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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

22. Apr. 07 - 3. Sonntag der Osterzeit / 2. So. n. Ostern (Miserik. D.)

ev. Reihe V

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

Joh 21, 15-19

Apg 5, 27b-32.40b-41

Offb 5, 11-14

Joh 21, 1-19 oder
Joh 21, 1-14


Der Autor geht auf alle vier Perikopen des Sonntags ein. Stichworte: Vor- und Nachteile bzw. Funktionalität von „Vernetzung“, sich am christlichen „Netzwerk des Lebens“ aktiv beteiligen (Joh 21); Konflikt zwischen Gottes- und Menschengehorsam, Bekenntnis zum jüdisch-christlichen Gott gegen die „Religion des Marktes“, Mut (Apg 5); Schrecken und Ungerechtigkeit wahrnehmen, genau hinsehen, das Leiden der Schöpfung erkennen, aktive Weltverantwortung (Offb 5)

 

 

 

 

Joh 21,1-19

 

 

 

Das Evangelium der katholischen Leseordnung und der evangelische Predigttext stammen aus dem redaktionellen Schlusskapitel des Johannesevangeliums. Nach dem Abschluss des Evangeliums in Kap. 20 hat die Redaktion mit Blick auf die Gemeinden aus unterschiedlichen Einzelstücken ein Kapitel mit sinnerschließender Funktion für die damaligen kirchlichen Leser gestaltet.

 

 

 

Im ersten Teil der Erzählung (VV 1-14) sind zwei Themen ineinandergeschoben: ein Wunderbericht vom reichen Fischfang und eine österliche Erscheinungsgeschichte. In der Darstellung des erfolglosen Fischfangs der Jünger spiegelt sich das Bild einer entmutigten Gemeinde, die zwischen Resignation und Neubeginn schwankt. Betont wird das Motiv des Vertrauens. Obwohl die Jünger den Auferstandenen nicht erkennen, hören sie auf ihn und werden für diesen Glauben belohnt. Den „kopflos“ gewordenen Christen wird zugesprochen, dass der Herr auch im Alltag nach wie vor da ist und dass Erfolg nicht ausbleibt, wenn sie seinem Wort folgen. Die Mahlszene verdeutlicht diese fortdauernde Gemeinschaft Jesu mit den Jüngern bzw. der Gemeinde, seine Anwesenheit im (eucharistischen) Mahl. So wird herausgestellt, dass der fortgegangene Herr weiter in seiner Gemeinde lebt und die Geschichte Jesu mit den Menschen nicht zu Ende ist.

 

 

 

Im zweiten Teil (VV 15-19) wendet sich Jesus allein dem Simon Petrus zu. Damit tritt dieser noch deutlicher als zuvor in den Vordergrund der Perikope. Petrus wird in seinem Charakter beleuchtet (V 7b), und mit dem Hirtenamt betraut (V 15-17). Sein Todesgeschick wird aufgedeckt und gedeutet (V18f.). Über Ostern hinaus wird das Interesse an Petrus aufgenommen in den Raum der Gemeinde. Zweifelhaft bleibt, ob in diese Stelle die Oberleitung der Kirche wie Jurisdiktionsgewalt des Petrus hineingelesen werden kann. Daneben zeigt sich ein Interesse an der Person und Bedeutung des Jüngers, den Jesus liebte, vor allem im Verhältnis zu Petrus. Nur der Lieblingsjünger erkennt den Auferstandenen; ihm ist primäres Zeugnis eingeräumt (V 7b). In den beiden Gestalten hat das Thema „Amt und Charisma in der Kirche“ seinen Niederschlag gefunden. Die Gemeinde des Johannes weiß bei allem Respekt vor Petrus um ihre eigene geistliche Kompetenz. Ihr besonderes Spezifikum scheint das „Erkennen“ zu sein, bei dem es sich nicht um einen rationalen, intellektuell-wissenschaftlichen Erkenntnisprozess handelt, sondern um eine vom Glauben getragene, schauende Begegnung mit dem Herrn.

 

 

 

Verbindungen zur Nachhaltigkeit

 

Einen Anknüpfungspunkt zum Thema „Nachhaltigkeit“ in dieser Perikope bietet das Bild des Netzes. Dazu einige Assoziationen:

 

 

 

- Vielfältige Netze durchziehen das Leben. Verkehrs- und Kommunikationsnetze ermöglichen weltweite Kontaktaufnahme. Alles und jedes vernetzt sich. Doch in den damit gegebenen Fortschritt mischt sich die bange Frage, ob sich die Menschen am Ende in ihren Netzen selbst verheddern und strangulieren, statt von ihnen gehalten und aufgefangen zu sein.

 

 

 

- Menschen leben mit der Erfahrung des Scheiterns und der Erfolglosigkeit eigener Anstrengungen. Wie die Jünger stehen sie angesichts leerer Netze vor der Frage, ob alles umsonst war. Das sind Situationen, die Helmut Gollwitzer als Nacht beschreibt, „in der man Menschen nicht in Verbindung mit dem lebendigen Gott bringen kann.“

 

 

 

- Diese Erfahrungen und Fragen lassen uns die Notwendigkeit von Netzwerken spüren, die nicht gefangen nehmen, sondern Leben ermöglichen, weil sie hilfreich verbinden, Halt geben, hoffen lassen. „Vernetzung“ ist ein Schlüsselwort für die Beschreibung vieler Herausforderungen unserer Zeit. Es ist ein Hoffnungswort in Zeiten des Umbruchs – auch und gerade, wenn es um die „Bewahrung der Schöpfung“ geht.

 

 

 

- Wilhelm Korff hat im Rückgriff auf das lateinische Wort „rete“ (Netz) den Begriff „Retinität“ als Schlüsselprinzip der Umweltethik geprägt (vgl. Sellmann / Conein). Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass Mensch und Schöpfung eng miteinander vernetzt sind und die damit gegebenen vielschichtigen Beziehungszusammenhänge systematisch beachtet werden müssen. Die Entwicklung menschlicher Zivilisation muss an die Entfaltungsbedingungen der Natur zurückgebunden sein. Die „Vernetzung“ von ökonomischen, ökologischen und sozialen Prozessen ist die Handlungsmaxime nachhaltiger Entwicklung.

 

 

 

- Damit entsteht das Bild eines Netzes, in dem Menschen mit der Schöpfung Gottes eng verknüpft sind. Es ist zugleich ein Netz, das alle heute lebenden Menschen miteinander verbindet und darüber hinaus die heute lebenden Generationen mit denen, die nach uns auf dieser Welt leben werden. Es erinnert und mahnt, sorgsam mit der Schöpfung umzugehen und nicht auf Kosten der Zukunft dieser Erde und ihrer Kinder und Kindeskinder zu leben.

 

 

 

- In ein solches Netz des Lebens ist Gott selbst mit eingebunden. In seiner Menschwerdung in Jesus Christus hat er unzerreißbar mit den Menschen angeknüpft. Jesu Wort ist ein Wort, das leere Netze füllt. Auf dieser Grundlage können sich Christen voller Hoffnung und Mut den Fragen der Gegenwart und dem Auftrag, die Schöpfung zu bewahren, stellen.

 

 

 

- Die Vernetzung mit Gott, Schöpfung und den Menschen, in und von der Christen leben, wird dann glaubwürdig und überzeugend, wenn Christen ihre Gaben und Fähigkeiten in das Netzwerk einbringen, miteinander kommunizieren und sich engagieren. So entsteht ein Handeln, in dem Subjektivismus des Einzelnen, der Welt und den Menschen abgewandte Verinnerlichung, rücksichtsloser Fortschritt und Raubbau an der Natur aufgebrochen wird. Ein die Schöpfung bewahrendes Netz, das nicht zerreißt.

 

 

 

Literatur:

 

Josef Ernst, Johannes, Düsseldorf 1991

 

Rudolf Schnackenburg, Das Johannesevangelium 13-21 (HThKNT IV/3), Freiburg/Br. 1975

 

Matthias Sellmann / Stephanie Conein (Hg), Vernetzen lernen!, Bad Honnef 1998 (hier auch der Hinweis auf Wilhelm Korff, Wirtschaft vor den Herausforderungen der Umweltkrise, in: Zur christlichen Berufsethik – Kirche im Gespräch 22, Bochum 1991, 9-36, 25).

 

 

 

 

 

Apg 5, 27b-32. 40b-41

 

 

 

Der Lesungstext aus der Apostelgeschichte ist Teil eines dramatischen Erzählzusammenhangs, der sich an das Summarium von Gottes Wirksamkeit durch die Wundertaten der Apostel (Apg 5, 12-16) anschließt. Die lukanische Komposition Apg 5, 17-42 berichtet, wie die religiöse Obrigkeit aus Eifersucht die Apostel wegen ihres missionarischen Erfolges gefangen setzen lässt. Durch ein Wunder werden sie befreit und setzen ihre Verkündigung fort. Sie werden erneut festgenommen und wegen ihres Verstoßes gegen das Predigtverbot verhört. Petrus rechtfertigt sich mit dem Hinweis, man müsse „Gott mehr gehorchen als den Menschen“ und legt ein Bekenntnis zum auferstandenen Gekreuzigten ab. Das erzürnt die religiöse Führung so, dass sie beschließt, die Apostel zu töten. Durch die Intervention des Pharisäers Gamaliel werden die Apostel freigelassen, nachdem sie gefoltert und erneut mit einem Predigtverbot belegt worden sind (VV 33-39). Dieses hält sie allerdings nicht davon ab, ihre missionarische Tätigkeit fortzusetzen.

 

 

 

Lukas betont zugleich die Furchtlosigkeit der Zeuginnen und Zeugen des Auferstandenen und die Unaufhaltsamkeit der von ihnen verkündeten Botschaft. Das Evangelium erweist seine göttliche Kraft, indem Verkündigung und Ausbreitung weitergehen. Damit verschärft sich der Konflikt mit der Obrigkeit: Während beim ersten Verhör nur ein Predigtverbot ergeht (Apg 4, 1-22), kommt es beim zweiten zur Geißelung (Apg 5, 21-42) und schließlich zum Martyrium des Stephanus (Apg 7, 54-8, 1a).

 

 

 

„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ – das im Mittelpunkt des Textabschnittes stehende Petrus-Wort ist in der Kirchengeschichte nicht mehr verstummt. Es war zu vernehmen in den lukanischen Gemeinden angesichts der Forderung, den römischen Kaiser als Gott zu verehren, in der Zeit der Christenverfolgungen ebenso wie in der Reformationszeit und im „Kirchenkampf“ des „Dritten Reiches“.

 

 

 

In Verbindung mit dem sich daran anschließenden Bekenntnis des Petrus zum „Gott unserer Väter, der den Gekreuzigten auferweckte“, ist der Satz auch heute dringliche Mahnung, am jüdisch-christlichen Gottesglauben festzuhalten. Dies gilt insbesondere angesichts und gegenüber der „Religion des heiligen Marktes“, wie sie von Walter Benjamin schon 1921 in seinem Fragment „Kapitalismus als Religion“ beschrieben wurde. Diese „Religion“ droht alle Lebensbereiche dem ökonomischen Prinzip unter zu ordnen und verlangt die demütige Unterwerfung des Menschen unter die Vorsehung des Marktes. Je mehr und je unbedenklicher der Ökonomismus alles Leben nach seinem Gesetz zu bestimmen trachtet, umso mehr nehmen die Anlässe zum Konflikt zwischen Gottes- und Menschengehorsam zu. Denn im Gegensatz zum „Marktreligion“ glauben Christen an einen Gott, der Gerechtigkeit für alle Menschen und Befreiung von den Götzen der Gewalt – und so wohl auch von den Götzen des Marktes – gebietet und schenken will. „Gott mehr als den Menschen zu gehorchen“ bedeutet, die Erinnerung an die Opfer wach zu halten und gegen Ungerechtigkeit, Krieg und Umweltzerstörung zu protestieren – um der Menschen und der Schöpfung willen.

 

 

 

„Gott muss man mehr gehorchen als den Menschen“ – Mit fast denselben Worten wie der Evangelist Petrus und die Apostel lässt Plato in seiner „Apologie des Sokrates“ (apol 29) diesen zu seinen Richtern sprechen. Lukas wird die Stelle zumindest gekannt und förmlich als Vorbild genommen haben. Ihn interessierte wohl vor allem die Frage, wie man der Forderung genügen könne, wenn man kein Sokrates oder Plato, sondern so ungebildet und zum Zeugnis so ungeschickt ist wie die Fischer, die Jesus zu Aposteln berief. Von Petrus und den Aposteln wird berichtet, dass sie der Pfingstgeist mit Glaubensmut erfüllte und zum Zeugnis drängte, wo ihnen Menschen Schweigen geboten. Das ist Ermutigung, ebenso Mut und Courage zu zeigen im Widerspruch zum Faktischen, nicht weg zu schauen, nicht zu schweigen, und nicht zu sagen: „Ich kann da sowieso nichts machen!“ Gott sei Dank gibt es auch heute solche Menschen, die Mut haben und Mut machen, es ihnen auf die je eigene Weise und am eigenen Platz gleichzutun.

 

 

 

 

 

Offb 5, 11-14

 

 

 

Der Lesungstext ist Teil der Himmelsvision in Offb 4-5. Johannes will mit dieser Vision nicht einfach ein Bild des Jenseits präsentieren, sondern seiner Sehnsucht nach einer anderen Welt, seiner Hoffnung auf „einen neuen Himmel und eine neue Erde“ (Offb 2, 1) Ausdruck geben.

 

 

 

Für das Verständnis des Textes ist es notwendig, die Johannesoffenbarung als literarischen Ausdruck der apokalyptischen Bewegung zu verstehen. Die Apokalypse ist wichtige Bewegung am Ursprung des Christentums, die tief in der Geschichte Israels und in den prophetisch-apokalyptischen Strömungen wurzelt. Ihre Kernzeit umfasst die Jahre zwischen ca. 180 v. Chr. bis etwa 100 n. Chr. Das Buch Daniel (verfasst zwischen 176 und 162 v. Chr.) und die Johannesoffenbarung (verfasst zwischen 90 und 96 n. Chr.) markieren die beiden äußersten Pole dieses geschichtlichen Horizonts.

 

 

 

Apokalyptische Literatur ist Literatur von unterdrückten, ausgeschlossenen und verfolgten Menschen. Sie bringt die Weltsicht der damals ärmsten Bevölkerungsschichten zum Ausdruck. Deshalb muss ein besonderes Augenmerk auf den sozio-historischen Kontext der Texte gerichtet werden. Die Johannesoffenbarung entsteht in einer furchtbaren Zeit der Verfolgung, Ausgrenzung und dauernden Unterdrückung von Christen unter der Herrschaft des Kaisers Domitian (81-96 n. Chr.) in der römischen Provinz Asia, der heutigen Westtürkei. Sie wurden verfolgt, weil sie sich der „Loyalitätsreligion“ der Kaiserzeit verweigerten und den politischen Machtanspruch Roms in Frage stellten. In den jungen Gemeinden versuchten sie, die Machtstrukturen der Gesellschaft aufzuheben und das Leben miteinander umfassend neu zu gestalten. Christen wurden als illoyale Bürger mit Gefängnis, Verbannung oder Tod bestraft. Offensichtlich war auch Johannes wegen seines Bekenntnisses zu Jesus dem Messias von den römischen Behörden nach Patmos deportiert worden.

 

 

 

Als „Widerstandsliteratur“ scheuen die apokalyptischen Texte der Bibel die kritische und gefährliche Analyse nicht und haben den Mut, für die Wahrheit Namen und Bilder zu finden, um sie aussprechen zu können. Johannes versucht gegenüber der Definitionsmacht der römischen Sieger mit apokalyptischen Bildern und Stimmen einen Gegenraum zu eröffnen, in dem Überleben und Widerstand möglich ist.

 

 

 

In der Himmelsvision macht er deutlich, dass er trotz aller widersprüchlichen Erfahrungen und wider alle Hoffnungslosigkeit seiner Zeit am Glauben festhält, dass nicht Domitian, sondern Gott die Mitte der Welt ist. In einer Welt, in der ein Kaiser mit Gewalt regiert, in der menschliche Herrschaft zu siegen scheint, bekennt sich Johannes zu dem, dem allein „Preisung und Ehre, Herrlichkeit und Gewalt“ (Übersetzung von Friedolin Stier) gebührt. Alle Geschöpfe im Himmel, auf der Erde, in der Unterwelt und im Meer sowie unzählige Engel um den Thron stimmen ein in den Lobpreis Gottes, der Schöpfer ist und auch Erlöser.

 

 

 

Die Johannesoffenbarung ist Ermutigung für die damaligen Gemeinden, zum einen die Leiden der aktuellen Zeit und deren Konflikte wahrzunehmen und in ihnen zu widerstehen, und zum anderen in der Hoffnung auf die Wiederkunft des Herrn das Ende des Leidens zu erwarten. Sie ist zugleich Ermutigung und Mahnung für uns heute, denn auch heute leiden Menschen und Kreaturen daran, dass ihnen durch Krieg, Armut, Hunger, ökologische Zerstörung das Leben vor dem Tod verweigert wird. Die Ursachen dieser Entwicklung liegen damals wie heute in einem menschenverachtenden System von Politik und Ökonomie, das allerdings in unserer Zeit globale Auswirkungen hat.

 

 

 

Als Konsequenzen daraus können benannt werden:

 

 

 

1. Der Seher Johannes lehrt uns, die Welt, in der wir leben, genau wahrzunehmen. Er ist ein Seher, der nicht nur in die Zukunft schaut, sondern zunächst in die Gegenwart. Er schaut nicht weg. Er schaut hin, nimmt die Schrecken und Ungerechtigkeit seiner Zeit wahr und schreit Zorn und Wut darüber heraus. Indem er auch über die Gegenwart hinaus schaut, erweist er sich als Seher mit Durch-, Über- und Weitblick.

