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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

13. Mai. 07 - 6. Sonntag der Osterzeit / 5. So. n. Ostern (Rogate)

ev. Reihe V

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

Mt 6, (5-6) 7-13 (14-15)

Apg 15, 1-2.22-29

Offb 21, 10-14.22-23

Joh 14, 23-29


Der Autor geht auf den Predigttext der ev. Leseordnung ein. Stichworte: Gerechtigkeit, Gebet, Vater Unser, Hoffnung, Mission, den Ernst der Lage erkennen, Spannung zwischen gelingenden Fortschritten und verzweifeltem Scheitern, in die Verantwortung eintreten

 

 

 

0. Vorbemerkung

 

Für die Thematik der Reihe ist vor allem der Text Matthäus 6, (5-6) 7-13 (14-15) geeignet.

 

 

 

1. Zur Stellung im Kirchenjahr

 

Der Sonntag Rogate ist dem Gebet gewidmet und wird in der evangelischen Kirche häufig als Missionssonntag begangen. Das bedeutet, dass das Proprium dieses Sonntages in besonderer Weise auf zwei zentrale Äußerungen christlichen Glaubens aufmerksam macht, nämlich Gebet und Mission, Kommunikation des Einzelnen und der Gemeinschaft mit Gott und weltweite „Kommunikation des Evangeliums“. Die Spannung zwischen diesen beiden Ausdrücken innigster Konzentration und weitester Ausbreitung des Glaubensthemas kann für das Thema der Nachhaltigkeit produktiv gemacht werden.

 

 

 

2. Exegetische Hinweise zu Matthäus 6, (5-6) 7-13 (14-15)

 

In Mt. 6, 1 findet sich die redaktionelle Überschrift über den ganzen Gedankenzusammenhang: Es geht um das Thema „Gerechtigkeit“ in seiner typisch matthäischen Ausprägung: „Achtet darauf, dass ihr eure Gerechtigkeit nicht vor den Menschen tut, um von ihnen gesehen zu werden…“ (Übers. Strecker S. 101, Hervorh. TP). Das Vokabular des einleitenden Verses ist typisch matthäisch – die redaktionelle Bearbeitung des Absatzes der Bergpredigt konfrontiert uns insofern auch direkt mit der Theologie des Matthäus, die mit „Gerechtigkeit“ theologisch deutlich anders umgeht als Paulus: Gerechtigkeit wird durchaus auch als Anstrengung des Menschen, als Streben nach Gerechtigkeit verstanden, durch das einer vor Gott wohlgefällig wird.

 

Mit der Ermahnung, „nicht wie die Heuchler“ um öffentlicher Anerkennung willen zu beten (v 5), verweist das Gebet prinzipiell ins Arcanum der innigen Zwiesprache mit Gott (v 6). Öffentliche Zurschaustellung des Gebetes mit dem funktionalen Ziel egoistischer Selbstdarstellung bedeutet, das Gebet zu pervertieren. Die Aufforderung, die Betenden sollten nicht „plappern“ („battalogein“; v 7), setzt das Vertrauen als Grundhaltung des Betenden voraus: Ein tiefes Vertrauen in Gott den Vater im Sinn der fides qua creditur bildet das Zentrum des Glaubens. Solcher Glaube motiviert und ermöglicht, alle Anliegen vor Gott auszubreiten. Dieses Ausbreiten lebt von der Beziehung zu Gott und schafft Beziehung vom Glaubenden her zu Gott – es ist kein zweckrationales Bitten um Erfüllung eigensüchtiger oder auch altruistischer Zwecke (v 8). Nicht Gott wird bewegt, sondern die Wirklichkeit Gottes wird hineingeholt in das Bewusstsein der fragmentarischen, brüchigen, katastrophalen Gegenwart des Menschen.

 

Das Gebet webt den Betenden in die Gemeinschaft der Betenden hinein in ein Beziehungsgeflecht, das die gegenwärtig unmittelbar erfahrbare Wirklichkeit überschreitet. Das Gebet repräsentiert die Transzendenz in der Immanenz, holt die Hoffnung auf das Kommen des Reiches in die Gegenwart, vereint das Bewusstsein der Leiden dieser Welt mit ihrer Überwindung, mit der Präsenz des Auferstandenen.

 

Für die Vater Unser-Bitten (vv 9-15) soll nun keine exegetische Kommentierung im Einzelnen erfolgen – jede Predigerin und jeder Prediger hat eigene intensive Erfahrungen mit diesem Gebet und die Auslegungsliteratur ist sehr reichhaltig – man denke nur an Luthers bekannte Auslegung im Großen Katechismus.

 

Daher nur folgende kurzen Anmerkungen:

 

Die Urfassung des Vater Unser gehört nach weitgehendem sensus communis zur ältesten Jesustradition und somit nicht nur zum jüdischen und judenchristlichen Traditionszusammenhang, sondern zur jesuanischen Verkündigung selbst. Die Bitte um das Kommen des Reiches Gottes ist zugleich zu verstehen als Bitte um und Hoffnung auf die eschatologische Verwirklichung der Gerechtigkeit Gottes, die den Rahmen für die gesamte Texteinheit bildet und zum Kernbestand der Verkündigung Jesu gehört.

 

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so erscheint, hat die Bitte um die Heiligung des Namens Gottes direkte ethische Implikationen, die der Theologie des Matthäus zuzuordnen sind. Erinnert sei an Lev 11, 45: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig“. Gemäß dieser Verknüpfung bedeutet „den Namen Gottes heiligen“ nichts anderes, als den Willen Gottes tun und seine Gebote anzuerkennen (vgl. Strecker, 117). Ganz anders als Paulus setzt Matthäus die ethischen Aktivität des Menschen nicht als „Frucht der Rechtfertigung“, sondern als, wenn auch fragmentarisches, gesetzeskonformes Handeln des Menschen an. Die starke ethische Ausrichtung z.B. der dritten Vater Unser-Bitte erhellt auch aus der Parallele zu Mt. 12, 50: „Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter“. Insofern wird der Prediger / die Predigerin sich entscheiden müssen, wie sie mit der Begründung ethischen Handelns im Kontext von Gebetsbitten umgehen wollen, die einen so starken ethischen Nebensinn haben.

 

Die Frage des „usus legis“ kann hier nicht ausgeblendet werden, will man den Evangelisten als Redaktor ernst nehmen. Auf die eine oder andere Art und Weise werden Glaube und Handeln miteinander verwoben werden müssen. Ob heute noch die Trennlinie an dieser Stelle zwischen „evangelisch“ und „katholisch“ verläuft, mag füglich bezweifelt werden. Nicht nur konfessionstheoretische, sondern lebenspraktische Gründe sprechen sehr dafür, den „Indikativ“ des Vertrauens dem „Imperativ“ der moralischen Forderung vorzuordnen. Das Leben in Beziehungen hat in sich selbst Forderungscharakter, will der darin lebende Mensch nicht sein Leben verfehlen.

 

 

 

3. Nachhaltigkeitsbezug

 

Man kann davon ausgehen, dass alle im Gottesdienst Versammelten eigene, vermutlich sogar vielfach sehr intensive Erfahrungen mit dem Text der Predigt, dem Gebet und zumal dem Vater Unser in der Fassung des Matthäus gemacht haben. Es kann also nicht darum gehen, ganz neu zu erklären, was es mit dem Herrengebet auf sich habe. Wohl aber kann die Situation genutzt werden, Vertrautes in einen neuen Rahmen zu fassen und dadurch neue Bezüge herzustellen – den Text zu „re-framen“.

 

Das grundsätzliche Verständnis des Gebetes, das der matthäische Jesus als Grundlage des exemplarischen und elementaren Vater Unser entfaltet, drückt die Besonderheit des christlichen Gottesverhältnisses aus, das von einem Vertrauen über alles Sichtbare und Hoffbare hinaus gespeist ist. Ob es nun um Nachhaltigkeit oder andere Themen des Weltumgangs geht, immer ist diese Haltung Voraussetzung und Ermöglichungsgrund, mit der je spezifischen Thematik in „christlicher“ Weise umzugehen. Bei der Nachhaltigkeit haben wir es mit dem allzu laxen Umgang der einzelnen und der Weltgemeinschaft mit den Herausforderungen der Zukunft zu tun – dabei wird einem ständig angst und bange. Der christliche Glaube bietet eine Grundlage des Handelns, die den Ernst der Lage nicht verkennt und dennoch handlungsfähig bleiben lässt, weil er Ausdruck eines Vertrauens über alles menschlich Denkbare hinaus ist, einer Hoffnung wider alles Hoffen.

 

Dies ist der Anknüpfungspunkt für eine Predigt zum Thema Nachhaltigkeit, die von dort aus jedes beliebige Detail der gerade aktuellen Debatte thematisieren kann. Selbstverständlich ist es angemessen, die liturgische Gestalt des ganzen Gottesdienstes an diesem dem Gebet gewidmeten Sonntag auf das Thema abzustimmen. Z.B. können Gruppen, die sich in der Gemeinde mit den Anliegen der Nachhaltigkeitsdebatte beschäftigen, in die Gestaltung des Gottesdienstes, von Klage und Lob und in die Praxis der Fürbitten einbezogen werden.

 

 

 

4. Konkretisierungen

 

Um die Auseinandersetzungen über nachhaltige Entwicklung in den Raum der Predigt hineinzuholen, würde ich mit einer Nachrichten-Collage zum Thema beginnen, z.B.:

 

Pressemitteilung. Montreal 10.12.05. Die Verhandler des UN-Klimagipfels in Montreal haben große Fortschritte auf dem Weg zu einem Klimaschutzabkommen nach 2012 gemacht. Jetzt ist das im Januar in Kraft getretene Kyoto-Protokoll mit all seinen Mechanismen voll arbeitsfähig. „Damit ist der wichtigste Baustein des internationalen Klimaschutzes solide verankert“, erklärt Christoph Bals, Politischer Geschäftsführer von Germanwatch.

 

Es wurde eine Studie präsentiert, wonach bei einer im Trend zu erwartenden Entwicklung der Emissionen die 70prozentige Wahrscheinlichkeit besteht, dass der für Europa so wichtige Golfstrom bis 2200 abreißt.

 

„… schnell ist der Klimawandel, langsam ist die Politik“, kommentiert Bals.

 

So oder mit dichteren und aktuelleren Schnitten, könnte die Spannung zwischen gelingenden Fortschritten und verzweifeltem Scheitern eingeholt werden. Aktuelle Textgrundlagen, Nachrichten und Kommentare kann man sich jederzeit aus dem Internet holen.

 

In diese Spannung sind wir gestellt, hier steht unsere Verantwortung auf der Probe.

 

Fertige Rezepte für den Umgang mit den großen gesellschaftlichen Konflikten um eine nachhaltige Entwicklung haben wir auch nicht. Christinnen und Christen aber haben ein anderes Pfund, mit dem wir wuchern können: Mitten in Konflikten, in schier aussichtsloser Lage vermittelt der Glaube eine Hoffnung wider alles Hoffen, die uns nicht verzweifeln lässt. Selbst dort, wo alles zerbricht, trägt das Vertrauen in Gott…

 

Christen wissen sich eingewoben in ein Netz von Beziehungen, das die Reichweite jedes einzelnen bei weitem übergreift. Ja, mit dem Beten des Vater Unser weben wir uns mit hinein in ein Netz der Hoffnung, das sich an den jenseitigen Gott klammern darf, weil er so diesseitig geworden ist. Weil Gottes Reich mitten unter uns wächst, werden wir mitgenommen in den Strom der Verheißung, der schon von den alten Propheten seinen Ausgang nahm. Hier kann jeder von uns seine eigene kleine oder große Aufgabe wahrnehmen, hier ist der Ort unserer Verantwortung mitten im Leben…

 

Es ist leicht und manchmal auch allzu billig, der „großen“ Politik und ihren Vertretern „Heuchlertum“ vorzuwerfen, auch wenn wir uns über die großen Worte so mancher Konferenz und den Zwergentaten, die ihnen folgen, wundern müssen. Wenn Jesus im Evangelium des Matthäus vor Heuchlertum im Gebet warnt, dann sicherlich auch davor, dass wir anders reden als wir dann zu handeln bereit sind. Möglicherweise müssen wir uns ja in Konflikte begeben, in Konflikte mit den Interessen anderer, in Konflikte mit unserer eigenen Bequemlichkeit. Nicht auf die anderen und ihr Scheitern zu schielen, sondern selbst in die Verantwortung einzutreten, dort wo ich im Leben gerade stehe, das mag das erste Mittel gegen „Heuchlertum“ sein.

 

Auf der Basis dieser Gedanken können und müssen aktuelle Herausforderungen angenommen werden, wie sie gerade in der makropolitischen Situation oder in der Gemeinde, im Stadtteil, in Dorf und Region manifest werden, wie z.B.:

 

  • Konferenzen im Kontext des Nachhaltigkeitsthemas
  • Stadtentwicklung, Entwicklung des ländlichen Raumes, Zusammenhang von Arbeit und Leben in Stadt und Land
  • Das Gemeindeleben. Welche Rolle spielt das Gebet?
  • Zum Verhältnis von Glaube und (ethischem) Handeln

 

 

 

Wenn die Gemeinde bisher keine eigene Praxis in dem Themenfeld hat, könnte Kontakt zu örtlichen Agenda 21-Gruppen aufgenommen und diese am Gottesdienst beteiligt werden, ähnlich Eine-Welt-Gruppen usw. Letzteres würde sich gerade dann anbieten, wenn die Weltperspektive durch den Missionsgedanken eine besondere Rolle spielt.

 

Aus den unendlich vielen, schönen Gebeten und Besinnungen sei eines von Hanns Dieter Hüsch zitiert, das von Liebe und Zuversicht singt in einer zerrütteten Welt (Blum, Hüsch, aaO. 38):

 

 

 

Psalm

 

Solange in meinem Herzen
Und in meinem Kopf der Gesang
Von Liebe und Zuversicht wohnt
Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten
Zu spüren ist
Freundschaft und Friede mit allen Kreaturen
In meinen Augen sitzen
Solange wird es auch diese Erde geben
Mit all ihren Menschen
Die guten Willens sind
Die über sich hinaus-wachsen
Und es eines Tages doch noch schaffen
Den Halsabschneidern und Blutsaugern
Kindermördern und Frauenschändern
Und ihren feinen Handlangern im Hintergrund
Das Handwerk zu legen
Auf dass die Erde Heimat wird für alle Welt
Solange unsere Herzen dafür schlagen
Dass sich die Utopie erfülle
Im Kleinen wie im Ganzen
Solange wir leben und wachsen
Solange gibt es sie auch.

 

 

 

5. Texte u.a.

 

Blum, Michael; Hüsch, Hanns Dieter: Das kleine Buch zum Segen, Düsseldorf 3/1999

 

Frankemölle, Hubert: Matthäus. Kommentar 1. Düsseldorf 2/1994

 

Luz, Ulrich: Evangelisch - Kath. Kommentar zum NT / Matthäus 1. Das Evangelium nach Matthäus, 1. Teilband: Mt 1 - 7. Bd. 1 / 1.; Düsseldorf 2002

 

Schneider-Quindeau, Werner: „Die Reichen ins Gebet nehmen“ – ein Gottesdienstentwurf. In: Reichtum & Armut. Arbeitsmaterialien für Gemeinde, Schulen, Gruppen. Heidelberg 2003, S. 22-26

 

Strecker, Georg: Die Bergpredigt. Ein exegetischer Kommentar. Göttingen 2/1985

 

Dr. Thomas Posern, Mainz

 

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