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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

16. Dez. 07. - 3. Adventssonntag

ev. Reihe VI kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.
Offb 3, 1-6 Jes 35, 1-6a.10 Jak 5, 7-10 Mt 11, 2-11

Der Verfasser betrachtet alle Perikopen des Tages. Stichworte: „Glaube der Tat“, Gemeinden, die tot sind, obwohl sie noch leben, in der Bewahrung der Schöpfung wird die Untrennbarkeit von Gottes- und Nächstenliebe manifest, Endzeit ist jetzt – sobald Gott in das Leben (wieder) einbricht, Beendigung der kurzsichtigen Ausbeutung und Verschmutzung der Erde (Offb 3); Sind wir der „gelingende Mensch“?, Ausdauer und Geduld statt Resignation und Rückzug (Jak 5); sozial ist gerecht, Sozialität überschreitet Grenzen (Mt 11)

Zu Offenbarung 3, 1-6: Kehrt um!

Anmerkungen um Verständnis des Buches:

Die Offenbarung des Johannes ist vielleicht das faszinierendste und fesselndste Buch des Neuen Testaments. Es gehört zur Gattung der apokalyptischen Literatur. Bis heute werden die gewaltigen Bilder und die Zahlensymbolik der „geheimen“ Offenbarung mißbraucht und fehlgedeutet.

Immer wieder haben Christen in Krisenzeiten, in Not und Bedrängnis dieses Buch gelesen und befragt, um die eigene Leiderfahrung zu deuten und Kraft und Hoffnung aus dem Glauben für das Leben zu schöpfen. Apokalypse heißt Offenbarung, Enthüllung. Was wird enthüllt? Enthüllt wird, daß in der gegenwärtigen Katastrophe schon verborgen die Wende zum Heil da ist! Gegen allen Augenschein wird sich das Heil, das von Gott her kommt, durchsetzen.

Der historische Hintergrund ist die bedrängende Situation der Christen in Kleinasien zur Zeit des Kaisers Domitian (81 - 96 n. Chr.), der sich selbst als „Herr und Gott“ bezeichnete und verehren ließ. Für die Christen eine traumatische Provokation und Herausforderung. Sie verweigerten die kultische Verehrung und gerieten dadurch in soziale Isolation, erfuhren Diffamierungen, erlitten Verfolgungen.

Der Rückgriff auf die apokalyptische Tradition des Judentums mit ihren grandiosen Endzeitbildern gibt der jungen Kirche ein literarisches Modell zur Hand, mit dieser Konfliktsituation umzugehen und ihren Mitgliedern Trost, Hoffnung und Mut zuzusprechen, denn durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi ist die Wende zur Heilszeit unwiderruflich angebrochen.

Nach Prolog (Offb 1, 1-6) und Berufungsvision (Offb 1, 9-20) folgen die sieben Sendschreiben an Gemeinden in Kleinasien. Sie sind schriftliche Gottesrede und ermahnen die Christen, in Zeiten der Anfechtung treu zum Evangelium Jesu Christi zu stehen, in Lehre und Tat, in Wort und Leben.

Gedanken zur Auslegung:

Im fünften Sendschreiben an die Gemeinden Kleinasiens wird Sardes, eine Stadt 80 km östlich von Smyrna / Izmir von der Gottesrede des Johannes aufgerüttelt: „Werde wach!“ (Offb 3, 2). Das Schreiben wird eröffnet vom Schreibbefehl und der Botenformel, in der Johannes als Künder der Botschaft Jesu Christi legitimiert wird: „Das sagt, der die sieben Geister Gottes hat und die sieben Sterne“ (Offb 3, 1), der Gekreuzigte und Auferstandene (s. Offb 1, 4. 16. 20).

