien 2003, 104-112.

Hans Diefenbacher, Nachhaltigkeit und die Rechte zukünftiger Generationen, in: Kirchenamt der EKD (Hg.), Keiner lebt für sich allein. Vom Miteinander der Generationen. Texte zum Schwerpunktthema der 3. Tagung der 10. Synode der EKD, Hannover 2005, 57-59.

Diether Döring, Sozialstaat, Frankfurt am Main 2004.

Kirchenamt der EKD (Hg.), Gerechte Teilhabe. Befähigung zu Eigenverantwortung und Solidarität. Eine Denkschrift des Rates der EKD zur Armut in Deutschland, Gütersloh 2006.

Kirchenamt der EKD (Hg.), Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit. Wort des Rates der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland, Hannover 1997.

Klaus Koch, Die Profeten II. Babylonisch-persische Zeit, Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz 1980.

Eduard Schweizer, Das Evangelium nach Matthäus (NTD, Bd.2), Göttingen 13. Aufl. 1973.

Dr. Gunter Volz, Frankfurt am Main

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