Direkt zum Hauptmenü. Direkt zum Untermenü. Direkt zur linken Navigation. Direkt zum Text.

Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

25. Mrz. 07 - 5. Fastensonntag (Judika)

 

ev. Reihe V

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

Joh 11, 47-53

Jes 43, 16-21

Phil 3, 8-14

Joh 8, 1-11

Die Autorin geht auf den Predigttext der ev. Reihe V und auf die beiden kath. Lesungtexte ein. Stichworte: Macht und Machtverlust als Bedrohungsfaktoren, (unchristlich-)ängstliches Klammern (Joh 11); vorwärts schauen, Mut benutzen (Jes 43); Gerechtigkeit und „Blick nach vorne“, juristisches / wirkliches Recht, nicht zögern, wenn man weiß, worauf es ankommt (Phil 3)

 

 

 

1 Joh 11, 47-53

 

Exegetische Einordung

 

Die Perikope Johannes 11, 47-53 steht in direktem Zusammenhang mit dem Passionsgeschehen Jesu. Im Johannesevangelium reist Jesus vier Mal nach Jerusalem, immer zu den Hochfesten wie Laubhüttenfest und Paschafest. Interessant ist, dass mehrmals berichtet wird, dass er sich nach diesen Aufenthalten zurückzieht, es wird sogar von Flucht gesprochen. Ebenso gibt es im Vorfeld immer wieder Hinweise, dass der Hohe Rat und mit ihm in Verbindung stehende Gelehrte beschließen, gegen ihn vorzugehen, jedoch auf den richtigen Zeitpunkt warten. Er „entzieht sich ihrem Zugriff“ immer wieder.

 

Jesus ist bei Maria, der Schwester des Lazarus. Unmittelbar vor unserer Stelle steht der Wunderbericht von der Auferweckung des gestorbenen Lazarus. Im Anschluss an die Perikope wird erneut davon berichtet, dass Jesus vor der Menge flieht und sich mit seinen Jüngern nach Ephraim, nahe der Wüste zurückzieht. Danach beginnt das Passionsgeschehen.

 

Historische und textimmanente Einordnung

 

Was geschieht genau? Das Wunder der Totenerweckung hat die Menschen zum Glauben geführt. Sie glauben auf Grund der Worte und Taten bzw. Zeichen Jesu. Und einige von ihnen berichten dem Hohen Rat von diesem erneuten Wunder, der dieses nicht anzweifelt. Als Konsequenz kommen seine Mitglieder jedoch nicht zum Glauben, sondern sehen Jesus als eine Bedrohung an.

 

Wer ist dieser Hohe Rat? Israel steht unter römischer Fremdherrschaft. Der Hohe Rat, das Synhedrion, ist die höchste jüdische Behörde und repräsentiert die beschränkte Autonomie der Juden zur Besatzungzeit. Ihm gehören an: Der Oberpriester, Älteste (einflussreiche Laien) und Schriftgelehrte. Zum Großteil kann man diese Ältesten und den Hohen Priester den Sadduzäern zuordnen. Sie waren der Teil der religionspolitischen Parteien zur Zeit Jesu, die aus der Oberschicht kamen und Macht zu verlieren hatten. Daher arrangierten sie sich mit den Besatzern und hatten ein entsprechend schlechtes Image bei ihren Landsleuten. Den Schriftgelehrten kann man auch die Phärisäer zuordnen. In vielen Evangeliumstexten werden sie als die Gegner Jesu und als mitschuldig am Tode Jesu beschrieben. Dies entspricht aber nicht der historischen Wahrheit. Als gesichert kann gelten: Jesus zählte viele Pharisäer zu seinen Sympathisanten, denn auch ihnen war an einer inneren Erneuerung Israels gelegen. Die Berichte über eine Feindschaft resultieren aus der Entstehungszeit z.B. des Johannesevangeliums. 70 n. Chr. wurde der israelische Tempel zerstört. Das, was vom normativen Judentum übrig blieb, waren die Pharisäer. Deren Sympathien zur erstarkenden Jesusbewegung waren nun tatsächlich nicht groß. Die Berichte über die Feindschaft der Pharisäer können als nachösterlich überformt angesehen werden.

 

Nachhaltigkeit

 

Zunächst möchte ich den Aspekt „Macht und Angst vor Machtverlust“ etwas ausführlicher darstellen, dann noch Stichpunkte zu weiteren Anknüpfungspunkten im Bezug zu Nachhaltigkeit geben.

 

In dieser Erzählung geht es um Macht. Die Handlungen des Hohen Rates resulieren aus der Angst vor Machtverlust. Was befürchten seine Mitglieder? „Wenn wir ihn gewähren lassen, werden alle an ihn glauben. Dann werden die Römer kommen und uns die heilige Stätte [den Tempel] und das Volk nehmen.“ Ohne Tempel kein Tempeldienst, ohne Tempeldienst keine Funktion für die herrschende Priesterkaste. Das Arrangement zwischen Priesterkaste und Fremdherrschaft würde nicht mehr funktionieren.

 

Das Gleiche kann man immer wieder bei drohenden Umstürzen beobachten. Ob sie nun demokratisch über Wahlen ablaufen - wie in der Abwahl Berlusconis - oder mit Gewalt - sobald Machtverlust droht, klammern sich die Mächtigen an ihre Macht (vgl. Verhalten Schröders direkt nach seiner Abwahl). Dabei gehen nicht wenige auch über Leichen, diffamieren die Gegner, sperren sie weg, lassen sie „verschwinden“ (vgl. Weißrussland).

 

Der Hohepriester stellt Überlegungen an: Lieber einen Einzelnen über die Klinge springen lassen und damit den alten Status quo wieder herstellen, als einen Aufruhr oder eine erstarkende Reformbewegung aufkeimen zu lassen, die sich dann gegen die Fremdherrschaft auflehnen könnte. Er will einen Einzelnen für das Volk opfern. Lieber ein Toter, als viele. Das mutet fast utilitaristisch an („the greatest happiness for the greatest number“).

 

Weitere Ansatzpunkte:

 

  • Glauben wir erst, wenn wir etwas sehen (die Bedeutung von Wundern)? 
    •  Glauben wir erst an das Ozonloch, wenn wir seine direkte Auswirkung spüren?
    • Glauben wir erst an die Sinnhaftigkeit des Generationenvertrages, wenn plötzlich unsere Renten schwinden?
    • etc.
  • Machtstrukturen: Wen lasse ich meine Macht spüren? Was passiert, wenn ich wahrnehme: Jetzt verliere ich gleich meine Macht, verliere gleich mein Gesicht? Wo klammere ich mich an Macht (des Wortes, von Strukturen, von Aufgaben und Funktionen ...?)

 

 

 

 

 

Katholisch (1. Lesung): Jes 43:16-21

 

Exegetische und historische Einordung

 

Der zweite Teil des Buches Jesaja, aus dem diese Lesung stammt, ist um 550 v. Chr. – während des Babylonischen Exils – entstanden. Der mit einer Botenformel eingeleitete Text macht sofort deutlich: Jesaja (eigentlich aber ein unbekannter prophetischer Autor) schreibt hier einen Hoffnungstext für das gedemütigte Volk. Deswegen erinnert er das Volk Israel an Gottes Handeln in der Vergangenheit. Und nicht nur an sein Handeln, sondern auch an seine Treue: Es war nicht nur so - nein, es wird auch zukünftig so sein, auch wenn es derzeit nicht so ausschaut. Ein ähnlicher Hoffnungtext - darauf sei nur kurz verwiesen - ist der Schöpfungsmythos des Siebentagewerks. Der priesterschriftliche Autor macht darin dem im Babylonischen Exil lebenden Volk klar: Gott hat alles so geschaffen, das es gut ist. Alles hat seine Bestimmung und seinen Platz. Das wird wieder so sein, auch wenn derzeit alles im Chaos versinkt. Im Kern ist alles gut.

 

Zu Beginn wird klargestellt: JHWH ist der Gott des Exodus, des Auszuges aus Ägypten. Das Volk Israel war schon einmal in einer Exilsituation. Chaos und Gewalt in der Natur und in der Gesellschaft - nichts Neues, aber mit positivem Ausgang durch die Rettung durch ihren Gott. Aber seltsam: Es folgt die Aufforderung: Denkt nicht an das Frühere, jetzt kommt was Neues, schaut nach vorne. Höchstwahrscheinlich geht es nicht darum, diesen ersten Exodus zu vergessen. Vielmehr geht es um einen Neuanfang nach dem Babylonischen Exil.

 

Und das beschreibt der Autor mit sehr mächtigen und bildhaften Worten, da er an die Erfahrung des Volkes im Zweistromland anschließt. Wir denken dabei eher an die Werbezeile „Wir machen den Weg frei“ - für das Volk Israel war der Vergleich zu den babylonischen und assyrischen Heerstraßen durch die Wüste klar.