Es folgt das Bild einer Gemeinde, die bereits tot ist, obwohl sie noch lebt: „Ich kenne deine Werke: Du hast den Namen, daß du lebst, und bist tot. Werde wach und stärke das andre, das sterben will, denn ich habe deine Werke nicht als vollkommen befunden vor meinem Gott“ (Offb 3, 1 f.). Der Glaube dieser Gemeinde erhält keine Gestalt mehr im Leben und Handeln der Christen. Es genügt nicht, den Glauben in Kultus und Frömmigkeitsritualen „zu praktizieren“, er braucht die Entfaltung in den Werken der Liebe. Ein Glaube, der nicht durch die Tat Gestalt gewinnt in der Welt, der nicht das Leben der Menschen prägt und die Schöpfung als Geschenk Gottes behandelt, dieser Glaube ist bereits tot, auch wenn die Gemeinde es noch nicht bemerkt hat.

Grundlage eines nachhaltigen Lebens: der trinitarische Dreiklang des Liebesgebots

Der Glaube verwirklicht sich im Dreiklang der Selbst-, Nächsten- und Gottesliebe: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“ (Mt 22, 37-40). Diese dreifache Liebe entspricht dem trinitarischen Dreiklang Gottes in Vater, Sohn und Geist.

1) Ich darf und muß mich selbst lieben. Gott hat mich geschaffen, er hat sein Ja der Liebe vor jeder anderen Liebe zu mir gesagt. Er hat mir von seinem Geist gegeben, mich zu seinem Kind gemacht und will, daß mein Leben gelingt. Ich bin es „wert (würdig), daß du (Jesus) mein Haus betrittst“ (Mt 8, 8).

2) Die Selbstliebe wird zum Maßstab der Nächstenliebe: „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mt 22, 39 = Lev 19, 18). In Jesus Christus hat Gott seine ganze Liebe allen Menschen zugewandt. Nachfolge Jesu ist immer Nachfolge in dieser Liebe Gottes zu den Menschen. Nur in dieser Liebe, die konkret wird in der Zuwendung zum anderen, kann ich selbst Mensch werden. Und diese Liebe wird konkret - und darin der Glaube lebendig - im Teilen des Lebens miteinander im Alltag, in der Solidarität mit den Armen, Hungernden und Leidenden und im Mitgehen mit den Sterbenden, aber auch im politischen Engagement für Recht und Gerechtigkeit, für Menschenwürde und Menschenrechte, im Kampf gegen Rassismus und Ausbeutung, gegen Sexismus, Abwertung und Unterdrückung der Frauen, für die Lebensrechte der Kinder. Die christliche Gesellschaftslehre - katholische Soziallehre und evangelische Sozialethik - ist integraler Bestandteil des Evangeliums!

3) In der Liebe zu mir selbst und zum Mitmenschen wird meine Liebe zu Gott konkret und erhält eine „begreifbare“ Gestalt. Die Gottesliebe hat aber auch noch eine andere Dimension: Wie kann ich Gott lieben, ohne seine Schöpfung zu achten, seinen Kosmos, das Leben in Tier- und Pflanzenwelt? Die Schöpfung ist Akt und Ausdruck Gottes selbst. Ich kann in ihr Gott erkennen. Sie ist vor allem Akt und Ausdruck der Liebe Gottes. Auch ein Akt der Liebe zu uns Menschen. Die Schöpfung zu achten, nicht auszubeuten, behutsam mit ihr umzugehen, nachhaltig, damit sie in der Entfaltung ihrer Lebenskraft bewahrt und nicht gemindert wird, damit die Menschen auch nach uns leben und in der Schöpfung die Güte Gottes erkennen können, ist Ausdruck unserer Gottesliebe. Unser Glaube wird nur glaubwürdig, wenn wir auch die Würde der Schöpfung leben, in Wort – und Tat.

