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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

21. Mrz. 08 - Karfreitag  

ev. Reihe VI kath. 1. L. kath. 2. L.
Jes (52, 13-15) 53, 1-12 Jes 52, 13 - 53, 12 Hebr 4, 14-16; 5, 7-9  

Die Autorin betrachtet den Text Jes 52/53, der in der ev. Reihe VI und in der kath. Leseordnung vorgeschlagen wird. Stichworte: das stellvertretende Leiden in Sachen Nachhaltigkeit als „win-win-Situation“, „Ein-Weg-Schuldentsorgung“ oder „ökolog. Kreislaufsystem“ des fruchtbringenden Teilens von Lasten und Verantwortung, Aufbau und Erhalt der Gottesbeziehung (Jes 52/53)

Als deutsche Textgrundlage habe ich die Übersetzung von J. Zink gewählt. (Zink, Jörg: „Das Alte Testament …übertragen…“, 4. Aufl., Stuttgart: Kreuz-Verlag, 1971, S. 408 f.)

Stellvertretung ist das Thema des vierten Gottesknechtsliedes

Im Rückblick beschreibt und deutet eine Gruppe von Menschen, was ein anderer Mensch anstelle ihrer erlitten hat. Dieser Mensch übernahm anscheinend aktiv und bewusst für sie schlimme Konsequenzen auf sich, Strafen, Schmerzen, den Tod, den sie selber verdient hätten. Das Verhältnis zu Gott haben sie verletzt, mehr wird nicht deutlich. Die Strafe blieb ihnen erspart und im Rückblick werden sie dankbar dafür. Sie haben Frieden erhalten und sind geheilt. Sie erkennen, dass Gott diesen Menschen für sein Erleiden belohnt. Die Beziehung zu Gott ist wieder hergestellt, grundsätzlich ist „alles wieder in Ordnung“. Wie sich das im Einzelnen auswirkt, bleibt im Text genauso offen wie die Frage nach der konkreten Schuld der Vielen. Ihr Stellvertreter soll Herr sein, über sie, die Vielen, die er errettet hat. Die Geretteten zeigen dankbar, dass sie die Herrschaft ihres Retters gerne anerkennen. Sie scheinen sich darauf zu freuen, dass zukünftig auch andere Völker, Könige und die weiter untern genannten Starken seine Herrschaft anerkennen werden. Die Herrschaft ist etwas Gutes, Willkommenes.

Das zerstörte Verhältnis von Menschen zu Gott und seine Folgen

Krankheit, Schmerzen, Untreue, Schuld und Verbrechen sind Merkmale des zerstörten Verhältnisses der Vielen zu Gott. Dabei erscheinen Untreue, Schuld und Verbrechen als Ursache der Störung, Krankheit und Schmerzen als Folge. Darüber hinaus ist der Stellvertretende von menschlichen Instanzen bestraft, gefoltert und hingerichtet worden. Das wird hier kommentarlos neben die Merkmale „göttlicher Strafe“ gestellt.

Von vorneherein haben dem Stellvertreter alle Merkmale von Gottes Segen gefehlt: Er ist hässlich und man spricht ihm Würde und Respekt ab, er ist aus der Gemeinschaft ausgestoßen. In Folge seiner Stellvertretung gilt er dann als besonders gesegnet: Macht und Anerkennung und das Gelingen seines Werkes werden ihm in Form einer Verheißung für die Zukunft versprochen. Dies sind die Merkmale einer geglückten Gottesbeziehung. Der Gottesknecht hat schon vorher, trotz gegenteiliger Anzeichen, eine intakte Beziehung zu Gott gehabt. Das wird durch den jetzt zugesagten Segen im Nachhinein bestätigt.

Wer ist der Stellvertreter, wer sind die anderen?

