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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

6. Apr. 07 - Karfreitag

ev. Reihe V

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

Mt 27, 33-50 (51-54)

Jes 52, 13 - 53, 12 

Hebr 4, 14-16; 5, 7-9

 

Die Autorin geht auf die Predigtperikope der ev. Reihe V und den Text der kath. 1. Lesung ein. Stichworte: Einsatz für Gerechtigkeit und Liebe / andere Lebens- und Umgangsformen als „Unruhestiftung“ (Mt 27); „gekreuzigte Schöpfung“: Leid in seinen Variationen erkennen und handeln in christlicher Rechtfertigung

 

 

Predigtsituation - Kirchenjahreszeit

 

Der Karfreitag war in der Vergangenheit der höchste evangelische Feiertag. In vielen pfälzischen Kirchengemeinden war es früher üblich, an Karfreitag das einzige Abendmahl im Jahr zu feiern, an dem die Menschen schwarz angezogen teilnahmen. Auch der Rest des Tages wurde in einer eher feierlichen, ernsten Stimmung verbracht. Kein Lokal war geöffnet. Heute ist das nur noch in der Erinnerung der älteren Gemeindeglieder präsent. In den letzten Jahren hat der Karfreitag in den meisten Gemeinden und vor allem im Bewusstsein der Öffentlichkeit an Bedeutung verloren. Nur noch die Kerngemeinde ist anwesend. Es hat offensichtlich eine Bedeutungsverschiebung in Richtung Ostern stattgefunden. Die mittlerweile auch in vielen evangelischen Gemeinden angebotenen Osternachts- bzw. Auferstehungsfeiern in unterschiedlichen Formen erfreuen sich größerer Beliebtheit als der traurige Karfreitag. Dabei ist das Thema Leiden ja überall präsent. Deshalb halte ich eine Rückbesinnung auf den ursprünglichen Wert des Karfreitags mit einer neuen Auseinandersetzung mit dem wichtigen Thema für dringend notwendig.

 

 

 

 

Matthäus 27, 33-50 (51-54) - Perikopenreihe V

Exegetische Überlegungen

Der Kreuzigungsbericht bei Matthäus folgt im Wesentlichen der Vorlage bei Markus, die wohl auch schon auf eine schriftliche Passionserzählung zurückgeht. Dabei wird der kerygmatische Charakter des Berichtes deutlich, es sind aber auch historisch zuverlässige Informationen erkennbar. Dazu zählt die Hinrichtungsart, die darauf schließen lässt, dass der römische Statthalter das Todesurteil gesprochen haben muss. Unsicher ist die Historizität der Kreuzesinschrift, eher unwahrscheinlich die des Betens des 22. Psalms. Dieser Psalm wird sehr stark betont, was auf eine theologische Absicht schließen lässt.

 

Der Zeitpunkt der Entstehung der schriftlichen Fixierung der Leidensgeschichte ist umstritten.

 

In der Passionsgeschichte wird immer wieder der Spott und der Hohn deutlich, der Jesus entgegengebracht wird. Er wird als ein sich selbst als König bezeichnender Aufrührer hingerichtet. Anders als bei Markus ist Jesus hier der aktiv Handelnde, der selbst nach Golgotha geht. Es ist nicht nur ein Gerechter, der leidet, sondern der Gottessohn höchstpersönlich.

 

Die Veränderungen, die Matthäus an der markinischen Vorlage vornimmt, zeigen, dass die Frage nach dem historischen Geschehen auf Golgotha bedeutungslos ist. Der Kreuzigungsbericht muss als Glaubenszeugnis gelesen werden. Jesu Sterben wird hier nicht direkt gedeutet, sondern im biblischen Kontext interpretiert. Nicht „die Juden“ oder „die Römer“ sind schuld am Tod Jesu, sondern verantwortlich sind Menschen, die in ihrem religiösen Urteil genau zu wissen meinen, wie sich der Gottessohn zu verhalten hat, und dass Jesus diesen Kriterien nicht entspricht.

 

Die Abgrenzung des Predigttextes ist schwierig. Wenn wir uns für die Hinzunahme der Verse 51-54 entscheiden, dann ist eine sorgfältige Auslegung der Verse 51-53 sicher sinnvoll.