Das Mahnwort an die Gemeinde von Sardes ist hochaktuell. Karl Rahner, der große Theologe und Mystiker, hat das Wort geprägt vom „praktischen Atheismus“. Er hat dies gesagt im Blick auf die schwindende Lebenskraft der Kirchengemeinden: Es genügt nicht, einfach nur so an Gott zu glauben, den Satz „Gott ist“ für wahr zu halten, im Sinne es Wahrhaltens von Sätzen (Satzglaube!). Der Glaube muß zum Risiko werden (Eberhard Jüngel), dergestalt, daß er mich selbst und mein Gottesbild, meinen Lebensplan und meine Überzeugungen bedroht, mich ständig in die Umkehr, in die Veränderung, ja in die Reformation ruft. Der Glaube wird zum kritischen Maßstab, an dem ich mich selbst und mein Leben messen muß – mit der Konsequenz, um der Nachfolge Jesu willen mich und mein Leben zu ändern: „Werde wach“ (Offb 3, 1) und „Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1, 15).

So ruft Johannes den Gemeinden zu: „So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und halte es fest und tue Buße! Wenn du aber nicht wachen wirst, werde ich kommen wie ein Dieb und du wirst nicht wissen, zu welcher Stunde ich über dich kommen werde.“ (Offb 3, 3). Das Drängende des Umkehrrufs, wie er uns auch in den Evangelien immer wieder begegnet, mit den Bilder des Wachens und des Diebs in der Nacht, gewinnt die Qualität eines letzten Aufrufs: Es geht um Leben oder Tod. Tut Buße jetzt! Kehrt um jetzt – und wählt das Leben! Und die Perspektive ist, daß Jesus sich vor Gott zu denen bekennen wird, die wachsam sind, Buße und Umkehr tun: „Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden, und ich werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buch des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt“ (Offb 3, 5 f.).

Nachhaltigkeit braucht Veränderung - jetzt

Hier geht es um eine Gotteserfahrung, die die Welt nicht erklären, sondern verändern will: „Siehe, ich mache alles neu“ (Offb 21, 5). Es geht hier nicht um Zukunftsschau, sondern um das Heute. Gott ist Herr der Geschichte, er wird in Jesus Christus sich unwiderruflich als Retter offenbaren und seine Heilsherrschaft antreten. Und er will dies jetzt tun. Jetzt ist die Zeit, jetzt ist der Kairos! Im Heute, in der Gegenwart wird das Heil gewirkt. Im Augenblick ist der Ort, wo Zeit und Ewigkeit sich berühren, wo Gott und seine alles verändernde Wirklichkeit in mein Leben einbricht, da ist Endzeit – und alles wird neu! Jesus Christus wird kommen, „und du wirst nicht wissen, zu welcher Stunde ich über dich kommen werde“ (Offb 3, 3). Wenn ich heute nicht umkehre, kann es zu spät sein.

Im Blick auf die ökologische Situation unserer Erde, den umfassenden Klimawandel, die teilweise schon dramatisch sichtbar werdenden Folgen der anhaltenden Erderwärmung wie Abschmelzen der Pole und der Gletscher, ist dringende Änderung des menschlichen Verhaltens geboten. Es geht um Leben und Tod, darum, ob das Leben auf diesem Planeten eine Zukunft hat! Umkehr tut not, z.B. Absenkung des CO2-Ausstoßes, Beendigung des Raubbaus am tropischen Regenwald und der rücksichtslosen Ausbeutung aller natürlichen Ressourcen der Erde - rücksichtslos auch im Blick auf die nachfolgende Generation -, Beendigung der Verschmutzung unserer Flüsse und Meere usw. Bereits jetzt bedeutet die brutale Ausbeutung der Bodenschätze, z.B. die Ölförderung, nicht nur den Verlust unberührter Natur, nicht nur das Aussterben von Pflanzen- und Tierarten, sondern auch Krankheit und Tod tausender von Menschen. Ein solcher Umgang mit Natur und Umwelt ist Zeugnis der Gottvergessenheit.

Nachhaltigkeit heißt weniger statt mehr

Aber was kann ich tun? Es geht doch Jesus immer um mich, um mein Leben, mein Handeln? Wie der Frieden der Welt im Frieden mit mir selbst und meinen Nächsten beginnt, muß auch die ökologische Umkehr in meinem Lebensfeld beginnen: Ich versuche bewusst zu leben. Was brauche ich zum Leben, was nicht? Was dient dem Leben, was nicht? Worauf kann ich verzichten? Kein Gut, das mir zur Verfügung steht, ist selbstverständlich. Das Heil liegt nicht im Konsum: Ich konsumiere, also bin ich, auch wenn Wirtschaftsfachleute täglich zu vermehrtem Konsum aufrufen. Ich lebe aus der Dankbarkeit für die Güte des Lebens, das mir Gott geschenkt hat, und diese Dankbarkeit kann und wird immer öfter die Gestalt des Weniger statt des Mehr haben müssen. Ich setze so Zeichen, das andere wahrnehmen können. Ich werde so Teil einer großen Bewegung, die aus Millionen Menschen, unter ihnen viele Christen, besteht.

Vorbemerkung zu den katholischen Lesungen:

„Gaudete“ lautet der Name für den dritten Adventssonntag, hergeleitet vom Introitus, dem lateinischen Eröffnungsvers der Messe: „Gaudete in Domino semper ...“ – „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit. Noch einmal sage ich: Freut euch! Denn der Herr ist nahe“ (Phil 4, 4.5). Die Freude darüber, daß der Herr nahe ist, „uns zu retten“ (Jes 35, 4 - Kehrvers 1. Zwischengesang), prägt den Gottesdienst in seinen Texten und Gebeten. Evangelium und alttestamentliche Lesung sind aufeinander bezogen. Auch Ps 146 des 1. Zwischengesangs paßt sich thematisch ein. Die liturgische Farbe der Meßgewänder ist rosa, wie beim 4. Fastensonntag „Laetare“, der ebenfalls einen freudigen Charakter hat.

Zu Jakobus 5, 7-11: Mahnung zur Ausdauer

Der Apostel mahnt zu Ausdauer und Geduld. Das sind adventliche Grundhaltungen, notwendig gerade in Zeiten der Dunkelheit und Gottesferne. Ausdauer und Geduld schenken Bewährung im Glauben (vgl. Röm 5, 3-5). Diese ist notwendig, damit er wachsen kann in die Tiefe und Weite des Herzens, um Wurzeln zu schlagen, aus denen ein mächtiger Baum mit „kostbarer Frucht“ (vgl. Jak 5, 7), Früchte des Glaubens, hervorgeht. Dies geschieht in Zeiten der Anfechtung, des Zweifels, der Wüste, die mich immer wieder fragen lassen: Wo bist Du Gott? Sie fordern mich heraus, mein Gottesbild zu hinterfragen – und es zu zerbrechen. Gott ist immer der Ganz Andere und will immer neu bei mir ankommen. Mein Festklammern an alten festgefügten Gottesbildern verschließt mich aber dem immer wieder neu andrängenden Gott, der will, daß mein Leben gelingt: „Gloria Dei homo vivens“ – „Gottes Glorie ist der gelingende Mensch“ (Irenäus von Lyon).

Geduldig sollen wir aushalten „bis zur Ankunft des Herrn“ (Jak 5, 7). Jakobus ermuntert uns: „Macht euer Herz stark, denn die Ankunft des Herrn steht nahe bevor.“ (Jak 5, 8) In Ausdauer und Geduld spannen wir uns erwartungsvoll aus nach dem, der kommen soll: Jesus Christus. Und in dieser erwartungsvollen Grundhaltung geschieht das Mysterium: Er ist schon da, wir haben es nur nicht bemerkt.

