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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

27. Apr. 08 - 6. Sonntag der Osterzeit / 5. So. n. Ostern (Rogate)  

ev. Reihe VI kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.
2 Mose 32, 7-14 Apg 8, 5-8.14-17 1 Petr 3, 15-18 Joh 14, 15-21

Der Autor betrachtet alle Predigttexte des Sonntags. Stichworte: Rogate – zu Gott beten heißt, sich selbst ins Gebet nehmen und die Götter zum Schweigen bringen; welchem Gott wir folgen „wollen“, Verehrung des Stierbilds blendet Klimawandel aus, Zorn ist „berechtigt“, aber keine Grundlage für dauerhafte und tragfähige Beziehungen (2 Mose 32); Sanftmut als Grundlage für Nachhaltigkeit (1 Petr 3); ein neuer Geist herrscht, einen langen Atem haben (Joh 14); einladen / einbeziehen statt ausgrenzen, mit dem „Geist“ der Nachhaltigkeit überzeugen (Apg 8)

„Rogate“ - Beten als Unterbrechung. Eine Chance für nachhaltiges Handeln

Wer betet, arbeitet nicht. Durch Beten und Arbeiten ist beispielsweise der Rhythmus des Alltags in mönchischen Gemeinschaften bestimmt. Beim Beten werden die Hände gefaltet oder geöffnet, um zu dokumentieren: die Arbeit ruht, mit der durch Hände und Kopf die Welt gestaltet wird. Beten ist auch kein Selbstgespräch, sondern zunächst vor allem ein Danken und Bitten, ein Flehen und Klagen, gelegentlich ein Loben und Jubeln. Es richtet sich an Gott, dessen Name im Gebet angerufen wird. Er ist das unverfügbare Gegenüber, dessen Wirken und Versprechen mehr zugetraut wird als der eigenen Hände Arbeit. „Rogate“ bittet, stellt die Aufforderung dar, die eigene Bedürftigkeit und Abhängigkeit auszusprechen, der Selbstüberschätzung und Machbarkeit Grenzen zu ziehen. Ins Gebet genommen wird alles, was den Menschen bestimmt, beschäftigt, erfreut und bedrängt. Ruhe und Stille kehren ein, wo es vorher laut und geschäftig zuging. In der Hinwendung zu Gott kommen die Götter zum Schweigen: der konsumfreudige Dionyssos, für den sich alles um Kaufen und Verkaufen, um Habenwollen und Geniessenkönnen dreht. Wenn es nach ihm geht, sollten an Feiertagen und Sonntagen alle Geschäfte offen stehen. Und ebenso der geldgierige Mammon, der an der Frankfurter Börse und der New Yorker Wallstreet durch ein Stierbild verehrt wird. Als Zeichen der Kraft, der Macht und der Potenz verspricht das Stierbild Reichtum, Sicherheit und Anerkennung. Wo Gott Mammon regiert, hat sich Mensch und Natur, Kapital und Arbeit dem einzigen Ziel unterzuordnen: der Steigerung des Gewinns zum eigenen Vorteil. In den Texten des Sonntags stehen Bitten und Beten im Zentrum, so dass auch grundsätzliche Reflexionen dieser Frömmigkeitspraxis in der Predigt Thema sein sollten. Durch das Gebet wird das Arbeiten und Machen des Alltags heilsam unterbrochen, damit der Mensch sich auf seine Wurzeln und seine Ziele besinnen kann. Im Gebet sucht er tragfähigen Halt und nachhaltigen Trost bei Gott, der das Geheimnis gelingenden Lebens für den Menschen bewahrt. Jedes Gebet ist mit einem Blickwechsel verbunden, der zu neuer Erkenntnis und veränderten Herzen führen kann. Dabei kann Gott genauso bewegt werden wie der Mensch, sich von dem Willen und den Wegen der Zerstörung abzukehren und seine Schöpfung zu erhalten und zu bewahren.

