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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

5. Aug. 07 - 18. Sonntag im Jahreskreis / 9. Sonntag nach Trinitatis

ev. Reihe V

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

 

Mt 13, 44-46

Koh 1, 2; 2, 21-23

Kol 3, 1-5.9-11

Lk 12, 13-21

Der Verfasser geht auf den Predigttext der ev. Reihe V sowie den 2. Lesungs- und den Evangeliumstext der kath. Leseordnung ein. Stichworte: „Kleider machen Leute“ – das Taufgewand und seine Folgen, Bruch mit den bestehenden Verhältnissen; die Ethik der Freiheit (Kol 3); strukturell-kulturelle Bedeutung von Habgier, Reichtum, weltlichen Kontext wahrnehmen, Schlitzohrigkeit als Weg der scheinbaren Moral, soziale Gerechtigkeit – die Schätze teilen (Mt 13, Lk 12)

 

 

Kol 3, 1-5.9-11: Moral, Freiheit, Menschenrechte

 

1. Alt und neu. „Ihr habt den alten Menschen mit seinen Werken ausgezogen und den neuen angezogen“: In V. 9+10 finden wir ein Gleichnis für das Christsein, die Investitur (Bekleidung). Mag dieser Akt heute eher mit dem geistlichen Stand verbunden sein, gilt er doch für alle Getauften. Wer als Christ seine Rolle auf der Bühne dieser Welt spielt, hat zuvor in der Garderobe ein spezifisches Kostüm erhalten: das Taufgewand. Das meint nicht nur ein Kleidungsstück, sondern vor allem einen Wechsel der Lebensperspektive. Mit der Taufe beginnt die christliche Existenz, und das ist oft genug eine heikle Balance zwischen „vorher“ und „jetzt“, „oben“ und „unten“. Diese Balance sah in der urchristlichen Situation deutlich anders aus als in späteren Zeiten: Die Getauften erwarteten noch zu ihren Lebzeiten den wiederkommenden Herrn. Unter diesem Vorzeichen vollzogen sie eine Revision ihrer Lebensführung. Das neue Leben in der kurzen, noch verbleibenden Zeitspanne bis zur Wiederkunft Christi sollte eindeutig und untadelig sein. Den Bruch mit dem Bisherigen erlebten sie als Befreiung. Die Komplexit der Lebensverhältnisse sowie langfristige Zukunftsperspektiven spielten dabei eine untergeordnete Rolle. Diese Welt war ohnehin dem Untergang geweiht.

 

 

 

Kol beschreibt den Bruch mit den bisherigen Verhältnissen in mehrfacher Hinsicht, zunächst (V.5) in moralischen Kategorien, dann (V.11) in soziologischen. Letzteres, die Vision einer ausnahmslos alle Menschen umfassenden Einheit in Christus, hat die antike Welt revolutioniert. In dieser ursprünglichen Ökumene geschieht das bisher Undenkbare; uralte Tabus gelten nicht mehr: Der Jude sitzt mit dem Griechen zu Tisch und die Sklavin mit dem Herrn - ohne sexuellen Missbrauch fürchten zu müssen. „Vor Gott sind alle Menschen gleich“, dieser Grund-Satz ist zur Basis der Menschenrechte geworden: das Geschenk Christi an die Welt.

 

 

 

2. Gespräch mit Christus. Christliche Ethik gründet nicht in scheinbar ewigen Prinzipien. Sie hat lernen müssen, mit Ambivalenzen und Kompromissen zu leben. Zwar wurde die Forderung nach moralischer Vollkommenheit oft genug als Diktatur über die Gewissen erzwungen. Doch eine Ethik der Freiheit folgt nicht den Zwängen „schwarzer Pädagogik“. Auch wenn jeder Einzelne für seine Taten verantwortlich ist, sieht sie die jeweils herrschende Moral und Unmoral als gesellschaftliche Größen, entstanden in den konkreten Lebensbedingungen der Menschen, ihren Konflikten und Interessenlagen. Anschauliches Beispiel ist die eskalierende Gewalt an unseren Schulen: ein strukturelles, kein individuelles Problem.

 

 

 

Die Ethik der Freiheit beginnt im Gespräch mit Christus: „Sucht, was droben ist, wo Christus ist“ (V. 1). Christliche Ethik ist Suche, nicht Besitz. Wie das aussehen kann, hat der Gr und erste Prior der Gemeinschaft von Taiz Roger Schutz, in seinem Buch „Kampf und Kontemplation“ beschrieben. Im Gebet steigen wir „in die Tiefen Gottes hinab“, „um als freie Menschen in die lebendige Gemeinschaft mit Christus hineinzufinden.“ Im Unterschied zu Kol, der nach „oben“ blickt (V. 2), orientiert sich Roger Schutz nach „unten“ bzw. „innen“. Dort erweist sich der Abstieg in die Tiefen Gottes als Weg einer Wandlung. Das Wesentliche vollzieht sich dabei im Schweigen. Denn im Schweigen „betet Christus in uns“. Dabei erfahren wir: „In jedem von uns verbergen sich Abgr Unbekanntes, Zweifel, wilde Leidenschaft, geheimes Leid ... aber auch Schuldgef niemals Eingestandenes, so sehr, dass sich uns ungeheure Leeren auftun. Triebe w uns auf, man wei nicht, woher sie kommen – urväterliche Erinnerungen oder genetische Bestimmtheit? Wenn wir Christus mit kindlichem Vertrauen in uns beten lassen, werden eines Tages die Abgründe bewohnbar sein. Eines Tages, später einmal, werden wir feststellen, dass sich in uns eine Revolution vollzogen hat. Das Glück freier Menschen in unserem Kampf für alle Menschen, mit allen Menschen." (S. 182 ff.)

 

 

 

3. Triebstruktur und Moral. Die moralischen Kategorien sollen hier näher betrachtet werden. Wenn auch als Individualmoral formuliert, verweisen sie doch auf die gesellschaftlichen Konflikte der werdenden Christenheit mit ihrer nichtchristlichen Umwelt. In V. 5 liegt ein damals übliches rhetorisches Schema vor: die fünffache Aufzählung. Mit den fünf Begriffen werden freilich nur zwei Problembereiche thematisiert: Sexualität und, als Götzendienst bezeichnet, Habsucht. Dazu Eduard Lohse: „Werden geschlechtliche Sünden, Habgier und Götzendienst angef so handelt es sich um die Laster, die vornehmlich der Jude dem Heiden vorhält.“ (Der Brief an die Kolosser und an Philemon, S. 199)

 

 

 

Hinsichtlich der Sexualität erleben wir den Konflikt mit der Moral der römisch-hellenistischen Welt. Mit „Unzucht“ war in der zeitgenössischen jüdischen Ethik der illegitime Geschlechtsverkehr gemeint, wie er vor allem in der nichtjüdischen Umgebung zu beobachten war. Auf diese nichtjüdische, d.h. heidnische, Welt zielt auch das Wort „Unreinheit“; denn alles Heidnische galt per se als unrein. Die „schändliche Leidenschaft“ reißt zur sexuellen Unreinheit hin, und die „b (sexuelle) Begierde", treibt diese Leidenschaft an. – Nach der leidvollen Geschichte der Sexualit im Christentum m diese Begriffe sorgfältig neu durchdacht und auf die gegenwärtigen und sehr komplexen Verhältnisse bezogen werden. Die sexuelle Frage steht nach wie vor zur Debatte und ist keineswegs gelöst, weder im Sinn der klassischen „christlichen“ Sexualmoral noch im Sinne des Libertinismus als Folge der „sexuellen Revolution“. Nach wie vor ist das sexuelle Elend der Menschen groß. (Lesehinweis: Volkmar Sigusch (Hg.): Die sexuelle Frage, 1982; ders.: Neosexualitäten. Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion, 2005)

 

 

 

Der zweite Moralkomplex, als Habsucht (pleonexia) bezeichnet, galt und gilt als besonders schwere Sünde, lenkt doch die Besitzgier das Herz fort von Gott und hin auf Geld und Kapital. Der Tanz um das goldene Kalb ist damals, wie heute in der globalisierten Wirtschaftswelt, Götzendienst. Unübersehbar ist die Gier nach den unwiderruflich begrenzten fossilen Energievorräten mit allen bekannten Folgen imperialer Politik und ökologischer Zerstörung. Unübersehbar ist die Ausplünderung der Meere, ihrer Walvorkommen und Fischbestände. Unübersehbar sind die Gefahren des Klimawandels, das Abschmelzen der Gletscher, das Ansteigen des Meeresspiegels, der drohende Untergang von Inselgruppen und weiten Küstenlandstrichen. Muss das Fazit nicht lauten: „So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott“? (Lk 12, 21. Dazu unten)

 

 

 

Literatur:

 

Eduard Lohse, Die Briefe an die Kolosser und an Philemon. Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament IX/2, 1968.

