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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

16. Mrz. 08 - Palmsonntag  

ev. Reihe VI kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.
Hebr 12, 1-3 Jes 50, 4-7 Phil 2, 6-11 Mt 21, 1-11

Der Verfasser stellt zunächst den gemeinsamen Tenor der vier Bibeltexte fest: Gottes Wesen und die Knechtsgestalt haben Affinität. Im Besonderen wird das am Philipperhymnus (Phil 2) deutlich, der Jesus Christus als gehorsam bis zum Sklaventod am Kreuz darstellt; aber auch die Wahl des Esels als Reittier des Messias (Mt 21) entspricht dieser Hinwendung Gottes zum Kleinen. Wir gewinnen Zukunftsfähigkeit, wenn wir uns diese Perspektive zu Eigen machen.

Stellung im Kirchenjahr

Der Palmsonntag trägt seinen Namen, weil das Evangelium des Sonntags, Jesu Einzug in Jerusalem, von Palmzweigen spricht, die die Volksmenge von den Bäumen schneidet, um Jesu Weg zu schmücken. Der einziehende Messias – eine prekäre Gestalt auf der Kippe zwischen Königtum und Lächerlichkeit. Sein Adventus ist nicht triumphal. „Dein König kommt in niedern Hüllen“ singt ein Adventslied (EG 14). Matthäus 21 gehört als Evangelium zugleich zum ersten Adventssonntag. Am Palmsonntag eröffnet dieses Evangelium die Karwoche, den Einzug des Messias ins Leiden.

Der Wochenpsalm nach ev. Perikopenordnung (69 i.A.) ist von Eugen Eckert in eine Reimform gebracht worden, die das Wesentliche einer schier endlosen Klage in eine singbare Form bringt (Eugen Eckert, Gott ist mein Lied, Strube-Verlag München, 1996). Um das Leiden des Gerechten geht es, um das Elend dessen, der auf dem richtigen Weg ist. Das Wasser steht ihm oft genug bis zum Hals. Die biblische Tradition kennt für den Typ des gehorsamen Menschen das in agrarischen Zusammenhängen plausible Bild des Knechts.

Jes 50, 4-7

Der leidende Gottesknecht begegnet uns bei Deuterojesaja. Am kommenden Karfreitag steht er im Mittelpunkt. Im Kapital 50 wirkt er trotzig, sich ganz auf die Stärke Gottes verlassend. Den Duktus dieses biblischen Liedes hat Jochen Klepper 1938 zu einem fünfstrophigen Choral geformt, der im EG als Lied 452 erscheint.

Hebr 12, 1 – 3

Bei dieser Perikope empfehle ich die Übersetzung in der Bibel in gerechter Sprache zu lesen, um mit zeitgenössischen Augen die Ermahnung als Trost wahrzunehmen. Jesus wird als der geschildert, der das Kreuz erduldet und die Entehrung verachtet hat. Eine gehorsame Knechtsgestalt, deren Würde durch Empörung und Unterdrückung nicht aufgehoben wurde. Es liest sich, als sei die Theologie im Philipperbrief – zu Phil 2 – die Voraussetzung für seine Gedanken. Gedacht ist die Ermahnung als Zuspruch, damit müde Christen nicht den Mut verlieren.

Phil 2

Den Christushymnus mussten wir vor 45 Jahren im Konfirmandenunterricht auswendig lernen. Der Pfarrer hatte die pädagogische Theorie der Eisernen Ration, der zufolge man nie wissen kann, ob man das Gelernte nicht doch einmal – wenn’s ans Eingemachte geht – gebrauchen kann, wie etwa den Psalm 23 in großer Verlorenheit. Ich konnte es bald brauchen, weil ich Phil 2, 6-11 ein paar Monate später in der Konfirmandenprüfung vor der Gemeinde auswendig aufzusagen hatte. Der Pfarrer wusste, von wem er diese – für 14-jährige – sperrige Rezitation verlangen konnte. Er war mein Vater. Verstanden allerdings habe ich nur die nachvollziehbare Hälfte: Jesu Gehorsam, den Tod am Kreuz, seine Erhöhung. Aber der Einstieg: „... hielt er es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein...“, was sollte das? Wie verständlich hingegen übersetzt die „Bibel in gerechter Sprache“ das:

