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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

 

 

 

5. Apr. 07 - Gründonnerstag

 

 

K. Scheunig, Mandelbachtal (BS)

 

 

2. Mose 12, 1.3-4.5-7.
11-14

 

 

Chrisam-M.: Jes 61, 1-3a.6a.8b-9
Abendmahl-M.: Ex 12, 1-8.11-14

 

 

Offb 1, 5-8
1 Kor 11, 23-26

 

 

Lk 4, 16-21
Joh 13, 1-15

 

 

 

Der Verfasser geht weniger auf die Bibelstellen im Einzelnen als vielmehr auf deren Grundlage auf die Bedeutung des Abend- oder Herrenmahls damals und heute ein. Stichworte: Verflochtenheit mit der Weltgesellschaft auch im
Abendmahl, politische Wirkung apolitischer Kirche, politisches Abendmahl: Tischgemeinschaft und
soziale Gerechtigkeit

 

 

Abendmahlsfeiern der Kirchen und ihre Relevanz für Welt und Mensch

 

 

 

Jesus sammelt am Abend des Gründonnerstags seine Jünger, um mit ihnen gemäß der Tradition des jüdischen Volkes das Paschamahl zu feiern. Dieses Mahl zum Gedenken an den Auszug aus Ägypten ist ein Lobpreis Gottes, der aus der Sklaverei befreit und den Weg freimacht, der zum Gelobten Land Israel führt.

 

 

 

Doch die Abendmahlsfeiern der Kirchen sind selbst Christen fremd geworden. In ihr werden Worte gesprochen, die uns verschlossen anmuten. Sie enthalten Gesten und Symbole, die wir kaum verstehen. Viele Zeitgenossen fragen mit Recht: Welchen Sinn hat eine liturgische Handlung, wenn sie keinen Einfluss auf den Alltag der Menschen mehr hat?

 

 

 

 

 

Frühlingsfest – Erntefest – Paschafest – Abendmahl – Herrenmahl – Eucharistie

 

 

 

Ursprung war ein Frühlingsfest und Erntefest der Hirten und Bauern im Mittleren Osten. Wenn im Frühjahr die Sonne langsam wieder an Kraft gewann, wurden die ersten Lämmer geboren. Bevor die Hirten neues Weideland aufsuchten, wurde festlich ein Lamm geopfert und gegessen. Die Bauern ernteten Gerste, gereift in der frühen Sonne und opferten und aßen das erste Brot des Jahres. Die Juden feiern bis heute ein Frühlingsfest, verbunden mit der Erinnerung an den Auszug aus Ägypten und dem Ende der Sklaverei. Wenn in der ersten Frühlingsnacht der Mond am Himmel steht, kommen sie zu einer festlichen Mahlzeit mit Lamm, neuem Gerstenbrot und Wein zusammen. Und jedes Jahr der gleiche Ritus. Der Jüngste stellt die Frage: „Warum ist diese Nacht so ganz anders als alle anderen Nächte des Jahres?" Dann erzählt der Hausvater die uralte Geschichte vom Größenwahn der Pharaonen, von der Zeit der Unterdrückung und Knechtschaft und von der einfachen Mahlzeit aus neugeborenem Lamm, neuem Gerstenbrot und Wein vor dem Exodus. So wird Pascha gefeiert; als Frühlingsfest voller Dankbarkeit für Brot, Wein und Befreiung. Denn immer wieder gibt es Menschen, die unterdrücken, quälen, foltern und über Leichen gehen. Aber immer wieder stehen auch Menschen auf, die – wie Mose – den Mut aufbringen, den Mächten zu trotzen. Tyrannei hat nie das letzte Wort; das letzte Wort hat der Befreier.

 

 

 

Das Abendmahl Jesu steht in diesem Kontext. Der Frühlingsvollmond naht, und auch er bereitet das Fest der Befreiung gut vor. In diese denkwürdige Nacht stellt er – im Angesicht seines Todes – seine prophetische Tat. Die Antwort Jesu auf die widerliche und entmutigende Aggression des Menschen gegen den Menschen sind zwei schöpferische Gesten: Sein Brot und seinen Becher mit Wein teilen.