 

 

Assoziationen

 

Das Thema Leiden ist menschennah und realistisch. Karfreitag ist nie vorbei und vergessen. Sich verlassen fühlen ist menschlich, andere leiden zu lassen ist un-menschlich. Warum muss Jesus diesen schweren Weg gehen? Er hat doch niemandem etwas zu Leide getan. Warum gibt es Leiden? Und was hilft uns, Leiden zu ertragen?

 

Jesus geht im Vertrauen auf Gott konsequent seinen Weg. Bis zum bitteren Ende.

 

In Gethsemane hat Jesus Ja zu diesem Weg gesagt. Zu diesem Weg, der in furchtbare, dunkle Tiefe führt. Der Evangelist Matthäus, mit dem Abstand der nachösterlichen christlichen Gemeinde, sagt uns:

 

Der Weg Jesu ans Kreuz war ganz und gar kein Irrweg. Gott hat sich zu Jesus bekannt und ihn auferweckt. Jesus lebt. Weil Jesus diesen schweren Weg gegangen ist, dürfen wir alle zu Gott kommen. Es steht kein Hindernis mehr im Weg zwischen Gott und uns. Wir brauchen auch keine Angst vor dem Tod mehr zu haben, denn in Jesu Tod hat das Leben über den Tod gesiegt. Als Jesus starb, zerriss der Vorhang im Tempel. Der große, schwere Vorhang hatte vorher verhindert, dass Menschen ins Allerheiligste des Tempels vordrangen. Dieser schwere Vorhang sollte zeigen, dass kein Mensch zu Gott kommen kann, dass der Weg zu Gott für uns Menschen versperrt ist. Durch Jesu Tod wurde für alle Welt sichtbar, dass sich das geändert hat. Wir dürfen zu Gott kommen, auf Gott vertrauen, wie Kinder zu ihren Eltern kommen können, wann immer sie es wollen und brauchen. Der Vorhang ist zerrissen, ein Erdbeben zerriss die Felsen und tote Gottesmänner und Gottesfrauen standen auf. Der Tod ist besiegt. Jesu Kreuzweg ist kein Holzweg. Er hatte einen Sinn. Gottes Nähe wird sogar im Leiden und Sterben Jesu sichtbar. Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott auch bei uns ist. So wie Gott bei Jesus war und ihm beistand, so will Gott auch bei uns sein und uns helfen. Es gibt Vieles, was weh tut und schwer zu ertragen ist. In unserer Welt gibt es viele Kreuze, die getragen und erlitten werden. Manche laden wir vielleicht sogar anderen auf. Manche werden uns aufgeladen. Wir haben all den Kreuzen dieser Welt, unter denen Geschöpfe leiden müssen, nur eines entgegen zu setzen, und das ist die Liebe, so wie Jesus sie vorgelebt hat. Je mehr wir in diese Liebe hinein wachsen, desto verletzlicher werden wir - das ist die Botschaft Jesu. Wir werden angreifbarer, wenn wir versuchen ehrlich zu sein, zu dem zu stehen, was wir für gerecht und sinnvoll halten, für das, was Gottes Wille ist.

 

Aber Gott wird uns immer wieder aufs Neue die Kraft dafür geben. Gott ist bei allen, die leiden. Gott leidet mit und hilft uns. Darauf dürfen wir uns verlassen. Dafür steht der Karfreitag als Zeichen.

 

 

Predigtthema

 

Wir haben den Kreuzen dieser Welt etwas entgegen zu setzen – die Liebe.

 

Bezug zur Nachhaltigkeit

 

Politische Unruhe geht auch heute noch nicht nur von Aufständischen aus, sondern viel mehr noch von denen, die in einer Welt voller Gewalt ihr Leben für die Gerechtigkeit und die Liebe einsetzen. So wie es auch Jesus getan hat. Deshalb machen wir uns nicht nur beliebt, wenn wir versuchen, christliche Werte in die Praxis umzusetzen. Wir werden belächelt, nicht ernst genommen oder sogar beschimpft oder verachtet. Wenn wir der so logisch erscheinenden Argumentation der Sachzwänge widersprechen, dann ziehen wir uns den Ärger Vieler zu. Wenn wir all der Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit in unserer Welt die Liebe entgegen setzen wollen, dann hat das Auswirkungen auf unser tägliches Leben. Wir können nicht achtlos an den unzähligen Kreuzen vorbei gehen, die um uns herum aufgerichtet sind. Die Kreuze für all die bedrohten oder schon ausgestorbenen Pflanzen- und Tierarten. Die Kreuze des Hungers und der Gewalt, unter denen Menschen leiden, nicht nur in Diktaturen, sondern auch in unserem täglichen Umfeld. Wie viele Kinder werden auch in unserer nächsten Umgebung seelisch gequält, indem sie lieblos behandelt werden, unter extremen Leistungsdruck gesetzt werden, mit materiellen Gütern überschüttet, aber gefühlsmäßig vernachlässigt werden. Wie oft sind wir selbst Spott und Hohn ausgesetzt, weil wir anders denken oder anders leben als es gerade opportun ist.