„Über göttliche Gestalt verfügend, hielt Christus die Gottgleichheit doch nicht wie ein glückliches Los fest, sondern entäußerte sich selbst aller Vorrechte und nahm die Gestalt eines versklavten Menschen an.“ Ein logischer Gedanke: Ist Christus Gott gleich, muss er vor seiner Inkarnation schon dagewesen sein. Wie weit diese Vorstellung, die Paulus nicht expliziert, heutzutage Gegenstand einer Predigt sein kann, darf oder soll, überlasse ich dem Predigenden. Mir selbst sind zwei Stichworte wichtig:

· Zum einen der Verzicht auf Vorrechte. Das lateinische privari bedeutet bekanntlich berauben. Jedes Privateigentum ist aus dem Gemeineigentum herausgeschnitten. Die hohe Wertschätzung des Individuums in der Geschichte des Abendlandes verführt uns dazu, Privatheit und Privateigentum als Freiheitsrecht des einzelnen Menschen zu verstehen. Die Erinnerung daran, dass der Schöpfung Güter zunächst mal allen Lebewesen zur Verfügung stehen sollen, tut uns gut. Vorrechte der Nutzung, also gesetzlich zugelassener „Raub“, werden von uns „Privilegien“ genannt. Jesus verzichtet auf Privilegien göttlicher Art, ja auch auf menschliche, und nimmt die Rolle eines Sklaven an, der bekanntlich in der Antike als Sache gehandelt wird und nicht als Mensch. Darin wird Jesus ganz Mensch: er nimmt die unterste Stufe ein.

· Der andere Gedanke ist der der Paränese: Ein jeder von euch Christen habe diese Gesinnung. Ein jeder nehme Abstand von seiner üblichen Rolle als Angestellter, Arbeitgeber, Vater, Sohn, als Mutter, Ärztin, Therapeutin, Managerin, als Unternehmer oder Sparerin, als Haushaltshilfe oder Schulleiter, und frage sich: Welche Vorrechte nehme ich aufkosten anderer in Anspruch? Eine sehr individuelle Frage. Richtig beantwortet führt sie zu neuen Situationen aufmerksamer Wahrnehmung, menschlicher Nähe und ungewöhnlicher Identifikation. Kreuz-Gesinnung heißt Hingabe ohne privilegierte Absicherung.

Dass diese individuelle Nachfolge zunächst Haltung und Handeln des einzelnen Christenmenschen betrifft, darf die Frage nach strukturellem Übel und strukturellen Optionen nicht verdecken.

„Ein jeglicher sei gesinnet“ (Luther) heißt heute: Dank eures Wissens um strukturelle und komplexe Zusammenhänge seht zu, dass die Christushaltung zur Veränderung der Welt beiträgt. Ihr habt Einfluss: durch Wahlen, durch Einkaufsverhalten, bei Podiumsdiskussionen und Medienauftritten, durch Geldanlage und Wahl des Urlaubsortes. Ihr könnt Meinungen machen und beeinflussen, ihr könnt das Internet nutzen, Umweltverbände unterstützen und Politiker werden.

Seht zu, dass die individuelle und die strukturelle Ebene eures Lebens nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wenn ihr eure Knie beugt, dann vor Christus dem Herrn. Das ist wahre Diakonie. So werdet ihr selbst auch Knechte, wie Jesus einer war.

Zu Mt 21

Jesus zieht in Jerusalem ein. Die Schilderung dieses Einzugs spiegelt einerseits messianisch-königliche Erhabenheit, andererseits zugleich eine verwunderliche Gebrochenheit des Triumphalen. Wir waren nicht dabei. Nach heutigen Standards war Jerusalem eine überschaubare Stadt. Je kleiner die Behausungen, umso mehr spielt sich das Leben im öffentlichen Raum ab. Zieht da einer mit einer Gruppe von Jublern ein, so erregt das Aufsehen. Aber zugleich: tout le monde steht nicht an der Straße, um diesen komischen Heiligen zu sehen. Ein königlicher Auftritt – oder die Parodie eines solchen? Die Logistik stimmt nicht: die Palmwedel müssen erst von den Bäumen geschnitten werden. Die Decken für das Reittier werden durch verschwitzte Klamotten ersetzt. Und dann der Esel! Warum ein Esel? Herrschaftlich, in der Königstradition, wäre ein Pferd, schnell und stark; warum der Esel? Das Pferd ist ein Machtsymbol. Bei den Hebräern galt es als unrein, weil es dem Kriegshandwerk diente. Der Esel hingegen ist das Tier des kleinen Mannes. Ohne Esel hätte sich keine Zivilisation entwickeln können. Völlig zu Unrecht gilt er als „dummer“ Esel. Wenn er sich bedroht fühlt oder angegriffen oder überfordert, so bleibt er einfach stehen. Er lässt sich zu nichts zwingen, was er nicht einsieht. Ist sein Weg blockiert, blockt er und wartet. Nicht immer ist es der Engel des Herrn, der seinen Weg verstellt wie in der Geschichte von Bileam. Es ist die Instinktsicherheit des Esels, die ihn bei Gefahr stocken lässt. Auf den Menschen wirkt er dann störrisch. Er hat ihm einiges an Witterung voraus. Darum wird er fälschlicherweise in die Tradition der mangelnden Zurechnungsfähigkeit gestellt. Er ist ein genügsames Lasttier, das Tier des kleinen Mannes. Hätte Jesus imperialen Anspruch, käme er auf dem hohen Ross daher. Nun aber zieht Jesus als Messias auf einem Esel in Jerusalem ein, demütig und friedlich. Der Esel ist Kennzeichen der Bescheidenheit, des Unkriegerischen, des Friedens. Bestimmt gehört er zu Gottes Lieblingstieren: geduldig, belastbar, solidarisch, genügsam. Zum Arbeiten tauglich, nicht für den Krieg. Das ist der Grund, warum sich die Propheten des Alten Bundes für den Esel einsetzen, sowohl Jesaja (31, 1), der den Rössern gegenüber abgrundtief skeptisch ist: Weh denen, die hinabziehen nach Ägypten um Hilfe und verlassen sich auf Rosse und hoffen auf Wagen, dass ihrer viel sind, und auf Reiter, darum, dass sie sehr stark sind, und halten sich nicht zum Heiligen in Israel und fragen nichts nach dem Herrn. Auch Sacharja (9, 9) Aber du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze; siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm, und reitet auf einem Esel und auf einem jungen Füllen der Eselin. Indem Jesus als einziehender Messias demonstrativ den Esel benutzt, verbindet er Erhabenheit mit Niedrigkeit, Sieg mit Passion. Als Eselreiter gibt er sich als Freund der kleinen Leute zu erkennen. In dieser Gebärde spiegelt sich die programmatische Entmachtung einer Welterlösungsvorstellung, die auf die zu Pferde Einziehenden setzt. (Im EG der EKHN Nr. 547, Der Eselreiter)

Nun müssen wir leider hinzufügen, dass sich durch die Christentumsgeschichte hindurch als roter Faden die Verleugnung des Esels zieht. Es hat nur ein paar Jahrhunderte gedauert, bis die ecclesia triumphans das höfische Zeremoniell Roms für sich übernahm, der Papst sich als Nachfolger der Cäsaren auf das hohe Ross setzte. Das ist wörtlich zu verstehen: seit Gregor dem Großen wird das weiße Pferd zum Papsttier, weiß wie das Papamobil. Und natürlich ritt Kaiser Wilhelm vor 110 Jahren auf einem Pferd in Jerusalem, zur Einweihung „seiner“ Erlöserkirche, ein.

Der Messias gibt sich zu erkennen. Friedfertig, genügsam. Einer, der die bescheidenen Maßstäbe der kleinen Leute kennt und achtet. Der Messias, der Zukünftige; derjenige, der mit den Augen Gottes die Welt und die Menschen sieht. Zukunftsfähig werden wir nur, wenn wir seine Gesinnung (cf Phil 2) übernehmen. Beweise? Wer die Eselfrage ernst nimmt, wird mit Interesse wahrnehmen, wie etwa die „www.esel-initiative.de“ arbeitet. Sie vermittelt Hunderte von Eseln in Entwicklungsprojekten, beispielsweise in Eritrea. Die Esel dienen als Transportmittel für Mensch und Material, auch als Krankenwagen oder Hebammentaxi. Sie helfen, Schuldenkreisläufe zu durchbrechen und sind das Startkapital zur suffizienten Selbstständigkeit.

Bemerkenswert ist die Langsamkeit des Esels. Er geht nicht schneller als ein Mensch, aber ausdauernd und mit Lasten. Er verkörpert das Gegenbild zu unserem Zivilisationsmodell der ständigen Beschleunigung. Je schneller wir werden (Warentransporte, Globalisierung der Produktion, Steigerung des Ferntourismus), umso mehr bleiben die Abgehängten auf der Strecke. Der Esel verhilft an vielen Orten dem Prekariat nicht-industrialisierter Länder zur Aufrechterhaltung der Selbstversorgungswirtschaft. Ein messianisches Modell!

Wilhelm Wegner, Frankfurt

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