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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

15. Jul. 07 - 15. Sonntag im Jahreskreis / 6. Sonntag nach Trinitatis

ev. Reihe V

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

 

Jes 43, 1-7

Dtn 30, 10-14

Gal 6, 14-18

Lk 10, 25-37

Der Autor geht auf die Texte der kath. Leseordnung zur 2. Lesung und zum Evangelium ein. Stichworte: Schöpfung nicht in erster Linie als (in Bezug auf Nachhaltigkeit) defizitär sehen, sondern in der in ihr angelegten Möglichkeit; den / die Nächsten durch Hilfe nicht abhängig machen, Partnerschaftlichkeit, auch in der Entwicklungsarbeit

 

 

 

Kol 1, 15-20

 

Exegese

 

Ob Paulus den Brief an die Christengemeinde in Kolossä selbst geschrieben hat, ist in der Forschung umstritten und wird wohl nicht eindeutig zu beantworten sein.

 

 

 

Unsere Textstelle bietet einen hymnischen Lobpreis auf Christus, den der Verfasser jedenfalls bereits vorgefunden und ihn an einigen Stellen kommentierend in seinen Brief übernommen hat. Der Verfasser übernimmt Vorstellungen, die sich in ähnlicher Weise auch im hellenistischen Judentum sowie in gnostischen Schriften finden: der Blick auf die kosmisch-räumliche Dimension der Gottheit, ein gestuftes Weltbild, der Begriff der „Fülle“ u.ä.

 

 

 

Mit seiner christologischen Zuspitzung steht der Hymnus des Kolosserbriefes im Corpus der neutestamentlichen Briefliteratur einzigartig da. Die ganze Schöpfung, zu der der sichtbare wie der unsichtbare Bereich gehört, ist auf Christus hin orientiert. Von ihm hat sie ihren Ausgang genommen, auf ihn, als ihren Punkt „Omega“ (Teilhard de Chardin) zielt sie hin. Er durchwirkt mit seiner Gegenwart alles, was ist und garantiert seinen Bestand. Alle anderen Mächte sind ihm untergeordnet wie die Geschöpfe ihrem Schöpfer. Mit der kosmischen Weite des Christus besitzt auch die Kirche eine kosmische Dimension. Sie ist als der Leib Christi in der Verbindung mit ihrem Haupt der „von Jesus Christus ermöglichte und durchwaltete Heilsraum“[1].

 

 

 

Bezüge zur Nachhaltigkeit (Ökologie, Frieden, Gerechtigkeit)

 

Dass die Schöpfung, die Gesamtheit des Seienden, nicht ein Ergebnis des Zufalls ist, dass sie aus einem Plan Gottes hervorgeht, in dem Christus als „Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ und als bleibend-tragender Grund auch die Vollendung sein wird, gibt allem Geschaffenen eine Würde, die die Sichtweise auf alles, was ist, grundlegend prägen muss. Nichts existiert außerhalb seines Macht- und Kraftfeldes. Die Welt ist nicht einem namenlosen Schicksal, nicht numinosen Mächten, nicht dem Spiel der Sterne oder des Zufalls ausgeliefert, sondern bleibt – wie es in mittelalterlichen Buchmalereien immer wieder dargestellt ist[2] – von Christus regelrecht umfangen: Der Weltkreis wird umspannt von dem „Pantokrator“, dem Allherrscher, dem alle Macht zukommt. „Seiner Herrlichkeit voll sind Himmel und Erde“ singen wir im Sanctus der katholischen Eucharistiefeier. Wenn das stimmt, was die Kirche im innersten Kern ihrer gottesdienstlichen Feier mit den Worten des Ersten Testamentes singt, dann müssen die Spuren dieser Herrlichkeit auch zu entdecken sein. Dann hat der bewundernde und staunende Blick auf die Schöpfung und auf das, was an ihr herrlich und damit göttlich ist, das erste Recht.

 

 

 

In der Regel neigen wir dazu, unser Augenmerk vor allem auf die Defizite zu richten, Spuren des drohenden Untergangs zu sehen. Im Sinne eines sorgsamen und verantwortungsvollen Umgangs mit der Schöpfung ist diese Perspektive ohne Zweifel notwendig und geboten. Wenn aber der kritische Blick auf unsere Welt die einzige oder alles beherrschende Sichtweise wird, dann wird die grundlegende Güte und Würde der Schöpfung, ihr Wesen als Werk der Liebe Gottes verkannt. „Gott sah, dass es gut war“ – wiederholt der Verfasser der Schöpfungserzählung fast stereotyp im ersten Kapitel der Bibel. Das ist keine Aussage über leider längst vergangene glücklichere Tage, sondern das ist die bleibende Wesensbeschreibung dessen, was aus den gütigen Händen Gottes hervorgeht. Was von Ihm kommt, kann nur sehr gut sein – und in seinem innersten Kern bleiben. Die Schöpfung, unsere Welt, ist voll von Gottes Glanz - auch wenn dieser Glanz immer wieder verdunkelt wird. Sie ist sicher in den Händen Gottes - auch wenn menschliches Tun und die Folgen eines sündhaften Umgangs mit ihr die Schöpfung immer wieder aus ihrem empfindlichen Gleichgewicht zu werfen drohen. Wir dürfen der Schöpfung trauen, weil sie in ihrem Bestand nicht gefährdet werden kann durch menschliches Fehlverhalten. Damit ist freilich der Mensch aus seiner Verantwortung nicht entlassen. Im Gegenteil: Ihm ist es aufgetragen, die Schöpfung nach seinen Kräften zu gestalten und sie so zu gestalten, dass Gottes gutes Werk in ihr zum Leuchten kommt. Das ist vielleicht die vornehmste Aufgabe des Menschen. Das ist keine lästige Pflicht, sondern, wo sie - diese Aufgabe - gelingt, auch das beste und schönste, was Menschen füreinander und für die Schöpfung zu tun in der Lage sind.

 

 

 

 

 

Lk 10,25-37

 

Exegese

 

Die Parabel vom „barmherzigen Samariter“ nimmt ihren Ausgang von der Frage des Gesetzeslehrers nach dem Weg, das „ewige Leben zu gewinnen“. Jesus verweist ihn auf das Gesetz, das das Doppelgebot der Liebe zu Gott und dem Nächsten als Richtschnur aufgibt. Damit ist die innere Verwobenheit der beiden Richtungen der Liebe ausgesagt: Gottes- und Nächstenliebe sind nicht voneinander zu trennen. Wer Gott lieben will, kommt am Nächsten nicht vorbei; wer den Nächsten liebt, verwirklicht – wissentlich / unwissentlich - die Liebe zu Gott. Das Gleichnis illustriert genau diesen Sachverhalt. Ausgerechnet die „religiösen Profis“, denen die Gottesliebe im Dienst am Jerusalemer Tempel doch zum Lebensinhalt geworden sein sollte, lassen den liegen, der ihre Hilfe lebensnotwendig bräuchte. Sie haben die untrennbare Zusammengehörigkeit der beiden „Lieben“ nicht erfasst. Und ausgerechnet der Samariter, einer, dem die jüdische Orthodoxie die Gottesliebe abspricht, verwirklicht die Forderung, Gott zu lieben, indem er selbstverständlich alles tut, damit der unter die Räuber Gefallene überlebt – nicht weil er dezidiert dem Gebot Folge leisten möchte, sondern einfach, weil er Mitleid hat und es als seine menschliche Pflicht und Schuldigkeit begreift, dem Menschen, der am Straßenrand liegt, zu helfen.

 

 

 

Eine weitere Doppelrichtung im Gleichnis ist noch bemerkenswert: Der Gesetzeslehrer fragt: „Wer ist mein Nächster?“ Das Gleichnis beantwortet diese Frage - folgt man dem Duktus der Erzählung - mit: Derjenige, der unter die Räuber gefallen ist und deine Hilfe braucht. Jesu präzise Frage am Schluss der Parabel jedoch weist genau in die entgegengesetzte Richtung: „Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde?“ Die Antwort: „Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat.“ Der Begriff „Nächster“ ist ein Beziehungsbegriff. Beide kommen sich nahe. Wer für wen der „Nächste“ geworden ist, wird unscharf. Wirkliche Beziehung führt zueinander. Auch der Hilflose behält seine Würde als Subjekt des Geschehens und darf nicht zum Objekt des Helfenden werden.

 

 

 

Bezüge zur Nachhaltigkeit (Ökologie, Frieden, Gerechtigkeit)

 

Das Thema der inneren untrennbaren Verwobenheit von Gottes- und Nächstenliebe braucht hier nicht weiter erörtert zu werden. Es ist zur Genüge bekannt und wird selbstverständlich die Verkündigung des Gleichnisses bestimmen.

 

 

 

Ich möchte bei dem zuletzt genannten Aspekt anknüpfen, der Umkehrung der Blickrichtung in der Frage Jesu. Die Versuchung für die Helfer ist groß, diejenigen, denen geholfen wird, zum Objekt ihrer Wohltätigkeit zu machen. Bei aller Hilfsbedürftigkeit der einen dürfen sie nicht durch die Hilfe der anderen ihrer Würde beraubt werden. Wo Hilfe im Geist des echten Mitleids, des aufrichtigen Mitleidens geschenkt wird, ist sie gerade daran interessiert, dem anderen seine Würde wieder herzustellen und sie zu erhalten. Wirkliches Mitleid kalkuliert nicht die Dankbarkeit des Beschenkten ein. Im Gleichnis wird diese vollkommen uneigennützige Haltung des Samariters deutlich, indem er dem Wirt anbietet, beim nächsten Vorbeikommen alles zu bezahlen, was über die zwei Denare an Kosten hinausgeht. Offensichtlich rechnet er nicht damit, den unter die Räuber Gefallenen noch einmal zu treffen, um seinen Dank entgegen zu nehmen. Die Hilfe des Mannes aus Samarien bleibt für den unter die Räuber Gefallenen anonym. Dieser behält seine volle Freiheit, bringt ihn nicht in die Abhängigkeit von seinem Lebensretter.

 

 

 

Es ist das ewige Spiel von Nähe und Distanz, von Freiheit und Bindung, das hier gespielt wird. Und es gelingt, die beiden Seiten genau auszutarieren, weil wirkliches Mitleiden das Motiv des Handelns ist, nicht ein von außen vorgeschriebenes Verhalten. Stichworte wie „Partnerschaftlichkeit“, „Gegenseitigkeit“, „Uneigennützigkeit“, ... tauchen hier auf. Wo Menschen so miteinander umgehen – in der Gestaltung ihrer Beziehungen im privaten und individuellen Rahmen genauso wie auf der politisch-globalen Ebene – verwirklicht sich Gerechtigkeit. Denn Gerechtigkeit fördert das Subjekt-Sein des Anderen und vermeidet alles, was den Hilfsbedürftigen in Abhängigkeiten hinein bindet, die seine Würde behindern könnten.

 

 

 

Es ist eine Kunst, dieses Spiel so zu spielen. Es erfordert von den „Starken“ ein Höchstmaß an Disziplin und Fingerspitzengefühl. Entwicklungsprojekte aller Art müssen sich – sollen sie am Geist des Gleichnisses ausgerichtet sein - der Beurteilung unter diesem Kriterium unterziehen. Unter dem Leitwort „Hilfe zur Selbsthilfe“ versucht besonders die kirchliche Entwicklungsarbeit diesen Aspekt des „Gleichnisses vom barmherzigen Samariter“ zur Richtschnur ihres Handelns zu machen. Letztlich gründet diese Sicht des Hilfsbedürftigen in der unverlierbaren Würde, die ihm von Gott geschenkt ist. Nicht umsonst kennt die altkirchliche allegorische Auslegungsgeschichte der Parabel eine Interpretation, die Christus in der Rolle des Samariters sieht. Ihm gegenüber sind wir alle „unter die Räuber“ Gefallene, seiner Zuneigung, seines Mitleidens bedürftig. In dieser Rolle sind wir Schwestern und Brüder.

 

Dr. Engelbert Felten, Trier

 

[1] Udo Schnelle, Einleitung in das Neue Testament (UTB 1830), Göttingen 1994, 333.

 

[2] Vgl. z.B. Hildegard von Bingen, Das Buch vom Wirken Gottes. Liber divinorum operun, übersetzt und herausgegeben von Mechthild Heck, Augsburg 1998, Tafel 4: Der Mensch im Kosmos.

 

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