 

 

 

Bis heute feiern Christen das Herrenmahl. Es ist eine Danksagungsfeier: Das bedeutet das griechische Wort eucharistia. Wer Eucharistie feiert, sagt Gott Dank, weil er uns auch heute befreit, so wie er damals das Volk der Hebräer befreit hatte. Wer Eucharistie feiert, verpflichtet sich, für Befreiung einzutreten und dafür zu kämpfen.

 

 

 

Während die synoptischen Evangelien und auch Paulus (vgl. 1 Kor 11, 23-26) ähnlich über das Paschamahl Jesu berichten, setzt der Johannestext vom Gründonnerstagabend (Joh 13, 1 – 15) einen anderen Akzent. „Als das Paschafest bevorstand und Jesus wusste, dass für ihn die Stunde gekommen war ..., stand er vom Tisch auf ..., band sich ein Tuch um ... und fing an, seinen Jüngern die Füße zu waschen" (Joh 13, 1 – 5). Die Nächstenliebe, der Menschendienst, ist genauso eucharistisch wie das Mahl der Christen mit Brot und Wein. Die Aufforderung Jesu, „Tut dies zu meinem Gedächtnis" (1 Kor 11, 25), beinhaltet also zweierlei: Immer wieder sollen Christen das Mahl der Liebe miteinander feiern, aber sie sollen auch solidarisch im Alltag sich für eine Welt nach Gottes Maß einsetzen.

 

 

 

Paulus kommentiert die überlieferte Tradition vom Mahl des Herrn mit dem Satz: „Sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Becher trinkt, verk ihr den Tod des Herrn, bis dass er kommt" (1 Kor 11, 26). Das Herrenmahl wird somit zu einer Mahlzeit, die redet. Anders als in den heutigen gottesdienstlichen Feiern, die eher monologisch gestaltet sind, besagt der Text, dass die Essenden und Trinkenden selber eben mit ihrem Essen und Trinken verkündigen. Auch Christen stehen auf dem schmalen Grat zwischen Tod und Leben, zwischen der Unterdrückung, dem Krieg, der Aggression und der Blüte des Lebens. Buchstäblich essend und trinkend rufen sie einander zu, an der Bewohnbarkeit unseres Planeten zu arbeiten. Sie sind davon überzeugt: Nur durch Teilen entsteht neues Leben, haben Welt und Mensch Zukunft.

 

 

 

 

 

Elemente der Nachhaltigkeit für die Verkündigung am Gründonnerstag

 

 

 

Die Verflochtenheit von Brot und Wein mit dem Schicksal der Menschen

 

Walter Dirks (1948, 827) hat auf die Verflochtenheit des Essens und Trinkens mit dem Schicksal der Menschen hingewiesen: „Das Brot, das der Schuster isst, hat der Bäcker gebacken, der des Schusters Schuhe an seinen Füßen trägt ... Wenn sich einer dagegen sträubt, gestohlenes Brot zu essen, so drückt sich darin die Erkenntnis aus, dass er in dem Brote den Diebstahl mitäße. ... Das Brot ist eben nicht nur ein technisch-chemisches Erzeugnis aus gemahlenen Getreidekörnern, Salz und Wasser, sondern es ist zugleich ein Produkt der Arbeit ... bestimmter Personen ...
Jedes Stück Brot, das auf unseren Tisch kommt, ist das Ergebnis von Hunderttausender menschlicher Handlungen,
die als höchst verwickeltes, aber auch höchst wirkliches Geflecht zwischen der Natur und unserem Frühstückskorb vermitteln."

Speise und Trank verdanken und schulden wir einander. Wenn wir essen und trinken, dann haben wir Anteil am Schicksal der Menschen von heute. Wir essen und trinken ihre Not und ihre Schuld, ihre Hoffnungen und ihre Erwartungen, ihre Arbeit und ihre Arbeitslosigkeit. Dieser Kommunion können wir nicht entkommen. Wir sind aber nicht einem vorbestimmten Schicksal ausgeliefert, das wir passiv und geduldig hinzunehmen haben. Wir sind für unsere Welt heute und die Zukunft unserer Kinder verantwortlich. Darin ist die Last unserer Verantwortung begründet. Wir kennen die Zusammenhänge einer globalen Welt. „Diese Last essen wir mit, wenn wir unser täglich Brot essen. In ihm steckt völlig wirklich und genau der Produktionszustand der Welt, ihre Ordnung und ihre Unordnung, ihr Flei und ihre Klugheit –
und ihre Schuld. ... Wir haben neuen Grund, für unser Mahl zu danken und neuen Grund, über unser Mahl zu erschrecken: Wir sind in ihm Beschenkte, Mitarbeiter und Mitschuldige in einem."
(Dirks, 1948, 831)

 

 

 

Im Juni 1992 kamen Staats- und RegierungsvertreterInnen aus etwa 180 Staaten in Rio de Janeiro zum bisher größten Gipeltreffen der Erde zusammen. In der verabschiedeten Agenda 21 wird beschrieben, was Regierungen der Staaten und Verwaltungen bis hin zur Gemeinde tun müssen, um zu einer zukunftsorientierten und nachhaltigen Entwicklung zu kommen. Grundlage der Agenda und Richtschnur für unser Handeln ist das Konzept des sustainable development, das soviel wie andauernde, fortwährende und nachhaltige Entwicklung bedeutet. Gemeint ist, dass sich die künftige Entwicklung der Menschheit so vollziehen muss, dass ein gerechter Ausgleich zwischen arm und reich erzielt und die Umwelt nicht geschädigt und zerstört wird. Es gilt die Bedürfnisse der Menschen von heute zu befriedigen, ohne die Bedürfnisse kommender Generationen aus den Augen zu verlieren. Die Agenda 21 ist davon überzeugt, dass tiefgreifende ökologische, wirtschaftliche und soziale Fragen und Probleme wie Umweltzerstörung, ungerechte Verteilung der Güter, Arbeitslosigkeit und Kriminalität in wechselseitigem Zusammenhang stehen und nicht voneinander getrennt zu lösen sind. Schon alleine das gemeinsame Essen und Trinken erinnert uns an unsere Verflochtenheit mit der Weltgemeinschaft bis in die Zukunft hinein.

 

 

 

Gottesdienst als Menschendienst, oder: Gottesdienst als politische Wirklichkeit

 

Die Tatsache, dass Menschen sich sammeln, das Herrenmahl feiern, in Wort und Zeichen die Welt deuten, ist alleine schon ein politisches Faktum. Gerade einer Kirche, die sich betont unpolitisch versteht, kommt politische Bedeutung zu. Ein rein jenseitiger Gottesdienst, der gesellschaftliche Missstände übergeht, hat stabilisierende und antireformerische Wirkung, ist in der Tat Opium des Volkes.

 

 

 

Der Autor und Dichter Huub Osterhuis beschreibt die Auswüchse eines rein jenseitigen Kultes (2004, 134): „Heilig (sind) die Vorschriften, nach denen man vor Gottes Angesicht hinzutreten und in den heiligen Raum zu schreiten (hat); heilig (sind)
die liturgischen Gefäße ... (So ist) die Liturgie nicht mehr auf die verständliche Volkssprache angewiesen ... Liturgie (wird) in einer distinguierten Gesellschaft kultiviert, und von einer zölibatären Elite manipuliert. ... Auf die Dauer (wird) die liturgische Feier für die Mehrzahl der Gläubigen zu einem schweigenden innerlichen Aufnehmen von sehr alten unverständlichen Klängen und schönen, aber ausländischen Melodien. Man (ist) der demütige Zuschauer eines bis in die absurdesten Einzelheiten geregelten Zeremoniells."

 

 

 

Wer dann noch Brot und Wein zu dinghaften Trägern des Heils macht, muss sie wie alle Objekte verwalten, bewahren und schützen. Die eucharistischen Gaben sammeln dann wie Reliquien einen Verehrerkreis um sich.