Das unnachgiebige Bitten und die Umkehr Gottes (Ex 32, 7-14)

Das Volk Israel hatte sich auf seinem beschwerlichen Weg durch die Wüste von dem Gott, der es aus der Sklaverei in Ägypten befreit hatte, abgewandt. Hunger und Durst hatten es zermürbt und ermüdet. Mit jedem Tag, den es der Hitze des Mittags und der Kälte der Nacht, der lebensfeindlichen Öde und den staubigen Winden ausgesetzt war, wuchs das Bedürfnis, nach Ägypten zurück zu kehren. Sein Anführer Mose war seit Tagen verschwunden, indem er auf einen der höchsten Berge gestiegen war, um sich mit Gott zu besprechen. Hatten Gott und Mose das Volk vergessen? Gott hatte zwar ein Land versprochen, in dem Milch und Honig fließen sollten, aber dieses gelobte Land rückte für Israel in immer weitere Ferne. Vielleicht konnten ihm die Götter Ägyptens helfen. Und so machte es sich ein goldenes Stierbild, das in Ägypten als Gott der Fruchtbarkeit und der Macht verehrt wurde und betete es an. Dazu wurden ein Gottesdienst und ein rauschendes Fest gefeiert. Diese Geschichte vom Abfall des Volkes von seinem Gott geht dem Predigttext unmittelbar voran. Das Gespräch zwischen Mose und Gott wird nur verständlich, wenn es die Frage, welchem Gott wir folgen wollen, in den Mittelpunkt rückt. Denn es sind andere Götter, die damals wie heute den Bedürfnissen der Menschen eher entsprechen als der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott der Befreiung aus ägyptischer Sklaverei. Mose hat er in der Begegnung auf dem Berg Weisungen zum gemeinsamen Leben, die Tora, gegeben. Mit seinem Alleinvertretungsanspruch ist die Verehrung anderer Götter nicht zu vereinbaren. Diese sind Projektionen menschlicher Wünsche und Machtphantasien. In ihnen überschreitet der Mensch die Grenze zu Gott. In seinen Göttern will er selber Gott spielen. Die folgenden Weisungen halten den heilsamen Unterschied zwischen dem befreienden Gott und dem gefangenen Menschen fest. Die Alternative lautet „Tafelwort statt Stierbild“ (so F. Crüsemann, Die Tora, Theologie und Sozialgeschichte des alttestamentlichen Gesetzes, S. 66 ff.), die für das Volk Israel damals und für uns heute vor Augen steht. Die Stierbilder des unbegrenzten Wachstum und imperialer Macht mit ihren verheerenden sozialen und ökologischen Folgen werden nach wie vor aufgerichtet. Der Markt wird zum Allheilmittel für alle gesellschaftlichen Probleme erklärt, ohne dass seine negativen Folgen gesehen werden. Wenn ein ehemaliger Direktor der Weltbank, ein Verfechter des freien Marktes also, wie Nicolas Stern von einem totalen Marktversagen im Blick auf den rapiden Klimawandel spricht, dann wird deutlich, dass die Vergötterung des Marktes die Opfer und ihren Preis einfach ausblendet. Ökonomisch, sozial und ökologisch ist der Tanz um das goldene Kalb des Marktes alles andere als nachhaltig. Die Götter der Macht und des Erfolgs zielen auf die Verwirklichung kurzfristiger Interessen und nicht auf die Befriedigung langfristiger Bedürfnisse. Gottes Zorn über diesen Abfall von ihm und seinen Weisungen stellen den Bund mit ihm und die Existenz seines Volkes in Frage. Denn Bündnisse machen nur dann Sinn, wenn die Partner nicht bei den ersten Schwierigkeiten davonlaufen und sich neue Partner suchen. Doch Gottes Zorn erschreckt Mose. Er sieht alles in Gefahr, was an Versprechen, Orientierung und Hoffnung von Gottes Seite gegeben wurde. Sein Zorn ist zwar berechtigt, denn das Volk erweist sich als widerspenstig und halsstarrig gegenüber Gottes Zusagen und bricht den Bund mit ihm. Aber ist dies ein legitimer Grund, dass nun auch Gott seine Versprechen zurücknimmt und aus Rache die Vernichtung des Volkes will? Verhält er sich nicht wie ein gekränkter Liebhaber, dessen Geliebte fremdgegangen ist? Mose bittet Gott inständig, seine Reaktion noch einmal zu überdenken. Denn Kurzschlusshandlungen sind Gift für jede dauerhafte und nachhaltige Beziehung. Zorn hat keine Zukunft, Wut kann alles zerstören. Daher erinnert er Gott an seine bisherigen Taten, verweist auf den Eindruck, den sein Zorn bei den Ägyptern hinterlässt und betont das Gewicht seiner Versprechen, die er den Vorfahren des Volkes bereits gegeben hat. Bitten wird zur Form eines Nachhaltigkeitsdiskurses. Gott lässt sich schließlich umstimmen: die flehentliche Bitten und der Appell an die eigenen Zusagen, an die Gott sich auch dann gebunden weiß, wenn sein Gegenüber seinerseits diese nicht einhält, haben Erfolg. Die Beharrlichkeit und der lange Atem dieses Bittens sind für die Änderung und Umkehr von Lebensstilen und Ressourcenverbrauch, die heutige Schöpfungsverantwortung dringend braucht, unverzichtbar. Barmherzigkeit, nicht Rache, ist die Bedingung für gemeinsames Leben. Wer nicht vergeben oder verzeihen kann, der bleibt entweder gekränkt oder sinnt auf Vergeltung. Dauerhaft und tragfähig und belastbar erfahren wird das Leben dort, wo die Bitten gehört werden und das Umdenken in Herz und Verstand vollzogen wird.

Nachhaltige Wirkungen des heiligen Geistes (kath. Leseordnung)

In der Katholischen Lesereihe stehen die verschiedenen Wirkungen des heiligen Geistes im Mittelpunkt. Dass dabei die Bitte um die Gabe des heiligen Geistes, der ein dauerhaftes Verhältnis zwischen dem angerufenen Gott und den Betenden stiftet, allen anderen Bitten vorangeht, hängt mit seiner Bedeutung für die christliche Gemeinde zusammen. Die „Verantwortung für jedermann“ und die „Rechenschaft über die Hoffnung“, die in 1 Petrus 3, 16 angesprochen werden, sind Wirkungen des Geistes Gottes, dem weder diese Welt gleichgültig ist noch ist er ein Skeptiker, der voller Bedenken dem Menschen und seiner Welt begegnet. Sanftmut und Gottesfurcht (3, 17) sind zwei Seiten der einen Nachfolge Christi. Respekt gegenüber Gott und seinem Willen führt zu rücksichtsvollen Verhalten gegenüber Mitmensch und Mitwelt. Die Sanftmütigen gehen eher schonend und sparsam mit den natürlichen Ressourcen um, sie fragen nach den Wirkungen bestimmter Produktionsweisen und Konsumgewohnheiten auf die Mitwelt. Naturfriede und sozialer Friede sind die Ziele eines sanftmütigen Geistes. Gewalt wird eher selbst erlitten als dass man zum Gewalttäter wird. Billig ist die Gabe dieses Geistes nicht, sie ist eine „teure Gnade“ (D. Bonhoeffer). Menschen werden durch diese Begabung befreit zum verantwortlichen Umgang mit der Schöpfung.

