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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

30. Sep. 07 - 26. Sonntag im Jahreskreis / 17. Sonntag nach Trinitatis

ev. Reihe V

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

 

Joh 9, 35-41

Am 6, 1a.4-7

1 Tim 6, 11-16

Lk 16, 19-31

Der Autor betrachtet alle Perikopen des Tages. Stichworte: nichtmaterielle Bedeutung von Armut, den sozial Bedrängten „erkennen“ (Joh 9); das Ganze sehen (Am 6), Zufriedenheit der Seele ist nur unter Beachtung der Zustände in der Welt möglich (1 Tim 6); eine sozial gespaltene Gesellschaft ist eine Gefahr für das Leben im christlichen Sinne (Lk 16)

 

 

 

Zu den Texten des Tages:

 

Die vorgeschlagenen Texte sind der Umkehr des Menschen aus seiner Verschlossenheit und Ichbezogenheit gewidmet und lassen sich so auslegen, dass die Zuhörenden die Aufforderung erfahren, ihre Augen für eine Wirklichkeit zu öffnen, die von Ungerechtigkeit geprägt wird und neu gestaltet werden kann.

 

 

 

Der Abschnitt aus dem Amosbuch ließe sich als Lesungstext im Gottesdienst gut einordnen. In seiner krassen Sprache beschreibt er die sozialen Verwerfungen der Königszeit, insbesondere eine Gesellschaftsstruktur, in der die einen in Wohlstand leben, ohne den Blick für das zu gewinnen, was sich am unteren Rand der Gesellschaft abspielt. In der Tat neigt eine Gesellschaft, die vor großen Anforderungen und Veränderungen steht, dazu, dass sich die Teilgruppen untereinander abgrenzen und die Frage nach dem Gemeinwohl oder der Solidarität schwindet. Diese kann zwar niemals ein politisches Programm für eine neue Gesellschaftsordnung darstellen, muss jedoch als stetige Mahnung gelten, das Ganze zu sehen. Der Mensch muss in einer Gesellschaft, in der Nachhaltigkeit groß geschrieben wird, das Ganze sehen können. Wer sich hier nicht auf eine Lesung beschränken möchte, der kann in einer Auslegung entweder auf konkrete Ereignisse eingehen oder aber, wenn er nicht ins Beliebige abgleiten möchte, sich auf Erkenntnisse und Zahlen aus der EKD-Studie „Gerechte Teilhabe. Befähigung zu Eigenverantwortung und Solidarität“ aus dem Jahr 2006 beziehen, insbesondere auf Abschnitt zwei der Studie, die von der Sozialkammer der EKD erarbeitet wurde. Dass zum Beispiel die dort aufgeführte Zahl von Vorlesestunden für Kinder in sozial gefährdeten Schichten bei 24 bis zur Einschulung liegt, in den Mittelschichten aber durchschnittlich 1200 Stunden umfasst, kann die Augen für das öffnen, was Menschen benötigen, um sich aus Armut zu befreien – und Armut ist einer der größten Gefährdungen einer nachhaltigen Gesellschaft.

 

 

 

Johannesevangelium (Joh 9, 35-41) ließe sich als Lesungstext anschließen: Es bringt auf den Punkt, dass der auf das Evangelium Hörende im besten Falle zum Sehenden werden kann. Seine Blindheit wird sich in Offenheit verwandeln, wenn er im Glauben dem Herrn der Welt begegnet. An seinem Leben lässt sich erkennen, wie er den sozial Bedrängten erkannt und sich ihm zugewandt hat. Dass Armut eben nicht nur etwas mit fehlender materieller Absicherung zu tun hat, sondern Ausdruck einer fehlenden Teilhabe des Menschen am sozialen Leben bedeutet, ließe sich gerade an dieser Lesung erkennen. Als Lesungstext in den Gottesdienst eingeordnet kann er dazu ermutigen, sich dem Zeugnis Jesu zuzuwenden und in seinem Leben ein neues Leitbild gelungenen Lebens zu erkennen.

 

 

 

Alternativ dazu könnte der Abschnitt aus dem Timotheusbrief (1. Tim 6,11-16) als Epistellesung dienen. Aus den Schlussworten und ermahnenden Abschnitten des Briefes stammend fordert er dazu auf, die Wirklichkeit des Glaubens, das Bekenntnis zum Herrn Jesus Christus nicht auf eine Zufriedenheit der „Seele“ zu begrenzen, sondern stetig mit der Wirklichkeit der Welt in Verbindung zu bringen. Das Bekenntnis zu Jesus Christus „vor vielen Zeugen“ muss seinen Widerhall finden in dem Bekenntnis zu einer Welt, in der alle zufrieden und verantwortlich leben können. Das Bekenntnis kann auch dadurch „befleckt“ werden (Vers 14), dass die Liebe, die Geduld und Sanftmut (Vers 11) nicht genügend Raum erhält.

 

 

 

Als Predigttext eignet sich insbesondere die bekannte Lazarus-Perikope aus dem Lukasevangelium (Lk 16, 19-31). Sie bringt die stetig gegenwärtigen Gefährdungen einer gespaltenen Gesellschaft drastisch auf den Punkt. Um zur Illustration genügend Material vor Augen zu haben, könnte sich auch die oben genannte EKD-Studie eignen. Damit könnte die Gefahr, zu moralisch zu predigen, gut vermieden werden. Die Erkenntnisse und Einsichten der Studie bieten Raum für differenzierte Urteile. Der Prediger wird dabei zu vermeiden haben, dass sich die Motivation aus einer falsch verstandenen Eschatologie herleitet. Er kann vor Augen führen, dass sich aus einer nicht nachhaltig geprägten Gesellschaft die Gefahr ergibt, dass für alle das „Zähneklappern“ und „Heulen“ proleptisch schon hier und jetzt ergeben kann. Eine nachhaltige Gesellschaft setzt eine Struktur voraus, in der alle Menschen am Leben teilhaben können. Ansonsten verfestigt sich eine „Kluft zwischen hier und dort“, die durch nichts mehr zu überwinden ist.

 

Dr. Jörg Hübner, Neuss

 

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