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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

3. Jun. 07 - Dreifaltigkeitssonntag / Trinitatis

ev. Reihe V

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

4. Mose 6, 22-27

Spr 8, 22-31

Röm 5, 1-5

Joh 16, 12-15

Der Verfasser betrachtet alle Perikopen des Sonntags. Stichworte: "Weisheit" als Symbol für Überfülle und Lebenslust und zugleich als "Weltordnungsexpertin" (Spr 8), Rechtfertigung aus Glauben als Befreiung für die durch Unrecht und Gewalt vom Leben Ausgeschlossenen, die neue Schöpfung Gottes inmitten struktureller Ungerechtigkeit (Röm 5), der Geist der Wahrheit als Kraft zur Solidarität (Joh 16), 'Zerreißprobe' für die Schöpfung oder Lebensfülle und pralle Lebensfreude in Gerechtigkeit

 

 

 

Bezug zum Kirchenjahr

 

 

 

Am Übergang zwischen dem Osterfestkreis und den Sonntagen im Jahreskreis riskiert der Dreifaltigkeitssonntag einen Blick auf Gott als das Geheimnis, in dem die Heilsgeschichte ihren Grund und ihre Wurzel hat. Wo das Geheimnis Gottes im Zusammenhang der Heilsgeschichte gesehen wird, kommt Gott in seiner Beziehung zu den Menschen und zur Welt als seiner Schöpfung zur Sprache. Genau das machen auch die biblischen Texte des Sonntags deutlich. Über das ‚innerste’ Geheimnis Gottes, wer also Gott ‚in sich’ ist, lässt sich etwas erahnen, wenn wir in den Blick nehmen, wie Gott sich in seiner ‚Selbstmitteilung’ in Schöpfung und Heilsgeschichte ‚nach außen’ gekehrt und ‚entäußert’ hat.

 

 

 

Exegetische Aspekte

 

 

 

In der Ersten Lesung (Spr 8, 22-31) spricht die als Frau personifizierte Weisheit. In ihrer Gestalt werden verschiedene Weisheitslehren gebündelt. Sie nimmt positiv bewertete Frauenrollen auf und integriert sogar Züge altorientalischer Göttinnen. „Vor seinen Werken in der Urzeit“ (8, 22) hat Gott die Weisheit geschaffen. Bei der Erschaffung der Welt war sie schon „als geliebtes Kind bei ihm“ (8, 30). Sie ist Gottes „Freude Tag für Tag (8, 30).

 

 

 

Diese Lebensfreude äußert sich im Spiel. Die Weisheit „spielte vor ihm allezeit“ (8, 30). Sie „spielte auf seinem Erdenrund“ und ihre „Freude war es, bei den Menschen zu sein“ (8, 31). Wahrscheinlich sind hier ägyptische Traditionen von Festspielen, die zur Freude und Belustigung der Götter aufgeführt werden, aufgegriffen. Jedenfalls: In der Atmosphäre ausgelassener und sinnlicher Lebensfreude wird die Welt erschaffen. Nicht Leistung und harte Arbeit, sondern Lebensfreude und kreatives Spiel stehen an ihrem Anfang. Lebensfreude ist schöpferisch. Sie kann nicht bei sich bleiben, sondern drängt über sich hinaus. Von ihrer Fülle des Lebens will sie mitteilen. In ihrem Überschwang springt sie von Gott und der Weisheit auf die Schöpfung und auf die Menschen über.

 

 

 

Wenn wir den Kontext von Spr 8, 22-31 einbeziehen, wird uns ein zweiter wesentlicher Aspekt deutlich. Die Frauengestalt der Weisheit (1, 20-33; 8, 1-36) steht einer negativ bewerteten Frauengestalt gegenüber. Sie repräsentiert die Torheit. In vier Lehrreden (2, 16-20; 5, 1-23; 6, 20-35; 7, 1-27) werden junge Männer vor ihr gewarnt. Sie verführt zu sexueller Ausschweifung und Ehebruch. Damit untergräbt sie den Bestand des Sippenverbandes, der auf der Grundlage des Besitzes an Land das Leben des Volkes zu sichern hatte. Als ‚fremde’ Frau steht sie auch für die verführerische Kraft fremder Götter. Wie brisant dies ist, zeigt auch die prophetische Tradition. Ehebruch ist hier eine Metapher für die Auflösung einer solidarischen Gesellschaft und Untreue gegenüber Gott.

 

 

 

Gegenüber der Torheit kann Frau Weisheit geradezu als „Weltordnungsexpertin“[1] verstanden werden. Wie die Propheten tritt sie für Gerechtigkeit und Recht ein. In Spr 8 findet sich die Wortwurzel ‚gerecht sein’ gleich fünfmal. Auf öffentlichen Plätzen agiert sie als Lehrerin von Recht und Gerechtigkeit (8, 1-3) und wird als Erbauerin des Hauses und kluge ‚Hauswirtschafterin’ im Rahmen des Sippenverbandes (9, 1-5) vorgestellt.

 

 

 

Als Förderin eines gemeinschaftlichen Lebens ist sie das Gegenbild zu der die Gemeinschaft zerstörenden Gestalt der Torheit (vor allem 9, 6ff.). Geschichtlich spiegeln sich in diesen beiden Gestalten soziale und religiöse Probleme der nachexilischen Gesellschaft wider. Ein Teil der Oberschicht wendet sich vor allem der persischen und später der griechischen Gesellschaft zu. Mit deren Oberschicht lassen sich gute Exportgeschäfte machen. Dies geht zu Lasten der Armen im eigenen Land und ist mit deren Versklavung verbunden. Die wirtschaftliche ‚Öffnung’ verbindet sich mit der Öffnung für fremden Luxus und fremde Kultur. Ein anderer Teil der Oberschicht sieht darin die Grundlagen einer solidarischen Gesellschaft in Treue zur Tora und dem Gott Israels gefährdet. Ihre LehrerInnen erinnern deshalb an die Spielregeln der Gerechtigkeit und Solidarität, wie sie in der Tora zum Ausdruck kommen. Sie allein ermöglichen Lebensfülle und den Überschwang für alle – und das nicht asketisch zwanghaft, sondern in ekstatischer Freude, in Spiel und Kreativität. Dafür steht Frau Weisheit als „Weltordnungsexpertin“ seit ‚Urbeginn’.

 

 

 

Verbindung zu den übrigen Texten des Sonntags

 

 

 

Paulus beschreibt in Röm 5, 1-5, was „gerecht gemacht aus Glauben“ (1, 5) für die Christengemeinde bedeutet. Die Brisanz seiner Botschaft von der Rechtfertigung aus Glauben lässt sich erst vor dem Hintergrund des Unrechts und der Gewalt, die Christinnen und Christen als Ausgegrenzte und Unterdrückte im römischen Reich zu erleiden hatten[2], erfassen. Vor allem aufgrund der Konzentration des Besitzes in den Händen weniger Eigentümer und der landwirtschaftlichen Produktion gewinnbringende Luxusgüter haben Arme keine Chance. Als Unfreie und Sklaven bleiben sie vom Recht ausgeschlossen. Aufstände werden mit der allgegenwärtigen Gewalt des Militärs niedergeschlagen und diejenigen, die der Illoyalität gegenüber dem Imperium verdächtig sind, am Kreuz hingerichtet.

 

 

 

In der Erbarmungslosigkeit des römischen Unterdrückungs- und Gewaltsystems gibt es für Arme und Ausgegrenzte keine Gerechtigkeit. Sie kann nur durch den Glauben kommen, dass Gott den vom römischen Imperium hingerichteten Messias Jesus auferweckt hat. Damit hat er ihm, der gegen Unrecht und Gewalt aufgestanden war, Recht gegeben, ihn ‚gerechtfertigt’. Wie er sind alle ‚gerechtfertigt’, die seinen Weg gehen. Auf diesem Weg wird die neue Welt Gottes als eine Welt erfahrbar, in der alle Menschen aufgrund der Gnade Gottes und nicht aufgrund des römischen Bürgerrechts, das nur für Menschen der Oberschicht gilt, leben können. Der Friede, die Gemeinschaft mit Gott, wie sie in der Auferweckung als der Rechtfertigung des Gekreuzigten sichtbar wird, eröffnen „den Zugang zu der Gnade“ (5, 2), d.h. zu einem Leben, in dem Menschen nicht wie im römischen Reich in Verhältnissen strikter Über- und Unterordnung, sondern in gegenseitiger Anerkennung und damit befreit leben. Inmitten einer Welt, die keine Gnade kennt, kann aus der Erfahrung der Gnade gelebt werden.

 

 

 

Trotz aller Begeisterung bleibt Paulus realistisch: Er weiß, dass die neue Welt Gottes in „Bedrängnis“, d.h. mitten in den Gewaltstrukturen des römischen Reiches gelebt werden muss. Aber auch dessen kann sich die Christengemeinde noch „rühmen“, weil sie spürt, dass der Geist Gottes gerade in der „Bedrängnis“ als Kraft des Lebens lebendig ist, die „Geduld“, „Bewährung“ und „Hoffnung“ (5, 3) bewirkt. Er macht es möglich, auf dem Weg Jesu geduldig durchzuhalten - in der Hoffnung, dass Gott am Ende der Zeit sein rechtfertigendes Wort bestätigen und allen ‚Recht’ geben wird, die den Weg zu einem neuen Leben gehen.

 

 

 

Der Hintergrund des Textes Joh 16,12-15 ist die Erfahrung der Johannesgemeinde, von Jesus verlassen zu sein. Jesus ist zum Vater gegangen. Die Gemeinde aber ist römischer Verfolgung ausgesetzt und steht mitten in einem Konflikt mit der Leitung der Synagoge. Nachdem der Aufstand gegen die römische Herrschaft 70 n. Chr. mit der Zerstörung des Tempels und einer vernichtenden Niederlage geendet hatte, sucht die Synagoge jetzt ‚Frieden’ mit Rom, um das Leben der jüdischen Gemeinde zu sichern. Dieser Versuch wird durch die Juden, die sich zum Messias Jesus bekennen, gefährdet. Als Messianer, die sich um einen von Rom Gekreuzigten sammeln, werden sie der Rebellion verdächtigt. Die Leitung der Synagoge schließt sie aus (16, 1; vgl. auch 9, 22). Konkret bedeutet das: Die Johannesgemeinde wird wirtschaftlich boykottiert, sozial isoliert und religiös diskriminiert[3].

 

 

 

In dieser ‚Bedrängnis’ braucht sie Beistand, den Beistand des Geistes, den Jesus vom Vater senden wird. Er wird ihr aus der Perspektive von Ostern - der Erhöhung des von den Römern Gekreuzigten – die Bedeutung des Lebens und Sterbens des Messias Jesus erschließen. Sie sind also nicht verlassen, sondern können den Weg Jesu in der Kraft des Geistes gehen und in der Hoffnung, dass auch sie wie Jesus aus ihrer Erniedrigung erhöht werden.

 

 

 

Wer ist unser Gott? Auf diese Frage sucht das Fest Dreifaltigkeit eine Antwort. Er wird als derjenige gesehen, der uns sein Angesicht zuwendet (4 Mose 6, 22-27). Dies tut er in der Schöpfung und in der Heilsgeschichte. Aus der Überfülle des Lebens ist die Welt geschaffen. Daran sollen die Menschen teilhaben. Das Leben in und mit der Schöpfung ist aber auch ein durch Unrecht und Gewalt gefährdetes Projekt. Aller Zerstörung – so bezeugt es die Heilsgeschichte – setzt Gott seine schöpferisch befreiende Macht entgegen. Dies bestärkt Menschen in der Hoffnung, dass aller Erfahrung von Zerstörung und Vernichtung zum Trotz Gott sein Angesicht zeigen wird. Dann werden Erniedrigte erhöht, Hingerichtete aufgerichtet, Verurteilte gerechtfertigt, die Schöpfung „von der Sklaverei und der Verlorenheit befreit“. (Röm 8, 21) Die Überfülle des Lebens und der Überschwang der Lebensfreude werden Wirklichkeit. Der gute Anfang hat ein gutes Ende, ein großes Finale.

