Direkt zum Hauptmenü. Direkt zum Untermenü. Direkt zur linken Navigation. Direkt zum Text.

Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

9. Dez. 07. - 2. Adventssonntag

ev. Reihe VI kath. 1. L. kath. 2. L. kath. Evang.
Offb 3, 7-13 Jes 11, 1-10 Röm 15, 4-9 Mt 3, 1-12

Der Verfasser betrachtet den Offenbarungstext der ev. Reihe VI detailliert und gibt im ersten Abschnitt einige Nachhaltigkeitshinweise zu den Texten der kath. Leseordnung. Stichworte: „Synagoge des Satans“, Ökologie und Umgang mit Ausgrenzung und Ausschluss (Offb 3); Ankündigung von Frieden für Mensch und Natur, friedliche Koexistenz von Starken und Schwachen (kath. Texte)

„Sendschreiben an Philadelphia“

Hauptgegenstand der Betrachtung ist der Text: Sendschreiben an die Gemeinde in Philadelphia Off. 3, 7 - 13. Die Alternativtexte werden auf die Möglichkeit ihrer Zuordnung zu diesem Text im Gottesdienst betrachtet.

Liturgischer und historischer Ort der Texte

Adventszeit ist Bußzeit zur Vorbereitung auf das Fest der Geburt Jesu Christi und als solche auf Nachhaltigkeit in den Verhaltensweisen angelegt. Das Fest selbst ebenso wie seine volkskirchliche und volkstümliche Vorphase setzt einen Hort heilvoller Erinnerungen frei. Dem entsprechen die Predigttexte der Adventsonntage keineswegs immer. Mag noch Jes 11, 1 - 10 am ehesten die Idylle des weihnachtlichen Kindes vorbereiten, zudem im Sinne der Nachhaltigkeit relevant sein mit der Ankündigung von Frieden für den Menschen und für die Natur und zwischen Mensch und Natur, weil hier eine Bresche gegen das unheilvolle Paradigma des von der Natur bedrohten Menschen geschlagen wird und zugleich die permanent aggressive Rolle des Menschen gegen die Natur bewusst gemacht werden kann, so dürfte Röm 14, 4 – 9 mit der Ermahnung der Gemeinde zur inneren Einheit, die in der Universalität des Christusgeschehens begründet ist, nur wenig (vor-)weihnachtlichen Glanz aufleuchten lassen. Die Koexistenz zwischen Starken und Schwachen, die als solidarische Existenz von Paulus angemahnt wird, kann zur Erörterung der Gerechtigkeit in der Gesellschaft ausgeweitet werden. Trotz des starken Ankündigungscharakters ist im Kern die Botschaft des Täufers Johannes vom kommenden Weltenrichter (Mt 3, 1-12) weit entfernt von der frohen Botschaft. Der Bußruf des Täufers angesichts der erwarteten kosmischen Katastrophe verknüpft jedoch die Problematik der Unvermeidlichkeit der unheilvollen Entwicklung und unserer Verantwortung für die Erhaltung der Schöpfung in jederzeit aktualisierbarer Weise. Am ehesten präludiert Mt 3, 1 – 12 als Lesung Off 3, 7-13. Letzterer Text nimmt die Situation einer christlichen Gemeinde zur Zeit 97/98 n. Chr. in den Blick und eröffnet den weiten Horizont apokalyptischer Naherwartung aus christlicher Sicht. Das angekündigte Kommen des Herrn (11) bleibt zwar frohe Botschaft, wird aber im Kontext weltweiter apokalyptischer Drangsale und Gefährdungen gesehen (10). Hermeneutisch gilt: Dass dieser wiederkommende Herr identisch ist mit dem, der in Bethlehem geboren ist und dessen Zeit auf Erden zu einer Heilszeit wurde, desgleichen, dass er in den damaligen und heutigen Gemeinden als präsent geglaubt wird, darf vom Prediger nicht aus dem Auge gelassen werden.

Hermeneutische Probleme des liturgischen Ortes und das Angebot des Offenbarungstextes

Adventszeit ist Bußzeit und deswegen nicht von ungefähr im Interesse der Intensität von Buße eine Zeit der langfristig geplanten und hochprofessionell gestützten Aktionen (Brot für die Welt). Die Predigt als geistliche Aktion ist ein den Menschen im Augenblick des Hörens treffendes Ereignis, das ihn in der Form des Zuspruchs und Anspruchs erreichen soll. Dessen unbeschadet sollte Bußpredigt heute, wenn sie nicht zur autoritären und unglaubwürdigen Moralpredigt werden will, auf kritische Auseinandersetzung zwischen Prediger bzw. Text und Predigthörer hinsichtlich vorhandener Grundeinstellungen anzulegen sein, weniger also konkrete Handlungsanweisungen beinhaltend. Dem kommt entgegen, dass das Sendschreiben an die Gemeinde in Philadelphia das ist, was wir heute als einen offenen Brief ansehen. Mit dem Seher Johannes ist ein Fachmann für das Thema „Kirche in einer auf das Ende zugehenden Welt“ auf den Plan getreten.

Kurze Auslegung:

Johannes schreibt im Auftrag des erhöhten Herrn an den Gemeindeleiter („Engel“) in Philadelphia, ohne seine Funktion genau zu bezeichnen. Statt dessen steht eine ausführliche Selbstvorstellung des Auftraggebers, in deren Zentrum die unbedingte Vollmacht, zu öffnen und zu schließen, proklamiert wird. Dieses Handeln trägt die Signatur des Königs Davids, reicht aber bis in Sphäre der prophetischen Schlüsselgewalt, bei der es um die Vollmacht geht, den Himmel zu verschließen und zu öffnen. „Das ist – nach der Sintflut- und Eliageschichte – die Vollmacht, es regnen zu lassen und den Regen zu verschließen“ (Kraft z. St.) – hat also ökologische Reichweite. Das Himmelswasser steht zudem typologisch für das Taufwasser ( 1. Kor 10) und damit schließt sich der Kreis hin zu einer ekklesiologischen Aussage. Das Öffnen ist das eigentliche Amt des Christus. Er hat mit seiner Predigt vom Reich Gottes der Gemeinde eine Tür aufgetan, die niemand, auch nicht die Funktionsträger der Gemeinde, schließen können. Aber die Gemeinde grenzt sich von einer Gruppe ab, die in ihren Augen eine Synagoge des Satans genannt werden muss. Entgegen der gängigen Auslegung soll hier die Meinung vertreten werden, dass sich um eine Gruppe Unbeschnittener handelt, die einen jüdischen-religiösen Weg verfolgen (Kraft z.St.). Das „Satanische“ an ihnen ist, dass sie die Christen nicht ohne Blasphemie (2, 9) zur Auseinandersetzung zwingen. Johannes gibt die Hoffnung auf Integration nicht auf (9). Johannes erinnert die Gemeinde an die bewiesene Durchhaltekraft und weist damit die Gemeinde auf die Pflege ihrer eigenen Substanz. Nicht die Abgrenzung und der Aufbau von Feindbildern ist ihre Aufgabe. Die Angst der Gemeinde um den Identitätsverlust durch fehlende Abgrenzungen wird durch die Zusage reduziert, dass die Gemeinde schon jetzt ihren „Siegeskranz“ hat.

Der Weg der Predigt

a. Einleitung : Stichwort „Offener Brief“: Ein offener Brief stellt verantwortungsbewusst Öffentlichkeit her.

b. Hermeneutische Situationsklärung: Der Prediger sollte ausdrücklich das eschatologische Problem historisch distanzierend darstellen und auf die vorweihnachtlichen Situation wie folgt übertragen: Die Naherwartung ist die Erwartung, dass uns das Geschenk des Kindes mit jedem Fest neu beschert wird.

c. Kerygmatischer Teil: Christus selbst nimmt uns das Recht, Türen und Zugänge zu verschließen. Seine Botschaft vom Reich Gottes öffnet uns die Tür zu Gott und der Welt . Wir erkennen durch diese Botschaft den Ist-Zustand und den Sollzustand der Welt.

c. Problemorientierender Teil: Abgrenzung und Ausschlüsse stehen prinzipiell im Verdacht, ein Widerspruch zur Reich-Gottes-Botschaft zu sein. Das gilt geistlich für die Spendung der Sakramente, politisch im Fall der Verweigerung der Partizipation sowie ökologisch überall, wo Ressourcen verschwendet werden.

Übergang zum Nachhaltigkeitsbezug

d. Paradigmatischer Teil: Die verhängnisvolle Wirkung von Ausgrenzungen in ihren ökologischen Folgen ist am Beispiel des Antisemitismus für den Mittelraum zu verdeutlichen. Es begann vor Ort mit einer Konkurrenzsituation wie in Philadelphia. Das frühe Christentum war gegen die Gefahr des Antisemitismus nicht gefeit. Die heutige Landschaft des Mittelmeerraums ist geprägt durch fast linear sich daraus entwickelnde Konfliktlinien: Arabische Welt gegen Israel, Christentum gegen Islam auf dem Balkan, eine nicht frei von Rassismus agierende Abwehr der Migration in Spanien und Italien, Kampf mit dem antisemitischen und antiamerikanischen Terrorismus in fast allen dieser Länder. Fatal sind die ökologischen Folgen: der Zustand des Mittelmeeres gerät völlig in Vergessenheit. (in den Körben des Barcelona-Prozeß kommt das ökologische Problem nicht vor. Vgl. dazu Jünemann) Gemeinsame ökologische Sanierungsversuche der Anrainerstaaten sind stecken geblieben.

Textbeispiel zur Situation: Unmittelbar an den Küsten leben über 130 Mill. Menschen und pro Jahr ebenso viele Touristen, deren Abwässer zu 80% ungeklärt in das Meer geleitet werden. Hierzu zählen Fäkalien, Abwässer aus Schlachthöfen und Gerbereien, Ausscheidungen von Massentierhaltungen, pflanzliche Abfälle aus der Nahrungsmittelindustrie, usw. Es ist zwar vorgesehen, dass Städte mit mehr 100 000 Einwohnern ab 1995 keine ungeklärten Abwässer ins Meer einleiten dürfen, aber die meisten Kläranlagen spalten nur organisches Material auf, das heißt, das Ablaufwasser wird nach wie vor Stickstoff und Phosphor enthalten, die das Algenwachstum weiter vorantreiben. (www.wasser-wissen.de/ciba/index)

e. Paränetischer Teil : Ziel der adventlichen Buße ist, dass die Konfliktlinien im Zusammenhang mit ihren ökologischen Folgen erkannt werden. Johannes der Seher deckt eine verhängnisvolle Scheinfront im Verhältnis zur örtlichen Synagoge auf und bestärkt die Gemeinde, nicht durch Abgrenzung, sondern aus sich selbst heraus die Kraft zum richtigen Verhalten gegenüber den wahren Herausforderungen zu finden. Dabei ist weniger die Struktur der Gemeinde als vielmehr die Glaubensinhalte im Mittelpunkt des Interesses. Die Gemeinde muss ermutigt werden, nahe und ferne handlungshemmende Konfiktlinien aufzuspüren und abzubauen, ohne dass dabei das Profil aufgegeben wird.

Literatur:

Kraft, Heinrich : Die Offenbarung des Johannes. Handbuch zum Neuen Testament 16a. Tübingen 1974

Jünemann, Anette : Zehn Jahre Barcelona-Prozeß. Aus Politik und Zeitgeschichte 45/2005, S. 7 - 14

Helge Müller, Neustadt a. d. Weinstraße

© 2006-2016 Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz