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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

18. Feb. 07 - 7. Sonntag im Jahreskreis / So. v. d. Passionszeit

 

ev. Reihe V

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

Lk 18, 31-43

1 Sam 26, 2.7-9.12-13.22-23

1 Kor 15, 45-49

Lk 6, 27-38

Der Autor betrachtet den Evangeliumstext der kath. Leseordnung (Feldrede). Stichworte: Beachtung sozialer Regeln, Starke und Schwache, Sieger und Unterlegene, „Wie du mir, so ich dir.“, De-Eskalation, Praxis der Barmherzigkeit, sanfter Umgang mit der Energie des Anderen, regenerative Energiegewinnung als Konsequenz der Bergpredigt

 

 

 

Evangelium: Lukas 6, 27 – 38

 

 

 

1. (zur Bibelstelle:) Bei allen Unterschieden zwischen Matthäus und Lukas steht bei beiden im Mittelpunkt der Predigten Jesu jene Rede, die wir nach der Ortsangabe bei Mt die Bergpredigt, bei Lk die Feldrede zu nennen gewohnt sind. Als Evangelium nach der katholischen Leseordnung ist für den Sonntag Estomihi, vulgo Fastnachtssonntag, ein Abschnitt aus der lukanischen Feldrede gewählt, der die Seligpreisungen an die Jünger (!) und die scharfe Kritik an den Reichen auslässt, um dann ab Vers 27 mit der Feindesliebe zu starten. Vers 31 führt – unvermittelt zu den Versen davor und danach – die Goldene Regel ein; ab Vers 35 wird erneut die Feindesliebe proklamiert, zur Barmherzigkeit gemahnt (Vers 36) und schließlich Belohnung versprochen.

 

 

 

2. Als ich ein Kind war, lernte ich eine einleuchtende Regel für das Zusammenleben mit anderen: „Wie du mir, so ich dir.“ Ein Kind möchte verlässliche Strukturen. Es ist bereit, sie zu befolgen und erwartet das auch von anderen. Der Zusammenhang von Tun und Folgen wird vom Kind in ähnlicher Weise naturgesetzlich und sozialgesetzlich erlebt. Die hinunterfallende Tasse zerbricht am Boden; die nicht-befolgte Bitte der Mutter zieht einen strengen Blick oder scharfe Worte nach sich. Im Spiel mit Kameraden müssen die Regeln des Spiels von allen gleich beachtet werden. In der freien Begegnung mit Gleichaltrigen kommt es leicht zum (notwendigen) Streit, der gelegentlich auch körperlich ausgetragen wird. Die Ringkämpfe meiner Grundschulzeit galten dem Kräftemessen und waren beendet, sobald einer aufgab, also die Überlegenheit des anderen akzeptierte.

 

Hatte einer eine Niederlage, verbal oder körperlich, zu verkraften, suchte er Vergeltung. Mit 8 Jahren ging das von „Mann zu Mann“, aber mit 12 bildeten sich schon „Banden“, damit der einzelne in der Solidarität der Gruppe Stärke bekam. Die Regel „Wie du mir, so ich dir“ war einerseits die Drohung mit Revanche: denk bloß nicht, dass du ohne Vergeltungsmaßnahme entkommst. Und andererseits war sie Begrenzung, um Eskalation durch unmäßige Überreaktion zu vermeiden. Die Goldene Regel in Vers 31 wendet die Abwehr des Übermaßes in eine positive Tun-Ergehens-Folge und bereitet damit dem Kant’schen Kategorischen Imperativ den Weg: “Ein jeder handle so, dass die Maxime seines Willens jederzeit zur Grundlage eines allgemeinen Sittengesetzes werden kann.“

 

 

 

3. So plausibel diese Regel dem vernünftigen Erwachsenen auch scheinen mag, sie ist nicht das Spezifikum der jesuanischen Ethik. Sie ist eher allgemein-gültige Voraussetzung einer darüber hinausgehenden Entfeindungsethik, die einen grandiosen Perspektivenwechsel verlangt: auch dein Feind ist wie du. Hast du bisher gelernt, deinen Nächsten mit altruistischen Augen zu sehen, so ist nun der Augenblick gekommen, die ungleich schwerere folgende Lektion zu lernen: auch der dich schlägt, ist Gottes Kind. Du kannst lernen, auch ihn mit den Augen der Barmherzigkeit zu sehen.

