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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

24. Jun. 07 - Geburt Hl. Johannes d. T. / 3. Sonntag nach Trinitatis

 

ev. Reihe V

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

 

(Geb. Joh.:) Mt 11, 11-15
(3. So. n. T.:) Lk 19, 1-10

(Vorabend:) Jer 1, 4-10
(am Tag:) Jes 49, 1-6

1 Petr 1, 8-12
Apg 13, 16.22-26

Lk 1, 5-17
Lk 1, 57-66.80

 

Der Verfasser geht auf die Lukas-Perikope aus der ev. Leseordnung und die drei Tages-Perikopen aus der kath. Leseordnung ein. Stichworte: Ausbeutung von Abhängigen, Ohnmächtigen, dem Reichtum dienen, durch Mißachtung gängiger Normen Lebensperspektiven ermöglichen (Lk 19); Antisemitismus, Bedeutung Israels in der Völkergemeinschaft (Jes 49); Eingebundensein in die Geschichte, „Jesus als Heiland Israels“ (Apg 13); Vorbereitung der „Zerstreuten“, Fokussierung auf das Kommende, Bündeln der Kräfte und der Aufmerksamkeit auf das Wesentliche, Zukunftsweisende (Lk 1)

 

 

 

Stellung im Kirchenjahr / Bezüge zwischen den Tagesperikopen

 

 

 

Der 3. Sonntag nach Trinitatis fällt im Jahr 2007 mit dem Tag der Geburt Johannes des Täufers zusammen. Ich versuche in den folgenden Überlegungen den evang. Predigttext des Sonntags (Lk 19, 1-10) mit den anderen Texten zu verbinden, die sich mit der Rolle und Bedeutung Johannes des Täufers in der Heilsgeschichte beschäftigen. Der Geburtstag des Täufers stellt die Vorgeschichte zur Weihnachtsgeschichte dar und liegt im Kirchenjahr exakt ein halbes Jahr vor dem Heiligenabend. Am Johannistag stellen sich vorweihnachtliche Assoziationen mitten im Sommer ein. Die Heilsgeschichte hat einen anderen Kalender als die Weltgeschichte mit ihren Jahresabläufen in linearer oder zyklischer Form. Die Geschichte vom reichen Oberzöllner Zachäus und die von der Geburt und vom Auftreten des Täufers sind einzelne Etappen in der Geschichte des Heils, das Gott den Menschen zugewandt hat und zuwenden will. Sowohl Zachäus als auch Johannes der Täufer gewinnen ihre Lebensrichtung und ihre Aufgabe durch den Satz Jesu: „der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ Der Täufer will mit seiner Gerichtsrede die Verlorenen des Hauses Israel zu Buße und Umkehr bewegen und sie auf das Kommen Jesu vorbereiten, während Zachäus durch Jesus zu einem neuen Leben eingeladen wird. Während der eine zur Stimme der prophetischen Kritik an der Frömmigkeit und an den sozialen Verhältnisse wird, gewinnt bei dem anderen aus Neugier sein Leben eine völlige neue Richtung.

 

 

 

Lk 19

 

Neugierig ist der Chef der Zöllner schon auf diesen Jesus, von dem er gehört hat, dass er Blinde heilt, Lahme wieder auf die Beine hilft und vollmächtige Reden über die Nähe des Reiches Gottes hält. Viele aus den Dörfern und Städten wollen ihn sehen, wenn er durch ihren Ort zieht. Zachäus ist zwar reich, aber von der Mehrheit der Bevölkerung wird er verachtet. Denn er kollaboriert mit den verhassten römischen Besatzern, von denen er den Zoll gepachtet hat. Mehrere Zöllner arbeiten für ihn, so dass er gut verdient. Für die Menschen in der Stadt Jericho sind die Zollabgaben eine Plage, die ihre kargen Einnahmen schmälern.

 

Wer sind heute die Zöllner? Vielleicht die Topmanager von Unternehmen, die den jährlichen Gewinn steigern und zugleich die Arbeitsplätze in erheblichem Umfang abbauen? Oder die Politikerinnen und Politiker, die mit ständig neuen Erhöhungen der allgemeinen Steuern den verschuldeten Staatshaushalt sanieren wollen, während gleichzeitig die Steuern der Unternehmen immer weiter abgesenkt werden? Oder sind die Ausgegrenzten aller Zeiten gemeint, die ihren Lebensunterhalt mit Glücksspiel, Prostitution, spekulativen Aktiengeschäften oder sogar durch kriminelle Handlungen verdienen?

 

Zachäus will auf jeden Fall diesen Jesus sehen. Da er von kleiner Gestalt ist, hat er in der Menschenmenge, die sich inzwischen versammelt hat, keine Chance. Deshalb läuft er schon einmal voraus und entdeckt einen Maulbeerbaum, auf den er klettert. Von hier hat er einen ausgezeichneten Überblick, wenn Jesus auf der Straße vorüberzieht. Gut postiert wartet er auf ihn. Manche werden sich über den Kleinen lustig gemacht haben, der zwar reich war, aber nun auf diesem Baum hockte. Aber seine Neugier war größer als seine Scham. Und als Jesus an den Baum kommt, sieht er ihn und ruft ihn überraschend bei seinem Namen Zachäus. Fast wäre er in diesem Moment vom Baum gefallen. Und dann geschieht etwas völlig Unbegreifliches. Unter völliger Missachtung der Regeln der Gastfreundschaft lädt Jesus sich selber bei ihm zu Hause ein. Zachäus weiß gar nicht wie ihm geschieht. Er springt vom Baum und freut sich, diesen Jesus bei sich zu Hause näher kennen zu lernen.

 

Wo gibt es heute diese Neugier auf Jesus? Viele glauben Jesus zu kennen, haben bestimmte Bilder von ihm, in denen sie ihn eingesperrt haben. Es sind oft Bilder aus der kirchlichen Tradition, durch die der Blick auf Jesus verstellt wird. In Europa scheint die Neugier auf ihn zu erlahmen, während in Asien, Afrika und Südamerika Menschen kein Hindernis scheuen, um Jesus zu begegnen. Wie Zachäus kommen sie vom Rand der Gesellschaft, Arme, Verachtete, Ausgegrenzte, die seine Einladung, bei ihnen einzukehren, annehmen. Warum Zachäus neugierig war, verrät uns der Evangelist Lukas nicht. Doch diese unvorhergesehene Einladung Jesu, die nicht sein Tun, aber seine Person würdigt und anerkennt, verändert sein ganzes Leben.

 

Alle anderen konnten dieses Verhalten Jesu nicht akzeptieren. Wie das Volk Israel beim Durchqueren der Wüste nach der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten murrten sie. Denn Zachäus galt als jemand, der nicht den Weisungen Gottes entsprechend lebte und der sich politisch und moralisch im Abseits befand. Ihm konnte man doch kein Vertrauen entgegen bringen. Er war ein Gauner, ein Betrüger und Erpresser, ein Verlorener, der Verachtung und Gericht verdient hatte. Jesus stellt die gängigen Normen auf den Kopf und eröffnet Zachäus damit eine neue Lebensperspektive. Und dieser ergreift diese Gelegenheit und erkennt, dass nicht sein Reichtum ihm Sicherheit und Anerkennung bietet. Die Hälfte seiner Güter will der den Armen schenken. Und den Betrogenen und Erpressten verspricht er vielfache Wiedergutmachung. Das bisherige verlorene und kaputte Leben des Zachäus wird ganz und heil. Durch das Vertrauen, mit dem Jesus ihm begegnet ist, wird er als Sohn des Abraham, des Vaters im Glauben, wiederhergestellt. Ihm gebührt der gleiche Respekt wie allen anderen.

 

Wer sind heute die Verlorenen, die auf Anerkennung und Vertrauen warten? Wodurch kann Misstrauen und Verachtung überwunden werden, so dass bisher Ausgegrenzte sich grundlegend und nachhaltig verändern können? Wie beginnen Reiche ihren Reichtum mit den Armen zu teilen? Wodurch gewinnen Diskriminierte Selbstwertgefühl und neue Handlungsspielräume? Gottes Zuwendung zu seiner Schöpfung ist eine Suchbewegung für Verlorene. Die Verlierer der gegenwärtigen Globalisierung sind damit ebenso gemeint wie mancher Reiche, der noch nicht gemerkt hat, dass er sich längst auf der Verliererstraße befindet. Denn Heil und Frieden wird es nur dort geben, wo der Reichtum geteilt wird, wo den Betrogenen und Vergewaltigten Recht widerfährt und die Tischgemeinschaft, zu der Jesus bei uns zu Hause und weltweit einlädt, Wirklichkeit wird. Die Zachäusgeschichte ist ein Beispiel für den nachhaltigen Heilswillen Gottes. Jesus hat dies durch sein Reden und Tun deutlich gemacht. Für unser Zusammenleben und für unser Verhältnis zur kreatürlichen Mitwelt hängt alles daran, ob wir diesem Willen Gottes entsprechen oder uns in Feindschaft und Ausgrenzung selber zu zerstören drohen.

 

 

 

Jes 49

 

Dieser Wille Gottes verbindet Israel mit seinem Gott. Im Gottesknechtslied aus Jes 49, 1-6 schließt dieser Bund zwischen Israel und Gott die Völker mit ein. Gottes Weisung zum Leben ist nicht auf Israel beschränkt, sondern gilt für alle Völker. Die Erwählung Israels besteht in seiner Funktion, diese Geltung der Weisung Gottes, der Tora, für alle Völker sichtbar zu machen. Für die Bibel ist die Unterscheidung zwischen Israel und den Völkern konstitutiv. Auch das Neue Testament teilt diese Fundamentalunterscheidung. Jede Form der Israelvergessenheit und des Antisemitismus in der christlichen Kirche widerspricht dem biblischen Zeugnis, wonach der Auftrag und die Aufgabe Israels in der Verherrlichung Gottes besteht, indem es seinem Willen „mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit aller seiner Kraft“ (5 Mose 6, 5) entspricht. Auf diese Weise wird es Licht und Heil der Völker. Antisemitismus ist eine Gestalt des Gotteshasses. Die Erwählung Israels, seine Stärke, ist kein Selbstzweck. Und so ist die Rückkehr aus dem Exil und die Aufrichtung der Stämme Jakobs ebenfalls zu wenig, um die Funktion Israels als Gottes Diener angemessen zu beschreiben. Auch wenn Israel an seinen Fähigkeiten zweifelt, diese Aufgabe als „Licht unter den Völkern“ erfüllen zu können, bleibt sie trotz aller eigenen Schwächen bestehen. Denn Israel würde seine Erwählung geradezu verfehlen, wenn es sich weigern würde, die Tora für die Völker zu leben. Die Christen aus den Völkern erkennen in Israel Gottes erste Liebe, der er die Tora als Weisung zum Leben geschenkt hat. An diese Liebe Gottes bleibt die christliche Kirche gebunden, denn sie ist die Wurzel, die sie trägt. Israelfeindschaft und Indifferenz gegenüber der Tora haben die Kirche immer wieder zum Abfall von Gott geführt, weil sie „das Licht der Völker“ und den „Augapfel Gottes“ in der Gestalt Israels nicht sehen und anerkennen wollten. Eine judenfeindliche Kirche war und ist eine gottlose Kirche. Sie verweigert den Menschen Orientierung und stößt sie in Abgründe von Schuld und Verbrechen. Ohne das Licht ist sie in der Dunkelheit von Feindschaft und Hass verloren und ist in besonderer Weise auf den Juden Jesus von Nazareth angewiesen, der gekommen ist, das Verlorene zu suchen.

 

 

 

Apg 13

 

Die Predigt des Paulus in der Synagoge von Antiochia in Pisidien (Apg 13, 16-26) verdeutlicht das Verhältnis von Israel und den Völkern am heilsgeschichtlichen Modell. Bereits die Zusammensetzung der Gemeinde spiegelt dieses Verhältnis: „Männer aus Israel“ und „Gottesfürchtige“, d.h. Menschen, die Nichtjuden sind und am Gottesdienst teilnehmen. In einer knappen Skizze der Heilsgeschichte (die Väter, die Befreiung aus Ägypten, die Wüstenwanderung, die Landnahme, die Richter, das Königtum unter Saul und David) wird Jesus als Heiland für Israel vorgestellt, der als Nachkomme Davids in dieser Rolle legitimiert ist. Besonders betont Paulus Johannes den Täufer, der als Vorläufer Jesu bezeichnet wird. Ohne diese Einbindung in die Geschichte Israels ist Jesus nicht zu verstehen. Die Synagoge ist die erste Adresse der Predigt des Paulus. In Jesus hat die Heilsgeschichte Gottes mit Israel eine Zuspitzung erfahren, die für Paulus zur Ausbreitung des Heilswillen Gottes unter den Völkern führt. In Apg 13, 47 zitiert er das Gottesknechtslied aus Jes 49, um das „Licht der Völker“ nun mit Jesus als Heiland Israels zu identifizieren. Damit rechtfertigt er seine Mission unter den Völkern. Johannes der Täufer verbindet in seinem Zeugnis von Jesus als dem Retter und seinem prophetischen Buß- und Umkehrruf Israel aufs engste mit der jungen christlichen Gemeinde. Mit überdimensionalem Zeigefinger, wie auf dem Kreuzigungsbild des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald dargestellt, weist er als Zeuge für Israel auf Jesus, der sowohl der Messias Israels als auch der Heiland der Völker ist.

 

 

 

Lk 1

 

Zwischen dem Lobgesang der Maria, dem „Magnifikat“, und der Weihnachtsgeschichte steht im 1. Kapitel des Lukasevangeliums, in den Versen 57-66 und 80 die Geschichte von der Geburt Johannes des Täufers. Seine Eltern Elisabeth und Zacharias sind hochbetagt und haben die Hoffnung auf Nachwuchs aufgegeben. In der damaligen Gesellschaft galt Kinderlosigkeit als Schmach. Wider Aller Erwarten wird Elisabeth schwanger und Zacharias wird stumm, weil er diese späte Schwangerschaft nicht fassen kann. Die Geburt des Kindes wird als Barmherzigkeit Gottes erfahren. Nachbarn und Verwandte freuen sich. Die Zunge des Zacharias löst sich erst wieder, als er bei der Beschneidung und Namensgebung dem Namen Johannes (Gott ist gnädig) zustimmt. Denn der Name ist das Zeichen für die besondere Bedeutung dieses Kindes. Adventlich geht es zu, wenn Johannes der Täufer auftritt. Er will die Verlorenen Israels sammeln und sie vorbereiten auf die Ankunft des Messias. Als Wüstenasket, der zur Umkehr ruft und das Gericht über die Gottlosen und die vermeintlich Frommen verkündet, sammelt auch eine Jüngerschaft um sich. Schließlich tauft er Jesus im Jordan und erkennt in ihm den ersehnten Messias. Die Geburt Johannes des Täufers hat zwar biblische Spuren hinterlassen, aber wer denkt am 24. Juni noch an diesen Propheten, der am Ende als politischer Aufrührer von Herodes hingerichtet wird. Die Schwäche für seine Tochter Salome, die aus verschmähter Liebe den Kopf Jochanans fordert, hat die Literatur und die Oper inspiriert. Johannes war zweifellos ein Radikaler, der kompromisslos die Heuchelei und die Saturiertheit einer Gesellschaft angegriffen hat, die sich fromm dünkte, aber die Verlorenen übersah. Diese Zuwendung zu den Verlierern hat Johannes und Jesus tief verbunden, so dass ihre Anhängerschaft sich ebenfalls im Laufe der Zeit vereinigt hat. Zachäus und Johannes, der Nachfolger und der Vorläufer Jesu, der Zöllner und der Dissident, gehören jeder auf seine Weise in die Rettungsgeschichte der Verlorenen. Sie bleiben unvergessen, solange Jesus Menschen einlädt, ihr Gast zu sein, um in ihrem Haus und an ihrem Tisch Heil, Ganzheit und Fülle des Lebens erfahrbar werden zu lassen.

 

Werner Schneider-Quindeau, Frankfurt am Main

 

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