Der Text ist das letzte der vier Gottesknechtslieder, deren Herkunft, Charakter und Sitz im Leben sich nicht aus dem Kontext erschließen lässt. 1 Es bleibt offen, ob in den Liedern von einer Einzelperson, oder besonders einer messianischen Einzelperson die Rede ist, oder ob eine Gruppe prophetischer Schüler oder das ganze Volk Israel als Leidensgemeinschaft gemeint ist. Ebenso offen bleibt, ob die Nutznießer des stellvertretenden Leidens eine begrenzte Gruppe sind. 2

Die rabbinische Auslegung erkannte in der Auseinandersetzung mit der christlichen Deutung eine messianische Qualität der Texte, grenzte sich aber von der christlichen Festlegung hin auf den einen von den Juden lang erwarteten Messias ab zugunsten einer kollektiven Deutung auf das Volk Israel. Sie besagt, dass das Volk Israel selbst in seinem Erleiden des Exils ein „Licht der Völker“ gewesen sei. Raschi hat die Massaker von 1096 (1. Kreuzzug) erlebt und formuliert: „Er litt, damit jede Nation in den Leiden Israels Sühne finden kann: die Krankheit, die uns treffen sollte, hat er getragen. Wir dachten, er sei von Gott gehasst, doch dem war nicht so. Er wurde wegen unserer Übertretungen verwundet, er wurde wegen unserer Missetaten geschlagen--- Er wurde gezüchtigt, damit die ganze Welt Frieden hat.“ 3

Die christliche Deutung erkennt in dem stellvertretend Leidenden Jesus Christus und sein Kreuzesleiden wieder. So versteht die christliche Auslegung die Vorausschau des Deuterojesaja als Beweis dafür, dass Jesus der von den Juden erwartete Messias war. Jesu Leiden und Wirken erfüllt die Merkmale des stellvertretenden Gottesknechtes.

Das „Bekenntnis der Geretteten“ 4

„Jemand nimmt die ‚für mich’ bestimmte gerechte Strafe auf sich“ – (So wird die eigene Situation zwar mühsam im Rückblick erkannt, aber nicht wirklich ‚erklärt’.) „Dass ich dies für mich – wenn auch erst im Nachhinein – erkennen und in Anspruch nehmen darf, gibt mir eine Zukunft, die ich schon verloren glaubte, es heilt mich und verschafft mir Frieden. Dankbar blicke ich auf meinen Wohltäter. Als ihm der Herrschaftsanspruch über mich und viele mit mir zugesprochen wird, bin ich gerne dazu bereit, mich seiner Herrschaft zu unterstellen.“

So weit darf man das Bekenntnis der Geretteten wohl über seinen Wortlaut hinaus interpretieren. Aber was bedeutet und was bewirkt diese Herrschaft im Einzelnen? Das Christentum fordert den Gehorsam der Geretteten gegenüber dem Retter ein. Im Gehorsam orientiere ich mein Verhalten an den Worten, den Verheißungen und Herausforderungen Jesu. Ich folge dem Lebenswandel Jesu, werde Nachfolgerin. Dem einmaligen Akt des stellvertretenden Erleidens der Konsequenzen der zerstörten Gottesbeziehung durch Jesus Christus ist nichts hinzuzufügen. Was er getan hat, reicht ein für allemal, um mich wieder mit Gott in Beziehung zu bringen. Alles, was ich als Nachfolgerin tue, kann nur (m)eine Konsequenz daraus sein, dass ich mich zu den Geretteten zähle und in Stellvertretung Christi auch anderen ihre Rettung übermittle. Zur Nachfolge Jesu gehört es auch, zu gegebener Zeit selbst stellvertretend für andere / an ihrer Stelle einzutreten. In diesem Sinn kann es auch zu meiner Aufgabe als Christin werden, bewusst und aktiv mit „auszubaden“, was andere (ich ja auch) anrichten. Deshalb gehen Christen an die Orte und zu den Menschen, die elend und geschunden sind. Sie tun das, obwohl ihr Leben, menschlich gesehen, in ganz angenehmen Bahnen verlaufen könnte. Für zahllose und oft auch anonyme stehen hier stellvertretend die bekannten wie D. Bonhoeffer, R. Schutz (Taizé), Mutter Theresa und Ruth Pfau und teilw. auch Orden, Kommunitäten und andere Gemeinschaften wie die Basisgemeinde Wulfshagenerhütten in Gettorf oder der Laurentiuskonvent in Wethen.

