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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

31. Okt. 07 - Reformationstag

 

ev. Reihe V
Jes 62, 6-7.10-12

 

 

 

Die Autorin betrachtet die Predigtperikope der Reihe V zum Reformationstag. Stichworte: Wirtschaftsförderung und Aufbau zerstörter Gebiete im Sinne von Gottes Zusage für das gelobte Land, keine Politik der verbrannten Erde, keine Rechtfertigung von Menschenrechtsverletzung, Glaube statt Zerbrechen an der Reflexion der Zustände

 

 

 

Zum Text:

 

Die historische Situation der Perikope erschließt sich weniger aus ihrer Zugehörigkeit zum überlieferungs- und redaktionsgeschichtlich uneinheitlichen Ende des Jesajabuches (Kap. 56-66) als vielmehr aus dem Text selbst. Er steht im großen thematischen Gesamtzusammenhang der Erfahrung Israels von Untergang, Exilszeit und Neuanfang und im engeren Zusammenhang der Kap. 60-62, die die Vision eines künftigen Jerusalem der – noch immer – in Trümmern liegenden Stadt entgegenstellen. Angeredet werden Heimkehrer aus dem babylonischen Exil, d.h. Angehörige und Nachkommen der ehemaligen Jerusalemer Oberschicht, die sich in Anknüpfung an ihre vorexilische Tradition und Geschichte die Aufgabe gestellt haben, ihre alte Hauptstadt wieder aufzubauen und im verödeten Land neue Lebensgrundlagen zu schaffen. Dabei drohen sie sowohl am Mangel an wirtschaftlichen Ressourcen und Arbeitskräften als auch an einem in der Exilszeit gewachsenen Anspruch der Zurückgebliebenen auf das Land und den rechtmäßigen theologischen Kultus zu scheitern.

 

 

 

Der Predigttext Jes 62, 6-7.10-12 proklamiert gegen die Resignation der Heimkehrer lautstark den Wiederaufbau Jerusalems als eschatologisches Zeichen für die Völker (V 10) und Lobpreis der Macht Gottes (V 7). Wie in den vorhergehenden Kapiteln betont der Verfasser, dass Gott selbst es ist, der die Stadt wieder aufrichten wird (V 7 vgl. Jes. 60, 1 f.), er feuert aber die Resignierten und Verzweifelten zur aktiven und engagierten Vorbereitung dieses Bauvorhabens und zum Mitbauen an (V 10: Machet Bahn, räumt die Steine hinweg…) und stellt ihnen prophetische Wächter an die Seite, die durch Wachen und unablässiges Beten Gott an seine Verheißung erinnern und zum Handeln auffordern (Vv 7-8). Das gemeinsame Handeln Gottes mit den durch Krieg, Vertreibung, Exil und wirtschaftliche Not hindurch geretteten Vertretern seines Volkes übersteigt die bloße Wiederherstellung des „alten Zustandes“ und zielt auf einen Ort umfassenden Heils und Heimstätte der Erlösten (V 12), der bis an die Enden der Erde bekannt gemacht wird (V11).

 

 

 

Bedeutung im Kirchenjahr:

 

Der Text ist als Predigttext für den Gedenktag an die Reformation vorgesehen, ein Feiertag, der nicht einmal mehr in allen evangelischen Gemeinden gottesdienstlich begangen wird, allerdings in jüngerer Zeit ökumenisch neu entdeckt und an manchen Orten – wie auch hier in Frankfurt – mit ökumenischen Gottesdiensten gefeiert wird, um die konfessionellen Besonderheiten zu würdigen, aber die daraus resultierenden Spaltungen zu überwinden.

 

 

 

Die Mehrheit der für den Reformationstag vorgeschlagenen Lesungen und Texte betonen gemäß der reformatorischen Erkenntnis Martin Luthers die Unfähigkeit des Menschen, sich das Heil aus eigener Kraft zu erwerben oder gar aus eigenem Vermögen das Heil der Welt herbeizuführen. Erlösung und Befreiung erlangt der Mensch wie auch die Welt allein durch Gottes gnädiges Handeln, der den Menschen durch sein eigenes Kommen in Jesus Christus von dem Zwang befreit hat, sich selbst durch gutes Handeln rechtfertigen zu müssen und daran immer wieder sündhaft zu scheitern. Dem entspricht der Tenor des Textes, Gott selbst als Bauherrn an seine Verheißung und Aufgabe zu ermahnen. V 7 entsprechend kann sich die Kirche als Wächterin, Mahnerin und Beterin verstehen, die das Elend des zerstörten Landes wie die Heilsverheißung vor Gott und den Menschen erinnert und lebendig hält. Im Blick auf diese Verheißung kommt den im Text angeredeten Menschen die Aufforderung zur Vorbereitung und Mitgestaltung des endlichen Heils zu. Die reformierten Kirchen, die gegenüber den lutherischen Kirchen stärker die so geschenkte Freiheit des Menschen betonen, sozial und politisch verantwortlich zu handeln, werden in ihrer Predigt daher die Aufforderung zur Mitgestaltung im göttlichen Heilsplan stärker akzentuieren.

 

 

 

Bezüge zur Nachhaltigkeit:

 

Der weitere Kontext – Zerstörung, Exil und Heimkehr – des Predigttextes legt im Blick auf die Nachhaltigkeitsfrage friedensethische und ‑politische Themen nahe: Die Rückkehrer aus dem Exil stehen vor den Folgen einer Politik der verbrannten Erde. Der babylonische König Nebukadnezar hatte seine eroberten Gebiete an das babylonische Reich zu binden versucht, indem er sie zerstörte und durch Deportation der wirtschaftlich und politisch potenten Bevölkerungsschichten jeglichen potentiellen Widerstand im Vorfeld ausschaltete. Gerade diese Politik hatte allerdings zu schwachen Grenzgebieten beigetragen und damit letztlich die Eroberung Babylons durch die Perser ermöglicht. Der Perserkönig Kyros verfolgte demgegenüber eine tatsächlich nachhaltige Stabilitätspolitik, indem er die durch Krieg zerstörten Randgebiete durch die Angehörigen und Nachkommen der ehemaligen Bevölkerung wieder aufbauen ließ, den Wiederaufbau förderte und so über die freundschaftlichen Beziehungen die Vasallenstaaten an sich band und auf breiter Ebene den wirtschaftlichen Aufbau in seinem Reich förderte. Dass Gott das „Wiederaufbauprojekt im Predigttext zu seiner eigenen Sache macht und gerade im Jesajabuch Kyros vielfach als Gesandter Gottes tituliert wird, zeigt: Die (im Vergleich zu den assyrischen und babylonischen Vorgängern) friedens- und beziehungsorientierte Politik der frühen Perserkönige, die wirtschaftliche Blüte nicht nur für das Kernland, sondern für das gesamte Staatsgebiet einschließlich der eroberten Randgebiete sucht und die Eigenständigkeit, die Kultur und Religion dieser Gebiete toleriert und fördert, steht unter dem Segen Gottes und wird von Gott in seinen eschatologischen Heilsplan einbezogen.

 

 

 

Die aktuellen Bezüge liegen auf der Hand:

 

  • In Afrika ist das Kapitel der „Kolonialisierung“ und des ausbeuterischen Raubbaus in den eroberten Gebieten noch immer nicht abgeschlossen. Heute führt der Streit zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten um Einflussnahme in den bodenschatzreichen Ländern Afrikas, insbesondere im Sudan und im Grenzgebiet zwischen Uganda, Ruanda und dem Kongo, zu immer wieder neuen Kriegen unter von den Großmächten abhängigen politischen Gruppierungen und letztlich zu einer Politik der verbrannten Erde, auch z.T. mit verheerenden ökologischen Folgen.
  • Die jüngsten Kriege der USA gegen Afghanistan und den Irak und die unverhohlenen Drohungen haben den Weltfrieden immens gefährdet und den weltweiten Terrorismus gefördert. Die westliche Besatzung hat in der Bevölkerung zu einem Gefühl der Abwertung der eigenen Kultur und Religion geführt, die kritisierte Missachtung der Menschenrechte im fundamentalistischen Islam ist mit einer Missachtung der Menschenrechte im christlichen Westen beantwortet worden. Auch heute werden Gefangene nach Osteuropa, Asien und Guantanamo deportiert. Dadurch werden die Konflikte vertieft und Frieden auf Generationen hin infragegestellt.
  • Sowohl in Afrika als auch im Nahen Osten könnte ein den Ländern und ihren kulturellen und religiösen Eigenheiten angemessener Wiederaufbau erheblich zur Stabilität – auch zur wirtschaftlichen – und zur Sicherheit in der Welt beitragen und würde auch das Flüchtlingselend an den Grenzen Europas entschärfen.
  • Die geschichtlichen Parallelen lassen sich also unschwer aufzeigen. Und auch wir stehen, gleich den Heimgekehrten, mit der Analyse der Situation hilflos und resignierend da angesichts der Größe und Komplexität der Aufgabe, in die weltpolitischen Machtspiele einzugreifen und des dabei zu erwartenden Widerspruchs und Widerstandes. Hier will uns die reformatorische Botschaft entlasten: „Mit unsrer Macht ist nichts getan“ – zu unserem evangelischen Glauben gehört auch, die Tatsache anzuerkennen, dass wir Menschen das Heil nicht herbeiführen können und werden. Das will uns von einem Zerbrechen an der Reflexion befreien, wie weit wir durch unseren Lebensstil und unsere Einbindung in die westliche Gesellschaft zu den beschriebenen Strukturen beitragen, ohne allerdings in Gleichgültigkeit oder Resignation abzugleiten. Hier rüttelt uns der Predigttext wach, von Gott her tatsächlich das Heil zu erwarten, nicht müde zu werden, in unseren Gottesdiensten, Gebeten und Aktionen das Unrechtsbewusstsein wie auch Gottes Willen und seine Verheißung lebendig zu erhalten und selbst wo immer es geht, dieses Heil mit vorzubereiten, eben die Steine aus dem Weg zu räumen:
  • die Steine der eigenen kulturellen Wertung bzw. kultureller Vorbehalte
  • die Steine politischer Überheblichkeit, als könnten wir Vertreter/innen der westlichen Welt, z.B. auch UNO, IWF, Weltbank oder die Konferenz der Geberländer Situation und Perspektiven afrikanischer Länder besser einschätzen als diese selbst
  • analog dazu auch die Steine theologischer und kirchlicher Überheblichkeit

 

 

 

 

Aus ökumenischer Perspektive wäre es daher reizvoll, konstruktiv der Frage nachzugehen, wo und wie die einzelnen Kirchen und Denominationen ihren – auch deutlich konfessionell geprägten – Beitrag zu einer nachhaltigen Friedens- und Wiederaufbaupolitik leisten bzw. geleistet haben:

 

  • die Überwindung der Apartheid in Südafrika
  • der Kampf gegen HIV/Aids durch z.B. die lutherische Kirche Namibias
  • die Bedeutung der Befreiungstheologie für demokratische Bewegungen in Lateinamerika
  • die lokalen Ernährungs- und Bildungsprojekte von World-Vision
  • die prophetischen Impulse gegen wirtschaftliche Ausbeutung und Unterdrückung aus charismatischen Bewegungen z.B. in Ghana

 

 

 

 

Theologisch bietet der Text dabei Anlass, den „Missio Dei“ - Gedanken einzubringen und stark zu machen.

 

Dr. Susanne Bei der Wieden, Frankfurt am Main

 

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