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Umdenken - Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz

4. Feb. 07 - 5. Sonntag im Jahreskreis / 3. So. v. d. Passionszeit

ev. Reihe V

kath. 1. L.

kath. 2. L.

kath. Evang.

 

Mt 9, 9-13

Jes 6, 1-2a.3-8

1 Kor 15, 1-11 oder
1 Kor 15, 3-8.11

Lk 5, 1-11


Der Autor geht ausführlich auf den Predigttext der ev. Reihe V ein. Auf die Texte der kath. Leseordnung wird am Ende des Beitrags kurz eingegangen, ohne die Bezüge zur Nachhaltigkeit zu vertiefen. Stichworte (e): Scheuklappen
abnehmen; gesellschaftliche / sozial relevante Blockaden überwinden helfen, Umweltschutz und Kommunalpolitik;
Einsicht reicht nicht; (k): Vorurteile, „unwürdig“ vor den Menschen ist nicht unwürdig vor Gott

 

 

 

 

 

Predigttext (evang.) Mt 9, 9 – 13

 

Als Jesus weiterging, sah er einen Mann namens Matthäus am Zoll sitzen und sagte zu ihm: „Folge mir nach!“ Da stand Matthäus auf und folgte ihm. Und als Jesus in seinem Haus beim Essen war, kamen viele Zöllner und Sünder und aßen zusammen mit ihm und seinen Jüngern. Als die Pharisäer das sahen, sagten sie zu seinen Jüngern: „Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?“ Er hörte es und sagte: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Darum lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten“.

 

 

 

Der Text folgt einem Grundschema synoptischer Erzählungen. Jesus ist unterwegs, eine Szene entsteht, es kommt zu einem Streitgespräch über Auslegungsfragen des jüdischen Glaubens. Jesus reagiert souverän und stellt – in öffentlichem Disput – neue Regeln auf. In unserer Perikope steht die Diskussion im Kontext einer Jüngerberufung. Der berufene Matthäus ist Zolleinnehmer. Er gehört einer verachteten Gruppe an, die wegen ihrer Kollaboration mit der römischen Besatzungsmacht zwar respektiert werden musste, deren Angehörigen man aber Verfehlungen vorwarf: „Zöllner und Sünder“ ist für die Zeitgenossen eine feststehende Bezeichnung, die auch in den neutestamentlichen Schriften immer wiederkehrt. Wie kann Jesus mit solchen Leuten Umgang pflegen? lautet die Kritik der Rechtgläubigen. Es ist noch schlimmer: Einen aus deren Kreis macht er jetzt sogar zu seinem Mitarbeiter und die ganze Jüngergruppe verbrüdert sich beim anschließenden Gastmahl im Haus dieses Matthäus mit dessen Angehörigen und Freunden. Sollte das ein Signal sein, daß deren zwiespältiges Tun vor dem Gesetz gerechtfertigt sei?

 

Jesus löst den Konflikt auf originelle Weise: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken“. Er lässt sich nicht mit den Verhaltensweisen der Zöllner identifizieren, nimmt sie aber als Menschen ernst. Er vergleicht sich mit einem Arzt. In dieser Rolle geht man ja auch mit der Krankheit um, ohne sie zu fördern. Vielmehr um sie zu bekämpfen. Die Menschen will er heilen. Vom falschen Tun sie abbringen. Mit dieser Argumentation löst er Blockierungen auf, die Mensch und Verhalten vorher gleichsetzten. Die Sünder nimmt er in Dienst, sie erhalten die Chance, sich zu ändern. Die Geschichte zeigt, wie ertragreich es sein kann, Scheuklappen wegzutun und den Blick ganz auf die Person zu richten.

 

 

 

Gibt es Parallelen in unserer Welt?

 

Originelle, ungewöhnliche Lösungen können Kirchengemeinden und Einzelne dort anstreben, wo sich gesellschaftliche Blockaden abzeichnen:

 

  • zwischen Einheimischen und Zuwanderern etwa, wenn Sitten und Verhalten der Neuankömmlinge Anstoß erregen. Ein Nachbarschaftsfest kann entkrampfen, kann persönliche Bekanntschaften stiften, die weiter führen. Auch Kontakt mit den Vertretern der religiösen Gemeinde kann Türen öffnen. Wir haben bei uns gute Erfahrungen mit der griechisch orthodoxen Gemeinde und dem islamischen Moscheeverein gemacht.
  • Wenn im kommunalen Bereich Befürworter und Gegner von Planungsvorhaben sich befehden, weil eine Straße gebaut oder Neubaugebiete im Grünen entstehen sollen. Weil die einen Natur erhalten wollen, die anderen innerörtlichen Lärm vermeiden wollen.
  • Wenn es um Umweltverschmutzung geht, z.B. aus einem Gewerbebetrieb. Kirchengemeinden können Vermittlung anbieten, Gesprächsforen, auch logistische Hilfe bei Demonstrationen.
  • Eine originelle Lösung sind auch die an vielen Orten entstehenden „Tafeln“. Ausgabe von Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs an Arme. Die Lebensmittel werden bei Märkten abgeholt, die sie wegen drohender Überschreitung des Haltbarkeitsdatums aussortieren und wegwerfen würden und an Menschen verteilt, die als Empfänger von ALG 2 oder anderen, nicht auskömmlichen Transfereinkommen, Unterstützung benötigen. Gemeinden können Räume zur Verfügung stellen und ehrenamtliche Helfer.