In der Abschiedsrede Jesu (Joh. 14, 15-21) wird die Gabe und die Wirkung des heiligen Geistes zum Trost für die nun ohne Jesu unmittelbare Gegenwart verbliebenen Jüngerinnen und Jünger. Die Liebe zu Jesus wird eng an das Halten der Tora gekoppelt. Das Geschenk des Geistes stiftet diese Liebe. Mit Jesus ist ein neuer Geist in diese Welt gekommen, der sogar den Geist der Feindschaft zu überwinden vermag. Offen für die Leiden des Mitmenschen und der Kreatur ist er ein Geist der Barmherzigkeit. Als Geist der Wahrheit überwindet er Selbstbezogenheit und entfaltet einen lebendigen Reichtum an Beziehungen zu Gott, den Mitmenschen und der gesamten Schöpfung. Als Wahrheit liegt dieser Geist unseren Geister immer unverfügbar voraus. Er verleiht den langen Atem, der angesichts der schier unüberwindlichen Mächte der Zerstörung, des Unfriedens und der Ungerechtigkeit weiterhin auf Gottes Reich und seine Verwandlung von Himmel und Erde hoffen lässt. All unsere Bemühungen um Klimaschutz, um schonenden Umgang mit den natürlichen Ressourcen, um den Schutz von Wasser und Luft vor Verpestung und Verschmutzung, aber auch das Eintreten für gerechte Teilhabe an den Gütern, für friedliche Konfliktlösungen und Versöhnung unter Gegnern und Feinden, brauchen einen langen Atem. Politische Verantwortung ist ein oft langwieriges Geschäft: Fortschritte sind – auch wenn es 5 vor 12 zu sein scheint – in der Regel eher nur langsam zu erreichen. Aber: der Geist Christi hilft unserer Schwachheit auf. Wirksame Verbesserungen für die Menschen und ihre ökonomischen, sozialen und ökologischen Verhältnisse sind einen solchen langen Atem, den der Geist Gottes verleiht, kaum zu erreichen.

Auch in Apg 8, 5-7 und 14-17 geht es um die Wirkungen des heiligen Geistes im Rahmen der frühchristlichen Mission. Philippus, einer der Apostel, predigt erfolgreich in der Hauptstadt Samariens. Für die Mehrheit der Juden galten die Samaritaner als Ketzer, weil sie sich zwar auch auf die Väter Abraham, Isaak und Jakob berufen, aber in der Liturgie und beim Halten der Gebote andere Traditionen ausgebildet hatten. Auch die Verehrung des einen Gottes war bei ihnen nicht in der Strenge gegeben wie für die jüdische Mehrheit. Philippus überschreitet mit seiner Mission eine Grenze. Wie Jesus in seiner Begegnung mit der samaritanischen Frau am Brunnen grenzt er nicht aus, sondern lädt zu einem neuen Vertrauen auf Gott ein. Seine Predigt hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck: Menschen werden von Dämonen befreit und von Gebrechen geheilt. Viele schließen sich überzeugt dem neuen Glauben an. Sogar ein mächtiger Zauberer mit Namen Simon lässt sich taufen. Doch der Taufe mit Wasser und der eigenen Bereitschaft zur Nachfolge mit Christus fehlte noch der Geist, den Petrus und Johannes schließlich eigenhändig der Gemeinde vermitteln. Erst die Verwandlung im Geiste schafft eine grundlegend neue Gemeinschaft. Dämonenaustreibung und Heilungswunder mögen noch so beeindruckend sein und die eigene Überzeugung noch so stark: fehlt der Geist, dann fehlt sowohl der feste Grund als auch die stabile Ausrichtung des Lebens. Wer heute von Nachhaltigkeit spricht und nicht den Geist genau bezeichnet, mit dem dieser Begriff gefüllt wird, trägt zu heilloser Verwirrung bei. Denn nachhaltig in ihren negativen Wirkungen ist zweifellos auch der Raubbau an den natürlichen Lebensgrundlagen, der Klimawandel als Folge einer industriell erzeugten Erwärmung der Atmosphäre und die Vergiftung von Luft und Wasser. So stellt der Text die kritische Frage: formale Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde reicht nicht aus. Als Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu werden wir erkannt, wenn wir von seinem Geist bewegt, den Mächten des Todes und der Zerstörung so widersprechen, dass unsere Hoffnung und unser Glaube eine unwiderstehliche Ausstrahlungskraft gewinnen.

Werner Schneider-Quindeau, Frankfurt am Main

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