 

Bezug zur Nachhaltigkeit (in Stichworten)

 

  • Allzu oft lähmen wir uns, Neues zu beginnen, weil wir uns eher an die Fehlschläge erinnern als an die Erfolge.
  • Es werden die Katastrophen und Negativschlagzeilen in den Nachrichten verkauft, selten das, was positiv gelingt.
  • Eine Coachingreihe des Bildungswerkes des Bistums Mainz heißt: „Mut tut gut“ - hierbei wird auch dazu aufgefordert, sich an seine Stärken zu erinnern, daraus Kraft zu schöpfen.
  • Wir müssen uns nicht selbst aus dem Sumpf ziehen, Gott geht mit und hat schon bewiesen, dass er uns nicht fallen lässt.
  • Wir haben außerdem Menschen an unserer Seite, die uns positiv bestärken können (Thema: positiver Energiefluss).
  • Eine entsprechende Predigt zum Thema Nachhaltigkeit könnte sich diesem Aspekt „Mut tut gut“ näher widmen.

 

 

 

 

 

Einführung in den Philipperbrief 3, 8-14

 

Philippi ist die erste christliche Gemeindegründung des Apostels Paulus in Europa (49/50 n. Chr. / 2. Missionsreise). Sie gilt als typisches Beispiel für den religiösen Synkretismus des 1. Jh. nach Christus. Nach Apg 16 gehören der christlichen Gemeinde von Philippi vorwiegend Heidenchristen an, sogenannte „Gottesfürchtige“. Diese fühlen sich dem bildlosen Gottesdienst und dem Monotheismus des Judentums verbunden, haben jedoch nicht - im Gegensatz zu den Proselyten - den formalen Eintritt ins Judentum vollzogen.

 

Paulus schreibt den Brief an die Philipper während seiner römischen Gefangenschaft (Phil 1, 13). Er sehnt sich nach seinem Tod, denn (V 21) „für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn“. Innerlich hin und her gerissen, würde er auch ein Weiterleben akzeptieren, würde dies doch bedeuten, weiter an der Verbreitung des Christentums mitzuwirken. In seiner pragmatischen Denkweise belegt er dies an der Wirkung, die die Kunde von seiner Gefangenschaft hat: Dadurch, dass er um Christi willen im Gefängnis sitzt, fühlen sich andere darin bestärkt, die Frohe Botschaft zu verkünden. Paulus weiß, dass manche aus Neid, Streitsucht und Ehrgeiz missionieren und nicht aus Liebe, aber für ihn gilt: Hauptsache, der Glaube wird verbreitet.

 

In Kapitel 3 zeichnet sich in dieser Gelassenheit ein Umschwung ab. Er warnt: „Gebt acht auf diese Hunde, gebt acht auf die falschen Lehrer, gebt acht auf die Verschnittenen!“ Die Exegeten sind sich uneins, ob der Grund für diesen Umschwung in einer unterschiedlichen Abfassungszeit des 3. Kapitels gegenüber dem restlichen Brief liegen könnte (Teilungshypothese).

 

Vor dem Horizont falscher Missionare in Philippi stellt er seiner Gemeinde anschaulich dar, wer die eigentlichen Nachfolger Christi sind und was dies für die Gemeinde bedeutet: den Bruch mit dem „alten, dem irdischen Leben“ und die Hinwendung zu der Erkenntnis Christi Jesu. Besonders eindringlich wird das durch den Verweis auf seine Vergangenheit. Als Pharisäer aus wohlhabendem Haus hatte er viel zu verlieren – im materiellen Sinn. Hier kann man einen Vergleich zum antiken Drama und der Fallhöhe des Helden ziehen – je reicher, je berühmter der Held, umso tragischer sein Missgeschick, sein Fall. Im Falle des Paulus: umso überzeugender seine Wandlung.

 

 

 

Bezug zur Nachhaltigkeit

 

Zwei Begriffe, die den Bezug zur Nachhaltigkeit bilden können, möchte ich hier herausgreifen: Gerechtigkeit und der „Blick nach vorne“. Dabei werde ich auch die Glaubensgerechtigkeit und die damit zusammenhängende Rechtfertigungslehre erwähnen, aber theologisch nicht näher ausführen und eher allgemeine Denkanstöße geben.