 

Volkmar Sigusch (Hg.): Die sexuelle Frage, Hamburg 1982. Ders.: Neosexualitäten. Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion, Frankfurt 2005.

 

Roger Schutz, Kampf und Kontemplation, Taizé 1973.

 

 

Mt 13, 44-56 und Lk 12, 13-21: Himmlische und irdische Schätze

 

1. Neues entdecken. Auf unterschiedliche Weise erzählen beide Evangelientexte sub specie aeternitatis, von irdischen Schätzen. Von der Auslegung des einen fällt daher ein Licht auf den anderen Text. Das ist in diesem Fall ausgesprochen hilfreich, denn als klassische Predigttexte sind das Doppelgleichnis über das Himmelreich bei Mt und die Geschichte des Lk über die Habgier durch vielen Gebrauch gewissermaßen etwas „abgepredigt“, d.h. von Stereotypen und Klischees umgeben. Scheinbar wei man schnell Bescheid, worum es da geht. - Luise Schottroff hat auf diese Problematik hingewiesen. So, wenn Habgier nur als „individuelles moralisches Fehlverhalten“ angeprangert wird: „Reiche sollen ihre innere Beziehung zum Reichtum ändern, ohne dass sie ihre Komplizenbeziehung zu ökonomischen Strukturen in Frage stellen. Beispiel: Auslegung von Lk 12, 13-21 – doch der Text beschreibt ökonomische Strukturen der Maximierung von Profit.“ (Die Gleichnisse Jesu, 2005, S. 118)

 

 

 

2. Nachfolgen und Fragen. Die Gleichnisse vom Himmelreich und die Geschichte von der Habgier sprechen zu verschiedenen Adressatengruppen: Die Gleichnisse reden zunächst einmal den Jüngerkreis Jesu an. Wer Jesus nachfolgt, soll besser verstehen, was Nachfolge bedeutet. - Die Geschichte vom reichen Kornbauern richtet sich dagegen, modern gesprochen, an den Klientenkreis Jesu: Menschen, die in schwierigen Fragen seinen Rat brauchen. Jesus antwortet mit Alltagsgeschichten, die sie gut verstehen können. So spricht er von dem, worüber Menschen nicht wirklich sprechen können, wohl aber sprechen müssen: von Gott. Wir können von Gott nichts wissen, doch alles glauben. Aber nicht alles führt weiter. Die Geschichten und Gleichnisse Jesu jedoch sind gültige Wegweiser.

 

 

 

3. Das Himmelreich. Ist es das Paradies? Jesus sagt es nicht. Er vergleicht das Unaussprechliche mit dem, was man aussprechen kann. Vergleichen heißt aber nicht gleichsetzen! Das Himmelreich „ist“ also weder eine Perle, noch ein Schatz! Auch das Paradies ist „nur“ ein Gleichnis für das Unsagbare. Aber wir verstehen, was uns das Himmelreich bedeuten kann, weil wir wissen, was ein Schatz, was eine Perle ist. Oder wie sinnlos Habgier auf dem Totenbett ist. Jesus spricht also nicht „religiös⤠vom Himmelreich, sondern „irdisch“, nicht „jenseitig“, sondern „diesseitig“. Diese Perspektive muss jede Auslegung leiten. Das kann man übrigens, sagt Jesus, aus der Schrift lernen. Denn die Schrift ist ein Schatz, aus dem ein „J des Himmelreichs“ immer wieder „Neues und Altes hervorholt“, - so das sch Miniaturgleichnis Mt 13, 52. Allerdings, das zeigt die Fortsetzung Mt 13, 53 ff., diese „unreligiöseâ Art, von Gott zu sprechen, kann Ärger einbringen! Denn Gleichnisse geben der Botschaft von Gott, vom Himmelreich, einen konkreten Kontext. In diesem Kontext stecken die Konflikte, und damit Ärger über die Botschaft und Hass auf den Botschafter.

 

 

 

4. Gott und die Welt. L. Schottroff spricht von der Aufgabe der „Kontextualisierung biblischer Texte“. So werden „ihre befreienden oder unterdrückerischen Potentiale“ benannt – „bezogen auf konkrete gesellschaftliche Verhältnisse damals und heute. Die gesellschaftliche Analyse muss alle Gebiete, in denen Herrschaftsverhältnisse das Leben von Menschen bestimmen und zerstören, erfassen: Ökonomie, Geschlechterbeziehung, Kolonialisierung, Naturzerstörung, Versklavungen von Menschen (Rassismus), Sexualität.“ (aaO. S. 115) - In diesen Kontext gehört das „Himmelreich“: „Man redete einmal vor Rabbi Pinchas von dem großen Elend der Bedürftigen. In Gram versunken hörte er zu. Dann hob er den Kopf. ‚Lasst uns‘, rief er ‚Gott in die Welt ziehen, und alles wird gestillt sein.‘“ (Martin Buber: Die Erzählungen der Chassidim, S. 228)

 

 

 

Eine immer noch aktuelle Erinnerung: Der religiöse Sozialist Leonhard Ragaz hat Mt 13, 44-46 im Kontext von Kirche und Christentum ausgelegt (Die Gleichnisse Jesu, Bern 1944): „Ist nicht das Christentum, so wie es ist, ein solcher unfruchtbar gewordener Acker, dessen gewöhnliche Bearbeitung nicht befriedigen kann? Aber in diesem Acker ist ein überaus wunderbarer, einzigartiger Schatz verborgen: die Botschaft vom Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit für die Erde.“ (S. 117) Ragaz unterscheidet zwischen Reich Gottes und Religion: „Nach der Weise der Religion findet man Gott oder glaubt ihn zu finden im Tempel, das heißt: in frommen Gedanken, frommen Gefühlen, frommen Übungen ..., in einer besonders gestalteten Sphäre; nach der Weise des Reiches findet man ihn in der Welt und damit im Alltag. ... Damit wird er der wirkliche und lebendige Gott, während der Gott der Religion ein unwirklicher Gott bleibt.“ (S. 123) Deshalb gilt: „Wenn die Kirche, statt sich mit dem Christentum zu begn das Reich Gottes ergreifen will, so muss sie darauf gefasst sein, dass sie dafür vieles herzugeben hat, worauf sie bisher großes Gewicht gelegt: weltliches Ansehen, allerlei Einfluss, vielleicht auch Geld und Gut.“ (S. 121)

 

 

 

5. Suchen und Finden. Der reiche Kornbauer hat egoistisch sein eigenes Glück, besser, seine persönliche ökonomische Sicherheit gesucht, aber auf dem Sterbebett wieder verloren. Ein unglücklicher Finder. Denn, so Martin Luther in seiner Auslegung des ersten Gebots, „worauf Du nu (sage ich) Dein Herz hängest und verlässest, das ist eigentlich Dein Gott.“ Oder mit dem Evangelium: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Mt 6, 24) Die Suche nach Glück, Seelenfrieden, Sicherheit läuft in die Irre und ins Verderben, wenn wir nicht „reich bei Gott“ sind (Lk 12, 31). Denn irdische Schätze sind vergänglich, von Räubern bedroht oder von Motten und Rost (Mt 6, 19-21); wir können hinzuf auch von Inflation, Krieg und Börsenspekulation. Als Schätze „bei Gott“ aber gelten diejenigen, die an die Armen verteilt werden. Geteilte Freude ist (mindestens) doppelte Freude.

 

 

 

Die beiden Gleichnisse von den glücklichen Findern sprechen von einem anderen Suchen und Finden. Etwa im Sinne der Goethe-Gedichte „Der Schatzgräber“ („Arm am Beutel, krank am Herzen...“) und „Gefunden“ („Ich ging im Walde / So für mich hin / Und nichts zu suchen / Das war mein Sinn...“) Es ist ein überraschendes, unverhofftes Finden, wie etwa bei Archäologen, die zwar methodisch und gezielt suchen. Doch der große Fund – etwa Schliemanns ber „Goldmaske des Agamemnon“ aus Troja - ist allemal ein Glücksfall, ein Geschenk. Das theologische Wort dafür ist Gnade. Wir haben es hier mit einem „erwartungsvollen Suchen“ zu tun, einer Offenheit für das, was sein könnte. Daraus folgt ein anderer, ein pfleglicher Umgang mit dem Fund. Wieder mit Goethe: Als er im Wald der schönen Blume begegnet, ist sein erster Impuls: „Ich wollt es brechen, / Da sagt es fein: / Soll ich zum Welken / gebrochen sein?“ Behutsam gräbt er die Blume aus und pflanzt sie sorgsam in den Garten. Das ist, buddhistisch gesagt, ein achtsamer Umgang mit der Natur. Wir können auch von einem Leben aus Dankbarkeit sprechen, vom Wissen, dass wir Leben am wenigsten uns selbst verdanken. Daraus folgt, wie in den beiden Gleichnissen, Fantasie und Wagemut.

 

 

 

Ein Finder muss nämlich die heikle Frage lösen, ob ihm der Schatz überhaupt gehört. Andernfalls wäre die Aneignung egoistisches „Finden“, also Diebstahl. Der den Schatz im Acker gefunden hatte (ein Lohnarbeiter?), gräbt ihn klugerweise erst einmal wieder ein. Täuscht er etwa den wahren Besitzer? Nach antikem Recht geh ein Schatz dem Eigentümer des Grundst Deshalb setzt der glückliche Finder buchstäblich alles daran, dieses zu erwerben. Vom Gleichnis her gesehen ist das der unbedingte Einsatz für das Himmelreich. Ähnlich konsequent, aber nicht unbedingt kaufmännisch klug handelt auch der Kaufmann, der für „alles, was er hatte“, die wunderbare Perle erwirbt.

 

 

 

„Der Schatzfinder ist ein unmoralischer Held,“ konstatieren Tim Schramm und Kathrin Löwenstein. (Unmoralische Helden, S. 44) Jesus lässt in seinen Gleichnissen durchaus schlitzohrige Typen auftreten und amüsiert damit die Zuhörer: „Seine Rede schäumt geradezu über von originellen Bildern und Vergleichen, von witzigen Formulierungen und schlagfertigen Entgegnungen,“ so Peter Bloch. (Der fröhliche Jesus, S. 178. - Der Humor bei Jesus – man denke an die Groteske vom Kamel und dem Nadel - ist ein eigenes und lohnendes Thema und sehr geeignet, Predigten zu entwerfen, die auch heute amüsieren, verbl und lange erinnert werden.)

 

 

 

6. Die Perle. Schöne Urlaubsorte oder -inseln können als „Perle“ bezeichnet werden. Oder ein herausragendes Kunstwerk. In bürgerlichen Familien gab es „unsere Perle“; damit war eine gute Haushaltshilfe gemeint. „Aber die Perle steht auch für Unschuld, Reinheit, Jungfräulichkeit und – in ihrer Kugelgestalt und in ihrem unnachahmlichen Glanz - für Vollkommenheit. ... Sie kommt aus dem Dunkel, aus der Tiefe des Meeresgrundes. Sie entsteht in fleischlich durchaus vergänglicher Substanz einer Muschel. Ihr Erscheinen dort ist überraschend und unwahrscheinlich, als käme sie im Grunde aus einer anderen Welt und gehörte zu ihr. ... Die Perle: ein Bild vom Innersten der Welt und der Menschen unter der Blickrichtung des Reiches des Vaters, das unvergänglich, mottenlos und wurmresistent ist und unnachahmlich glänzt.“ So Gerhard Marcel Martin, der die Parallele zu Mt 13, 45 im Logion 79 des Thomas-Evangeliums auslegt (Das Thomas-Evangelium, S. 241).