Wenn Zeugen Nachfolger zeugen

Die Verheißung, die in unserem Text dem Gottesknecht allein zugedacht ist, dürfen im Judentum wie im Christentum auch die Gehorsamen für sich erbitten und erhoffen: Sie sehnen sich nach der Gemeinschaft mit Gott: Weil seine Seele sich mühte, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Die Folgen ihres Tuns werden Früchte tragen. Die Nachkommen, Zeichen irdischen Segens, sind hier der Tat des Gehorsams zuzuordnen: „So sieht er Nachkommen, die lange leben, und des Herrn Plan wird durch seine Hand gelingen.“ So verstehe ich auch die Seligpreisungen der Bergpredigt als Verheißungen für freiwillig und gezielt in Kauf genommene Entbehrungen.

Wer mit einer selbstlosen Tat zum Vorbild wird, der scheinbar ohnmächtigen Realität Gottes durch eine scheinbar ohnmächtige Tat stellvertretend Ausdruck verleiht, findet Nachahmer, die sich seiner Sache annehmen. Ich erkenne darin ein „Märtyrer- Prinzip“ wieder, das (längst?) auch im säkularen Rahmen wirkt, wenn einer sich für eine gute Sache ganz und gar riskiert und im Extremfall sein Leben hingibt. (Ärzte ohne Grenzen, Reporter ohne Grenzen u.v.m.)

Der Gehorsam führt den Nachfolgenden in die Rolle des stellvertretenden Leidenden, weil er schlimme Konsequenzen aus dem Fehlverhalten anderer persönlich übernimmt und austrägt. Diese Haltung hat bis heute dort ihre Berechtigung, wo Christen sich nicht auf die Rolle der Opfer beschränken lassen und wo sie ihre Hoffung nicht auf die Ewigkeit jenseits des irdischen Lebens beschränken.

Einer stirbt für den anderen

Jener katholische Priester, der in einem KZ sich an der Stelle eines zum Tode Verurteilten hat hinrichten lassen, hat damit gleichzeitig ein Zeichen des Protestes gegen die Mächtigen gesetzt. Das von ihnen ausersehene Opfer hatte den Tod natürlich in Wirklichkeit nicht verdient – die Mächtigen haben sich mit dieser Willkür an Gottes Stelle gesetzt. Der Priester hat ihre Willkür durch seinen freiwilligen Ersatz des ausersehenen Opfers ad absurdum geführt. Er hat dies ganz bestimmt in der Gewissheit getan, dass er den Tod nicht fürchten muss, sondern Gott erwarten darf. Zugleich war es ihm aber „allein“ das Weiterleben eines anderen Menschen schon wert, sein eigenes Leben dafür dranzugeben. Alleine für den solchermaßen geretteten Menschen hat dies zur Folge gehabt, dass er nach einem Sinn und einer Erfüllung für sein Leben gesucht hat, die das Opfer jenes Priesters „wert“ ist. 5

Und ich?

Das „Mit-Leiden“ gilt für alle Aspekte menschlichen Zusammenlebens, wenn ich Güter, Zeit und Energie, kurz die ganze eigene Existenz mit anderen teile und damit auf Eigennutz, Selbstbestimmung und - entfaltung im Einzelnen auch einmal / immer wieder verzichte. Das beginnt schon dann,

- wenn ich z.B. jemandem anderen durch ihn verursachtes „Leid“ verzeihe, indem ich dies für mich selbst annehme, auf einen Ausgleich (selber „Leid“ antun) verzichte und so den o.g. „tödlichen“ Kreislauf durchbreche

- wenn ich bei Krankheit und Sterben beim anderen bleibe und damit der Herrschaft des Todes, der Zerstörung und der Angst trotze, und

- für jegliche soziale, politische und ökologische Diakonie (Mt 26, 31 ff.): Ökologische Diakonie lebe ich dann, wenn ich Nachteile an Zeit, Geld und Aufwand in Kauf nehme, um die geschundene Schöpfung zu schonen, zu schützen, zu heilen.

Zum Schluss: Stellvertretendes Leiden und Nachhaltigkeit

Stellvertretendes Leiden, Mitleiden, Diakonie, das wirkt oft altruistisch und selbstlos. Viele denken, dass ein solches Verhalten ihnen „moralisch“ zu anspruchsvoll ist und sie das sowieso nicht können. Ihnen ist nicht klar, wie viel sie schon jetzt für immer verpassen.

In Wirklichkeit ist der Nachfolge-Gedanke ganz eigennützig und im eigenen Interesse zu verstehen: Es geht um den Genuss, das Leben in Gemeinschaft mit Gott zu verbringen – jetzt sofort und dauerhaft unbegrenzt. Die Gemeinschaft mit Gott ist allerdings das Gegenteil von exklusiv – sie ist eine allumfassende Gemeinschaft – alle gehören dazu, alle Menschen und die ganze Schöpfung. (Das hier zu begründen, sprengt jeden Rahmen. Die Schöpfung, Elemente, Pflanzen, Tiere hierbei einzubeziehen, scheint im NT nicht allen nahe zu liegen. Mir reichen dafür an dieser Stelle Paulus’ Ausführungen zur „ängstlich mit uns harrenden Kreatur“ in Röm 8, 18 ff.) Kommt diese umfassende Gemeinschaft mit Gott zustande, ist dies eine „Win-Win“-Situation 6 für alle. Scheitert sie – und diese Möglichkeit bleibt zumindest als Drohszenario offen – ist das die Katastrophe für alle. Insoweit lässt sich wohl die heilstheologische Situation mit der ökologischen vergleichen.

Die umfassende, intakte, lebendige Beziehung zu Gott und seiner Welt ist alles wert, was ich jetzt dafür auf’s Spiel setze. Die Verheißungen versprechen uns, dass es sich lohnt, die Ziele Gottes mit Geduld und langem Atem zu verfolgen. Was lange währt, wird endlich gut. Sie versprechen uns, dass alles Leid dieser Erde einmal vorbei sein wird – sicher unvergessen, aber doch für immer getröstet (Offb 21, 3 ff.).

Das stellvertretende Leiden drückt einen weiteren Aspekt der Nachhaltigkeit aus. Es hält der naiven Illusion einer „ Ein-Weg“ Entsorgung von Schuld (vgl. Müll) die Realität des ökologischen Kreislaufs entgegen. In einem kaum übertriebenen Bild gesagt: Selbst wenn wir unseren Müll in das Weltall werfen, fällt er doch auf uns zurück. Die negativen Folgen unseres „Weltkonsums“ fallen nach der Regel auf die schwächsten Glieder des Ökosystems zurück: Erde, Pflanzen, Tiere, die wehrlosen Menschen. Christen denken nicht nur darüber nach, wie man solche „Müllschuld“ mindern und meiden kann, sie fragen auch, wie man die entstehende Schadenslast teilen kann und nehmen dafür aktiv und bewusst Nachteile in Kauf um sie anderen zu ersparen. Das hat nur dann seinen Sinn und seine Berechtigung, wenn die vermeintlichen Herren der Welt dadurch in die Pflicht genommen werden und, sofern sie ihr Verhalten nicht ändern, als Verantwortliche belastet werden (vgl. Erdöl-Lobby, USA, Klimaschutz). Wir tun das voller Angst, weil wir zu Recht die (und sei sie auch freiwillig) Einschränkung unserer persönlichen materiellen Lebensqualität fürchten. Wir tun das voller Mut und Hoffnung, weil wir dadurch Gottes Gemeinschaft teilen und seine Verheißung miterleben – in heilsamen und hoffnungsvollen Ansätzen schon jetzt.

Ursel Albrecht, Niedernhausen/Ts.

Fußnoten / Literatur:

1 Otto Kaiser, Einleitung in das Alte Testament, Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, Gütersloh,19845, S. 278

2 vgl. Dialogbibelarbeit Edna Brocke und Ulrich Schwemer zu Jes. 52/53 am 13.3.1980, zu finden unter www.karfreitagsgottesdienste.de/jes52dialog.html - 49k)

3 Michael Hilton, Jesaja und das Bild vom leidenden Gottesknecht, Jüdische Auslegungen und Positionen zu den Jesajazitaten der christlichen Schriften, aus: http://juden.judentum.org/judenmission/jesaja-3.htm (haGalil.com)

4 Claus Westermann, Das Buch Jesaja, Kap 40 – 66, ATD 19, Vandenhoeck& Ruprecht, Göttingen und Zürich, 1986, S. 207

5 Leider habe ich diese Geschichte ohne Quellenangabe nur in Erinnerung und jetzt auch nicht Zeit genug, selbst zu recherchieren.

6 siehe Artikel „Nachhaltigkeit“ aus ABC der Globalisierung, Hg. Wissenschaftlicher Beirat von attac, VSA-Verlag Hamburg, 2005, S. 126

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