 

Gerechtigkeit: Als Phärisäer war Paulus der Gesetzeswächter schlechthin. Wenn er nun anführt: „Nicht meine eigene Gerechtigkeit suche ich, die aus dem Gesetz hervorgeht, sondern jene, die durch den Glauben an Christus kommt, die Gerechtigkeit, die Gott auf Grund des Glaubens schenkt“, dann gewinnen seine Ausführungen eine besondere Tiefe. Schon im Alten Testament kommt Gerechtigkeit auch aus dem Glauben an Gott – neben der Gesetzesgerechtigkeit. Ein Beispiel dafür ist der von Paulus oft angeführte Abraham.[1] Der dem Gesetz treu ergebene Saulus-Paulus tauscht also die Gesetzesgerechtigkeit gegen die Glaubensgerechtigkeit. Was sagt uns das heute, auch in Hinblick auf Nachhaltigkeit?

 

Es gibt viele Beispiele, in denen zwar klar ist: Hier hat jemand nach dem Gesetz ein gerechtes Verfahren bekommen, hier wurden die Gesetze auf seinen Fall juristisch richtig angewendet – aber doch bleibt das Gefühl, dass das Urteil nicht gerecht ist – im Sinne des Opfers. Moralisch wäre man zu einem anderen Schluss gekommen.

 

Der Ausdruck „Glaubensgerechtigkeit“ klingt zunächst etwas pathetisch. Allzu schnell möchte man an Dogmen denken, die vorgeben, was zu glauben ist (im negativen wie im positiven Sinne). Im Alten Testament und im Frühjudentum jedoch ist die Geschichte Israels vom „Erweisen der Gerechtigkeit Gottes“ erfüllt, was Heil und Rettung schafft (vgl. Ri 5, 11 / Sam 12, 7 / Ps 103, 6 / Dan 9, 16). Paulus nimmt diesen Gedanken auf. „Im Glauben an Jesus Christus als Versöhner und Herrn gewinnt jeder einzelne Jude und Heide positiven Anteil an dem Wirken des einen gerechten Gottes, der durch Jesus Christus für Israel, die Heidenvölker und die (außermenschliche) Schöpfung Frieden, Heil und Rettung“ [2] begründet. Gott ist zum einen gerecht, er macht aber auch den gerecht, der an ihn glaubt. Und dies geschieht ohne ein Gesetzeswerk, allein durch die Bereitschaft (vgl. Röm 3, 27-31), an einen Gott zu glauben, den ich mit meinen menschlichen Dimensionen nicht fassen kann. Glaube setzt Vertrauen voraus, und dieses Vertrauen ist vorab von Gott - vielleicht kann man sagen als „Blanko-Scheck“ - gegeben.

 

Glauben kann - gerade bei aufgeklärten Menschen und Zweiflern - eine harte Übung sein. Da steckt das Loslassen von Kontrolle drin, Optimismus und Hoffnung. Ein kleines Beispiel: Ich hatte - als ich vor einigen Jahren von der Aktion Jubilée 2000 erfuhr, der Entschuldungsaktion für die Entwicklungsländer - so meine Zweifel, ob das nicht arg utopisch sei. Aber Hoffnung und „Dranbleiben“ haben diese Idee keimen lassen und Erfolge gezeigt.

 

Und damit ist auch die Brücke zum zweiten Aspekt geschlagen - dem Blick nach vorne. Ja natürlich, wir lernen aus unserer (persönlichen) Geschichte. Wir nehmen sie mit auf unseren Lebensweg, vor ihrem Hintergrund agieren wir (vgl. V 3, 5). Doch obwohl Paulus diesen Rückblick wagt, sagt er: „Schluss damit! Augen auf und nach vorne geschaut!“ Und nicht nur das: Wenn das Ziel nahe ist, dann aber los! - Die Originalverse 13f. sind rhetorische Highlights! Dahinter steht: Wenn du einmal erkannt hast, worauf es ankommt, dann zögere nicht. Wenn du glaubst und vertraust, dann wird dir Gott helfen.

 

Sibylle Brandl, Mainz

 

[1] Vgl. Röm 4,13: „Denn Abraham und seine Nachkommen erhielten nicht auf Grund des Gesetzes die Verheißung, Erben der Welt zu sein, sondern aufgrund der Glaubensgerechtigkeit.“, Gal 3,8: „Und da die Schrift vorhersah, dass Gott die Heiden aufgrund des Glaubens gerecht macht, hat sie dem Abraham im Voraus verkündet: Durch dich sollen alle Völker Segen erlangen.“

 

[2] Isabel Hüttner / Thesenpapier, gefunden auf: www.uni-wuerzburg.de/ev-theo/Downloads/Buntfuss/16%20-%20Die%20Glaubensgerechtigkeit.pdf

 

 

 

© 2006-2016 Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz