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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

6. Apr. 08 - 3. Sonntag der Osterzeit / 2. So. n. Ostern (Miserik. D.) 

ev. Reihe VI kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.
Hebr 13, 20-21 Apg 2, 14.22-33 1 Petr 1, 17-21 Lk 24, 13-35 (s. 24.3.) od. Joh 21, 1-14

Der Autor betrachtet den Lukastext der kath. Leseordnung. Stichworte: „Praxis des Teilens“ als aktive Wiedererinnerung, „Praxis des Teilens“ führt zur gefühlten Solidarität, dysfunktionaler Vorrang der beherrschenden Vernunft und des Beherschungswissens, „Praxis des Teilens“ ist Praxis des Widerstands (Lk 24)

Stellung im Kirchenjahr

Die Texte des Tages orientieren sich stark – der Stellung im Kirchenjahr angemessen – an der Verkündigung des Auferstandenen und weisen einerseits appellative, zugleich aber auch erinnernd-praktische Dimensionen auf, die auf die Gemeinde aktivierend wirken sollen. Die Lesungstexte haben dabei insbesondere unterstützenden Charakter und bestärken das, was im Evangelium erst noch erfahren und erkannt werden muss. Insbesondere das Evangelium verhindert einen gewissen Ostertriumphalismus und weist daher die Gemeinde an, sich nicht in christologischer Sicherheit zu wiegen, sondern nachzufolgen.

Exegetische Hinweise

Der Schlussteil des Lk kann als große einheitliche Erzählung angesehen werden, die in der Himmelfahrt, von der allein Lk berichtet, ihren Höhepunkt findet. Auffällig ist, dass dieser Teil einen einzigen Tag, den Ostertag, umfasst und Gegebenheiten in Jerusalem und der Umgebung berichtet. Die Zerstreuung der Jüngerinnen und Jünger aus dem Machtzentrum Jerusalem scheint sehr schnell vonstatten gegangen zu sein; ob aus Angst, Verzweiflung oder Ohnmacht mag offen bleiben. Eine gewisse Ratlosigkeit scheint sich jedoch ganz offensichtlich eingestellt zu haben, und von jener „disclosure-Erfahrung“ (E. Schillebeeckx), die wesentlich zu einer (Neu)Konstitution der Jesusbewegung führte, ist in den Texten noch nichts zu erkennen. Stattdessen weist der Text eher eine depressive Tendenz auf (V 21), obwohl doch die Ereignisse in Jerusalem eine breite Wirkung gehabt hatten (V 18). Auch die geographische Richtung der Erzählung weist weg von der Nachfolge. Weder nach Galiläa, dem Beginn der Praxis Jesu, noch nach Jerusalem, dem Ort des gewaltsamen Endes, führt der Weg; vielmehr scheint es sich um einen Ort zu handeln, in dem der Trauer nachgegangen werden kann, ohne jene Gefahr, die in Jerusalem für Anhänger und Mitglieder der Jesusbewegung herrschte.

Gleichwohl scheinen die beiden über all das, was in Jerusalem geschah, bestens informiert zu sein. Aber das reicht nicht hin! Das Wissen um Fakten hilft gerade hier nicht mehr weiter, sondern vertieft gleichsam noch die Enttäuschung: Sie wissen alles – auch das Ende – und wissen deshalb nichts. Auch die Identifikationen, die sie vornehmen, führen überhaupt nicht weiter. Dass Jesus ein mächtiger Prophet war, dass er großes Ansehen im Volk genoss, dass er von den Mächtigen in einer konzertierten Aktion hingerichtet wurde, das alles weist ihn als Hoffnungsträger aus, aber die Hoffnung erlischt mit dem letzten Faktum, dass er schon seit drei Tagen tot sei.

Auch das rabbinische Gespräch zwischen Jesus und den beiden Jüngern über die Notwendigkeit des Leidens des Messias kann die beiden weder aus ihrer Lethargie befreien, noch hilft das Wissen darum, die Dinge richtig einzuschätzen. Positives Wissen, so könnte man auch sagen, hilft in Fragen des Glaubens und der Nachfolge nur wenig.

Einzig eine Praxis weist wieder neu ein in die Nachfolge und schafft gleichfalls die Möglichkeit von Erkenntnis. Gemeint ist die Praxis des Teilens, die freilich völlig unspektakulär alltäglich und insofern in ihrer Relevanz beinahe übersehen wird. Das Teilen des Brotes nämlich ist nicht jene verdichtete und durch das Bevorstehende aufgeladene Situation des Abendmahles; es ist auch nicht das eucharistische Brot, so als gäbe es bei den Jüngern schon ein Eucharistieverständnis, das durch die Tat Jesu hervorgebracht würde; es ist die alltägliche und jedem Gast zustehende Praxis des Teilens, das Verwiesensein auf den Anderen, gar den Fremden, die Erfahrung der Sozialität und Solidarität im Teilen und die Bezogenheit der Menschen aufeinander. Diese Praxis des Teilens öffnet den Jüngern die Augen und lässt sie erkennen; nicht das positive Wissen um das Geschehene. Dabei wird freilich die Erkenntnis selbst verändert. Hatte der rabbinische Dialog noch eine Lehre zum Gegenstand, die verstanden werden kann, wird dies jetzt zu einer Praxis, die es radikaler zu leben gilt.

Relevanz zur Nachhaltigkeit

Wir leben, so die landläufige Diagnose, in einer Wissensgesellschaft. Die Bedeutung des Wissens kann kaum überschätzt werden, zumal seit Francis Bacon dem Wissen Macht zugesprochen wird. Verfolgt man die Entwicklung der Vernunft genauer, ist festzustellen, dass es sich bei dem herrschenden Wissen nicht nur um das Wissen der Herrschenden handelt, sondern dass dieses Wissen einer instrumentellen Vernunft geschuldet ist, deren wesentlicher Ansatzpunkt schon bei Descartes die Kenntnis und die Beherrschung der Natur war.

Heute scheint diese Vernunft sich beinahe alternativlos durchgesetzt zu haben. Zwar hat sich eine gewisse Problemsensibilität hinsichtlich der Folgen der Naturbeherrschung etabliert, an der grundlegenden Erkenntnisprämisse hat sich indes nichts Wesentliches geändert. Die Erkenntnis und Beherrschung der Natur ist weiterhin das tragende Programm. Die Folgen sind hinlänglich bekannt und die erwähnten ethischen Regulative sind zumeist nur ornamental.

Grundlegend wäre hier von der lukanischen Erzählung zu lernen, wie wenig nachhaltig eine bloße Lehre – oder sagen wir es (post)modern: eine Unternehmensethik – ist, wenn sie nicht grundlegende Parameter verändert, die eine Veränderung ums Ganze wäre. Folgt man nämlich der Praxis des Teilens, an der die Emmaus-Erzählung ihren Maßstab nimmt, dann führt diese unweigerlich zu einer Solidarität mit jenen, denen die Lebensmittel vorenthalten werden, deren Lebensgrundlage zerstört wird, deren Zukunft den Horizont von wenigen Wochen oder Tagen umfasst. Es führt auch zu Fragen einer leidsensiblen Vernunft, in der die Fragen von vergangenem Leid, bestehendem und zukünftigem bewahrt und aufgehoben wäre. Es führt aber natürlich auch zu einer Praxis des Widerstands gegen die herrschende Vernunft mit ihrer Orientierung an der Beherrschung der Natur, die auch vor der Beherrschung des Menschen nicht halt macht.

Literatur:

E. Schillebeeckx: „Christus und die Christen" Die Geschichte einer neuen Lebenspraxis, Freiburg, Basel, Wien 1977.

Dr. Jürgen Kroth, Urban

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