 

 

 

Was Jesus am Gründonnerstagabend vollzieht, ist eine prophetische Zeichenhandlung, an der die Mitfeiernden durch ihr Essen und Trinken beteiligt sind. Wenn es stimmt, dass im Herrenmahl die Einheit der Kirche ihren dichtesten Ausdruck findet, und dass sich diese Einheit auf dem Boden der Tatsachen und Konflikte unserer Welt darstellen muss, dann hat diese Feier nicht nur ihren binnenkirchlichen Ort, sondern auch einen gesellschaftlichen und sozialen Ort. Christen, die das Mahl Jesu feiern, dürfen sich dann nicht aus den Krisenzusammenhängen der Welt verabschieden.

 

 

 

Die Konsequenzen der Eucharistie lassen sich nicht auf den Gottesdienst beschränken. Das Ende der eucharistischen Tischgemeinschaft während der Reformation war einerseits ein geistliches Ereignis, andererseits hatte es dramatische politische Folgen, die sich im Dreißigjährigen Krieg entluden und zur Aufspaltung Europas führten. Und umgekehrt: Es ist kaum auszudenken, was etwa Serben und Kroaten nach der Auflösung des jugoslawischen Staatenbundes an auch religiös motivierter Gewalt erspart geblieben wäre, wenn orthodoxe und katholische Christen sich in einer eucharistischen Gemeinschaft zusammengefunden hätten. Das im Herrenmahl gebrochene Brot hat einen Zeichenwert, der nicht nur eine sakramentale, sondern auch eine gesellschaftliche, ja politische Realität benennt. Das Brot ist Symbol des Reichtums und zugleich ein Hinweis auf die Armut. In Brot und Wein ist die Welt gegenwärtig, nicht nur in ihrer physischen Materialität, sondern auch in ihrer sozialen Bedürftigkeit. Calvin hat nicht nur in den Elementen der Mahlfeier die Gegenwart Christi zu erkennen gelehrt, sondern genauso in der Anwesenheit des Bruders und der Schwester. Noch pointierter hat Leonardo Boff die Armen „die dichteste Anwesenheit Christi in der Geschichte" genannt: „Ja ich würde sogar sagen – obwohl das vielleicht häretisch klingt -, dass Christus in den Armen dichter als in Brot und Wein, die uns in der Messe den Herrn vergegenwärtigen, präsent ist." (Boff, 1985, 92)

 

 

 

Die Kirche der Almosen muss sich wandeln zu einer Kirche, die sich zum Anwalt sozialer Gerechtigkeit macht. Erst dann hat sie den Sinn der Abendmahlspräsenz Christi verstanden, der in Mt 25, 35 f. seiner Gemeinde gerade in Gefangenen, Hungernden und Entblößten begegnet.

 

 

 

Brot und Wein miteinander teilen ist aber andererseits „auch eine verzweifelte Gebärde, mit der wir bekennen, dass wir es nicht bewältigen können und nicht wissen, wie das auf weltweiter Ebene vor sich gehen soll: dieses Brechen und Austeilen des Brotes. Es ist eine machtlose Gebärde wider den Hunger in der Welt, ein Ausdruck der Kollektivschuld. Uns ist bewusst, dass diese Vision noch immer keine Wirklichkeit geworden ist. Zugleich aber bekennen wir uns zu der Zukunftsvision einer Welt der Gerechtigkeit, in der wir einander nicht zerreißen, sondern das tun, was jetzt noch undenkbar und unmöglich ist, in der wir sind, was jetzt noch nicht sein kann: Menschen in Frieden." (Osterhuis, 1984, 142) Im Teilen von Brot und Wein wird uns die Zerrisssenheit der Menschheit im doppelten Sinn bewusst: nicht nur als konfessionelle Spaltung, sondern als soziale Kluft, zwischen arm und reich.

