Direkt zum Hauptmenü. Direkt zum Untermenü. Direkt zur linken Navigation. Direkt zum Text.

Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

10. Feb. 08 - 1. Fastensonntag (Invokavit)  

ev. Reihe VI kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.
Jak 1, 12-18 Gen 2, 7-9; 3,1-7 Röm 5, 12-19 Mt 4, 1-11

Der Verfasser betrachtet alle Predigtperikopen des Sonntags. Stichworte: Begierde und Ausbeutung der Natur als Weg zum Tod im Sinne des Glaubens, Liebe und Befreiung von der Begierde als Weg zur „Krone des Lebens“, Weg der Bewährung angesichts des „kapitalistisch-konsumistischen Tanzes“ (Jak 1); Allmachtsphantasien und kollektive Neurose, Beispiel gebende Menschwerdung Gottes als Antwort auf den Versuch der „Gottwerdung“ des Menschen (Gen 2, Röm 5); „wenn du wirklich so mächtig bist, dann tue ...“, abhängig machende Unterwerfung unter Versucher – Marktgesetze, Aktionärsversammlungen, ...
(Mt 4)

Evangelisch: Jak 1, 12 – 18

Der Text zeichnet sich durch eine eindeutige Prämisse und zwei Linienführungen aus.
Die Prämisse: Gott versucht niemanden zum Bösen.
Die zwei Linien:
Erste Linie: Begierde à Sünde à Tod
Zweite Linie: Anfechtung à Bewährung à Krone des Lebens
Auf dieser Basis folgende politisch-theologische Überlegungen zu einem „nachhaltigen Predigen“:

Die gegenwärtige Situation der Welt (Kriege, Umweltzerstörung, Ressourcenverknappung, Hunger, Armut, Tod) ist keine Versuchung, die von Gott an den / die Menschen herangetragen wird. Die globale „Begierde“ der „Ersten Welt“, der „Reichen“, (ich verstehe diese Begriffe nicht geographisch; es gibt sowohl eine ökonomische „Erste Welt“ in der „Dritten Welt“, als auch eine „Dritte Welt“ in der „Ersten Welt“) führt zur Sünde der Ausbeutung der Natur und der Menschen, mit der Folge: immer mehr Reichtum für die Reichen, immer mehr Armut und letztlich Tod für die Armen. Diese „Begierde“ ist sowohl strukturell und institutionell verankert durch die Art und Weise, wie die Reichen und Mächtigen Wirtschaftspolitik betreiben – an ihr partizipieren gleichwohl auch alle „persönlich“ und individuell, die sich durch ihr Konsumverhalten am „Geiz-ist-geil“-Stil orientieren und keine Rücksicht auf die Art der Produktion der von ihnen konsumierten Waren (Umweltverträglichkeit, Sozialverträglichkeit,...) nehmen. Letzten Endes aber ist diese Art und Weise, mit der Welt und den Menschen umzugehen, auch selbstzerstörerisch für diejenigen, die (noch) ihren Profit daraus ziehen (vgl. auch Jak 4,1-3): die Begierde tötet (schon jetzt) die geschwisterliche Menschlichkeit, die „Seele“ in den Begehrenden.

Der kapitalistisch-konsumistische Tanz um das Goldene Kalb ist gleichzeitig ein Tanz auf dem Vulkan!

Die zweite Linie bietet eine andere Sicht auf die Dinge und eröffnet eine Perspektive der Umkehr und Befreiung. „Geboren nach dem Willen Gottes durch das Wort der Wahrheit“ sind wir befreit, den „schönen Schein“ zu durchschauen, die Anfechtungen zu erkennen, uns in dieser Situation zu „bewähren“ und so die „Krone des Lebens“ zu empfangen. Diese „Krone des Lebens“ hat Gott denen verheißen, „die ihn lieben“. Gott zu lieben aber bedeutet, die Menschen zu lieben. In dieser dualen Haltung der Liebe aber ist kein Platz für egoistische oder egozentrische Begierden (auch dies verstehe ich wieder sowohl persönlich als auch strukturell). Christen glauben an den Gott des Lebens und nicht an die „unsichtbare Hand des Marktes“! Es gilt, sich durch die Entwicklung von Alternativen zu unserem gegenwärtigen „begehrlichen“ Verhalten zu bewähren, „anders“ zu leben, damit alle leben und überleben können. Auch das gilt wiederum gleichermaßen für den persönlichen „Lebensstil“ als auch für die strukturelle Gestaltung von Politik und Wirtschaft. Wir haben die Wahl (vgl. Deuteronomium 30,15-20)!

Katholisch: Gen 2,7-9; 3,1-7 und Röm 5,12-19

Da sich beide Lesungstexte eindeutig aufeinander beziehen, möchte ich um dieser Beziehung willen auch beide Texte gemeinsam behandeln. Grundthema der beiden Texte ist die „Erbsünde“ und die „Erlösung“ bzw. Rechtfertigung.

Gen eröffnet das „soteriologische Drama“ mit dem dem Menschen von der „Schlange“ eingeflüsterten Begehren, „zu sein wie Gott“. Durch dieses Begehren kommt die Sünde und der TOD in die Welt. – Röm greift dieses Thema der „Ur- und Erbsünde“ auf und spricht von der „gerechten Tat eines einzigen“ (Jesu), durch den bzw. die Gerechtsprechung für alle Menschen, die LEBEN gibt, in die Welt kommt. Eine „Kurzbeschreibung“ dieser „gerechten Tat“ findet sich in Phil 2,6-8, und damit wird auch die dynamische „Gegenbewegung“ deutlich: Begehrt in Gen (aufgrund der Versuchung durch die „Schlange“) der Mensch, „wie Gott zu sein“, so wird in Jesus Christus Gott Mensch – und was für einer!

Der Psychologe Horst Eberhard Richter hat in den achtziger Jahren das Buch „Der Gotteskomplex“ geschrieben. Es trägt den Untertitel „Die Geburt und die Krise des Glaubens an die Allmacht des Menschen.“ – Nach Richters Theorie setzt sich mit Beginn der Neuzeit und unter Eindruck eines zunehmenden „Gottesverlustes“ der (zunächst noch gegenüber den Mächten der Natur abhängige und ohnmächtige) Mensch selbst zunehmend in eine Allmachtsposition der Weltbeherrschung. Aus dieser „kollektiven Neurose“ der Allmachtsphantasie resultieren zahlreiche zerstörerische Tendenzen, deren Früchte wir heute in Form von Naturzerstörung ernten. „Die Angst, sich die seit dem Mittelalter nur verdrängte...Abhängigkeit einzugestehen, ist fatalerweise momentan immer noch viel größer als die Angst, mit einem objektiv selbstmörderischen Größenwahn unterzugehen. Das ist der Fluch dieses kollektiven ... Ohnmachts-Allmachts-Komplexes, den man auch zusammenfassend als Gotteskomplex bezeichnen kann.“ (Richter, Der Gotteskomplex, Hamburg 1986, S.31). – Inwiefern die historische Schnittstelle Mittelalter/Neuzeit so eindeutig verortet werden kann, wie Richter dies tut, sei dahingestellt (schließlich hat es auch schon vorher Zerstörung von Natur und Ausbeutung von Menschen durch Menschen gegeben). Deutlich herausgearbeitet wird das Begehren des Menschen, sein zu wollen wie Gott: all-mächtig, all-wissend, all-herrschend – über die Natur, über andere Menschen, über die „Gesetze des Lebens“. Dass dieser „Trend“ durch die wissenschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrhunderte eine beschleunigte Dynamisierung und Perfektionierung erfahren hat, ist unverkennbar.

Interessant ist aber auch, dass, wenn es sich denn so verhält, der Mensch der Gott sein will, den er sich zunächst vorgestellt hat: ein all-mächtiger, all-wissender und all-herrschender Gott.

Die Lesung des Römerbriefes setzt, in Verbindung mit Phil 2,6-8 gegen diese Gottes-Vorstellung einen „anderen“ Gott – einen Gott, der Mensch wird, Gutes tut, leidet und schließlich am Kreuz endet. Kein „Emporschwingen“, sondern ein „Herabsteigen“ wird hier vor Augen gestellt, kein all-mächtiger, sondern ein ohn-mächtiger Gott, kein all-herrschender, sondern ein all-dienender Gott. Erlösung aus dem „selbstmörderischen Größenwahn“ (Richter), liegt sie im „Ein-schwingen“ in dieses „Herab-steigen“, kurz: in der Nachfolge? Nachfolge, die nach Dietrich Bonhoeffer im Beten und im Tun des Gerechten besteht. Wenn wir die Welt und die Menschen ernsthaft und mit-fühlend „ins Gebet“ nähmen, würden wir dann nicht die „Strukturen der Sünde“, die sich in Ausbeutung der Menschen und Zerstörung der Natur zeigen, durchschauen? Würden sich nicht in diesem Beten andere Perspektiven für die Art, Wirtschaft und Politik zu betreiben, zeigen? Die Vater-unser-Bitten um das Kommen des Reiches Gottes und das tägliche Brot für alle Menschen (das auch derzeit durchaus für alle Menschen bei einer anderen Verteilung vorhanden wäre) – wenn wir das ernsthaft (!) erbitten, dann - wollen wir eine andere Welt. Ich denke an ein Zitat von Erich Fried: „Wer will, dass die Welt bleibt, wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt.“ Man überlege sich also sehr genau, was man tut, wenn man das Vater-unser in den Mund nimmt! Für unsere gegenwärtige Praxis der Menschenausbeutung und Naturzerstörung ist im Reich des (menschgewordenen) Gottes jedenfalls kein Platz mehr. Vielmehr entspricht diesem Reich das von Bonhoeffer genannte „Tun des Gerechten unter den Menschen“.

Evangelium: Mt 4,1-11

Der Versucher tritt an Jesus heran, als er nach vierzig Tagen und Nächten des Fastens Hunger bekommt. Verbraucherberater raten heutzutage davon ab, mit leerem Magen selbst Kleider kaufen zu gehen, weil Untersuchungen ergeben haben, dass ein hungriger Magen das Konsumverhalten auch in Bezug auf andere Objektbereiche als auf Nahrungsmittel erheblich steigern kann. Aber das nur am Rande.

Interessant: In den beiden ersten Versuchungen soll Jesus mit dem Hinweis „Wenn du der Sohn Gottes bist...“ geködert werden. Klingt hier nicht wieder das „Thema“ aus den beiden Lesungstexten an? Wie-Gott-sein-wollen, Gott-sein-wollen?

Allmachts- und Unverletzlichkeitsphantasien werden angesprochen. Jesus ignoriert diese Andeutungen schlichtweg und begegnet diesen beiden wie auch der dritten Versuchung mit einem Schriftzitat.

Interessant weiter ein Bezug zu Gen: Die Schlange dort: „Wenn ihr von dem Baum esst, dann werdet ihr sein wie Gott...“; der Versucher hier: „Wenn du der Sohn Gottes bist, dann tu dies und das...“. Dort eine „Seins-Verheißung“ als Folge eine Tuns; hier die Forderung eines Tuns als Beweis eines Seins, nämlich der Gottessohnschaft Jesu.

Entbehren die beiden ersten Versuchungen nicht einer gewissen Perfidie und argumentativen Süffisanz („wenn du der Sohn Gottes bist...“), kommt die dritte Versuchung dann doch recht plump daher, ganz „menschlich“ sozusagen. Jesus widersteht nicht nur den „gottessohnschaftlichen“ Versuchungen, sondern auch dieser sehr menschlichen Versuchung: alle Reiche der Welt und ihre Pracht zu besitzen und über sie zu herrschen. Die Macht, die ganze Welt einzuteilen in gut und schlecht, brauchbar und unbrauchbar, wert und unwert. Diese Begehrlichkeit ist, „weiß Gott“, verlockend. – Der Preis: Sich dem Versucher unterwerfen und ihn anbeten.

Und heute? Kommt heute der Versucher daher und sagt: Das alles will ich dir geben, wenn du dich den Gesetzen des Kapitals und der unsichtbaren Hand des Marktes unterwirfst und sie anbetest? Die Folgen für die Menschen und die Natur verschweigt er vorsichtshalber. Diese Folgen zeigen sich im Übrigen nicht nur bei den „unmittelbaren“ Opfern dieser ganzen Geschichte, bei den Ausgebeuteten, Entrechteten und „Entwerteten“, den Ausgegrenzten und Unbrauchbar-gemachten sowie in einer zunehmend zerstörten Umwelt, sondern auch bei den sich unterwerfend und anbetend „Herrschenden“ – nicht wenige haben so „ihre Seele verpfändet“ und merken es erst, wenn, wie in den Märchen, der „Teufel“ beim Bauern anklopft, um seinen Tribut zu fordern. Mit anderen Worten: nicht wenigen Top-Managern, Ikonen und „stillen Teilhabern“ des herrschenden Systems hat eben dieses System, nach anfänglichen Versprechungen, „Geld und Leben“ gekostet – von finanziellen Desastern nach geplatzten Aktienbooms bis hin zur psychischen Zerstörung in Alkohol, Drogen, Empfindungsunfähigkeit. Wenige haben den „Ausstieg“ geschafft.

Das Wie-Gott-sein-wollen (Gen) wird im Röm 5,19 als „Ungehorsam“ beschrieben, der „Gehorsam des einen“ (Jesu) drückt sich in seiner Existenz nach Phil 2,6-8 aus und konkretisiert sich noch einmal in der Ausrichtung an einem dreimaligen „Du sollst...“ in Mt 4,4, Mt 4,7 und Mt 4,10.

Wenn Mensch wie Gott sein will, dann ist der Weg dafür vorgezeichnet in Phil 2,6-8. Das Lied Nr. 183 im Gotteslob bringt es auf den gleichen Punkt: „Wer leben will wie Gott auf dieser Erde...“. Wer sein will wie dieser Gott, orientiert sich an der heilenden und teilenden Praxis Jesu und ist den Menschen und der Schöpfung zärtlich zugewandt, sie sind ihm nicht Objekte egoistischer und ausbeuterischer Manipulation, seine Maxime ist nicht „besitzen“ und „beherrschen“, sondern „behüten“ und „bewahren“. Als Vorbild für diese Lebenspraxis, und damit abschließend, lässt sich unschwer der Hl. Franziskus herbeizitieren.

Günter Harmeling, Idstein

© 2006-2016 Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz