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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

27. Mai. 07 - Pfingstsonntag

ev. Reihe V

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

4. Mose 11, 11-12.14-17.24-25

 

(Vorabend:) Gen 11, 1-9,
Ex 19, 3-8a.16-20b, Ez 37, 1-14
oder Joel 3, 1-5
(am Tag:) Apg 2, 1-11

(V.:) Röm 8, 22-27
(T.:) 1 Kor 12, 3b-7.12-13
oder Röm 8, 8-17

(V.:) Joh 7, 37-39
(T.:) Joh 20, 19-23 oder
Joh 14, 15-16.23b-26

 

 

Der Verfasser betrachtet den kath. 1. Lesungstext für die Vorabendmesse. Stichworte: Autonomie der Vernunft, Herrschaftswille über die Natur, Verlust der Geschöpflichkeit, ökologische Krise; unter Bezug auf die Pfingstverheißung: Hände und Herzen erhoffen, die mit Gottes Gaben leben, ohne sie zu zerstören

 

 

 

 

 

Dieser Text steht auf der Grenze von der Urgeschichte zur Geschichte. Er antwortet wie Gen 1 bis 10 auf die Frage, warum die Welt so ist, wie sie heute ist - in diesem Fall, warum die Völker verstreut auf der Erde und mit der ihre Verständigung und Gemeinschaft behindernden Sprachvielfalt leben. Zugleich kennt er die historische Stadt Babel, deutet ihren Namen, weiß von den riesigen Turmbauten und vor allem von der Technik, Ziegel aus Lehm zu brennen und Asphalt als Mörtel zu verwenden. Dazu urteilt B. Jakob[1]: „Es war eine der folgenreichsten Erfindungen, die je gemacht worden sind. Mit dem fabrizierten Ziegelstein hat sich die Menschheit von dem naturgegebenen Stein und seinen Fundstätten emanzipiert. Mit dem Ziegel beginnt die Kultur, die große Menschenmassen zusammenführt.“ Dieser Blick des Glaubens Israels auf die Entwicklung einer fundamentalen Technik und ihre Konsequenzen macht den Text hoch aktuell in unserer Zeit, die von den Folgen der neuzeitlichen Technikentwicklung geprägt ist.

 

 

 

Auch in anderen Regionen gab es Turmbauerzählungen. Und auch in anderen Religionen wurde das Handeln der Menschen dabei kritisch gesehen: Die Götter greifen ein, verhindern den Erfolg, lassen die Türme zusammenstürzen. An Ähnliches mag man denken, wenn man von den Risiken heutiger sich gegenseitig immer wieder an Höhe überbietender Turmbauten liest.

 

 

 

Israel sieht noch auf etwas anderes. Nicht die Technik, nicht das Turmbauprojekt selbst wird eigentlich kritisch gesehen, sondern die Menschen, die dieses Projekt verfolgen: "Er sprach: Seht nur, ein Volk sind sie, und eine Sprache haben sie alle. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich auch vornehmen."[2] Claus Westermann schreibt dazu: "Dies muß zur absoluten Autonomie der Menschheit führen, und damit wäre die Begrenztheit der Menschen in Frage gestellt, die mit ihrem Geschaffensein gegeben ist: ihr Gegenüber zum Schöpfer. Da aber die Menschheit ihre Existenz nur in ihrer Geschöpflichkeit hat, ist ihr Bestand durch die drohende Autonomie gefährdet."[3]

 

 

 

Eben diese Entwicklung ist charakteristisch für die Technikentwicklung der Neuzeit und für ihre schon eingetretenen und noch drohenden Folgen in der ökologischen Krise. Seit Descartes ist die Natur zum Gegenstand menschlicher Eroberung geworden. "Gerade die von Descartes postulierte Freiheit des Menschen, gerade die Autonomie der menschlichen Vernunft, die in Descartes zum Bewußtsein ihrer selbst gelangt, muß zugleich alles Seiende in den Horizont der Objektivation zwingen und eben auf diese Weise den Menschen, wie Descartes gesagt hat, zum Herrn und Besitzer der Natur machen."[4] Erst unter dem Eindruck der ökologischen Krise entdecken wir richtig, welche Folgen dieser extreme Herrschaftswille hat und noch haben kann. Erst jetzt werden wir gewahr, was der Verlust der Geschöpflichkeit und eine falsch verstandene Freiheit bewirken, was der Verlust der bewußten Einbindung und Einordnung in den großen Zusammenhang des Oikos, der Hauses der Schöpfung bedeutet. "Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich auch vornehmen." Es wird den Menschen nicht unmöglich sein, das Gesicht der Erde unumkehrbar zu verändern - durch den Winter einer atomaren Katastrophe, durch ein Kippen des Erdklimas, durch Eingriffe in die menschliche Keimbahn, die nicht nur Einzelne und einzelne Menschengruppen, sondern die ganze zukünftige Menschheit gegenwärtigem Herrschaftswillen und Herrschaftsinteressen ausliefert.