 

Zum Beispiel stößt es gesellschaftlich immer noch auf großes Unverständnis, wenn ein Mann seine Karriere zurückstellt, um die Kindererziehung partnerschaftlich zu teilen. Wenn wir uns für Gleichstellung zwischen den Geschlechtern einsetzen, dann werden wir als nervende Quälgeister diskriminiert. Wer sich bewusst gegen die üblichen Urlaubsformen des Massentourismus entscheidet, wird als altmodisch abgetan. Wir werden ausgelacht, wenn wir immer wieder nach der Herkunft und Herstellung der Lebensmittel fragen. Manche Menschen können nicht verstehen, dass andere sich überhaupt in einer Kirchengemeinde engagieren und spotten darüber. Und den Einsatz für eine sozialverträgliche und umweltpolitisch vertretbare Globalisierung halten viele unserer Mitmenschen für utopisch und sinnlos. Gerade kirchliche Organisationen sollten sich auch hinterfragen lassen, welche Politik und welche Machenschaften sie durch ihre Geldanlagen unterstützen.

 

 

 

Literatur:

 

Andreas Lindemann in: Gottesdienstpraxis, V,4 Gütersloh 1988

 

 

Jes 52, 13 - 53, 12

Exegetische Überlegungen

 

Der Text gehört zu den sogenannten Gottesknechtsliedern bei Deuterojesaja (Jes 40-55). Die Forschung ist sich nicht einig darüber, wer dieses prophetische Buch verfasst hat. Es könnte eine uns nicht näher bekannte Einzelperson sein, die vielleicht bei den Gottesknechtsliedern von sich selbst und ihrem eigenen Leiden spricht. Die mir wahrscheinlicher erscheinende Theorie geht davon aus, dass es sich um eine Prophetenschule handelt, die in den Gottesknechtsliedern vom Leiden des ganzen Volkes Israel spricht. Die Entstehungszeit ist vermutlich Ende des Babylonischen Exils, die Zeit der Heimkehr steht bevor.

 

Die Botschaft des Deuterojesaja geht, wie schon der Prolog (Jes 40, 1-11) zeigt, in zwei Richtungen: Das verzweifelte Volk soll einerseits aus der Klage heraus zu neuer Hoffnung geführt werden (“Tröstet, tröstet mein Volk ...“), andererseits soll bewiesen werden, dass Gott auch weiterhin in der Geschichte des Volkes wirksam ist.

 

Als die Gottesknechtslieder entstanden, hofften die Menschen, dass sich entweder am Leiden eines Einzelnen, des Messias oder auch am Leiden des ganzen Volkes Israel zeigen würde, dass Gott da ist, dass Gott mitleidet.

 

Viel später haben dann Christinnen und Christen diese Worte auf Jesus Christus bezogen. Von Jesus konnte der Verfasser 400 Jahre vorher natürlich noch nichts ahnen. Aber wir legen das heute so aus, dass wir sagen: Für uns wurde in Jesus Christus sichtbar, was der Prophet Jesaja hier meint. Wir glauben schließlich, dass sich im Leiden Jesu und in seinem Sterben am Kreuz zeigt, dass Gott bei uns sein will, wenn wir leiden.

 

 

Assoziationen

 

