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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

4. Mrz. 07 - 2. Fastensonntag (Reminiszere)

ev. Reihe V

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

Joh 8, (21-26a) 26b-30

Gen 15, 5-12.17-18

Phil 3, 17 - 4, 1 oder
Phil 3, 20 - 4, 1

Lk 9, 28b-36


Der Verfasser geht auf alle vorgesehenen Predigttexte des Sonntags sowie auf zugehörige, weitere Reminiscere-Texte aus der ev. Leseordnung ein. Stichworte: Bewältigung der Gratwanderung zwischen Erkenntnis und Unverständnis, zwischen Glauben und Zweifel, Erfolg und Scheitern (Joh 8), sich den Blick durch das Banale bzw. Alltägliche hindurch auf das Ganze bewahren (Lk 9), Heimat- / Nationalitätsdenken in Bezug auf die Vorläufigkeit des irdischen Seins (Gen 15, Phil 3)

 

 

 

1. Evangelische Reihe

 

 

 

Joh. 8, (21-26a) 26b-30

 

Ps. 25, 6 gibt dem 2. Sonntag der Passionszeit (Reminiscere) seinen Namen. Die Bitte des angefochtenen Beters kann sinnvoll als Leitmotiv für den Gottesdienst herangezogen werden: „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.“ Den Appell, Gott möge sich seiner barmherzigen und gütigen Zuwendung zum Menschen erinnern, möchte ich inhaltlich beziehen auf das einleitende „Ich-bin-Wort“ der johanneischen Lichtrede (Joh. 8, 12: „Ich bin das Licht der Welt / des Kosmos“. Bultmann (ders., JohEv, 1964, 10. Aufl., S. 249 ff.) versteht die Perikope als einen Teil der Lichtrede 9, 1-41; 8, 12; 12, 44-50; 8, 21-29; 12, 34-36). Die Spannung zwischen der Erfahrung der Zuwendung Gottes und seiner Ferne oder Abwesenheit, zwischen „erleuchteter“ Ergriffenheit und „dunkler“ Schwermut könnte die thematische Klammer eines Gottesdienstes sein, in der sich Psalm, Gebete, Lieder, Lesungen und Predigt aufeinander beziehen.

 

 

 

Im Evangelium des Sonntags (Mt. 12, 1-12) korreliert der Menschensohn als Herr des Sabbats mit dem erhöhten Menschensohn des Johannes, in dem der Vater erkannt wird. In Joh. 8, 26b-30 führt Jesus einen Dialog. Die Gesprächspartner sind nicht genau zu bestimmen. Sind es Pharisäer, Juden oder das Volk? Die Unschärfe scheint gewollt, steht doch ihr Unverständnis stellvertretend für das der Welt, die den Menschensohn nicht erkennt. In Joh. 8, 28 findet sich eine paradoxe Formulierung von der Erhöhung des Menschensohnes. Die Angesprochenen werden zum handelnden Subjekt der Erhöhung. Die, die Jesus ans Kreuz bringen, werden ungewollt zu Erfüllungsgehilfen des göttlichen Heilswillens. Dann aber sollen sie erkennen, dass er der Menschensohn ist und sein Apostolat von Gott ist. (Diese Einschätzung hat sich so allerdings als zu optimistisch erwiesen.)

 

 

 

Der paradoxe Gedankengang der johanneischen Theologie, in der Kreuzigung des Menschensohnes entweder sein Scheitern oder seine Erhöhung (oder eben auch beides) zu sehen, scheint mir für diese Perikope und damit auch für die Predigt grundlegend. Ich würde ihn gerne in Beziehung setzen zu einem Verständnis von christlicher Existenz, die schwankend zwischen Erkenntnis und Unverständnis, zwischen Glaube und Zweifel, Erfolg und Scheitern, vorbildlichem Verhalten und sündigem Verfehlen auf der Suche ist, ihren Weg „gottwohlgefällig“ zu suchen.