 

 

 

7. Der Schatz. Das Schatzmotiv spielt der Welt des NT eine bedeutsame Rolle. Denn: „Wo Kapitalwirtschaft unbekannt war, musste man die Zukunft durch Sammeln von Geld und Realwerten sichern.“ (Dieter Zeller, Exegetisches Wörterbuch zum NT, Bd 2, Sp. 371) Sicherung der Zukunft – man denke an den klassischen Brautschatz, an die Aussteuer, an den Erwerb von dauerhaften „Werten“, z.B. Schmuck. So sinnvoll das ist – erinnert sei die durchaus kluge Vorsorge des reichen Bauern aus Lk 12! – so sehr erzeugt doch gerade das Thema der Sicherheit und Daseinsvorsorge soziale und damit verbunden spirituelle Probleme: Angst, Habgier, Gottesferne. Das ist das Thema nicht nur von Lk 12, 13-21. Denn: „Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz“ (Mt 6, 21). Hängt das Herz an irdischen Schätzen, ist es fern von Gott. Und damit auch fern vom Mitmenschen, - besonders wenn der arm ist.

 

 

 

„Unser Herz schlägt unruhig in uns, bis es Ruhe findet bei Gott“ (Augustinus); deshalb gleicht das Leben einer Schatzsuche. Dieses Suchen setzt Vertrauen voraus, - ein anderes Wort für Glauben. Im Vertrauen verlieren Existenzangst und tägliche Sorgen ihre Bedrohung. „Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes, so wird euch solches alles zufallen“ (Mt 6, 33) Dieses Zitat ist noch unvollständig; vollständig heißt es „Reich Gottes und seine Gerechtigkeit“. Damit kommt unübersehbar die soziale Wirklichkeit ins Spiel. Rein materielle Zukunftssicherung führt individuell zu Selbstsucht und Angst, sozial zu Ungleichheit und Ungerechtigkeit; wer „Hartz IV“ bezieht, kann davon mehr als ein Lied singen. Die wachsende Kluft zwischen den wenigen Reichen und den vielen Armen wirft ein grelles Licht auf das Streben nach irdischen Schätzen. Ihr Besitz muss vor Gottes Gerechtigkeit verantwortet werden. Sie verlangt Gerechtigkeit auf Erden: einen solidarischen Umgang mit dem individuellen und gesellschaftlichen Vermögen. Dazu geh auch die naturgegebene Lebenswelt: Wälder und Meere, fruchtbarer Erdboden, die Bodenschätze, sauberes Wasser und gesunde Luft. Mehr und mehr erweist sich die Lebenswelt als Schatz, der egoistisch, verspielt oder pfleglich bewahrt und damit allererst gewonnen werden kann.

 

 

 

8. Reich Gottes und Globalisierung. „Wir, die Vertreter und Vertreterinnen von Kirchen, die wir zur 9. Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) zusammengekommen sind, möchten betonen, dass eine Welt ohne Armut nicht nur möglich ist, sondern in Übereinstimmung steht mit Gottes Gnade für die Welt.“ Mit diesen Worten beginnt der Aufruf „Alternative Globalisierung im Dienst von Menschen und Erde - AGAPE“ (Porto Alegre 2006). Mit klaren Worten wird von der Beseitigung der Armut und von gerechtem Handel, von verantwortlichem Finanzwesen und nachhaltiger Nutzung der natürlichen Ressourcen gesprochen sowie die Verschleuderung öffentlicher Güter und Dienste an private Unternehmen und die imperiale Großmachtpolitik kritisiert. (www.wcc-assembly.info/de/motto-themen/dokumente/offizielle-arbeitsdokumente/agape.html)

 

 

 

Literatur:

 

Peter Bloch: Der fröhliche Jesus. Die Entdeckung seines Humors in den Evangelien, 1999.

Martin Buber: Die Erzählungen der Chassidim, 1949.

Gerhard Marcel Martin: Das Thomas-Evangelium. Ein spiritueller Kommentar, 1998.

 

Leonard Ragaz: Die Gleichnisse Jesu. Seine soziale Botschaft (1944), 1971.

 

Luise Schottroff: Die Gleichnisse Jesu, 2005.

 

Tim Schramm/Kathrin Löwenstein: Unmoralische Helden. Anstößige Gleichnisse Jesu, 1986.

 

Dieter Zeller: Artikel θηςαύρός, Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Bd.2, 1981, Sp.369-375.

 

 

 

Dr. Wolfgang Herrmann, Geilnau

 

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