 

 

 

Was sagt uns Gottes Wort, was sagt uns das Glaubenszeugnis Israels in diese Situation hinein? In Gen 1 - 11 kommt zuerst das große Staunen und Danken zu Ausdruck dafür, daß wir in einer so wunderbaren Welt leben dürfen, daß Gott uns in seiner Güte einen so reichen Garten Eden zurichtet. Dann aber, daß wir all die Begrenzungen, mit denen andere und wir in dieser Welt leben und sterben müssen, als zu uns gehörig, als Ausdruck und Konsequenz unseres Abfalls von Gott, unseres Autonomie- und Autarkiestrebens sehen und annehmen müssen. Und schließlich auch, was von der einen Seite als schicksalshafter Verlust, von der anderen als Antwort und Gericht Gottes zu sehen ist, nämlich daß Gott auch vorsorgend und bewahrend handelt und der Geschichte der Menschheit in seiner Schöpfung nicht das selbst verschuldete Ende bereitet. In unserem Text kommt das darin zum Ausdruck, daß sie davon sagt, wie Gott vorausschauend und vorbeugend eingreift. Was Menschen tun und damit anrichten, ist nur die eine Seite. Von ihr handeln V. 1 - 5. Genau spiegelbildlich dazu wird in V. 6 - 9 vom Handeln Gottes gesagt. Und dieses Handeln geschieht nicht nur zum Gericht, auch nicht nur, um die Hoheitszone Gottes vor menschlichem Zugriff zu schützen (wie ironisch V. 5: "Da stieg der Herr herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten."), sondern um vorzubeugen und zu bewahren - um der Menschen willen. Freilich beugt Gott vor und bewahrt, indem er den Menschen neue schmerzliche Grenzen setzt.

 

 

 

Was sagt uns dieses Glaubenszeugnis Israels, uns in unserer heutigen Situation und uns als Christen? Ich denke, diese Frage muß jeder Leser und Hörer und Prediger selber reflektieren. Ich höre zuerst einmal den hellsichtigen Hinweis auf die Rolle heraus, die Wissenschaft und Technik heute spielen, und die wir alle mitspielen, wo wir die Grenzen unseres Eingebundenseins in den größeren Zusammenhang ignorieren. Um noch einmal Westermann zu zitieren: "Es ist keine Übertreibung, wenn man sagt, daß in dem Grundmotiv von Gen 11, 1-9 die Möglichkeit einer Entwicklung vorausgenommen ist, die sich in einer die ganze Menschheit bestimmenden Weise erst im technischen Zeitalter verwirklichte, die aber ihre Vorläufer in den gewaltigen Bauten der Hochkulturen über die ganze Erde hatte, weshalb denn auch Gen 11, 1- 9 in einem dieser Hochreiche spielen mußte."[5] Ich höre hier eine kritische Anfrage an uns, ob wir denn so selbstverständlich mit unseren Ansprüchen die gewonnenen Herrschaftsmöglichkeiten über die Schöpfung nutzen und den Druck auf sie weiter verstärken. Was heißt es heute ganz praktisch und alltäglich, von der Fürsorge Gottes zu leben und nicht von einer immer weiter getriebenen Herrschaft über die Schöpfung?

 

 

 

Noch einmal, im Unterschied zu anderen Religionen sieht Israel die Technik von gebrannten Ziegeln und Asphaltmörtel nicht eigentlich kritisch, sondern erst die Hand, das Herz des Menschen, der mit ihr umgeht. Können wir von Pfingsten, von der Verheißung des Geistes Gottes her für uns Hände und Herzen erhoffen, die mit seinen Gaben leben, ohne sie zu zerstören? Und können wir hoffen und glauben, daß Gott auch heute nicht der ist, der wie in Wolfgang Brocherts Nachkriegsschauspiel "Draußen vor der Tür" nur ohnmächtig klagt: "O meine armen, armen Kinder"? Können wir hoffen und glauben, daß er auch für heute noch Möglichkeiten hat, die Menschheit vor sich selbst zu bewahren?

 

Dr. Ulrich Denkhaus, Wetzlar

 

[1] zitiert bei Claus Westermann, Genesis, Biblischer Kommentar, Altes Testament, ed. S. Herrmann und H. W. Wolf, Neukirchen 1974

 

[2] zitiert nach Die Bibel, Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, 1989

 

[3] a. a. O. S. 733

 

[4] Günter Howe, Gott und die Technik, Hamburg 1971, S. 60

 

[5] a. a. O. S. 737

 

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