 

 

 

Entscheidend ist die Perspektive, aus der wir die Widersprüchlichkeiten und Uneindeutigkeiten der Gemeinde und Kirche, der Gesellschaft und eben auch unseres eigenen Lebens deuten. Der Text bietet an, unsere Existenz aus der Perspektive des erhöhten Menschensohnes zu verstehen, in dessen Scheitern sich die Güte und Barmherzigkeit (Ps. 25, 6) des Vaters durchsetzt. In Jesus aus Nazareth zeigt sich das Angesicht Gottes. In ihm erkennen wir Gott als den Vater, der uns ermutigt, in der Nachfolge des Menschensohnes ausgetretene Pfade zu verlassen und tastend, suchend und manchmal auch stolpernd und irrend neue Wege zu erforschen, die zu einem Mehr von Gerechtigkeit und Frieden für alle Menschen führen. Darin könnte sich auch für andere zeigen, dass Jesus das Licht der Welt, ja des ganzen Kosmos ist, und nicht nur der trübe Schein einer selbstgenügsamen Schar. Die Bitte des Psalmbeters, Gott möge sich seiner Barmherzigkeit und Güte erinnern, gilt eben nicht nur dem frommen Individuum oder der gottesdienstlichen Gemeinde, sondern der ganzen, von Gott geliebten Schöpfung. In sein Ringen um diese Welt können wir unsere Existenz einordnen. Aus dieser Perspektive können wir unser Scheitern und unsere Erfolge deuten.

 

 

 

Zur Illustrierung des Paradoxons von Erhöhung und Scheitern lässt sich die bekannte Wandmalerei „Alexamenos betet seinen Gott an“ aus dem 3. Jh. heranziehen, auf der ein Gekreuzigter mit Eselskopf abgebildet ist. Das antike Graffiti ist unter diesem Titel mühelos im Internet zu finden. Entscheidend ist, wie man den Gekreuzigten wahrnimmt (das griechische „es ist vollbracht“ lässt sich auch hören als „ich bin am Ende“) und wie man den Esel deutet (z.B. als Dummkopf oder Lasttier).

 

 

 

Lieder: Wir strecken uns nach dir (EG 664), Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn (EG 675), Wir haben Gottes Spuren festgestellt (EG 648), zum Kyrie: Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht (EG 600).

 

 

 

 

 

2. Katholische Reihe

 

 

 

Lk 9, 28b-36 (Evangelium)

 

Es ist schon interessant, welche verschlafene Rolle die drei hervorragenden Repräsentanten der Jüngerschar Jesu, die „Säulen der Jerusamlemer Gemeinde“ (Apg), hier zugewiesen bekommen. Da geht mit Jesus eine augenscheinlich dramatische Veränderung vor, da erscheinen zur Legitimation des Auserwählten die wichtigsten Propheten der Juden, Mose und Elia, da entwickelt sich ein vermutlich hochinteressantes Gespräch: Und sie? Sie sind müde und schlafen! Verschlafen mal wieder das Wichtigste. Und verstehen deshalb nicht, was Sache ist. So wollen sie dann, endlich erwacht, den heiligen Augenblick konservieren, Hütten bauen, wo Aufbruch angesagt ist. In verklärten himmlischen Sphären verharren, wo der Abstieg in die Niederungen des Alltags folgen soll. Der Abstieg in die Passion, in Jesu Leiden und Sterben. Gesteigert wird das Bild der unverständigen, abwehrenden Jünger noch durch das Jesuswort von der Nachfolge wenige Verse zuvor (Lk 9, 23 ff.) und durch die rahmende erste und zweite Leidensankündigung. Sie wollen oder können nicht verstehen, begreifen, nicht akzeptieren. Herzen und Ohren sind verschlossen. Den tauben Ohren gilt die Stimme aus den Wolken: „Dies ist mein auserwählter Sohn, den sollt ihr hören!“

 

 

 