 

 

 

Fragt man heute einen xbeliebigen Menschen auf der Straße nach dem Kern der Bergpredigt (also etwa: Was ist die wichtigste Lehre Jesu, wie man sich verhalten soll?), so wird man aller Voraussicht nach mit wenigen Ausnahmen zur Antwort bekommen: die Nächstenliebe. Liegt diese Unkenntnis an Jesus, der utopische Bilder vom menschlichen Verhalten malte? Liegt dieses Defizit an 2000 Jahren Christentumsgeschichte, die im Wettstreit zwischen Macht und Wahrheit in der Regel der Bestandssicherung der Kirche den Vorzug gab – zuungunsten Jesu? Oder ist die Vorstellung, man könne seine Feinde lieben, tatsächlich so weit entfernt von allen anthropologischen Konstanten, dass sich die Forderung nach Nicht-Widerstand als total realitätsfremd herausstellen musste?

 

 

 

4. Die Kraft wächst am Widerstand. Was für das Wachstum der Muskulatur gilt, ist für den Geist nicht ungültig. Aber was für das Kräftemessen der Jugend angemessen ist, muss andere Formen finden, wenn es um kommunikative Prozesse zwischen Erwachsenen geht, um Interessenausgleich in Gruppe oder Firma, um Konsensfindung und Entscheidungsvorgänge in der Politik. Wer nicht barmherzig sein kann, verfehlt die Gotteskindschaft.

 

 

 

Vielleicht sind es erst die asiatischen (Kampf-)Sportarten gewesen, die uns die Augen für das Jiu-Jitsu-Prinzip als Erfolgsprinzip geöffnet haben: der fremden Energie nicht frontal begegnen, sondern wie der Bambus dem Wind federnd nachgibt – und doch Bambus bleibt.

 

 

 

Jesus begründet diese Möglichkeit, barmherzig zu sein, also Verständnis für das Ansinnen eines gegnerischen Anderen zu haben, mit der Barmherzigkeit des himmlischen Vaters. Das hebräische „Chessed“ steht nicht für Mitleid, sondern für das treue Tun des Erbarmens, also auch für das Eintreten für Solidarität und Gerechtigkeit. Und hier liegt der entscheidende Punkt: Meinte noch der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt, mit der Bergpredigt könne man keine Politik machen, können wir heute angesichts der fortgeschrittenen Neoliberalisierung einer globalisierten Ausbeutungspolitik nicht nur mit theologischem Recht, sondern auch mit Blick auf die ökonomischen Verwerfungen empirisch begründet sagen, dass die Missachtung der Bergpredigt langfristig auf Kosten der Menschen geht. Sozial, international und intergenerationell.

 

 

 

5. Und das ist der entscheidende Punkt, an dem das Kriterium der Nachhaltigkeit ins Spiel kommt: Ist nicht die holistische Ethik Jesu, sein Entfeindungsprogramm, die langfristig einzig vernünftige Lösung? Der Wettbewerb unter den Wirtschaftsregionen Nordamerika, Asien und Europa wird Südamerika und Afrika so weit auspressen, wie es (unter ökonomischen Effekt-Aspekten) nur geht. Der Kampf um die fossilen Energieressourcen wird die Golf-Region dauerhaft zum Pulverfass werden lassen. Allein schon um des Friedens willen werden die Bergpredigt und die Feldrede zur Proklamation regenerativer Energiegewinnung. Wer im Irak weder Krieg noch Repression will, wird schon deswegen für eine Kultur der Solarenergie eintreten – um der Entfeindungsethik Jesu willen.

 

 

 

Mit der Bergpredigt Politik machen? – Mit was denn sonst?

 

Wilhelm Wegner, Frankfurt

 

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