Ausdauer als Grundhaltung für nachhaltiges Engagement

Ausdauer ist unerläßliche Grundhaltung eines nachhaltigen Engagements für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Es sind oft junge Menschen, bei denen man der Auffassung begegnet, ohnmächtig zu sein und wenig ausrichten zu können. In dieser Situation bewährt sich aber unser Glaube. Gerade Jakobus ermutigt uns zu einem Handeln nach dem Evangelium Christi: „Hört das Wort nicht nur an, sondern handelt danach; sonst betrügt ihr euch selbst.“ - Jak 1, 22). Resignation und Rückzug ist dem Christen nicht erlaubt. Erliegt er der Mutlosigkeit, wird auch sein Glaube in ihm absterben.

Kultur des Miteinanderteilens

Wir können gegen Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit ankämpfen. Jakobus ermutigt uns zu Ausdauer im Engagement: In einem „Brief aus Taizé“ aus dem Jahre 1976 werden die Menschen aufgerufen, „ein Gleichnis des Miteinanderteilens“ zu leben. In diesem Brief wird Bischof Ambrosius von Mailand zitiert: „Die Erde ist für alle geschaffen worden ohne Unterschied. Die Natur kennt keine Reichen, sie bringt nur Arme hervor. Was du den Armen gibst, ist nicht dein Gut, du gibst ihnen vielmehr einen Teil von dem zurück, was ihnen gehört. Denn das Gut, das du an dich reißt, ist ein gemeinsames Gut, das allen zum Gebrauch gegeben wurde.“ (Stutz, S. 97f). Es sind viele tausend Menschen auf dieser einen Erde, die nach diesem Wort leben und ihren Besitz teilen, die sich organisieren und engagieren in Projekten partnerschaftlicher Entwicklungszusammenarbeit und in politischen Organisationen für eine gerechtere Welt, für Freiheit und Selbstbestimmung, für Menschenwürde und Menschenrechte. Sie verleihen damit Jesu Christi Frohbotschaft Stimme und auch Wirklichkeit verändernde Macht.

Dort, wo Menschen ihr Leben, ihre Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen, kann es geschehen, daß es ist, als ob ein Engel durch den Raum geht. Wer das einmal erlebt hat, der weiß, was wirklich Freude ist. – Gaudete!

Zu Matthäus 11, 2-11: Wer bist du, Jesus? (mit Bezug zu Jesaja 25, 1-6a.10)

Johannes, der Täufer, diese gewaltige Gestalt zwischen Altem und Neuem Testament, dieser Bußprediger, der noch im Alten Bund lebt, aber schon den Neuen heraufkommen sieht, er ist Advent in persona: Erwartung, Vorläufer, Wegbereiter, Zeigefinger Gottes! Er weist auf den hin, der nach ihm kommt: „Ich taufe euch nur mit Wasser (zum Zeichen) der Umkehr. Der aber, der nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe auszuziehen. Er wird euch mit Heiligem Geist und Feuer taufen“ (Mt 3, 11).

Am Ende seines Wirkens, schon im Gefängnis, wohl auch mit dem Schlimmsten rechnend, stellt er - stellvertretend für uns - die Frage, deren Antwort den Sinn seines - und unseres - Lebens ausmacht: Wer bist du, Jesus? Bist du es? Bist du der, der kommen soll? Und Jesus antwortet mit einem Zitat des Propheten Jesaja, mit dessen Verheißung des messianischen Heils: „Blinde sehen wieder, und Lahme gehen; Aussätzige werden rein, und Taube hören; Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet“ (Mt, 11, 5). An dem, was der Messias bewirkt, wird man ihn erkennen: Heilung und Heil, neues und gelingendes Leben für Mensch und Schöpfung!

Wir wissen nicht, wie Johannes auf diese Nachricht reagiert hat. Aber er hat die Verheißung Jesajas gekannt. Vielleicht wurde er von dem überwältigenden, beinahe unbeschreiblichen Jubel erfüllt, von dem der Prophet selbst ergriffen war: „Die Wüste und das trockene Land sollen sich freuen, die Steppe soll jubeln und blühen. Sie soll prächtig blühen wie eine Lilie, jubeln soll sie, jubeln und jauchzen. Die Herrlichkeit des Libanon wird ihr geschenkt, die Pracht des Karmel und der Ebene Scharon. Man wird die Herrlichkeit des Herrn sehen, die Pracht unseres Gottes“ (Jes 35, 1 f.). Vielleicht konnte der Gefangene nun in innerem Frieden den letzten Weg gehen, sich einreihen in die Schar der Befreiten und sein Leben gelassen in die Hand Gottes zurückgeben: „Die vom Herrn Befreiten kehren zurück und kommen voll Jubel nach Zion. Ewige Freude ruht auf ihren Häuptern. Wonne und Freude stellen sich ein, Kummer und Seufzen entfliehen“ (Jes 35, 10).

Gottesverehrung und soziales Engagement gehören zusammen

Die Botschaft der Propheten, die sich Jesus in seiner Verkündigung ganz zu eigen macht, ist wesentlich Sozialbotschaft, biblische Soziallehre. Jahweh will Recht, nicht Opfer, Solidarität und Gerechtigkeit, nicht von Mitleid und geschwisterlicher Verantwortung füreinander losgelösten Kult: „Er liebt Gerechtigkeit und Recht, die Erde ist erfüllt von der Huld des Herrn“ (Ps 33, 5).

Gottesverehrung und soziales Engagement gehören zusammen. Evangelium und Einsatz für Menschenwürde und Menschenrechte kann man nicht trennen. Soziales und sozialpolitisches Engagement sind Kerngeschäft der Christenheit, Kerngeschäft der Kirchen. Ihre Botschaft wird kraftlos und unglaubwürdig, wenn sie sich auf den Binnenraum der Kirche beschränkt, in Liturgie und reiner Wortverkündigung steckenbleibt. So tötet Buchstabe. Der Geist aber macht lebendig, indem er uns drängt zu lieben. Er erfüllt uns mit der Liebe Christi, die sich entfaltet als trinitarischer Dreiklang von Selbstliebe, Nächstenliebe und Gottesliebe.

Liebe zur Schöpfung

Und diese Liebe umfaßt immer auch die Schöpfung, Natur und Tierwelt. Glück und Heil des Menschen werden in der Bibel nie abgelöst von der Umwelt, dem Lebensraum des Menschen gesehen. Vielmehr ist seine Rettung auch mit der Rettung der Schöpfung verbunden: „Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, daß die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt“ (Röm 8, 21f). Ein Engagement für den Menschen bedarf also auch der Achtsamkeit für das Leben in der Natur und des schonenden Umgangs mit den endlichen Lebensressourcen auf der Erde. Christen sind aufgerufen, gegen jede Form der Umweltzerstörung und der Lebensvernichtung um des wirtschaftlichen Profits willen zu kämpfen. Dies auch um ihres Gottesglaubens willen: Die Erde ist Schöpfung Gottes, sie ist Materie gewordene Liebe Gottes. „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut“ (Gen 1, 31). Die Welt ist gut, das Leben ist gut! Die Umweltzerstörung zerstört aber die Gutheit der Welt, bestreitet die Güte des Lebens. Wer aber die Güte des Lebens nicht mehr erkennen kann, verfällt in Resignation und Depression.

Ehrfurcht vor der Schöpfung ist dankbare Wahrnehmung der Güte Gottes und dankbare Annahme des Lebens aus seinen Händen. Leidenschaftliches Engagement für die Umwelt ist daher Ausdruck meiner Gottesliebe, die sich im „Gaudete“ des 3. Adventssonntags Gehör verschafft.

Thomas Bettinger, Landstuhl

Literatur:

Hubert Ritt: Offenbarung des Johannes, 2. Auflage, Würzburg: Echter Verlag, 1988 (Die Neue Echter Bibel – Kommentar zum Neuen Testament, Bd. 21)

Pierre Stutz: Herzensworte – Die 10 Gebote für das Leben, Luzern 2002

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