 

 

 

Die Konvergenzerklärung der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung des Ökumenischen Rates der Kirchen von Lima (1982) zu Taufe, Eucharistie und Amt hat in ihrem Abendmahlsabschnitt (§ 20) gesellschaftskritisch formuliert: „Die Eucharistie umgreift alle Aspekte des Lebens. Sie ist ein repräsentativer Akt der Danksagung und Darbringung für die ganze Welt. Die eucharistische Feier fordert Versöhnung und Gemeinschaft unter all denen, die als Brüder und Schwestern in der einen Familie Gottes betrachtet werden, und sie ist eine ständige Herausforderung bei der Suche nach angemessenen Beziehungen im sozialen, wirtschaftlichen und politischen Leben. Alle Arten von Ungerechtigkeit, Rassismus, Trennung und Mangel an Freiheit werden radikal herausgefordert, wenn wir miteinander am Leib und Blut Christi teilhaben."

 

 

 

Das Mahl Jesu als Bewusstmachung und Wandlung

 

In der Pax Christi-Kirche in Krefeld befindet sich an der Rückwand des Kirchenraumes ein modernes Abendmahl. Bei jeder Eucharistiefeier hat man dort den Altar vor sich und dieses Abendmahl im Rücken. Auf einem großen Plakat sieht man ein kaltes Büfett mit festlich gekleideten und wohlgenährten Männern, die sich bedienen und es sich offensichtlich auch schmecken lassen. Der Tisch wirkt, als würde er nach vorne überlaufen. Vor dem Foto steht real im Raum ein einfacher Holztisch mit dreizehn Papptellern, alle gefüllt mit Steinen. An jedem Teller steht eine Tischkarte mit den Namen der ärmsten Länder der Erde. Christen, die zum Mahl Jesu zusammenkommen, müssen sich bewusst machen, an welchem sozialen Ort sie stehen. Sie bedenken ihr Tun und Lassen, vor allem aber auch ihre Unterlassungen angesichts des geteilten Brotes.

 

 

 

So wird zu Beginn des katholischen Gemeindegottesdienstes gebetet: Damit wir das Gedächtnis des Herrn recht begehen, prüfen wir uns selbst und bekennen unsere Schuld vor Gott und der Kirche. Gottesdienst darf niemals verschleiern; er muss versuchen, aufzuarbeiten und durchzuarbeiten. Er sollte Wirklichkeit vermitteln, Trauerarbeit leisten und Realitätsflucht verhindern, damit Befreiung (Exodus) möglich wird. Der Frankfurter Pfarrer Lothar Zenetti schrieb einmal treffend:

 

 

 

„Frag hundert Katholiken was das wichtigste ist in der Kirche.
Sie werden antworten: Die Messe.
Frag hundert Katholiken was das wichtigste ist in der Messe.
Sie werden antworten: Die Wandlung.
Sag hundert Katholiken, dass das wichtigste in der Kirche die Wandlung ist.
Sie werden empört sein: Nein, alles soll bleiben, wie es ist!"
(Schneider, 1977, 13)

 

 

 

Das Mahl Jesu – eine gefährliche und befreiende Erinnerung

 

Mit einem Mahl, verbunden mit einer erzählten Erinnerung, lassen die beim Paschafest versammelten Juden ihre von Gott geschenkte Befreiung wirksam werden. Ein Befreiungsgeschehen wird vergegenwärtigt. Jahr für Jahr ermöglicht die Erinnerung die Kette der Tradition, welche das Geschehene von Generation zu Generation weiterleitet. Im Herrenmahl erinnern sich Christen an das Testament der Liebe Jesu und seine prophetische Tat im Abendmahlssaal. Diese Erinnerung dispensiert uns nicht vom Engagement in der Gegenwart und den Wagnissen der Zukunft. Es ist eine befreiende und gefährliche Erinnerung (J. B. Metz), die unsere Gegenwart buchstäblich bedrängt und in Frage stellt. Wir erinnern uns nicht an irgendeine Zukunft, sondern an die Zukunft, die Gott verheißen hat und in Jesus bereits realisiert ist. Jesu Selbsthingabe ist ein uns zugute gewirktes Geschehen. Das Geschehen im Abendmahlssaal darf nicht reine Historie bleiben; wenn wir uns an Leben und Sterben, Reden und Handeln Jesu erinnern, dann wird im Gedächtnis Jesus Christus verpflichtende Gegenwart.

 

 

 

Die das Brot miteinander brechen und den Becher mit Wein teilen, setzen fort, was Jesus begonnen hat, zum gebrochenen Brot für die anderen zu werden – oder sie vollziehen eine Perversion des Herrenmahls.

 

 

 

„Erinnerung beim Herrenmahl kann eine befreiende Wirkung haben. Wenn Christen zum Herrenmahl zusammenkommen ..., dann erfahren sie ... die frohe und befreiende Botschaft, dass der von Jesus bezeugte Gott ein menschenfreundlicher Gott ist, der in Jesus Christus zu allen Menschen unwiderruflich sein Ja gesagt hat. In Jesus Christus ist die Herrschaft Gottes uns Menschen gerade dadurch deutlich geworden, dass jeglicher Herrschaft von Menschen enschen der Boden entzogen wurde. ... Dieser uns von Jesus bezeugte Gott will uns gerade nicht fremdbestimmen, und einer unterdrückenden und entwürdigenden Entfremdung unterwerfen. ... Aus dieser Erinnerung kann die Gemeinde Kraft schöpfen im Kampf gegen die totalitären Systeme von Herrschaft und im Engagement für eine menschlichere Gesellschaft." (Greinacher, 1982, 38)

 

 

 

Das Mahl Jesu – ein Sakrament des Aufbruchs

 

Im Herrenmahl feiern wir schon jetzt den Einbruch des Reiches Gottes in unsere sichtbare Welt. Das Mahl Jesu ist ein Sakrament des Aufbruchs, das zu einem nachhaltigen Lebensstil aufruft, damit auch noch unsere Kinder und Enkel die Chance haben, ihre Zukunft in einer lebens- und liebenswerten Welt gestalten zu können.

 

 

 

Christus, der im Mahl gegenwärtige Herr, begleitet die Menschen, wie damals Israel aus Ägypten durch die Wüste.

 

 

 

Der Aufbruch stellt uns in unsere reale, historische Situation. Den Aufbruch zu inszenieren bedeutet, alle trennenden und sozialen Grenzen zu überschreiten. Wirksam geschieht das dort, wo es zu konkreten Taten des Teilens kommt. Dieser elementare Schritt gelebter Solidarität kann das Handeln vor Ort (lokal) zur Wahrnehmung der Überlebensfragen der Menschheit (global) führen.

 

 

 

„Nie standen wir Menschen einander so nah, so wie an einem runden Tisch einander gegenüber wie heute. Wir sitzen miteinander zu Tisch als Nutznießer oder Übervorteilter, als Gläubiger oder als Schuldner. Wir können es mit Händen greifen: Die Tischgemeinschaft, die Jesus gestiftet hat, wird zum Bild für eine Menschheit, deren Geschichte auf etwas Heilvolles hinauslaufen soll. Sie ist nicht mehr nur ein binnenkirchliches Leitbild, sondern vor allem das prophetische Zeichen für eine weltoffene Tischgemeinschaft aller Menschen." (Zink, 2002, 87 f.)

Klaus Scheunig, Mandelbachtal

 

 

 

 

Literaturempfehlungen

 

Leonardo Boff im Gespräch mit H. Goldstein, in: O Eicher (Hg), Theologie der Befreiung im Gespräch, 1985

 

Jacques Gaillot u.a., Ein Katechismus der Freiheit atmet, 2004

 

Walter Dirks, Das tägliche Brot, in: Frankfurter Hefte 3 (1948)

 

Norbert Greinacher, Im Angesicht meiner Feinde - Mahl des Friedens, 1982

 

Huub Oosterhuis, Ich steh vor dir, 2004

 

Theodor Schneider, Wir sind sein Leib, 1977

 

Johann Baptist Metz, Glaube in Geschichte und Gesellschaft, 1977

 

Jörg Zink, Gastliches Haus am Weg, 2002

 

 

 

Johann Baptist Metz, Glaube in Geschichte und Gesellschaft, 1977

 

Jörg Zink, Gastliches Haus am Weg, 2002

 

 

 

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