 

 

 

Die Welt wachsam im Blick zu halten und die Empfindlichkeit für das Leiden der anderen neu zu lernen ermöglicht es, die Kehrseite des neuzeitlichen Fortschritts wahrzunehmen: Die unzähligen Opfer offenbaren die tödlichen Grenzen reicher Gesellschaften, die sich immer kriegerischer zeigen und in denen spätestens angesichts der ökologischen Verwüstungen die Unmöglichkeit offensichtlich wird, Schutz in den eigenen vier Wänden zu suchen. Christlicher Glaube nimmt solidarisch Anteil am Leiden der ganzen Schöpfung und sehnt sich mit ihr nach Erlösung (Rö 8, 18-25); solche Solidarität aber zeigt sich im verantwortlichen und liebevollen Umgang mit Welt und Schöpfung.

 

 

 

2. Wissenschaft und Technik haben ungeahnte Möglichkeiten eröffnet und zugleich ungeheure Gefahren heraufbeschworen, die die Zukunft der Menschheit in Frage stellen. Die bange Frage „Werden wir überleben?“ lässt sich nicht mehr eindeutig beantworten. Angesichts der globalen Überlebenskrisen unserer Zeit bietet die Offenbarung des Johannes die Vision einer gerechten Welt. Das ist das zeitgemäße Anliegen und die bleibende Bedeutung der biblischen Apokalyptik. Sie hält den uralten Menschheitstraum von einer neuen Welt lebendig, in der „Gerechtigkeit wohnt“ (2 Petr 3, 13), visualisiert die unstillbare Sehnsucht nach einem Zeitalter ohne Knechtschaft und Leid (Offb 7, 17; 21, 4;) und hilft, an der gegenwärtigen Welterfahrung nicht zu verzweifeln und zu zerbrechen.

 

 

 

3. Die Himmelsvision stärkt nicht nur Ausdauer und Hoffnung angesichts entmutigender oder gar unerträglicher Lebenserfahrungen. Sie setzt darüber hinaus auch positive Kräfte frei, die zum aktiven Einsatz für andere anspornen und so der Vision von einer gerechten Welt Glaubwürdigkeit und Nachdruck verleihen. Sie ist Motivation für soziales, politisches, humanitäres und ökologisches Engagement. Es geht nicht um untätiges und verträumtes Zum-Himmel-Schauen, sondern um aktives Mitgestalten der Gegenwart im Blick auf die Zukunft. Apokalyptik bedeutet nicht passive Weltflucht, sondern aktive Weltverantwortung.

 

 

 

Der Glaube an die Wiederkunft des Messias bewährt sich in einer politischen Praxis, die nicht länger daran glaubt, alles müsse so weiter laufen wie bisher. Sie weigert sich, Befreiung als Evolutionsprodukt zu denken. Sie hofft auf die Erlösung und auf die Ankunft des Messias, welche auch das Ende der Leiden bringt. Aber wann kommt der Messias? - „Heute, wenn wir auf ihn hören“, antwortet der jüdische Talmud. Wie hört man seine Stimme? - Johannes auf Patmos hat die Stimme seines Messias Jesus vernommen und das Erfahrene als Manifest der Hoffnung niedergeschrieben. Es ist eine Hoffnung, die nicht mit menschlichem Zukunftsoptimismus nach dem Motto „Irgendwann einmal wird es uns besser gehen“ zu verwechseln ist. Die bei Johannes gemeinte Hoffnung tritt vielmehr da auf, wo die menschliche Situation ausweglos ist, wo der Fortgang der Geschichte blockiert wird. Hoffnung ist dann der Ausdruck des „Trotz alledem“; Hoffnung heißt, Geschichte zu gestalten, wenn nach unserem Ermessen alles zwecklos ist. Hoffnung ist dann Akt der Revolte gegen die Unabänderlichkeit des Systems. Sie stellt sich gegen Resignation und Hybris, umfassende Befreiung in der Geschichte zu erlangen, und verweist darauf, was sie noch vom Himmel und der neuen Erde trennt. Solange nicht jede Träne abgewischt und jedes Leiden ausgelöscht ist, ist das, was ist, noch nicht alles.

 

 

 

Literatur:

 

Kuno Füssel, Im Zeichen des Monstrums, Freiburg/Schweiz 1986

 

Christoph Hof, Andernach

 

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