 

 

 

 

 

 

Kirche sollte immer offen sein für neue Lösungen. Auch ein Ort, an welchem man das Neue ausprobieren kann. Der Blickwinkel Jesu ist dabei entscheidend, sein Handlungs und Lebensmodell. Wer es im Auge behält merkt schnell, daß Kirche kein Hort des Konservativen sein kann. Vielmehr ein Schutzraum der Menschlichkeit. Das macht den Handlungsimpuls Jesu aus: Sünder will er rufen, nicht Gerechte. Kranken will er helfen, nicht Gesunden. Er will die Welt verändern, hin zu mehr Wärme und Liebe.

 

 

 

Das Idealbild von Jesus als charismatischem Heiland bekommt allerdings Kratzer, wenn man bedenkt, daß er nur mit einer Seite spricht. Die Rechtgläubigen werden abgebürstet mit dem Bescheid: „Lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“. Dieses Zitat aus dem Prophetenbuch Hosea konfrontiert die Rechtgläubigen mit dem schärfsten prophetischen Kritiker der überlieferten Frömmigkeit. Keiner übt so harte Kritik an Gottesdienst, Opferkult und Gebet wie Hosea: „Ihr Herz ist falsch, darum wird sie ihre Schuld treffen“ (Hos 10,2). Das ist allen Gutgläubigen ein Schlag ins Gesicht. Haben nicht auch sie einen Anspruch auf Beachtung? Wo sie doch viel mehr Mühe verwenden auf die Beachtung von Vorschriften, auf Rechtschaffenheit und ein geordnetes Leben als der Durchschnitt? Haben nicht auch sie ihre Probleme? Warum ergreift Jesus einseitig Partei?

 

Auch dürfte das Fehlverhalten der Zöllner nicht von einem Tag zum nächsten verschwunden sein, weil Jesus eine Große Geste machte. Schon gar nicht bei jenen, die vermutlich nur aus Neugier zum Gastmahl gekommen sind. Wäre bei den Rechtgläubigen nicht mehr Potential für das Gottesreich zu gewinnen gewesen als bei dieser Randgruppe? Macht er sich überhaupt Gedanken um Mittel und Wege? Oder geht es ihm vornehmlich um Werbung für eine Idee, um ein Exempel? Wird die Idee womöglich beschädigt, wenn kein zielgerichteter Weg erkennbar ist?

 

Auch fällt auf, daß Jesus zwar oft zu Leuten spricht, die am Rand der Gesellschaft stehen, die Armen, Verfolgten und Leidenden preist er sogar selig. Doch er stellt sich nicht konsequent auf ihre Seite. Er befasst sich nicht mit ihrer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zurücksetzung. Vielmehr verweist er aufs Himmelreich, wo ihnen alle Zumutungen „reichlich entlohnt“ (Mt 5,12) werden. Das kann modern Aufgeklärten inkonsequent, ja unwahrhaftig erscheinen: Vertröstung auf später, damit die Unterdrückten heute schön ruhig bleiben. Da werden sich die Herrschenden gefreut haben.

 

Freilich haben sich die Herrschenden nicht gefreut, sondern Jesus gekreuzigt.

 

 

 

Die Verkündigung Jesu wirkt nicht offen, wohl aber auf verdeckte Weise subversiv, weil sie alle weltliche Herrschaft unter den Vorbehalt der Herrschaft Gottes stellt und damit untergräbt. Sein Reich ist nicht von dieser Welt, aber es verändert die Welt. Das hatte eine enorme Wirkungsgeschichte. Selbst die Kaiser des heiligen römischen Reiches, im Mittelalter die mächtigsten Herrscher Europas, waren in ihrer Macht beschnitten, weil sie christliche Könige waren. Da ihr Schwert allein legitimiert war durch die Aufgabe des Schutzes der Christenheit vor Bedrohungen, mussten sie vom Papst gekrönt oder zumindest betätigt werden. Daher konnte sich im christlichen Abendland niemals eine menschenfressende Despotie entfalten wie zeitweise im Orient oder in der Phase der Naziherrschaft. Letztere stützte sich nicht ohne Grund auf antichristliche, altgermanisch begründete Atavismen.

 

 

 

Es ist daher zu akzeptieren, daß Jesus keine weltverändernde Strategie entworfen hat. Es hat sogar sein Gutes, denn er begibt sich nicht in die Händel der Welt, die so oft blutig ausgehen. Sein Blut fließt nur zum Opfer für alle. Anders war es beim Propheten Mohammed, welcher 8 Jahrhunderte später im Koran eine Fülle konkreter Handlungsanweisungen zum Zweck gewaltsamer Weltveränderung gab. Die Folgen sind bekannt und beunruhigen bis heute.

 

Es bleibt jedoch ein Problem, daß vieles an Jesu Verkündigung so unkonkret bleibt. Unser Perikopentext verunsichert mit seiner einseitigen Parteinahme: Wer sind heute Zöllner, Pharisäer und Jünger? Eindeutige Zuordnungen zu aktuellen Parteiungen in Kirche oder Gesellschaft empfehlen sich nicht. Sie würden schnell zu neuen Blockaden führen. Stützen sich die meisten Kirchengemeinden nicht auf bürgerliche Mittelschichten, die an allen Torheiten der Zeit nicht nur teilhaben, sondern sogar profitieren? Haben wir nicht alle mit der menschlichen Tragik zu kämpfen, daß aus kognitiven Einsichten keineswegs handlungswirksame Einsichten folgen? Haben wir nicht alle etwas von Zöllnern, Jüngern und Pharisäern in uns?

 

Daher ist Vorsicht angebracht. Keine vorschnelle Polemik, keine simple Weltaufteilung in Gute und Böse. Besser der Frage nachgehen: Was ist krank? Wo können wir heilend tätig sein? Wie kann Hilfe geschehen?

 

 

 

Leitgedanken für die Predigt könnten sein:

 

 

 

  • In der Hofburg zu Wien kann man die deutsche Kaiserkrone besichtigen, die 800 Jahre lang bei den Krönungszeremonien Verwendung fand. Auf ihren Seitenplatten sind in Emailarbeiten biblische Motive zu erkennen, die um das Thema Schutz und Hilfe durch Gottes Gnade kreisen.
  • Im christlichen Abendland war Macht immer begrenzt durch Motive von Schutz, Hilfe, Wohlfahrt für das Volk. Das hält sich durch bis in die Neuzeit. Grund dafür ist die christliche Grundhaltung: Der Mensch soll dem Menschen Bruder und Schwester sein. Die Beziehungen sollen von Liebe, Barmherzigkeit und Solidarität geprägt sein.
  • Unser Bibeltext drückt das aus. Jesus beruft einen Ausgestoßenen zu seinem Mitarbeiter. Er überbrückt gesellschaftliche Gräben. Er ruft zu Gemeinsinn im Angesicht des anbrechenden Gottesreiches auf. Die Welt ist im Aufbruch. Das unterstreicht Jesus durch seine originelle Haltung zu Gesetz und Überlieferung. Allerdings kann er nicht alle überzeugen. Die Welt erkennt ihn nicht. Das neue Zeitalter bleibt künftig. Nach seinem Kreuz tritt die Kirche an seine Stelle und hält die Hoffnung aufrecht. 
  • Wir Heutigen können im aktuellen Geschehen unter unseren Voraussetzungen wirken. Dabei kann uns Jesu Handlungsmodell Maßstab sein. Achten sollten wir dabei auf zweierlei:

 

 

 

 

1. Es soll ein sichtbares Ergebnis herauskommen. Die „gute Gesinnung“ reicht nicht.

 

2. In unserem Handeln soll der Impuls erkennbar bleiben.

 

 

 

Zu den katholische Perikopen:

 

Jes 6, 1 – 2a.3 – 8 berichtet die Berufung des Propheten Jesaja. Er fühlt sich unwürdig: „Weh mir, ich vergehe. Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk mit unreinen Lippen.“ Auch hier wird der scheinbar Unwürdige durch Gottes Entschluß in den Stand des Verkünders erhoben.

 

 

 

1 Kor 15, 1 – 11: Im Auferstehungsbekenntnis des Paulus beschreibt der Apostel seine Rolle: „Denn ich bin der Geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, daß ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.“ Wieder wird der scheinbar Unwürdigste mit einem besonderen Auftrag versehen. Gott entscheidet gerne gegen unsere menschliche Rationalität, um seine Souveränität zu unterstreichen. Dies verursacht manchmal Zweifel, in entscheidender Hinsicht jedoch Hoffnung, denn wir haben die Chance zu erkennen, daß alle Vorgänge der Welt weiterhin unter seinem Regiment stehen.

 

 

 

Lk 5, 1 – 11 erzählt die Berufung des Petrus „Fischzug des Petrus“. Sie kann als Parallelerzählung mit eigenen Akzenten gesehen werden. Hier ist der Berufene Sohn einer armen Fischerfamilie am See; zwar kein Ausgestoßener wie Matthäus, doch durchaus einer der von der Bergpredigt selig Gepriesenen. Das Heil gilt zuerst denen, die es bitter nötig haben.

 

Winfried Anslinger, Homburg

 

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