Wie im Garten Gethsemane spiegelt sich hier im Verhalten der Jünger die Situation der nachösterlichen Gemeinde. Die lukanische Dramaturgie scheint geradezu getragen von ihren Fragen, ihrem Begreifenwollen, ihren Anfechtungen. Warum ging Jesus gerade diesen Weg? Warum konnte er nicht mit Mose und Elia verklärt abgehoben und leidlos die Welt retten? (Findet sich hier schon die Auseinandersetzung zwischen einer „theologia gloriae“ mit einer „theologia crucis“?) Wichtig bei alledem: Auch Jesu Gemeinde darf nicht der Versuchung erliegen, sich von der Welt in einen verklärten Schonraum abzunabeln, sondern soll mit Jesus herabsteigen in die konkrete, oft so banale Wirklichkeit und darin ihr Christsein erweisen. Ja, die Banalität des Alltags ist die größte Herausforderung für unser praktisches Christentum. Hier könnten sich Konkretionen ergeben, die sich in der Wirklichkeitserfahrung der Gemeinde wiederspiegeln. So ist eben das konkrete Bemühen um die Bewahrung der Schöpfung oder das sozial verträgliche Miteinander im Stadtteil mit seinen vielen kleinen Schritten nicht zu banal, um übergangen zu werden. Gerade das individuelle Ringen in den alltäglichen Kleinigkeiten kann hier eingeordnet und recht bewertet werden.

 

 

 

Zu den Lesungen Gen 15, 5-12.17-18 und Phil 3, 17-4, 1

 

Die beiden Lesungen haben eine interessante inhaltliche Verbindung. Gen 15 beinhaltet die Bundesverheißung der Nachkommenschaft und des Landes an Abram. Phil 3 transzendiert die materielle Vorstellung des „verheißenen Landes“ in ein Bürgerrecht im Himmel und relativiert so die „irdischen Dinge“.

 

 

 

Auf dem schmalen Grad zwischen identitätsstiftendem nationalem Wir-Gefühl und nationalistischem Chauvinismus scheint es im Deutschland der Fußballweltmeisterschaft 2006 zu einer Renaissance eines unverdächtigen deutschen Patriotismus gekommen zu sein. Während amerikanische Evangelikale und Nationale die Verheißung des „gelobten Landes“ ungebrochen auf „God`s own country“ übertragen können, stellt sich der biblisch-theologische Begründungszusammenhang differenzierter dar. Schon die alttestamentliche Landnahmeerzählung und auch Gen 15 kennen durchaus auch die Vorstellung einer schiedlich-friedlichen Koexistenz verschiedener Völker. Die in Gen 15, 19 ff. erwähnten Völker werden nicht zu Opfern einer hebräischen Vertreibungs- und Vernichtungspolitik eines „Volkes ohne Raum“, sondern markieren den unüberschaubar großen Raum zwischen Nil und Euphrat, um die Größe der Verheißung zu idealisieren. Angesichts der Naherwartung des Paulus geraten konkret materielle Vorstellungen in Phil 3 in den Hintergund. Doch die Frage zum Verhältnis zu Besitz, Land und Nation holt die junge Christenheit spätestens mit dem Ausbleiben der Parusie wieder ein.

 

 

 

Im Blick auf die sozialethische Verantwortung der christlichen Gemeinde finde ich es sehr spannend, das dialektische Verhältnis zwischen dem paulinischen Gedanken der Vorläufigkeit aller Dinge und der konkreten materiell-nationalen Existenz des Christenmenschen auszuloten. („Wer keine Heimat hat, hat auch keine Nachbarn!“) Dabei wäre für mich der paulinische Vorbehalt (Bürgerrecht im Himmel) das kritische Korrektiv allzu diesseitiger Reich-Gottes-Vorstellungen. Gleichzeitig relativierte er die ausgrenzende Tendenz aller identitätsstiftenden Sinngebungen („Wer keine Heimat hat, kann auch niemanden beheimaten!“).

 

Hartmut Schneider, Solingen

 

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