Unsere Welt ist voll von Leiden. Und wir erfahren täglich davon - mehr denn je. Wir sehen sie ständig, die Bilder von Menschen, die gequält und misshandelt werden, von Menschen, die hungern oder unter Krieg und Terror leiden. Wir sehen Bilder von Naturkatastrophen und sind schockiert, wie hilflos wir Menschen solchen Naturgewalten ausgeliefert sind. Wir sehen Bilder von zerstörter Natur und von leidenden Tieren. Und wir erleben es im eigenen Umfeld, wie Menschen von Krankheit und Tod gezeichnet sind. All das macht uns Angst. Das Lebensgefühl vieler Menschen in unserer Zeit ist von Angst bestimmt. Angst vor der Zukunft, Angst vor Sinnlosigkeit und Leere im Leben. Angst vor Gewalt und Unglück. Angst davor, selbst leiden zu müssen. Es gibt sehr unterschiedliche Arten, mit unserer Angst umzugehen und auf das Leiden, das wir sehen, zu reagieren. Oft genug schauen wir weg, weil wir es nicht ertragen können. Wir versuchen zu verdrängen, was uns beängstigt. Es gibt aber auch ein sensationslüsternes Zuschauen aus dem bequemen Fernsehsessel heraus, das den Abstand noch besser wahrt als das Wegdrehen. Unsere Kultur lädt uns auch eher dazu ein, das Kreuz nicht zu sehen, nicht darauf zu achten, wie viele Menschen immer noch ihr Kreuz tragen müssen. Dabei ist genaues - mit-leidendes - Hinsehen so wichtig. Nur wenn wir uns informieren, wenn wir einfühlsam Leiden wahrnehmen, dann können wir solidarisch sein und helfen.

 

Diese Sehnsucht nach jemand, der oder die sich nicht abwendet, sondern mitleidet, spricht auch aus diesem alten Text. Dieses Bild vom leidenden Knecht Gottes rührt uns an. Da hat es einer offenbar nicht nötig, sich vor fremdem Leid zu schützen. Da wendet sich einer nicht von denen ab, die krank oder schuldig geworden sind. Nein - er teilt sogar ihr Schicksal. Und er tut das völlig freiwillig und um keinen geringeren Preis als den des eigenen Lebens. Da leidet einer bis in den Tod und geht bis zur letzten Konsequenz mit denen mit, die leiden. Leid, Angst und Schuld bekommen ein anderes Gesicht, wenn im entscheidenden Moment eine Person da ist, die bei uns ist und die Hand hält. Auch wir alle haben unser ganz persönliches Kreuz zu tragen. Wir brauchen dabei aber die Hoffnung nicht zu verlieren. Denn Gott ist bei uns und will uns helfen. Gott war bei Jesus am Kreuz dabei und Gott ist auch in unserem Kreuz dabei.

 

In Jesus wurde, wie wir glauben, Gott auf ganz besondere Art lebendig und menschlich. In Jesus litt Gott mit. So zeigte sich Gott solidarisch mit allen, die leiden. Das zu wissen, kann uns helfen, mit Leid umzugehen, es nicht künstlich auszusparen, sondern damit leben zu lernen.

 

 

Bezug zur Nachhaltigkeit

 

Die “gekreuzigte Schöpfung”, die Zerstörung der Natur um uns herum und das Leiden von Tieren, die zum Beispiel völlig ohne Rücksicht auf ihre Bedürfnisse nur zu Versuchszwecken oder für unsere Nahrungsmittelindustrie gehalten und dabei gequält werden, geben uns oft das Gefühl, hilflos und ohnmächtig zusehen zu müssen. Wir spüren, dass da Lebewesen, Geschöpfe Gottes leiden müssen durch die Willkür, Brutalität und Gedankenlosigkeit der Menschen. Menschen spielen Schicksal für ihre Mitwelt. Solidarisches Verhalten ist nicht nur gegenüber den Mitmenschen erforderlich, sondern auch zum Schutz der Pflanzen- und Tierwelt. Wir müssen lernen, die Welt zu begreifen als ein System, wo alle mögliche Prozesse ineinander greifen und sich gegenseitig beeinflussen. Wir können nicht mehr so leben, als würde es uns nichts angehen, wenn irgendein Lebewesen leidet. Wir spüren die Konsequenzen letztendlich am eigenen Leibe, wenn das Gleichgewicht nicht mehr stimmt und Wasser und Umwelt verschmutzt sind.

 

 

 

Predigtthema:

 

Wie gehen wir mit eigenem und fremdem Leiden und Ohnmachtserfahrungen um? Wie zeigen wir uns solidarisch mit leidenden Lebewesen?

 

 

 

Martina Horak-Werz, Gommersheim

 

Literatur:

 

Prof. Diethelm Michel, Vorlesung in Mainz, ca. 1983

 

Claus Westermann, Das Buch Jesaja, 1966,

 

Sabine Bäuerle in: Gottesdienstpraxis, VI,2 Gütersloh 2002

 

Brigitte Menzel-Wortmann, Gottesdienstpraxis, VI,4 Gütersloh 1989

 

 

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