 

 

 

Nachhaltigkeitsbezug

 

 

 

Die biblischen Texte stehen in deutlichem Kontrast zu Entwicklungen in der Neuzeit. René Descartes (1596-1650) sah die Berufung des Menschen darin, Meister und Beherrscher der Natur zu sein. Von Francis Bacon stammt der Ausspruch, Wissen sei Macht. Entsprechend müsse die Natur auf die Folter gespannt werden, um ihr ihre Geheimnisse zu entlocken. Gegenüber der Natur wurde eine Logik der Herrschaft durchgesetzt. Was dabei zählt, ist eine Kalkulation des Nutzens, der sich in ‚Gewinn’ und ‚Profit’ ausdrücken lässt. Dieser Logik folgend wird die Schöpfung im Konkurrenzkampf um Effektivität und Beschleunigung der ‚Zerreißprobe’ ausgesetzt. Mit der Zerreißprobe wird ursprünglich die Belastbarkeit des Materials getestet. Zerreißt es, ist die Belastungsgrenze zwar festgestellt, aber das Material auch zerstört. Überschreitet der Folterer die Grenze der Belastbarkeit, ist der Gefolterte tot. Wird die Schöpfung bis zum Zerreißen belastet, bedeutet dies ihre Zerstörung und den Selbstmord der Gattung Mensch.

 

 

 

Die Kehrseite der Herrschaft über die Natur ist die Herrschaft über den Menschen. Die Logik der Herrschaft spaltet in Mensch und Natur, Subjekt und Objekt, Mann und Frau, arm und reich, oben und unten, nützlich und überflüssig... Auch die Menschen werden immer größeren ‚Zerreißproben’ ausgesetzt. Getestet wird die Belastbarkeit an sozialer Spaltung und Ausgrenzung, die Belastbarkeit menschlicher Beziehungen und nicht zuletzt des Menschen selbst, der - zum ‚homo oeconomicus’ geworden – sich ‚mobil’ und ‚flexibel’, isoliert und ‚eigenverantwortlich’ vermarkten soll, wenn er eine Chance haben will.

 

 

 

Da atmen die biblischen Texte einen anderen Geist. Er kann zu einem neuen Verhältnis gegenüber der Schöpfung und dem Leben als Menschen inspirieren. Dem angestrengten und effektiv kalkulierenden Willen zur Macht steht die Erfahrung gegenüber, dass die Schöpfung und das Leben ‚gratis’ sind. Statt Angst vor Knappheit gibt es Dankbarkeit für die Überfülle, von der alle leben können, statt Herrschaft und Unterwerfung ekstatisches Spiel und überschäumende Lebensfreude.

 

 

 

Mit der Welt hat Gott einen Raum des Lebens für alle geschaffen. Der wird zerstört, wenn er als Raum missbraucht wird, in dem Einige mit Gewalt an sich reißen oder zerstören, was allen gehört. Deshalb verbindet sich die Sensibilität für das Leben der Schöpfung mit der Sensibilität für Gerechtigkeit. Damit alle inmitten der Schöpfung leben können, braucht es die Weisheit einer ‚Weltordnungsexpertin’. Heute muss der ganze Globus das Haus des Lebens sein, an dem sie baut. Und genau das wäre eine weise ‚Ökonomie’: eine Lehre, wie das globale Haus leben kann und – nachhaltig und kreativ – mit all dem ausgestattet werden kann, was seine Bewohner zum Leben brauchen. So wäre Ökonomie – ganz in ihrem ursprünglichen und wörtlichen Sinn – die Lehre von einer ‚Hauswirtschaft’ im Dienst des Lebens aller Menschen rund um den Globus.

 

Herbert Böttcher, Koblenz

 

[1] Gerlinde Baumann, Die Weisheitsgestalt in Proverbien 1-9. Traditionsgeschichtliche und theologische Studien, Tübingen 1996, 151.

 

[2] Wie das römische System ‚strukturellen Unrechts’ funktionierte, beschreibt anschaulich und konkret Elsa Tamez, Gegen die Verurteilung zum Tod. Paulus oder die Rechtfertigung durch den Glauben aus der Perspektive der Unterdrückten und Ausgeschlossenen, Luzern 1998, 51-84.

 

 

 

[3] Klaus Wengst, Das Johannesevangelium. 2. Teilband: 11-21, Stuttgart/Berlin/Köln 2002, 156. Genauere Informationen zur sozialgeschichtlichen Situation der Johannesgemeinde finden sich in ders., Bedrängte Gemeinde und verherrlichter Christus. Ein Versuch über das Johannesevangelium, München 1990.

 

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